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Nürnberg Pop 2026

In der Nachbetrachtung des Nürnberg Pop Festivals 2026 fällt mir auf, dass das erste und das letzte Konzert meine absoluten Highlights waren. Man könnte die Auftritte von SOFT LOFT zu Beginn und ORBIT am Ende quasi als die perfekten Klammern des Wochenendes bezeichnen. Alles zwischen diesen beiden Fixpunkten war ein Auf und Ab an Eindrücken – und zu erleben gab es an diesen zwei intensiven Festivaltagen wahrlich genug. Insgesamt konnten die etwas mehr als 5.000 Besucher*innen aus über 100 Acts und gut 40 weiteren Programmpunkten wie Panels und Podiumsdiskussionen wählen. Zudem wurde mit der GUNDA der Nürnberger Popkulturpreis verliehen.
Doch versuchen wir, uns chronologisch durch das Wochenende zu bewegen (den Start am Donnerstag mit der GUNDA-Verleihung und dem Auftritt von MODESELEKTOR konnte ich leider nicht miterleben). Zuerst habe ich bei „Zwischen Zwei und Vier“, einem Podcast-Magazin, vorbeigeschaut. Die beiden Hosts Melanie Gollin und Rosalie Ernst lockerten die Stimmung mit kleinen Publikumsspielen auf, wie dem Erraten alter Songs in neuen Interpretationen. Danach ging es weiter zu „Austrian Heartbeats“, einem Showcase für österreichische Künstler*innen. Neben kulinarischen Spezialitäten aus dem Nachbarland (Mozartkugeln) gab es dort ein sympathisches Akustik-Set der Künstlerin FILLIAH zu hören.

SOFT LOFT

So richtig Fahrt nahm das Festival für mich aber erst mit SOFT LOFT in der wunderschönen Katharinenruine auf. Unter freiem Himmel fiel für die Schweizer Band der Festivalabschluss mit dem eigenen Tourauftakt zusammen, was angesichts des nasskalten Wetters für einige humorvolle Kommentare auf der Bühne sorgte. Die Setlist bot eine gelungene Mischung aus ihren bisherigen zwei Alben. Sängerin Jorina Stamm begeisterte mit ihrer großartigen Stimme und wurde bei zwei Songs – darunter das wunderschöne „Little less“ – vom Nürnberger INDIEKNEIPECHOR unterstützt. Wenn alles glattläuft, werden wir diese Band bald in deutlich größeren Venues sehen – völlig zu Recht, denn so mitreißende Popsongs schüttelt man nicht mal eben aus dem Ärmel.
Weiter ging es zu LICHTSCHUTZFAKTOR 4, einer lokalen Zwei-Mann-Combo aus Nürnberg. Sie spielten in der Weinerei, die bereits restlos überfüllt war (was wohl auch daran lag, dass man hier kein Festivalbändchen brauchte). Das Reinquetschen hat sich allerdings kaum gelohnt, denn der Sound war leider gar nicht gut. Die Band ließ sich die Laune jedoch nicht verderben und feierte ihren Elektro-Punk, den ich eigentlich sehr mag. Nach zwei Songs war für uns erst einmal Schluss und wir zogen weiter – wobei das ‚Wir‘ an diesem Wochenende dynamisch war: mal war ich mit mehreren Leuten, mal war ich alleine unterwegs.
Als Nächstes steuerten wir die gegenüberliegende Galerie Ostermayer an, wo den ganzen Abend Rap-Acts auf dem Programm standen. Dort machten wir direkt eine großartige Entdeckung: KII, einen Rapper aus dem oberfränkischen Hof. Schon beim ersten Track „Wetten dass..?“ fühlte ich mich an APSILON erinnert. Über melancholischen, treibenden Klangteppichen rappt KII extrem smooth und präzise. Neben „Wetten dass..?“ blieb mir vor allem der Song „Sanduhr“ im Kopf – beide laufen seitdem in meiner Playlist.
CARI CARI aus Österreich haben wir im Anschluss leider verpasst; die Schlange vor der Katharinenruine war uns einfach zu lang. Das war im Nachhinein aber gar nicht so tragisch, denn die App „Clashfinder“, mit der man sich seinen Festival-Timetable zusammenstellt, bescherte mir einen glücklichen Zufall. Den Auftritt von PERSONAL TRAINER hatte ich wegen einer Überschneidung eigentlich schon abgeschrieben. Da der Zeitslot in der App jedoch fehlerhaft eingetragen war, konnte ich – dank des Tipps eines Freundes – doch noch vier Songs im Zentralcafé miterleben. Und das war ein echtes Erlebnis: Die Band aus Amsterdam macht im weitesten Sinne Indie-Rock, und der Sänger erwies sich als absolute Rampensau, die sich völlig verausgabte.

