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PEDRO THE LION – Musik als Therapie

Ende letzten Jahres trafen wir David Bazan, den Kopf hinter PEDRO THE LION, nach seinem Konzert im Hamburger Hafenklang zum Interview. Daraus entwickelte sich ein sehr persönliches Gespräch, in dem David das Konzept hinter seiner Album-Pentologie erklärte. Denn auf den fünf Alben steckt mehr als der thematische Bezug zu vergangenen Wohnorten, es handelt sich dabei auch um die Aufarbeitung seiner teils schwierigen Kindheit. Wie die Musik ihm dabei eine Struktur und Halt gab, berichtete uns David im Interview:

David, Du agierst unter dem Namen PEDRO THE LION als Songwriter ja ganz autark. Wie ist es für Dich, wieder zusammen mit anderen Musikern auf Tour zu sein? Ist es Dir wichtig, wer Dich dabei begleitet?
Zu dritt im Auto herumzufahren, macht einfach Spaß. Aber es ist für mich schon entscheidend, mit wem. Es kann sonst auch nervig werden, denn der Zeitplan auf Tour ist irgendwie verrückt. Man ist ständig von Unklarheiten umgeben, dann verpasst man das Abendessen und muss trotzdem physisch und mental gesund bleiben. Mir geht es gerade ziemlich gut, aber Erik (Walters) und Rebecca (Cole) haben noch mit dem Jetlag zu kämpfen.

Wie lange begleiten Dich die beiden schon live? Haben sie auch bei den Aufnahmen mitgewirkt?
Erik begleitet mich seit 2017, also schon richtig lange, Rebecca erst seit Mai oder Juni dieses Jahres. Auf dem aktuellen Album habe ich alle Keyboards und Drums eingespielt und die Vocals eingesungen, während Erik die Gitarren übernommen hat. Auf dem Album davor, „Havasu“, habe ich auch die Gitarren eingespielt.

Aber für die alten Songs mussten auch die Basslinien auf Synthies transkribiert werden, oder?
Rebecca hat bei WILD FLAG Bass und Keyboard gespielt, insofern hat sie schon viel Erfahrung, wie man einen Rock ‘n’Roll-Bass mit der linken Hand spielt. Ich musste ihr da nichts erklären. Wenn man den Bass einfach auf Midi programmieren würde, fehlte da der Swing. Für so etwas hat Rebecca Gespür, das ist super.

Was war für Dich eigentlich ausschlaggebend, auf der Bühne von der Gitarre wieder ans Schlagzeug zu wechseln?
Ich habe mich im März dazu entschlossen. Das Album war fertig, und wir suchten nach einem Drummer. Die Idee, wieder ans Schlagzeug zu wechseln, existierte schon länger in meinem Kopf, und so machte ich es einfach. Für mich ist das ein fortlaufendes Projekt. Aber ich spiele einfach am längsten Schlagzeug, habe Unterricht genommen und es lange geübt. Es tut mir mental gut, ich mag gerne gegen die Drums singen, ich fühle den Groove mehr. Da fühle ich mich einfach am wohlsten.

Lustigerweise mag ich als Gitarrist gerade Deine schön-traurigen Harmonien und Arpeggio auf der Gitarre ausgesprochen gerne.
Oh, vielen Dank! Es gibt einen komplexen Hintergrund, warum mich das Gitarrenspielen irgendwann immer mehr frustriert hat. Aber inzwischen liebe ich die Gitarre wieder, und es ist ja auch ein tolles Instrument, auf dem man sich ausdrücken kann.

Oder hängt es damit zusammen, dass man manchmal Dinge abschließen muss, um etwas Neues zu starten?
Das habe ich in der Vergangenheit so gehandhabt, inzwischen aber nicht mehr. Da habe ich mich viel zu lange mit einer Sache aufgehalten, bis ich irgendwann festgestellt habe, dass ich einfach das machen sollte, worauf ich Lust habe.

