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SHAKING HAND – s/t

Dass wir bei Blueprint die weltweit führenden Musik- und Audio-Streaming-Dienste loben, kommt eher selten vor. Zu miserabel ist die Vergütung vieler Künstler:innen, zu fragwürdig der Umgang mit KI-generierter Musik und zu umstritten ihre Investition in dubiose Konzerne. Und auch die Algorithmen, die uns tagtäglich neue Lieblingsbands vorsetzen sollen, wirken meist wie ein kommerziell gesteuertes Nadelöhr als wie ein Werkzeug musikalischer Entdeckungen. Da loben wir uns doch ein sorgfältig kuratiertes Radioprogramm von Menschen mit Musikgeschmack.
Doch in diesem einen Fall muss ich eingestehen: Der Algorithmus hat tatsächlich mal funktioniert. Mir wurde eine Band vorgeschlagen, die exakt meinen Nerv trifft, von der ich bis dahin aber noch nie gehört hatte — und die mir womöglich komplett durchs Raster gefallen wäre.
Die Rede ist von SHAKING HAND, einem Trio aus Manchester, das sich irgendwo zwischen Post-Rock, Midwest-Emo, 90s Indierock und einer Prise Math Rock bewegt. Musik machen sie bereits seit Teenagerzeiten — was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass mit George Hunter (Gesang/Gitarre) und Freddie Hunter (Drums) gleich zwei Brüder Teil der Band sind. Komplettiert wird das Line-up von Ellis Hodgkiss am Bass. Anfang des Jahres erschien ihr unbetiteltes Debütalbum beim Independent-Label Melodic Records.
Doch was macht SHAKING HAND nun so besonders? Referenzen wie SONIC YOUTH, SLINT, PAVEMENT, BIG THIEF oder YO LA TENGO werden gerne genannt. Mir persönlich kommen zudem ältere Sachen von KARATE, DELBO oder MOTORPSYCHO in den Sinn.
Vor allem aber lebt diese Band von Gegensätzen, die hier erstaunlich organisch zusammenfinden. Da sind einerseits die offensichtlichen Wurzeln in Papas gut sortierter Plattenkiste — und gleichzeitig klingt das alles bemerkenswert frisch und gegenwärtig. Die Songs sind spannend und dynamisch, strahlen dabei aber eine fast stoische Ruhe und Abgeklärtheit aus. Besonders beeindruckend sind die Sounds: leise Töne, die sich langsam ausdehnen und eine gar hypnotische Wirkung entfalten, Saiten, die nur vorsichtig angespielt werden, und eruptive Passagen, die einen förmlich überrollen. Dazu kommen abrupte Tempowechsel und Polyrhythmen, die nie verkopft wirken, sondern stets nachvollziehbar bleiben. Und trotzdem klingt alles warm, organisch und so fein aufeinander abgestimmt, dass es schlicht eine Freude ist. Dass dieser Eindruck nicht bloß auf Platte funktioniert, zeigte schließlich auch ein Auftritt im Low Four Studio, der die Qualitäten der Band live noch einmal eindrucksvoll bestätigte.
Und so lande ich am Ende doch wieder bei diesem Algorithmus, den ich eigentlich lieber ignorieren würde: Zwischen all der austauschbaren Hintergrundmusik und den kalkulierten Empfehlungen taucht manchmal eben doch etwas auf, das sich nicht berechnen lässt — eine Band wie SHAKING HAND, die einen sofort packt und nicht mehr loslässt. Genau dafür hört man am Ende schließlich Musik.

Meine Bewertung