PERSONAL TRAINER

Nach einer kurzen Pause zog es uns zu JUGO ÜRDENS in den großen Festsaal des Künstlerhauses. Da seine Musik vor Kurzem im Urlaub häufig im Mietwagen lief, war der Besuch quasi Pflicht. Songs wie „Sonntag im August“, „Dumm“ oder „Kopf Hoch“ sind einfach fantastische Banger zum Mitsingen – ganz ähnlich wie bei BIBIZA, der wie JUGO ÜRDENS ebenfalls aus Österreich stammt. Live hinterließ der Auftritt allerdings gemischte Gefühle. Die Musik kam bis auf wenige Ausnahmen komplett vom Band, phasenweise sogar die Vocals. Als er zum Schluss dann vier Songs wiederholte beziehungsweise in einer beschleunigten Rave-Variante spielte, blieb ich etwas ratlos zurück. Das hat mir die Tracks zwar nicht komplett vermiest und ich hatte durchaus meinen Spaß, aber ein fader Beigeschmack blieb.
Die Wartezeit bis zum Auftritt von SPRINTS überbrückten wir mit einem Abstecher in die Kulturkellerei zu ROSENKAVALIER, ohne genau zu wissen, was uns erwartet. Der Keller war bereits dicht gedrängt voller Fans. Als der selbsternannte ROSENKAVALIER (sein bürgerlicher Name ist ein Geheimnis) im Leopardenmantel die Bühne betrat, rastete die erste Reihe komplett aus. Mit einer gehörigen Portion Pathos wurden selbstironische Schlager zum Besten gegeben – wobei ich mir bis heute nicht ganz sicher bin, ob das Projekt nicht vielleicht doch ernst gemeint ist. Drei Songs reichten uns dann allerdings. Dem Publikum hat es jedenfalls gefallen, was sich auch am Merch-Stand zeigte: Ich glaube, kein anderer kleiner Act hat an diesem Wochenende mehr verkauft.
Dann folgten SPRINTS aus Irland, die ich dieses Jahr schon auf dem Traumzeit-Festival sehen durfte. Deshalb halte ich mich hier kurz: Zu Beginn hatte ich das Gefühl, die Band spiele mit angezogener Handbremse; sie wirkte nicht vollends motiviert. Dennoch gab es gewohnt kompromisslosen Punkrock auf die Ohren – eine wohltuende Abwechslung auf einem Festival wie dem Nürnberg Pop, auf dem harte Gitarrenklänge eher die Ausnahme bilden. Zum Abschluss des Freitags ging es noch zu RÉMI.FR in die proppenvolle Kunsthalle. Irgendwo zwischen Disco, Pop und HipHop gab es mal mehr, mal weniger starke Songs zu hören. Die Menge feierte es, ich musste jedoch langsam die Segel streichen und machte mich auf den Heimweg.

