Man hat das Elbjazz im vergangenen Jahr durchaus vermisst. Nach der Absage 2025 kehrte Hamburgs Jazzfestival nun mit einer spürbaren Neuausrichtung zurück – und eigentlich begann diese Geschichte schon 2024. Damals öffnete der damalige Veranstalter das Festival bewusst stärker für Pop-, Indie- und andere Crossover-Genres, um neue Zielgruppen zu erreichen. Der Schritt bescherte dem Elbjazz ein hochkarätiges Line-up und gute Besucherzahlen. Uns blieb vor allem der Auftritt von THE STREETS in Erinnerung, die ihren typischen Birminghamer Cockney-Rap überraschend stimmig in ein jazziges Gewand kleideten. Doch viele Stammgäste vermissten den Jazz als prägendes Element. Nach einer einjährigen Pause und dem Wechsel der federführenden Organisation zu Karsten Jahnke präsentierte sich das Elbjazz 2026 deshalb beinahe wie ein Neustart: mit einer klaren Rückbesinnung auf den Jazz, einigen konzeptionellen Veränderungen und dem erklärten Ziel, das besondere Profil des Festivals wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.
Für uns begann der Freitag bei bestem Sommerwetter in der Schiffbauhalle mit der HFMT BIGBAND & CHINA MOSES. CHINA MOSES brachte Soul, Blues und eine Prise urbanen Groove ins Set, platzierte aber auch die eine oder andere politische Botschaft. Gleichzeitig zeigte sich die HFMT BIGBAND ungewohnt funky – so spielfreudig habe ich sie selten erlebt. In den vergangenen Jahren war sie quasi die Resident Bigband auf der Bühne vor der Elbphilharmonie. Diese kostenfreie Spielstätte fiel in diesem Jahr allerdings weg. Vermisst habe ich sie ehrlich gesagt kaum, denn sie lag stets etwas abseits des eigentlichen Festivalgeschehens und riss einen immer wieder aus dem Programm. Stattdessen entstand hinter der Schiffbauhalle mit der Hamburg Stage eine neue Bühne, die sich schnell als gelungene Ergänzung erwies.

Dort sorgten TAWASUL für eines der ersten musikalischen Ausrufezeichen des Wochenendes. Das Projekt um Gitarrist Niklas Stadler lebt von den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen seiner Musiker. Dabei entstand ein offener musikalischer Dialog, der westafrikanische Rhythmen, europäische Jazztraditionen und moderne Grooves ganz selbstverständlich miteinander verband. So führte die Reise sinnbildlich vom Hamburger Hafen über München bis nach Mali und Los Angeles. Exotisch im besten Sinne – und dabei jederzeit zugänglich.

Auf der Helgen Stage folgte mit FUTURE UTOPIA ein deutlicher Stimmungswechsel. Das Projekt von Produzent Fraser T. Smith setzte weniger auf klassische Songstrukturen als auf dichte elektronische Klanglandschaften. Zwischen Trip-Hop, Electronica, cineastischen Soundflächen und einem Hauch Siebzigerjahre-Disco entwickelte sich ein buntes Set, das stellenweise durchaus an BAXTER DURY erinnerte. Dicke Beats trafen auf warme Synthesizerflächen und sommerliche Leichtigkeit – ein Konzert, das perfekt zum Wetter passte.

Auf der Main Stage wartete anschließend die nächste Bigband. Die NDR BIGBAND hatte gemeinsam mit Pianist JOAN BEASLEY ein Programm zum 100. Geburtstag von MILES DAVIS erarbeitet. Seit rund einem Jahr steht das Ensemble unter der Leitung der britischen Pianistin und Komponistin Nikki Iles, die einen souveränen Eindruck hinterließ. Dass die Musikerinnen und Musiker bei hochsommerlichen Temperaturen komplett in Schwarz auf der Bühne standen, nahmen sie mit bewundernswerter Gelassenheit hin. Und wenn ich mich nicht schwer täusche, schlich sich zwischen all den Davis-Referenzen sogar noch ein kleines musikalisches Zitat von JIMI HENDRIX ein.

