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CUBA MISSOURI – Bei uns geht nichts verloren

Good ol‘ Indie-Rock kriegt man heutzutage ja eher selten geboten. CUBA MISSOURI aus Münster und Osnabrück haben sich dem jedoch verschrieben und veröffentlichen in schöner Regelmäßigkeit Alben auf Make My Day Records, dem Kölner Label, auf dem unter anderem auch JOYCE HOTEL aus Dänemark, THE CANCER CONSPIRACY, sowie die großartigen SCHTIMM aus Norwegen beheimatet sind. Und damit fügen sie sich ganz gut in das Raster ihere Labelmates ein. Kürzlich erschien mit „Things i wish i had not called just things“ ihr neuester Longplayer, pünktlich zum Herbst startet eine Tour durch die hiesige Club-Landschaft. Fans der älteren NOTWIST und RADIOHEAD sollten einen Termin in ihrer Nähe durchaus mal vormerken. Aber bis es soweit ist, haben wir uns schon mal mit Ingo (Gitarre, Gesang) und Roland (Schlagzeug) per Mail auseinandergesetzt.

[F] Ihr habt inzwischen zwei EPs und zwei Alben veröffentlicht, was hat sich seit dem Beginn der Band alles geändert?
[A] Ingo: Nun, der ganze Zeitaufwand ist schon größer geworden, ebenso die meisten Strecken zu den Konzerten, aber so lernt man ja auch sein schönes Heimatland kennen. Äußerst angenehm ist zudem natürlich, dass das Interesse an der Band gestiegen ist.

[F] Ich vermisse auf dem neuen Album ein wenig die ungestümen Gitarren-Ausbrüche des Debüt-Albums. Dafür scheint euer aktuelles Album etwas homogener. Würdet ihr zustimmen, dass ihr erst jetzt einen bandeigenen Stil gefunden habt?
[A] Roland: Nein, ich denke, das kann man so nicht sehen. Wir entwickeln unsere Musik nun ja schon seit vielen Jahren – nicht erst seit dem Debütalbum – und es gibt einige Grundpfeiler, die immer wieder auftauchen. Aber innerhalb dieses Rahmens können die einzelnen Elemente unterschiedlich intensiv ausfallen. Wer weiß, vielleicht werden die
Gitarren-Ausbrüche beim nächsten Album wieder stärker ausfallen, oder eben auch nicht. Das planen wir nicht im Voraus, sondern es hängt von den jeweiligen Songs ab, die wir machen möchten. Aber wo ich dir Recht gebe, ist, dass das aktuelle Album homogener ist. Das liegt sicherlich daran, dass sowohl die Songs als auch dann die Aufnahmen in einem Rutsch in relativ kurzer Zeit entstanden sind.

[F] Auf eurer MySpace-Seite steht, dass ihr mit den genannten Referenzen oft nicht übereinstimmt. Wo seht ihr selbst eure Einflüsse, welche Pressezitate waren bisher die abwegigsten, und wie beurteilt ihr Vergleiche mit euren Labelmates JOYCE HOTEL?
[A] Ingo: Das mit den Einflüssen ist irgendwie nicht so einfach zu beantworten. Als kleiner Junge habe ich bei meinem großen Bruder Sachen von BLACK SABBATH über PINK FLOYD, DOORS bis hin zu YES und TANGERINE DREAM aufgesaugt, meine Schwestern fönten sich nebenan bei WHITNEY HOUSTON die Haare, während mein anderer Bruder gerade BACHS „Wohltemperiertes Klavier“ perfektionierte. An guten Tagen schmetterte meine Mutter beim Kochen dazu noch eine galizische Weise.
Wir haben natürlich alle Tonnen an Musik gehört, die irgendwo ihre Spuren hinterlassen. Das endet auch niemals! Den Gedanken angeregt, den C-64 zu verkaufen, eine E-Gitarre zu kaufen und eine Band zu gründen, haben bei mir sicherlich ganz entscheidend NIRVANA und SMASHING PUMPKINS. Zusammen mit dieser wunderbaren Sendung „Alternative Nation“ auf MTV, die den ganzen coolen, heißen Scheiß spielten, hat mich das und meine Kumpels aus meinem emsländischen Heimatkaff in ganz andere Sphären katapultiert. Aber ich schwelge ab… jedenfalls: Auf der Liste für die Insel, von der man nicht mehr zurückkehrt (es sei denn, man heißt Tom Hanks) finden sich bei mir bestimmt auch Platten von RADIOHEAD, NOTWIST, PORTISHEAD, MOGWAI, SOPHIA oder SIGUR ROS.
Bei einem Song auf „This year’s lucky charms“ hieß es mal, man würde ganz deutlich den Einfluss Kurt Ebelhäusers bei der Produktion hören. Gerade diesen Song hatten wir aber eben nicht mit Kurt aufgenommen, wir kannten uns zu dem Zeitpunkt nicht einmal. Ähnliches gilt für Vergleiche mit JOYCE HOTEL, von denen hatten wir auch noch nix gehört, bis sich Make My Day Records bei uns gemeldet hatte. Ist bis zum heutigen Zeitpunkt irgendwie auch noch nicht so meine Band. Für meinen Geschmack ein bisschen zu gewollt und zu viel Kopf.
Roland: Man liest viele solche abwegige Zitate: Vergleichsbands, die man gar nicht kennt oder kaum hört; Herangehensweisen, die einen überhaupt nicht interessieren; Verbindungen, die gar nicht stimmen können. Vielleicht ist das für Leser als Anhaltspunkt interessant – mit dem Prozess, wie wir selbst Musik machen oder darüber nachdenken, hat das nicht besonders viel zu tun.
Bei mir würden es wahrscheinlich MOGWAI und SIGUR ROS nicht auf die Insel schaffen, da ich den Platz für THE SMITHS und TOM WAITS bräuchte.

