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PLACEBO - Brian Molko

PLACEBO – 26.10.2026, Barclays Arena (Hamburg)

Es gibt Menschen, die gerne in riesige Hallen gehen, um dort ihre Lieblingsbands zu sehen. Ich gehöre eher nicht dazu. Bei geschätzt 750 Konzerten in meinem Leben lässt sich die Zahl meiner Arena-Besuche jedenfalls an einer Hand abzählen. Doch für das 30-jährige Jubiläum ihres Debütalbums machen PLACEBO eine Ausnahme durchaus plausibel: Schließlich stehen mit den ersten beiden Platten gleich zwei Meilensteine der Neunziger auf dem Programm. Vor allem „Without you I’m nothing“ ist ein Album, das man nicht einfach so nebenbei hört. Und auch nach drei Jahrzehnten haben die Songs nichts von ihrer eigentümlichen Mischung aus Melancholie, Begehren und Selbstzerstörung eingebüßt.

Zunächst dürfen allerdings THE MIRROR TRAP aus Dundee ran. Der mal emotionale, mal energiegeladene Alternative Rock der Schotten erinnert an INTERPOL, THE KILLERS und MANIC STREET PREACHERS, doch schon beim Opener drängt sich die naheliegendste Referenz auf: PLACEBO. Kein Wunder also, dass die Band bereits mehrfach im Vorprogramm ihrer offensichtlichen Vorbilder unterwegs war. Nach einer halben Stunde ist Schluss, ein weißer Vorhang verdeckt die Bühne und stimmt mit Bildern aus drei Jahrzehnten Bandgeschichte auf den Hauptact ein.

THE MIRROR TRAP

PLACEBO waren Mitte der Neunziger nicht einfach nur eine weitere Indierockband. Während der Britpop seine Männlichkeitsrituale pflegte, stellte sich das Trio mit androgyner Ästhetik, offen verhandelter Sexualität und Songs über Entfremdung und Exzess quer. Brian Molko provozierte die festgefahrene Rockwelt nicht zuletzt dadurch, dass er sich deren Regeln schlicht nicht unterwarf. Dass die Band heute zu den prägenden Figuren einer queeren Rockgeschichte zählt, ist deshalb mehr als ein nachträglich verliehenes Gütesiegel.
Umso irritierender ist es, wenn ausgerechnet die Ansagen des Abends die Musik zeitweise in den Hintergrund drängen. Per Leinwand und Durchsage bittet Molko das Publikum, die Smartphones stecken zu lassen und den Moment lieber unmittelbar zu erleben. Ein nachvollziehbarer Wunsch, zumal die ewigen Handydisplays inzwischen tatsächlich zu den lästigsten Begleiterscheinungen von Großkonzerten gehören. PLACEBO lassen die Ansage allerdings von der Security mit Taschenlampen durchsetzen. Wer trotzdem filmt, wird geblendet, im Zweifel aus der Menge gezogen. Das hat etwas von Klassenfahrt mit strenger Aufsicht und wirkt bei einem Publikum, dessen Angehörige vielfach selbst mit den Songs der Neunziger erwachsen geworden sind, reichlich bevormundend.
Auch Molko selbst scheint an diesem Abend nicht unbedingt auf Harmonie aus zu sein. Ein Zuschauer auf der VIP-Tribüne macht offenbar irgendwelche Zeichen, woraufhin der Sänger ihn vor versammelter Halle wüst beschimpft. Was genau vorgefallen ist, bleibt unklar. Dass Molko anschließend mit ein paar Scherzen die Stimmung retten möchte, funktioniert nur bedingt. Ein wenig Reibung gehört bei PLACEBO natürlich zum Programm. Doch zwischen der einstigen Lust an der Provokation und dem Auftreten eines beleidigten Rockstars liegt ein Unterschied.
Dabei hätte die Musik genügend Anlass geboten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Set wechselt zwischen Songs des selbstbetitelten Debüts und „Without you I’m nothing“ und führt damit zurück in jene Phase, in der PLACEBO ihren unverwechselbaren Sound aus melancholischen Gitarrenlinien, treibenden Rhythmen und dieser unverkennbaren, zugleich verletzlichen wie distanzierten Stimme entwickelten. Mal melancholisch und beinahe entrückt, mal mit ordentlich Druck, erinnern die Stücke daran, weshalb die Band seinerzeit weit mehr war als ein schnellebiger Gegenentwurf zum Britpop.
Dabei sieht Brian Molko mit seinen 53 Jahren noch immer so aus, als hätte die Zeit bei ihm nur widerwillig angeklopft. Auch seine Stimme besitzt viel von jenem jugendlichen, leicht nasalen Timbre, das den frühen Songs ihren besonderen Charakter und ihre Schwere verlieh. Bassist Stefan Olsdal setzt mit Latex-Oberteil optische Akzente, während zusätzliche MusikerInnen an den Saiteninstrumenten, am E-Piano und bei den Backing Vocals das Trio erweitern. Der Sound allerdings wirkt insgesamt etwas basslastig, und die große Halle tut ihr Übriges, um die Distanz zwischen Bühne und Publikum spürbar zu machen. In den vorderen Reihen gehen die Fans durchaus mit, dahinter wird eher konzentriert geschaut als ausgelassen gefeiert. Das mag zur melancholischen Grundstimmung passen, lässt den Abend aber auch erstaunlich statisch wirken.
Als Molko einen neuen Song vom kommenden Album ankündigt, hält sich die Begeisterung zunächst in Grenzen. Der Sänger fragt nach, ob das Publikum wirklich neues Material hören möchte. Dabei ist „Helen Keller“ durchaus ein Lichtblick: Zwischen Synthesizerflächen, verzerrten Gitarren und vorwärtstreibendem Schlagzeug blitzt eine andere, etwas hellere Seite der Band auf. Dass ausgerechnet der neue Song zum Ende des regulären Sets für einen kleinen Perspektivwechsel sorgt, ist ein schöner Kontrapunkt zum nostalgischen Rückblick.
Zum Schluss geht es mit „Nancy boy“ noch einmal zurück zu den Anfängen. Olsdal begibt sich in den Fotograben und sucht die Nähe zum Publikum – eine Geste, die in der riesigen Halle beinahe mehr Nähe herstellt als die gesamte Smartphone-Erziehungsmaßnahme zuvor. Und plötzlich ist sie wieder da, diese aufgeladene Energie, mit der PLACEBO einst aneckten und sich ihren Platz in der Rockgeschichte erkämpften.

Ein rundum überzeugender Abend war das letztendlich leider nicht. Die Songs sind stark genug, um die Jahre zu überstehen, doch ihre einstige Dringlichkeit kommt nicht immer zur Geltung. Dazu eine Band, die sich mitunter selbst im Weg steht. Aber ein Verriss wäre hier trotzdem fehl am Platz: Wenn PLACEBO ihre melancholischen Gitarren aufdrehen und Molkos Stimme über die vertrauten Melodien gleitet, blitzt noch immer etwas von jener Unruhe auf, die diese Band vor 30 Jahren so besonders machte. Nur hätte man sich gewünscht, dass an diesem Abend die Musik öfter das letzte Wort behält.

PLACEBO – Stefan Olsdal