Du hast 15 Jahre lang kein neues Material unter dem Namen PEDRO THE LION veröffentlicht, nun erscheinen gleich fünf zusammenhängende Alben. Wie kam es dazu?
Ich habe mich 2016 dazu entschlossen, fünf zusammenhängende Alben zu veröffentlichen und erst im zweiten Schritt, dies unter dem Namen PEDRO THE LION zu machen. Im Kopf habe ich zuerst das Grundgerüst erstellt und mir Gedanken gemacht, wie es klingen sollte. Danach kam mir die Idee, dass ich dies lieber unter einem Bandnamen als unter „DAVID BAZAN“ machen will. Und so wurde mir nach und nach klar, dass dieses Projekt die Rückkehr zu etwas bedeuten würde. Zu meiner Kindheit und zu mir selbst. Der Entschluss, dies unter dem Namen PEDRO THE LION zu tun, gab mir die Möglichkeit, Dinge mit mir selbst auszumachen. Denn ich neige dazu, mich für andere Menschen, die mir wichtig sind, selbst zu verraten. In PEDRO THE LION kann ich Zeit und Energie investieren, wo ich mich mit mir selbst auseinandersetze und auf mich achte. Es war der perfekte Monitor, ein Sound, zu dem ich zurückkehrte und den ich mit anderen Dingen vermischte, die mich beschäftigten. Für meinen Empfinden war dies eine richtige Entscheidung. Ich denke auch, dass die Alben unter dem Namen „David Bazan“ anders geklungen hätten, da PEDRO THE LION für mich immer eine 3-Mann-Band bedeutete, was bereits eine bestimmte Struktur vorgibt. Der Synthesizer kam letztendlich zum Einsatz, um die Klangpalette zu erweitern.

Aber lass uns noch mal zu dem Konzept zurückkommen, das hinter den fünf Alben steckt. Dahinter verbergen sich also fünf Orte, an denen Du Stationen Deines Lebens, also Deiner Kindheit und Deiner Jugend, verbracht hast. Wusstest Du schon vorab, wie die fünf Stationen musikalisch klingen werden?
Das war mehr dem Entdeckungsprozess geschuldet. Ich wollte die Platten klingen lassen, wie sich die Orte speziell für mich anfühlen. Das ist zwangsläufig nicht auf andere Menschen übertragbar, wobei dies sogar manchmal passiert. Auf der „Phoenix“-Tour kam Jared, ein Nachbarsjunge von dort, zum Konzert nach Tacoma und sagte: „Ich weiß nicht, wie Du es gemacht hast. Aber die Platte klingt wie unsere damalige Straße!“ Das hat mich in meiner Wahrnehmung bestätigt.
„Phoenix“ und „Havasu“ sind in meinen Augen Wüsten-Platten, die viel Sound in den hohen Frequenzen beinhalten, die das Firmament, die Berge und das Land vertonen. „Santa Cruz“ ist etwas tanzbarer, dort gibt es Berge, Bäume, Meer und Plätze, auf denen hohe Kiefern ein Blätterdach bilden. Wie ein Stadtparadies.
Und zudem wollte ich an die Plätze zurückkehren und mich mit Erinnerungen auseinandersetzen. Zum Teil traumatische Erinnerungen, aber auch Momente, wo ich dachte: „Oh man, hätte ich das damals bloß nicht gemacht!“ Bis mir im nächsten Augenblich auffiel, dass dies bereits 25 Jahre in der Vergangenheit liegt. Aber die Scham darüber sitzt zum Teil noch richtig tief, so dass mir direkt einfiel, dass die Kinder aus der fünften Klasse in der Mensa Witze darüber erzählten. Dies sind Kernerinnerungen, die ich heraufbeschwören wollte und nun in den Texten verarbeite, während die Musik die Orte darstellt.

Hast Du noch Eltern, und stehst Du noch im Kontakt mit ihnen?
Ja, sie leben in Texas, und ich habe sogar noch eine Großmutter in Phoenix. Meine Eltern waren beide die Erstgeborenen und bekamen schon früh ihre Kinder. Ich bin ebenfalls der Erstgeborene, so dass besagte Großmutter bei meiner Geburt erst 42 Jahre alt war.

Hast Du Ihnen auch die Alben vorgespielt?
Ja, ich glaube, das war eine ziemliche Herausforderung für sie. Aber das ist okay.

Aber für Dich war es sicherlich auch anstrengend. Muss man dafür mit seiner Vergangenheit im Reinen sein?Der schwierigste Teil ist für mich, welche Auswirkungen mein Handeln auf andere Menschen hat. Hier musste ich mich auch mit mir selbst auseinandersetzen, und diese Aufgabe war mir wirklich wichtig. Als ich zum zweiten Album „Havasu“ kam, musste ich ein Jahr lang mit dem Schreiben aufhören, weil ich nicht weiterkam. Es blieb zwar unausgesprochen, aber als Kind musste ich das Drama auf ein Minimum beschränken und nicht verstärken. Probleme wurden heruntergeschluckt, irgendwie ging es weiter. Auf der Platte mache ich nun genau das Gegenteil. Ich erlebe Momente erneut, in denen ich Schmerzen hatte, ich mache sie öffentlich und betrachte sie nun mit Abstand aus der Sicht eines Erwachsenen. Das war ziemlich hart, aber zugleich auch gut. Hier habe ich auch meine Eltern belastet oder hatte zumindest darum Sorge. Deshalb steckte ich zwischendurch fest, aber am Ende des Jahres gab es große Veränderungen in meinem Leben, die mir auch dabei halfen, diese Platte abzuschließen.