Jonas Schubert (OK KID) und Linus Volkmann

Einigermaßen erholt startete der Samstag für mich bereits um 14 Uhr. Der Popjournalist Linus Volkmann (u. a. Musikexpress) begrüßte bei seiner kleinen Pop-Revue drei musikalische Gäste: MINA RICHMAN, GRINGO MAYER und Jonas Schubert von OK KID. Das Konzept: Linus stellte den dreien jeweils zwei Bilder zur Auswahl, zwischen denen sie sich entscheiden mussten. Jonas zeigte sich dabei sichtlich erstaunt, warum ihm Stefan Raab und Thom Yorke von RADIOHEAD gegenübergestellt wurden – er hatte offenbar völlig verdrängt, dass OK KID einst am deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest teilgenommen hatten. Er wählte schließlich Thom Yorke, da RADIOHEAD mit ihren wegweisenden Alben „OK Computer“ und „Kid A“ die Namenspaten für seine eigene Band waren. Kurz ging es auch um Fußball: Als Gießener schlägt Jonas’ Herz für Eintracht Frankfurt. Er scherzte noch, dass er es vielleicht nicht pünktlich zum eigenen Auftritt schaffen würde, da Frankfurt am Abend das Auswärtsspiel bei RB Leipzig bestritt und er das unbedingt sehen müsse. Schöne 90 Minuten waren das für ihn aber wohl nicht, denn Leipzig gewann deutlich mit 6:0. Vielleicht ganz gut, dass er die anschließende Show als Ventil für diese sportliche Misere nutzen konnte. Insgesamt war es ein extrem unterhaltsamer Nachmittag. MINA RICHMAN und GRINGO MAYER erwiesen sich ebenfalls als sehr sympathische Gäste, und Linus führte gewohnt charmant und professionell durch die Runde.
Ebenfalls spannend war das Panel „Show me the money!“. Ein kleineres Festival (das Rübezahl Festival) und der aufstrebende Artist STREICHELT legten dort offen ihre Einnahmen und Ausgaben dar. Das bot sehr interessante und ehrliche Einblicke in die Branche – leider nur vor einer sehr überschaubaren Anzahl an Interessierten.
Danach fiel mir der Einstieg in den Samstagabend etwas schwer. Kein Act konnte mich länger als zwei bis drei Songs fesseln (darunter JULIA EFFEKT, PANICBABY sowie GRINGO MAYER UND DIE KEGELBANDE). Im Kulturgarten lief es mit PATINA RECORDS etwas besser. Die achtköpfige HipHop-Crew sorgte für ordentlich Stimmung, und ihr Song „Pasta“ markierte einen tollen Abschluss ihres Auftritts.
Auf NILS KEPPEL war ich im Vorfeld extrem gespannt, da ich seinen Song „Wellblech“ sehr mag. Die Band ließ allerdings auf sich warten, da sich der Soundcheck sehr in die Länge zog. Die Besucher*innen mussten ewig lange im Treppenhaus warten, bevor sie endlich ins Zentralcafé gelassen wurden. Die Band betrat die Bühne schließlich in fast völliger Dunkelheit und begann mit einem düsteren, langsamen Song, was eine spürbar gespannte Atmosphäre im Raum erzeugte. Meiner Meinung nach baute die Band im Anschluss jedoch nicht auf dieser Stimmung auf. NILS KEPPEL gab den extrem theatralischen Frontmann, was mir persönlich etwas zu „over the top“ war. Versteht mich nicht falsch: Es war kein schlechter Auftritt, aber gerade nach dem atmosphärischen Beginn hatte ich mir einfach mehr erhofft. Wegen der Verzögerung und weil ich pünktlich bei OK KID sein wollte, verpasste ich zu allem Überfluss auch noch mein geliebtes „Wellblech“.

OK KID

Auch OK KID legten in der altehrwürdigen Katharinenruine bei nebliger Dunkelheit mit „Hoffnung stirbt“ sehr atmosphärisch los, nur um kurz darauf mit „Rave On“ den absoluten Kracher des neuen Albums auszupacken. Ab da herrschte pure Partystimmung. In den folgenden 50 Minuten ließ die Band nichts anbrennen und feuerte ein Potpourri ihrer bekanntesten Songs ab. Mir persönlich gefiel „Stadt ohne Meer“ – die großartige Hommage an ihre Heimatstadt Gießen – am besten. Als ich die Katharinenruine zehn Minuten vor dem Ende verließ, standen draußen immer noch Menschen an, um überhaupt noch reinzukommen. Wahnsinn.
Warum ich früher gegangen bin? Weil ich unbedingt YNDLING aus Norwegen sehen wollte. Im Vorfeld hatte ich ihren Song „It’s almost like you’re here“ unzählige Male gehört und wollte die Band keinesfalls verpassen. Stilistisch würde ich sie irgendwo zwischen Dream-Pop und Shoegaze einordnen. Im Club Stereo war es glücklicherweise nicht ganz so voll, sodass ich mich in die erste Reihe schleichen konnte. Richtig konzentrieren konnte ich mich dort allerdings nicht: Neben mir stand eine Frau, die die Sängerin mit ihrem Handy penetrant aus nächster Nähe (wir reden von etwa 15 Zentimetern) fotografierte – absolut respektlos. Da meine bösen Blicke nichts bewirkten und ich die Show nicht durch eine Konfrontation stören wollte, wich ich nach hinten aus. Von dort aus konnte ich das Konzert, teils mit geschlossenen Augen, viel besser genießen. Es hat mir wirklich hervorragend gefallen – und ich hatte Glück, denn mein Lieblingssong wurde als letzter Track gespielt.

