Mein erstes Mal auf dem Traumzeit Festival. Und was hatte ich im Vorfeld nicht schon alles über die vermutlich schönste Festival-Location gehört! Wie so oft gilt: Wenn die Erwartungen riesig sind, kann die Realität kaum mithalten. Doch hier war das anders.
Schon vor dem Betreten des Geländes bekommt man eine Ahnung davon, was einen erwartet. Wie eine riesige Filmkulisse ragen die Gebäude des ehemaligen Hüttenwerks über das Festivalgelände. Tatsächlich wurden hier sogar Teile von „Die Tribute von Panem“ und „Babylon Berlin“ gedreht. Wo früher Spezialroheisen produziert wurde, befindet sich heute ein frei zugänglicher Landschaftspark – sicherlich eines der Highlights, wenn nicht sogar DAS Highlight Duisburgs.
Doch am vorletzten Juniwochenende ging es natürlich in erster Linie um Musik. Die entscheidende Frage lautete also: Konnten die Konzerte mit dieser traumhaften Kulisse mithalten?
Der Auftakt war jedenfalls schon einmal ein echter Banger. MARATHON aus Amsterdam machten keine Gefangenen und legten los wie die Feuerwehr. Ihrer Mischung aus Shoegaze und Post-Punk fehlten eigentlich nur ein paar eingängigere Refrains, um das Publikum komplett auf ihre Seite zu ziehen. Mich störte das allerdings kaum – die Band überzeugte mich trotzdem auf ganzer Linie. Konsequenz: Nach dem Auftritt wanderte direkt ein T-Shirt in meinen Beutel.

Apropos T-Shirts: Zwei Bandmitglieder trugen Shirts von SPRINTS. Das lag zum einen daran, dass MARATHON die irische Band erst kürzlich auf Tour begleitet hatte. Zum anderen spielten SPRINTS selbst am Samstag beim Traumzeit Festival. Und entgegen jeder chronologischen Festivalberichterstattung kommen jetzt erst einmal die Highlights – und dazu gehörten SPRINTS ohne jeden Zweifel.
Vor allem Frontfrau Karla Chubb war in bester Festivallaune und strotzte nur so vor Energie. Das irische Post-Punk-Quartett bildete den perfekten Gegenpol zu den vielen eher ruhigen und gemäßigten Acts des Wochenendes. Einzig die ständigen Aufrufe, Moshpits zu eröffnen, ermüden mich inzwischen etwas. Das machen momentan einfach zu viele Bands – leider auch SPRINTS. Das ist allerdings auch schon mein einziger Kritikpunkt, denn der Auftritt war inklusive eines großartigen Covers von LE TIGREs „Deceptacon“ schlichtweg klasse.
Wenn ich mich allerdings entscheiden müsste, welcher Act mich am meisten begeistert hat, würde meine Wahl tatsächlich auf GRANDBROTHERS fallen. Was Erol Sarp am Klavier und Lukas Vogel mit seinen elektronischen Sounds erschaffen, ist schlicht meisterhaft. Und das Ganze ist auch noch absolut tanzbar – einfach die Augen schließen, sich treiben lassen und der Musik folgen. Für mich ist diese Art von Neo-Klassik einfach wunderschön. Und wenn dann diese kleinen Ausbrüche kommen, in denen die Stücke plötzlich an Intensität gewinnen, wirken sie umso stärker, weil sie so gezielt eingesetzt werden.

