Wie schwierig es ist, als kleine Band Aufmerksamkeit zu generieren, zeigt sich oft rund um die Veröffentlichung eines neuen Albums. Bemusterungen, Anzeigen, bezahlte Reichweite oder gute Kontakte – die Möglichkeiten sind bekannt. Oder man landet im Vorprogramm einer großen Band. Zum Beispiel bei THE CURE. Haha, kleiner Gag.
Wobei: THE TWILIGHT SAD haben genau das geschafft – und das gleich mehrfach. Meine Freundin, großer Fan von THE CURE, sprach sogar von einem „Stamm-Support“. Kein Wunder: Robert Smith ist erklärter Fan und holte die Schotten zwischen 2016 und 2023 immer wieder ins Vorprogramm von THE CURE. Entsprechend wenig überraschend, dass die Band, die 2015 noch im Keller des Haus 73 spielte, inzwischen das Gruenspan nahezu ausverkauft.
Dass THE CURE ihren Anteil daran haben, wurde spätestens in der Umbaupause deutlich: Zwischendurch lief ein Song der Band – ein kleiner Aha-Moment, der sofort für aufhorchende Blicke und mitwippende Köpfe sorgte. Den unangekündigten Support FOR MARCY haben wir leider verpasst, er soll aber überzeugt haben.
Punkt neun eröffneten THE TWILIGHT SAD ihr Set – und zwar selbstbewusst mit vier neuen Songs am Stück. Das Publikum nahm es gelassen auf. Im Gegenteil: Man war sichtbar froh, die Band nach ihrem letzten Hamburg-Besuch 2022 wiederzusehen – nun mit „It’s the long goodbye“, ihrem sechsten Album im Gepäck. Der neue Sound erweitert das vertraut düster-melancholische Fundament um New-Wave-Anleihen, elektronisch geprägte Passagen und ein ausgeprägteres Laut-Leise-Spiel der Gitarren. Auch James Grahams Gesang wirkt nuancierter: unverkennbar, aber offener, stellenweise näher an Bands wie THE NATIONAL oder INTERPOL.
Personell hat sich ebenfalls etwas getan – zumindest auf der Bühne. Am Schlagzeug saß mit Cat Myers (unter anderem TEXAS, HONEYBLOOD) eine erfahrene Live-Musikerin, die auch schon bei MOGWAI und KT TUNSTALL ausgeholfen hat. Am Bass unterstützte Simone Marie Butler, die unter anderem bei PRIMAL SCREAM und THE JESUS AND MARY CHAIN mitgewirkt hat. Beide fügten sich unauffällig, aber präzise ins Klangbild ein, ohne den Kern der Band zu verschieben. Die Keyboards waren personell zwar nicht mehr auf der Bühne vertreten, klanglich aber präsent – ein Kniff, der mittlerweile fast schon zum Standard von so vielen Acts geworden ist. Geblieben sind Gitarrist Andy MacFarlane, der im Hintergrund die musikalischen Fäden zieht, und natürlich Sänger James Alexander Graham. Der wirkt auf der Bühne noch immer wie entrückt, mit suchendem Blick und zum Himmel gerichteten Händen, als würde er in der Musik aufgehen. Gleichzeitig zeigt er sich zwischen den Songs ungewohnt gelöst, bedankt sich mehrfach beim Publikum und stimmt nach „There’s a girl in the corner“ sogar kurz in den Applaus mit ein – nur um sich gleich darauf wieder zu bedanken.
Auffällig: Die älteren Songs wurden insgesamt etwas euphorischer aufgenommen – vermutlich auch, weil sie dem Publikum vertrauter und über die Jahre gewachsen sind. Die neuen Stücke fügten sich dennoch stimmig ins Set ein, ohne Brüche, eher als vorsichtige Weiterentwicklung.
Nach gut anderthalb Stunden endet der Abend mit „TV people still throwing TVs at people“, dem Schlusspunkt des neuen Albums. Band und Publikum wirken gleichermaßen zufrieden – fast so, als hätte man sich nach vier Jahren nicht nur wiedergetroffen, sondern auch neu kennengelernt. Bis zum nächsten Mal in Hamburg. Oder eben wieder im Vorprogramm von THE CURE.