Mit HERBERT & MOMOKO folgte anschließend eines der ungewöhnlichsten Konzerte des gesamten Festivals. MATTHEW HERBERT gehört seit den Neunzigerjahren zu den spannendsten Köpfen der experimentellen Elektronik und hat in Hamburg bereits mehrfach bewiesen, wie gut seine Klangwelten vor allem live funktionieren – zuletzt 2024 bei der Vertonung des FC-St.-Pauli-Aufstiegsspiels in der Laeiszhalle.
Gemeinsam mit Sängerin und Multiinstrumentalistin MOMOKO GILL zeigte er nun, wie organisch Experiment und Pop zusammenfinden können. Während Gill gleichzeitig Schlagzeug spielte, Keytar bediente und dazu mit sanfter Stimme sang oder Basketbällen erstaunlich groovende Beats entlockte, verwandelte Herbert Knochenflöten und sogar live aufgezeichnete Herzschläge in musikalisches Material. Was auf dem Papier schnell verkopft klingt, wirkte auf der Bühne erstaunlich selbstverständlich und entwickelte sich zu einem tanzbaren Set ohne spürbare Pausen – irgendwo zwischen Konzert, Live-DJ-Set und Klanglabor. Definitiv meine Entdeckung des Tages.

Bereits zum dritten Mal war JAMIE CULLUM beim Elbjazz zu Gast. Gealtert scheint der Brite seit seinen Auftritten 2013 und 2019 allerdings kaum zu sein. Dafür erinnerte er sich erstaunlich gut an sein erstes Gastspiel. Damals habe es geregnet, erzählte er – durchaus glaubwürdig in einer Stadt wie Hamburg. Diesmal zeigte sich die Hansestadt dagegen von ihrer sonnigsten Seite, was seiner ohnehin ansteckenden Spielfreude zusätzlich in die Karten spielte.
Wie gewohnt lieferte Cullum die perfekte Mischung aus Jazz, Pop und Entertainment. Zwischen virtuosem Klavierspiel, spontanen Publikumsdialogen und jeder Menge Energie durfte natürlich auch der obligatorische Sprung vom Flügel nicht fehlen – trotz offenem Schnürsenkel saß die Landung wie eh und je. Fast nebenbei kündigte er noch ein neues Album für November 2026 an. Ein guter Grund zur Hoffnung, dass der Brite nicht allzu lange auf seinen nächsten Hamburg-Besuch warten lässt.

Eine dankbare Aufgabe war der folgende Slot nicht unbedingt. Nach JAMIE CULLUM musste man das Publikum erst einmal bei Laune halten. INCOGNITO gelang das mühelos. Seit mehr als vier Jahrzehnten steht die Band um Jean-Paul „Bluey“ Maunick für elegant groovenden Jazz-Funk mit Soul, Disco- und R&B-Einflüssen – und genau diese Routine war auf der Bühne spürbar. Das große Musikerkollektiv entfachte einen warmen, unglaublich tanzbaren Sound, der trotz aller Virtuosität nie verkopft wirkte.

In der Schiffbauhalle wurde es anschließend deutlich ruhiger. LIZZ WRIGHT ließ ihrer außergewöhnlich warmen Altstimme viel Raum und entfaltete zwischen Gospel, Blues, Soul und Jazz eine beinahe meditative Atmosphäre. Kein lautes Konzert – gerade seine Zurückhaltung machte den Reiz aus.

Den Abschluss des ersten Tages übernahm GREENTEA PENG auf der Main Stage. Dass die Londonerin den prominenten Slot nach JAMIE CULLUM erhielt, überraschte zunächst. Beim Reeperbahn Festival im vergangenen Jahr hätte sie schließlich beinahe noch im Docks gespielt. Doch spätestens seit ihrem Album „Tell dem it’s sunny“ gehört sie zu den spannendsten Stimmen der britischen Neo-Soul- und Alternative-R&B-Szene.
Ihr Auftritt bewegte sich irgendwo zwischen Dub, psychedelischem Soul, HipHop und einer fast schon mystischen Aura. Meine Freundin wurde mit den Rap-Passagen und der rauchigen Stimme nicht so recht warm. Ich dagegen mochte genau diesen entschleunigten Flow, der den ersten Festivaltag angenehm ausklingen ließ.
Samstag
Der zweite Festivaltag begann mit der Erkenntnis, dass uns der Freitag doch ein wenig zugesetzt hatte. Klar im Vorteil war, wer sich ein VIP-Ticket gegönnt hatte: Erstmals gab es eine überdachte Sitztribüne vor der Main Stage. Wer noch etwas tiefer in die Tasche griff (649 Euro), durfte sich zusätzlich über All-inclusive-Verpflegung und Zugang zur VIP-Lounge freuen.