Das i-Tüpfelchen dieses Auftritts war allerdings die Location. Die Gießhalle ist nämlich die schönste Bühne des Festivals. Direkt vor der Bühne gibt es einen etwa fünf Meter tiefen, ebenerdigen Bereich für alle, die möglichst nah am Geschehen sein möchten. Dahinter schließt sich eine große, stufenförmige Tribüne an – inklusive Wellenbrechern wie in einem Stadion. Rund drei Viertel der Tribüne sind überdacht, der hintere Bereich liegt unter freiem Himmel. Hinter der Bühne eröffnet sich zudem der Blick in die alten Fabrikhallen. Je nach Bühnenbild und Lichtstimmung entsteht dadurch eine beeindruckende Kulisse, die den Konzerten noch einmal eine ganz besondere Atmosphäre verleiht.
Diese Schönheit hat allerdings auch ihren Preis: Nicht alle Festivalbesucher:innen finden in der Gießhalle Platz. Wer dort unbedingt einen bestimmten Act sehen möchte, sollte deshalb frühzeitig vor Ort sein. Zwischen den Konzerten wird die Halle geschlossen und erst etwa zehn Minuten vor dem nächsten Auftritt wieder geöffnet. Entsprechend bilden sich regelmäßig längere Schlangen. Da während der Konzerte aber immer wieder Besucher:innen hinausgehen, kommt man mit etwas Geduld oft auch später noch hinein.
Neben der Gießhalle gibt es mit der großen Cowperbühne und der kleineren Hochofenbühne noch zwei weitere Spielstätten unter freiem Himmel. Überschneidungen im Programm sind übrigens die Ausnahme. Das liegt auch daran, dass an den drei Festivaltagen „nur“ 32 Acts auftreten. Andere Festivals bieten da deutlich mehr Auswahl. Manchmal hätte ich mir ebenfalls eine Alternative gewünscht, denn wenn einen ein Act gerade nicht so packt, gibt es eben keine echte Ausweichmöglichkeit.
Auf der anderen Seite sorgt genau das für ein angenehm entspanntes Festivalgefühl. Auf dem Gelände gibt es unzählige Sitzgelegenheiten – viele davon sogar im Schatten. Wer mit Freund:innen unterwegs ist, kann die Pausen wunderbar für ein längeres Schwätzchen nutzen. Alternativ lohnt sich ein Abstecher zum mobilen Plattenladen, der sogar Meet-and-Greets mit Künstler:innen anbietet. Dazu kommen zwei Fotoboxen und ein wirklich breit aufgestelltes gastronomisches Angebot, bei dem eigentlich jede:r etwas Passendes finden sollte.

Doch weiter mit den musikalischen Highlights. Positiv überrascht haben mich AGASSI. Dass mit Pola Roy jemand von WIR SIND HELDEN zur Band gehört, hatte mich im Vorfeld zunächst etwas skeptisch gemacht. Umso charmanter fand ich dafür die Geschichte von Sänger Ben Galliers: Eigentlich kam der Brite nach Deutschland, um Fußballprofi zu werden. Als dieser Traum platzte, gründete er eben eine Band. Und genau sein leicht rotziger britischer Gesang passt perfekt zum tanzbaren Indie-Rock von AGASSI. Ich hatte auf jeden Fall eine Menge Spaß mit ihrem Auftritt.
Kurz zuvor standen DRESSED LIKE BOYS auf der Cowperbühne. Die hatte ich erst vor Kurzem gesehen und sofort ins Herz geschlossen. Bei brütender Hitze stand Sänger Jelle Denturck mit einem Ersatz-Keyboard auf der Bühne – sein eigenes Instrument hatte vermutlich schon beim Soundcheck den Geist aufgegeben. Davon ließ er sich allerdings nichts anmerken und spielte sich 45 Minuten lang durch acht starke Songs. Das Publikum feierte die Band, und nach dem Konzert war der Merchstand entsprechend gut besucht. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass DRESSED LIKE BOYS noch richtig groß werden können. Neben der musikalischen Klasse begeistert Jelle Denturck vor allem mit seiner überaus sympathischen und nahbaren Art.
Großartig waren natürlich auch HERRENMAGAZIN, die den Sonntag, an dem ansonsten viele ruhige Acts auftraten, ordentlich auflockerten. Da ich bekennender Fanboy bin, will ich gar nicht allzu viel schreiben. Vielleicht nur so viel: Es gab handgeschriebene und komplett unterschiedlich gestaltete Setlists. Eine davon war sogar auf eine Schallplatte geschrieben. Schlagzeuger Rasmus Engler macht das offenbar bei jedem Konzert. Chapeau dafür! Aufgrund der nur 50-minütigen Spielzeit gab es fast ausschließlich Hits zu hören, und erstaunlich viele Menschen im Publikum konnten große Teile der Songs – oder zumindest die Refrains – mitsingen. Das hat richtig Spaß gemacht!
Den Sonntag und damit auch das Festival beschlossen APPARAT. Die Band um Frontmann Sascha Ring hatte erst vor Kurzem ihr neues Album „A hum of maybe“ veröffentlicht, dementsprechend gab es auch viel neues Material zu hören. Der Funke sprang bei mir zunächst nicht sofort über. Doch je mehr ich mich bewusst auf die Musik einließ, desto stärker entwickelte sie ihren ganz eigenen Sog. Gegen Ende des Sets wurde es zunehmend tanzbarer, auch wenn die Songs nie jene eingängige Dringlichkeit erreichten, die man von Sascha Rings Zweitband MODERAT kennt. Das war allerdings überhaupt kein Problem. Völlig verdient spielte APPARAT schließlich sogar über die eigentliche Setzeit hinaus. Der wunderschöne Song „Black water“ sorgte dann bei untergehender Sonne und vor atemberaubender Kulisse für einen perfekten Abschluss des Traumzeit Festivals 2026.
Ganz kurz möchte ich noch auf einige Auftritte eingehen, die ich durchaus gut fand, die mich aber nicht komplett begeistern konnten. Da wären zunächst KETTCAR, die am Freitag als Headliner eine gewohnt solide Show ablieferten. Für Keyboarder Lars Wiebusch war es einer der letzten Auftritte mit der Band, da er KETTCAR nach den Juni-Konzerten verlässt. Entsprechend rückte er diesmal etwas stärker in den Mittelpunkt – völlig zu Recht. Ich kann mir KETTCAR ohne ihn tatsächlich nur schwer vorstellen, auch wenn er neben Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff stets eher im Hintergrund agierte.