Puh, das klingt nach einem harten Prozess. Aber ich muss Dir sagen, dass auch mir vor allem „Havasu“ sehr zu Herzen ging. Wahrscheinlich hast Du mit dieser persönlichen Aufarbeitung somit auch viele PEDRO THE LION-Fans beglückt.
Oh, das freut mich sehr! Vielen Dank! Das wäre natürlich cool.

Zugleich fand ich es aber auch faszinierend, dass „Havasu“ ja nur die Spanne von einem Jahr umfasst, als Du zwölf Jahre alt warst, wo thematisch so viel passierte, während das dritte Album „Santa Cruz“ ganze acht Jahre aus Deiner Jugend abbildet. Kannst Du bereits Einblicke in die folgenden zwei Alben gewähren?
Ja, auf dem nächsten Album wird die Zeitspanne von meinem 21.-45. Lebensjahr folgen, also eine noch viel längere Periode. Im Wesentlichen spielt dieses Album in Seattle und auf Tour. Da werde ich auf einzelne Ausschnitte zoomen.
Das fünfte Album kehrt zurück zu der Zeit vor „Phoenix“, auf der Zeitachse also noch vor dem ersten Album, von der Geburt bis zu meinem fünften Lebensjahr. Aber das ist alles noch nicht ganz spruchreif, weil ich daran natürlich keine richtigen Erinnerungen mehr habe. Ich habe aber schon eine gute Vorstellung davon, wie der Bogen klanglich und energetisch sein wird.


In der Coronazeit hast Du wöchentlich Live-Streaming-Konzerte gegeben. Was haben Dir diese Konzerte bedeutet?
Diese Konzerte fielen zusammen mit wirklich schwierigen Veränderungen in meinem Leben. Ein paar Monate vor Corona änderte sich meine Wohnsituation, durch den Lockdown wurde mein Job gekündigt, und vielen anderen ging es genauso. So gaben mir diese regelmäßigen Streaming-Konzerte eine gewisse Ordnung und Energie. Ich spiele einfach gerne, und nachdem ich ein wenig mit der Anlage herumexperimentiert hatte, empfand ich durch diese Streaming-Konzerte ein ähnliches Hochgefühl wie bei Live-Auftritten, das mir nachhaltig guttat und jeden Mittwoch neue Energie brachte. Das habe ich etwa ein halbes Jahr lang gemacht. Es war eine wirklich schwierige Zeit, aber diese Gigs haben mir enorm geholfen.

Hattest Du online noch mehr Austausch mit den Fans als bei richtigen Konzerten?
Eigentlich ja. Ich werde auch wieder anfangen, Livestreams zu machen. Nicht in diesem Ausmaß, aber vielleicht ein paar Mal im Monat für etwa eine halbe Stunde. Ich mochte diese Energie wirklich gerne.

Früher hast Du auf Konzerten gerne auch Fragen aus dem Publikum zu allen möglichen Themen beantwortet.
Stimmt, aber das ist manchmal ausgeartet und hat dann einfach zu viel Zeit in Anspruch genommen. Deshalb habe ich es irgendwann sein lassen. Auf der letzten Tour ist dieser Dialog zufällig ein- oder zweimal aber wieder aufgetaucht. Aber das werde ich nicht wieder regelmäßig einführen.

Das erinnert mich fast ein wenig an NICK CAVE.
Du meinst die Red Hand Files? Oh, ja, das ist wunderschön!

Interessant, dass scheinbar introvertierte Künstler doch gerne den Austausch mit dem Pubikum suchen.
Auf jeden Fall! Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Vielleicht wird die Kunst später extrovertierter.

Wie wird es nach den fünf Alben weitergehen?
Ich weiß es nicht. Überhaupt nicht. Aber erst mal sind ja zwei weitere Alben geplant. Das zweite und dritte waren die schwierigsten für mich. Das nächste wird auch ein wenig kompliziert, aber es ist schon halbwegs fertig. Und die fünfte Platte wird sich direkt und auf besondere Weise an den anderen Platten orientieren. Immerhin habe ich schon „Santa Cruz“ geschafft und bin sehr zufrieden damit. Aber jedes neue Album ist eine Herausforderung, aber zum jetzigen Zeitpunkt fühlt es sich sehr machbar an.


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