Für alle anderen bot die Schiffbauhalle zu früher Stunde noch genügend kostenfreie Sitzplätze. Und die lohnten sich. Denn was mit LUCA CIARLA zunächst nach einem weiteren Jazzkonzert klang, entwickelte sich schnell zu einem der charmantesten Auftritte des gesamten Wochenendes.
Mit seinem Projekt MOLISOUND widmete sich der italienische Geiger den musikalischen Traditionen seiner Heimatregion Molise. Gemeinsam mit Marco Molino an Schlagzeug und Percussion, Lorenzo Mastrogiuseppe am Bass und Manuel Petti am Akkordeon entstand ein ebenso virtuoser wie lebendiger Dialog zwischen Jazz und italienischer Volksmusik. Vor allem Petti sorgte mit seinem irrwitzig schnellen Akkordeonspiel immer wieder für Szenenapplaus.
Noch spannender waren allerdings die Geschichten zwischen den Stücken. Ciarla erzählte von einer Region, die ebenso idyllisch wie vom demografischen Wandel geprägt ist, warb augenzwinkernd dafür, doch einfach nach Molise auszuwandern und dort eine Familie zu gründen, und ließ seine Heimat dabei so lebendig werden, dass man sich tatsächlich dabei ertappte, nebenbei nach ihr zu googeln. Genau so sollte musikalisches Storytelling funktionieren. Als schließlich noch ein Trompeter und zum Finale ein Musiker mit einer traditionellen Zampogna auf die Bühne kamen, war endgültig klar: Dieses Konzert wollte eigentlich gar nicht enden. Dass Ciarla schließlich sogar sanft von der Bühne gebeten werden musste, passte perfekt zu diesem sympathischen Auftritt.

Auf der Main Stage schlug DOMINIQUE FILS-AIMÉ anschließend deutlich leisere Töne an. Die Kanadierin sprach von der Leichtigkeit einer Feder und lud das Publikum ein, Wünsche einfach auf dem Festivalgelände zurückzulassen. Ihre Musik wirkte ähnlich schwerelos: Soul, Blues, Gospel und Jazz verschmolzen zu warmen, fein arrangierten Songs, getragen von einer ausdrucksstarken Stimme. Der Titel ihres aktuellen Albums „My world is the sun“ hätte kaum besser zu diesem sonnigen Nachmittag passen können.

Bei JOWEE OMICIL auf der Helgen Stage wurde es anschließend deutlich lebhafter. Der Saxofonist setzte ganz auf Spontaneität, Improvisation und die Interaktion mit dem Publikum – ein Konzept, das hervorragend zu seiner offenen, spirituellen Art von Jazz passt, uns stellenweise aber fast etwas bemüht erschien. So suchten wir zunächst die begehrten und knappen Schattenplätze auf dem Gelände auf, und nutzten im Anschluss die Gelegenheit, eine der gelungenen Neuerungen des Festivals auszuprobieren:

Im sogenannten Weindock hatte HAWESKO eine kleine Weinprobe aufgebaut. Für zwölf Euro erhielt man Weinglas und Stempelkarte und konnte sich durch neun verschiedene Weine probieren, mit den Mitarbeitenden über Rebsorten, Lagerung und Foodpairing fachsimpeln und zwischendurch ein wenig Schatten genießen. Eine sympathische Idee mit ein klein wenig Werbung.
Auch kulinarisch zeigte sich das Festival ausgesprochen vielfältig. Zwischen Fischbrötchen, marokkanischen Spezialitäten, Holzofenbrot, mexikanischem Streetfood, Austern oder einer klassischen Currywurst dürfte wohl jeder etwas Passendes gefunden haben.

Frisch gestärkt zog es uns zurück zur Helgen Stage, wo CHRISTONE „KINGFISH“ INGRAM eindrucksvoll unter Beweis stellte, dass der Blues noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Mit seinem gefühlvollen Gitarrenspiel und einer kraftvollen Mischung aus Delta Blues, Rock und Soul knüpfte der Musiker aus Clarksdale, Mississippi, nahtlos an die großen Traditionen des Genres an, ohne dabei nostalgisch zu wirken.
Fast noch beeindruckender als seine Gitarrensoli war allerdings seine Stimme. Warm, tief und erstaunlich weich erinnerte sie mich stellenweise an GREGORY PORTER. KINGFISH überzeugte an diesem Nachmittag gleichermaßen als Gitarrist und Sänger – eine Kombination, die man selbst im Blues nicht allzu häufig erlebt.

Auf der Main Stage wartete anschließend ein alter Bekannter. SNARKY PUPPY waren bereits zum dritten Mal beim Elbjazz zu Gast, und im Publikum entdeckte man zahlreiche Tourshirts früherer Gastspiele.
Es bleibt faszinierend, wie breit das Publikum dieses Kollektivs inzwischen geworden ist. Schließlich servieren SNARKY PUPPY alles andere als leichte Hintergrundmusik. Ihre komplexen Kompositionen verlangen Aufmerksamkeit, verlieren dabei aber nie den Groove. Genau dieser Spagat zwischen höchster Virtuosität und ansteckender Spielfreude macht ihren Reiz aus. Langweilig wird es mit dem bissigen Hündchen jedenfalls nie.