Auch die beiden deutschen Bands mit dem Anfangsbuchstaben „I“ lieferten gute Auftritte ab: INTERNATIONAL MUSIC und IEDEREEN wussten ebenso zu überzeugen wie STINA HOLMQUIST, deren Musik mich stellenweise an HEATHER NOVA erinnerte.
Weniger überzeugen konnten mich dagegen WHITE LIES. War der Einstieg mit ihrem wohl stärksten Song „Farewell to the fairground“ noch vielversprechend, flachte das Set danach zunehmend ab. Schade.
Auch zwei deutsche Acts, die beim Publikum ausgesprochen gut ankamen, ließen mich erneut eher ratlos zurück: MARLO GROSSHARDT und BETTEROV. MARLO GROSSHARDT hält zwischen den Songs immer wieder starke politische Ansprachen, die sich auch in seinen Texten widerspiegeln. Rein musikalisch erinnert mich das Ganze allerdings an eine Mischung aus Kinder- und Kirchentagsliedern.
Bei BETTEROV hoffe ich dagegen jedes Mal darauf, dass die Songs irgendwann mehr Dringlichkeit oder Härte entwickeln. Doch genau das passiert für meinen Geschmack so gut wie nie – vieles plätschert einfach vor sich hin. Aber wie bereits geschrieben: Dem Großteil des Publikums haben beide Acts offensichtlich sehr gut gefallen. Und das ist natürlich völlig in Ordnung.
Auch BLACKOUT PROBLEMS konnten viele Fanherzen für sich gewinnen. Musikalisch holen sie mich grundsätzlich sogar ab. Was mich allerdings zunehmend störte, war die Art, wie sich die Band immer wieder beim Publikum anzubiedern schien. Wie oft muss man den Anwesenden erzählen, dass sie sich unbedingt Tickets für das kommende Konzert in Köln kaufen sollen? Einmal hätte völlig gereicht – aber bitte nicht gefühlt nach jedem zweiten Song. Natürlich gehört Publikumsinteraktion zu einem guten Konzert dazu. Der kurze Besuch des Sängers bei den Kindern hinter dem Technikpult war beispielsweise eine wirklich schöne Aktion. Insgesamt war mir das bei BLACKOUT PROBLEMS jedoch deutlich zu viel. Auf mich wirkte vieles eher kalkuliert, fast so, als wolle die Band mit aller Macht Everybody’s Darling sein.

Doch zurück zu den positiven Eindrücken. Neben der großartigen Kulisse – und ja, sie ist tatsächlich so fantastisch, wie alle sagen – punktet das Traumzeit Festival vor allem mit einer hervorragenden Organisation. Lange Schlangen sucht man fast vergeblich, der Einlass funktioniert reibungslos und auch Trinkwasserstellen sind ausreichend vorhanden.
Das Publikum ist angenehm bunt gemischt: Familien mit Kindern, viele Besucher:innen aus dem Ruhrgebiet, die einfach ein schönes Wochenende mit Freund:innen verbringen möchten, und natürlich einige Musik-Nerds. Diese Mischung funktioniert erstaunlich gut. Die Atmosphäre bleibt das gesamte Wochenende über entspannt, und Stress sucht man auf dem Gelände vergeblich. Da verwundert es auch nicht, dass Acts wie MEUTE, die den Geschmack eines breiten Publikums treffen, hier besonders gut ankommen.
Summa summarum hatte ich ein wirklich großartiges Wochenende auf dem Traumzeit Festival. Den Termin für das nächste Jahr – 18. bis 20. Juni 2027 – habe ich mir jedenfalls schon fest im Kalender markiert. Denn ich bin mir ziemlich sicher: Ich komme wieder.