[F] Wie verlief die Arbeit mit Kurt Ebelhäuser, warum habt ihr ihn erneut als Produzent gewählt?
[A] Ingo: Nun, die Arbeit verlief sehr entspannt und locker, da Kurt diesmal schon genau wusste, wie wir so ticken. Das haben wir ja bereits zu den Aufnahmen von THIS „This year’s lucky charms“ klar definiert. Diesmal waren die Stücke allerdings noch nicht bis ins letzte Detail ausgefeilt, weil wir uns absichtlich weniger Zeit für das Songwriting gelassen haben, um eine gewisse Sponteinität zu bewahren. Das wiederum bedeutete für Kurt auch mehr kreativen Freiraum, was ihm natürlich mehr Spaß bereitete.

[F] Man hat aufgrund der Bandfotos den Eindruck, dass Ingo Drescher der Kopf der Band ist. Stimmt das, und wie viel Einfluss hatten die diversen Gastmusiker auf dem neuen Album?
[A] Ingo: Der Eindruck trügt, ich bin einfach nur mit der Fotografin liiert…
Roland:… außerdem muss der Fotogenste nach vorne. Alte Boygroup-Regel.
Die Gastmusiker sehe ich speziell bei diesen Aufnahmen als das Tüpfelchen auf dem i, um noch andere Klangfarben reinzubekommen.

[F] Was für „Dinge“ sind mit „Things i wish i had not called just things“ gemeint?
[A] Roland: Na ja, wenn diese Dinge einen Namen hätten, wäre das Problem, das der Titel zum Ausdruck bringt, ja nicht vorhanden!

[F] Was geschieht mit Ideen, die ihr verwerft? Werden sie später an anderer Stelle wiederverwertet?
[A] Ingo: Roland sagt immer: „Das passt jetzt nicht sooo gut, kann man aber bestimmt irgendwann mal gebrauchen.“ Die Songskizze zu „Cascading lives“ hab ich den Jungs mal vor geraumer Zeit auf Gitarre vorgespielt und ist glatt durchgefallen. Meistens habe ich dann eigentlich ein schnelles Einsehen, aber diesmal ließ ich ein paar Monate verstreichen und versucht das Ganze nochmal unverbindlich auf Piano und blickte plötzlich in strahlende Gesichter.
Roland: … der Song ist jetzt übrigens mein Lieblingssong auf dem Album. Und „Slow ground“ basiert, wenn ich mich richtig erinnere, auf einem ausrangierten Teil aus „White barracks resolution“, während der erste Teil von „White barracks resolution“ wiederum schon eine ganze Weile herumgeisterte, bis daraus ein richtiger Song wurde. Ach ja, und den Albumtitel hatte ich auch schon beim Debüt auf der Liste möglicher Titel stehen. Locker nochmal in den Raum geworfen, passte er jetzt auf einmal. Bei uns geht also nichts verloren.

[F] Eure Songlängen schwanken zwischen zwei und neun Minuten. Ist dieser Faktor für euch unwichtig beim Schreiben neuer Stücke, und worauf legt ihr mehr Wert?
[A] Ingo: Eigentlich ist uns nur wichtig, keine langweilige Platten zu machen. Wenn ein Song seine Zeit braucht, dann nimmt er sie sich.