In der Schiffbauhalle sprang FERGUS MCCREADIE kurzfristig für GOGO PENGUIN ein, die ihren Auftritt aus gesundheitlichen Gründen absagen mussten. Für den schottischen Pianisten und sein klassisches Jazztrio bedeutete das gleich zwei Konzerte an einem Tag. Nachdem sie bereits am Nachmittag CHILLY GONZALES in der Elbphilharmonie supportet hatten, folgte am Abend ein zweiter Auftritt.
Von Ermüdung war allerdings nichts zu spüren. Im Gegenteil: McCreadie erklärte mit einem Lächeln, sie hätten nach den 45 Minuten in der Elbphilharmonie ohnehin gern noch länger gespielt. Seine Kompositionen erinnerten mich dabei weniger an schottische Folklore, wie häufig geschrieben wird, sondern eher an das EMIL BRANDQVIST TRIO oder die ruhigeren Momente von GOGO PENGUIN. Insofern erwies sich der kurzfristige Tausch im Programm sogar als überraschend stimmig.

Von dieser Rochade profitierte auch NUBYA GARCIA, die ihren Auftritt nun auf der größeren Helgen Stage absolvieren konnte. Die Londoner Saxofonistin verbindet modernen Jazz mit Afrobeat, Dub, Reggae und karibischen Einflüssen und gehört völlig zurecht zu den prägenden Figuren der jungen britischen Jazzszene.
Ihr Set lebte vor allem von seinen Kontrasten. Mal beinahe meditativ, dann wieder mit voller Wucht nach vorne – selten lagen auf dem Festival Ruhe und Energie so nah beieinander. Ich hätte ihr gerne noch etwas länger zugehört. Doch auf der Main Stage wartete bereits das große Finale.

Mit TOM JONES hätte das Elbjazz kaum würdevoller enden können. Der inzwischen 86-jährige Waliser betrat die Bühne mit der Gelassenheit eines Künstlers, der niemandem mehr etwas beweisen muss – und tat es anschließend trotzdem.
Schon der Opener „I’m growing old“ wirkte wie ein augenzwinkernder Kommentar zum eigenen Alter. Tatsächlich klang seine Stimme über weite Strecken verblüffend kraftvoll. Mit einer Mischung aus Pop, Soul, Blues, Country und Folk führte Jones durch ein Programm, das Songs von LEONARD COHEN, CAT STEVENS, BOB DYLAN und zum Abschluss CHUCK BERRYs „Johnny B. Goode“ umfasste.
Besonders schön war die Anekdote über ELVIS PRESLEY, der ihm einst in Las Vegas erklärt habe, CHUCK BERRY sei der wahre König des Rock ’n’ Roll gewesen. Solche Geschichten kann eben nur jemand erzählen, der selbst Musikgeschichte geschrieben hat. Und natürlich durfte auch „Sex bomb“ nicht fehlen – deutlich bluesiger als gewohnt, aber keineswegs weniger mitreißend.
Zum Schluss erzählte Jones noch von seiner Bewunderung für WILLIE NELSON, der mit über 90 Jahren immer noch auf der Bühne steht. „Ich bin übrigens 86“, sagte er trocken. Mehr musste er gar nicht hinzufügen. Die Ovationen ließen ohnehin keinen Zweifel daran, dass hier gerade nicht nur ein großes Konzert, sondern auch ein würdiger Festivalabschluss zu Ende gegangen war.

Festivals erzählen ihre Geschichten selten nur auf den Bühnen. Sie entstehen auf den Wegen dazwischen – beim zufälligen Vorbeischlendern, beim Gespräch mit Fremden, beim Blick in ein unbekanntes Festivalprogramm oder während man plötzlich nach einer italienischen Region googelt, von der man eine Stunde zuvor noch nie gehört hatte. Genau solche Momente gab es beim Elbjazz 2026 reichlich.
Nach der Pause hat das Festival zu seiner eigenen Identität zurückgefunden. Jazz stand wieder im Mittelpunkt, ohne Grenzen zu ziehen. Soul, Electronica, Blues, Folk oder HipHop hatten weiterhin ihren Platz – allerdings immer dort, wo sie den Jazz erweiterten, statt ihn zu verdrängen. Vielleicht ist genau das die Richtung, die dem Elbjazz am besten steht.
Und so blieben am Ende nicht nur die großen Namen in Erinnerung, sondern vor allem die vielen kleinen Überraschungen dazwischen. HERBERT & MOMOKO. LUCA CIARLA. KINGFISH. Genau für solche Entdeckungen kommt man schließlich zu einem Festival. Dass Hamburg uns dazu auch noch zwei Tage lang fast mediterranes Wetter schenkte, machte die Rückkehr des Elbjazz endgültig perfekt.