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BOHREN & DER CLUB OF GORE – 09.10.2026, MS Stubnitz (Hamburg)

Meine Freundin fragte auf dem Weg zur MS Stubnitz noch, ob BOHREN & DER CLUB OF GORE denn gerade ein neues Album veröffentlicht hätten. Hmm … nicht, dass ich wüsste. Das Rätsel sollte sich im Laufe des Abends noch lösen. Ein anderes bleibt ungelöst: Wo ist eigentlich das Interview mit der Band aus Mülheim an der Ruhr verschollen, das ich 2005 mit ihr geführt habe? Im Archiv von Blueprint ist nichts zu finden. Eigentlich verschwindet dort nichts, es sei denn, man löscht es. Vielleicht ist das Gespräch einem Bandsalat meines alten Diktiergeräts zum Opfer gefallen. Oder habe ich die Band nie interviewt, sondern das Ganze nur sehr real geträumt? Eines der großen Rätsel meines Lebens. Vielleicht sollte ich BOHREN & DER CLUB OF GORE einfach mal wieder interviewen und fragen, ob sie sich noch an unser Gespräch vor mehr als 20 Jahren erinnern. Vielleicht haben sie ja ein besseres Gedächtnis als ich.

Relativ lückenlos geführt wird immerhin meine digitale Konzertliste. Dort kann ich nachschauen, wann und wo ich eine Band zum ersten Mal gesehen habe und wie oft ich sie schon erlebt habe. BOHREN & DER CLUB OF GORE fallen dabei ein wenig aus dem Rahmen: Heute sehe ich die „Dark Jazzer“, wie Wikipedia sie nennt, zum dritten Mal. Zwischen den Konzerten lagen jeweils rund zehn Jahre. Das passiert auch nicht alle Tage. Verlässlich ist dagegen die treue Fangemeinde: Nicht selten sind die Konzerte lange im Voraus ausverkauft, so auch heute Abend auf der MS Stubnitz. Das Schiff hat seinen Liegeplatz kürzlich um knapp einen Kilometer westwärts vom alten Standort an den Elbbrücken verlegt und ist mit der U4 nun besser zu erreichen. Ob der Pachtvertrag verlängert wird, der noch rund anderthalb Jahre läuft, bleibt abzuwarten. Wobei ein Schiff gegenüber einem gewöhnlichen Musikclub einen entscheidenden Vorteil hat: Gibt es Ärger mit dem Vermieter oder den Anwohnern, schippert man eben ein paar Meter weiter.

Den neuen Liegeplatz fanden jedenfalls alle. Als die drei Herren mit einer Viertelstunde Verspätung loslegten, war das ehemalige Kühlschiff der DDR-Hochseefischereiflotte gefüllt wie eine Sardinendose. Um im maritimen Jargon zu bleiben. Eröffnet wurde das Set mit „Im Rauch“ und „Ganz leise kommt die Nacht“, beides Stücke vom 2014 erschienenen Album „Piano nights“. Für Pressefotografen ist die MS Stubnitz eine Herausforderung: kein Fotograben, dafür Säulen und Stolperfallen, minimale Bühnenbeleuchtung und Musik in Zeitlupe. Das Publikum bewegt sich kaum. So großartig das für Konzert und Band ist – mit dem Klicken der Kamera und dem Vordrängeln in die ersten Reihen fühlt man sich schnell wie ein Störenfried. Doch die Fans von BOHREN & DER CLUB OF GORE sind tiefenentspannt und hören lieber zu, als sich zu beschweren. Das weiß auch Christoph Clöser zu schätzen. Der Mann an Saxofon und Vibrafon befindet nach ein paar Songs: „Bremen war gestern schon ganz schön, aber in Hamburg ist es noch schöner.“

Wenig später kündigt er an: „Im nächsten Song geht es um Eure Reallöhne. Das Stück heißt ‚Tief gesunken‘.“ Was BOHREN & DER CLUB OF GORE neben all der Tristesse, Ruhe und Morbidität auszeichnet, ist ihr trockener Humor zwischen den Songs. Anschließend heißt es von Clöser lapidar: „Der Glatzkopf muss aufs Klo.“ Und tatsächlich verschwindet Morten Gass, der im Hintergrund Schlagzeug, Rhodes und gelegentlich Gitarre spielt, für ein paar Minuten von der Bühne. Kurz darauf geht auch der Mann neben meiner Freundin zu Boden: Der Kreislauf macht schlapp. Kaum auf dem Hintern gelandet, ist er wieder bei Bewusstsein und beschließt, oben an Deck frische Luft zu schnappen.

Irgendwann klärt sich auch die Frage nach dem neuen Album. „Es gibt viele Bands, die ihre unfertigen Songs vor dem Publikum live erproben. Ich könnte da immer kotzen. Wir spielen da lieber unsere abgehangenen, gut gereiften …“ Wenn Clöser spricht, erinnert das ein wenig an HELGE SCHNEIDER, der aus derselben Stadt stammt wie das Trio. Und natürlich an BOHREN & DER CLUB OF GORE selbst: Alles braucht seine Zeit, auch ein angefangener Satz. Ein Zuschauer kommt ihm schließlich zuvor und ergänzt: „Gassenhauer“. Das gefällt Clöser, er schmunzelt und übernimmt den Begriff bereitwillig.

Am Ende bedankt er sich noch einmal für den schönen Abend in Hamburg. Nach zwei Zugaben ist Schluss. Wann ein neues Album erscheint, bleibt offen. Man lasse sich eben Zeit, bis alles fertig sei. Zeit ist bei BOHREN & DER CLUB OF GORE ohnehin ein relativer Begriff. Genau das macht die Band so besonders. Bleibt nur zu hoffen, dass zwischen meinem heutigen und dem nächsten Konzert nicht wieder zehn Jahre liegen. Sonst sehen wir uns erst 2036.