[F] Was war der Grund, dass ihr einen zweiten Gitarristen in die Band aufgenommen habt?
[A] Roland: Als wir unser Debütalbum aufgenommen hatten, war uns schnell klar, dass einige der Studio-Overdubs so wichtig für die Songs waren, dass wir sie nur mit einem zusätzlichen Gitarristen und Keyboarder live würden spielen können. Da hatten wir das große Glück, dass Stephan, mit dem ich schon früher mal gespielt hatte, Lust hatte, diesen Job als Tourmusiker zu übernehmen. Das Ganze passte dann so gut, dass er schließlich nach rund zwei Jahren zum festen Bandmitglied wurde. Der Sound ist natürlich dichter geworden dadurch, und viele zusätzliche Ideen kommen in die Musik, die man auf dem aktuellen Album auch hören kann.

[F] Seit 2004 veröffentlicht ihr regelmäßig ein neues Werk pro Jahr. Ist das ein erklärtes Ziel, oder seid ihr tatsächlich so produktiv?
[A] Roland: Nein, das ist sicher kein erklärtes Ziel. Die EP von 2004 wurde zum Beispiel lange vorher aufgenommen, und wann wir das nächste Album in Angriff nehmen, ist zur Zeit völlig offen, richtet sich aber eher nicht nach einem solchen Rhythmus. Was aber tatsächlich ein erklärtes Ziel war, ist, in Bezug auf „Things…“, dass wir diese Platte gerne spontan und schnell machen wollten. Für mich wäre logisch, dass ein nächstes Album dagegen wieder anders angegangen wird. Es wäre langweilig, wenn wir dann genauso vorgehen würden wie jetzt bei „Things…“.

[F] Wie seid ihr auf das damals noch kleine Label Make My Day Records aufmerksam geworden, und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?
[A] Roland: Wir hatten damals eigentlich alle möglichen Labels bemustert, also wirklich sehr viele, die recherchiert man dann ja im Internet. Von einigen dieser Labels kamen dann positive Reaktionen, aber die von Make My Day war wohl deutlich schneller und vor allem wesentlich konkreter als von anderen. Da kamen wir dann schnell überein. Wie sich rausstellt, war das ein echter Glücksgriff für uns, da wir uns sehr wohl fühlen. Make My Day hatte aber zu dem Zeitpunkt schon ST. THOMAS, da war also schon ein Name, den wir gehört hatten und der nicht so unbekannt war.

[F] Ihr bekommt ja recht ordentliche Features in der Presse. Denkt ihr, dass euer Label mit der dazugehörigen Promo-Agentur einen Teil dazu beiträgt, oder setzt sich Qualität am Ende doch durch?
[A] Roland: Natürlich trägt das sehr dazu bei. Ohne Promotion ist es schwer, egal, wie gut eine Band ist, da habe ich wenig Illusionen. Denn, wie will man bei dem Angebot an Bands sonst wahrgenommen werden? Wie dann aber die Kritiken ausfallen, das kann natürlich keiner wissen.
Ingo: Die sagen immer: „Mehr als den Leuten das auf die Nase binden, können wir auch nicht machen.“ Da verirrt sich aber bestimmt mal der ein oder andere Fuffi im Anschreiben…

[F] Wie verliefen die Konzerte im Vorprogramm von IDLEWILD und TWO GALLANTS, was waren bisher eure besten Gigs, und wen würdet ihr gerne mal supporten?
[A] Roland: Die Konzerte vor den TWO GALLANTS im letzten Jahr kamen erstaunlich gut an und sind uns in guter Erinnerung. Da haben wir auch sehr viele positive Reaktionen bemerkt. Vor IDLEWILD hatten wir es in diesem Jahr deutlich schwerer, da lagen die Stile und Herangehensweisen unserer Musik vielleicht dann doch zu weit auseinander, und wir hatten für mein Gefühl eher die Rolle der Vorband, die das Publikum eben so notgedrungen hinnimmt. Aber das lässt sich letztlich schlecht genau im Voraus berechnen. Wer weiß schon, wie die Leute reagieren? Man hätte ja denken können, unsere Musik passte nicht zu TWO GALLANTS, aber das war da kein Problem.
Zu unseren momentanen Lieblingsgigs gehört anscheinend ein Konzert im Stuttgarter Merlin vom letzten Jahr und in diesem Jahr das im Magnet in Berlin. Aber das sind subjektive, zur Legendenbildung geeignete Einschätzungen aus dem Bandgefühl, die sich nur schwer erklären lassen.
So Abende, wo man denkt, es macht klick. Wir haben aber noch viele Gigs vor uns in diesem Jahr, vor allem bei der Tour ab Oktober – mal sehen, wer es noch so in die Top Ten schafft. Und Bands zum supporten? Da gibt es so viele. Unmöglich aufzuzählen. Am liebsten sind uns im Grunde die, bei der wir auch als Supportband an den Kühlschrank mit Bier dürfen.

http://www.cubamissouri.de
http://www.makemydayrecords.de