ORBIT

Das eigentliche Highlight des gesamten Festivals sollte jedoch erst noch folgen: ORBIT. Und was soll ich sagen? Es war schlichtweg fantastisch. Dieser verträumte, elektronische Sound hat mich komplett abgeholt. Ein Blick ins Publikum verriet, dass ich nicht der Einzige war: Man sah nur leuchtende Augen und Menschen, die von der Musik tief berührt waren. Selbst andere Acts wie NILS KEPPEL und STREICHELT standen im Publikum und waren sichtlich angetan. ORBIT ist eigentlich das Projekt von Marcel Heym, der aber längst nicht mehr allein auf der Bühne steht. An den Tasten und weiteren Instrumenten (Gitarre, Klangspiele etc.) wird er von Morlin Baginski und Luka Björk Küssner unterstützt. Zudem sind im Hintergrund viele weitere Personen in das Projekt involviert, die Marcel allesamt als seine Freunde bezeichnet. Genau diese harmonische, leidenschaftliche und freundschaftliche Stimmung kommt von der Band super rüber. Die liebevolle Dekoration aus selbstgebastelten Sträuchern und zwei alten Windrädern, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, unterstrich das Ganze perfekt. Und dann war da natürlich die Musik. Obwohl alles bis ins kleinste Detail durchdacht und perfektionistisch arrangiert wirkt, entfaltet sich live ein ungemein warmer, gefühlvoller Sound. Leider könnte dies vorerst der letzte Auftritt von ORBIT gewesen sein; Marcel merkte an, dass nach den vielen Konzerten seit dem letzten Album nun erst einmal eine Pause ansteht. Als sich die Band und viele ihrer Freunde nach dem Konzert auf der Bühne in den Armen lagen, spürte man genau, dass hier ein wichtiges Kapitel zu Ende ging.

Mit diesem emotionalen Konzert endete auch das Nürnberg Pop Festival. Insgesamt ziehe ich ein sehr positives Fazit. Den Macher*innen gebührt ein riesiges Lob: Rund 15 verschiedene Bühnen logistisch zu managen, ist eine Mammutaufgabe. Bis auf winzige Ausnahmen hat alles reibungslos geklappt, und auch das Security-Personal war durchweg extrem freundlich. Dass das Konzept eines Clubfestivals generell nicht ganz mein persönlicher Favorit ist, wusste ich schon vorher. Die Wege sind zwar nicht endlos lang, aber man überlegt sich aufgrund drohender Einlassstopps eben dreimal, ob man die Location wechselt. Auch die Getränkesituation ist logistisch knifflig: Da man keine Getränke zwischen den Clubs mitnehmen darf, verzichtet man oft ganz darauf, weil man nicht weiß, wie lange man bei einer Band bleibt. Oder man will gerade motiviert zum nächsten Act aufbrechen, während sich jemand aus der Gruppe frisch versorgt hat – schon steht man vor der Wahl, sich aufzuteilen, das Getränk zu exen oder es stehenzulassen. Als größere Freundesgruppe stelle ich mir das Festival daher ganz schön kompliziert vor.
Ebenfalls schade fand ich, dass es kein gedrucktes Programmheft oder ein kleines Faltblatt für die Hosentasche gab, das die Acts vorstellt oder zumindest den Timetable abbildet. So wanderte der Blick zwangsläufig oft aufs Smartphone. Das ist jedoch keine ideale Lösung: Der Timetable passte nicht einmal ganz aufs Display, und in manchen Kellern schaute man mangels Internetverbindung komplett in die Röhre. Auch für die Acts selbst wäre ein kleines Heftchen eine schöne Wertschätzung. Natürlich bedeutet das einen großen redaktionellen Aufwand, bietet umgekehrt aber auch eine hervorragende Fläche, um die vielen Sponsoren des Festivals noch einmal prominent zu platzieren.
Das ist allerdings Meckern auf hohem Niveau. Denn unterm Strich war das Nürnberg Pop 2026 definitiv wieder jeden Besuch wert und bot für mich persönlich das attraktivste Line-up der letzten drei Jahre. Ich bin mir sicher: Wir sehen uns 2027 wieder, Nürnberg Pop!