FICTION PLANE – Left side of the brain

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„Die linke Hemisphäre bei Rechtshändern hat in der Regel eine dominante Rolle bei Aktivitäten wie analytischen Aufgaben,
Kategorisierungen,
Rechenaufgaben,
logischer Anordnung,
sequentieller Informationsstrukturierung, komplexen motorischen Funktionen und Sprache…“

Vorab: Es ist der 11. September 2007 in der AOL-Arena zu Hamburg. Um die Zeit zum Beginn des Konzertes von THE POLICE totzuschlagen, habe ich mich mit ein paar Fans vor der Bühne angefreundet. Und nun, um die 19. Stunde herum, betreten drei jung aussehende Männer das Podium. Schade, dachte ich noch, gerade war die Unterhaltung mit den beiden Typen aus Hannover so nett. Eine Sekunde später war die Unterhaltung vergessen und ich sah gebannt zur Bühne – FICTION PLANE kommen a) sofort zur Sache und b) sympathisch rüber. Drei richtig amtliche Mucker, die keine Langeweile aufkommen ließen. Aber nun zur aktuellen CD:

1. „Anyone“ ist genau der richtige Einstieg: Der Gitarrist Saton Daunt präsentiert zu Beginn und ganz allein auf weiter Flur zwei herrliche Brachialakkorde, mit einem schönen angegrungeten Telesound. Ein sattes Twäng bis der Arzt kommt, dann der Einstieg vom Drummer Pete Wilhoit, eben diesen Akkorden des Gitarristen folgend. Am Sound der Drums hätte John Bonham ganz sicher seine helle Freude gehabt. Dazu der einsetzende Killerbeat von Joe Sumner, dem Bassisten und Sänger. Der von Sumner gesungene Text passt wundervoll in den gebotenen Groove. Der Chorus, nur aus einem Wort bestehend, eignet sich vorzüglich als Sing-a-long ganz im Stile von Bono. Überhaupt strömt während des Hörens von „Anyone“ viel Bekanntes auf mich ein: Chorus wie U2, das Gitarrensolo aus solider Wah-Wah Arbeit erinnert mich an „Dazed and confused“ von LED ZEPPELIN, zumindest im ersten Teil. Im Mitteilteil des Solos kommt jetzt aber ganz klar der JIMI HENDRIX-Einfluss zum Tragen („Voodoo child“). Das abschließende Wah-Wah-Lick des Solos hätte auch von Carlos Santana sein können. Es ist klasse zu hören, welche Einflüsse verarbeitet werden, ohne dass es wie ein Plagiat klingt.

2. „Death machine“: Gitarrist Saton Daunt kommt mit einem funky Intro daher. Ein hammerhartes Funky-Chord-Lick an dem Maceo Parker seine helle Freude hätte. Hier wird dieses herrliche Tele-Twäng nochmals überdeutlich. Der Titel entwickelt sich dann zu einer Art Reggae-Funk-Pop Stück, und es ist erstaunlich, welches Timing die drei Musiker und welches Gespür für schöne Melodien der Komponist an den Tag legt. Die Melodien von Strophe und Chorus sind ganz fein in den Groove eingearbeitet.

Nahtlos geht es dann in Stück drei, „Two sisters“, über und nochmals einen halben Gang zurück. Diesmal ein reines Reggae-Intro, bei welchem der Gitarrist die bei BOB MARLEY üblichen Wanderakkorde verwendet. MARLEY, TOSH und BUNNY WAILER hätten sicherlich ihre helle Freude an diesem Groove, der ebenfalls durch die Melange aus Reggae und Pop-Punk-Rock besticht. Auf jeden Fall wird auch hier deutlich, dass Groove und Timing kein angloamerikanisches Phänomen sind.

Stück 4. „It´s a lie“ wird sicherlich mein Favorit der CD werden. Die Drums sind super arrangiert und spielen Rhym-Shots, anstelle der Hi-Hat-Becken, während der Strophe. Dadurch wird dem ungemein treibenden Titel zunächst einmal eine angezogene Handbremse verordnet. Ab der Bridge wird dann anstelle des Rhym-Shots, richtiges Hi-Hat gespielt, und siehe da: Die Handbremse löst sich langsam, und ab dem dann folgenden Chorus geht der Song richtig ab. Jetzt kommt nämlich richtiger 4-Beat und dazu ein kräftiges Ride auf den Zählzeiten zwei und vier. Eine gelungene Komposition in der klar wird, dass der Trommler nicht nur der Besitzer einer solchen ist.

5. „Left side of the brain”: Dieses Stück kommt daher wie ein Fremdkörper und passt so gar nicht zu dem, was es bisher zu hören gab. Ein abgehackter, irgendwie vertrackter Drum-Beat, dazu ein Bass, von dem ich den Eindruck habe, das dieser für einen ganz anderen Song gedacht ist. Für eine Punk-Nummer zu kopflastig und für Jazz-Rock zu schlecht. Selbst der zum Ende hin gesungene mehrstimmige Chor, der wie ein Mantra daherkommt, kann den Song nicht retten. Vielleicht liegt es am Text? Wie in den frühen Siebzigern, als der Text unbedingt zur Musik passen musste … Mein Resümee : Für einen Rocktitel zu kompliziert, für einen Punktitel zu kopflastig und für Jazz-Rock zu schlecht.

6. „Cold water symmetry“: Hier passt das Bild wieder. Die groovigen Beats und die Downstroke Technik vom Gitarristen. Sehr solide Handarbeit ohne Netz und doppelten Boden. Bestechend auch hier wieder das feine Gespür für schöne Melodien. Überhaupt stelle ich fest, dass die CD bis hierhin ohne solistische Ego-Trips auskommt. Wenn überhaupt soliert wird, dann absolut songdienlich und eben nicht mehr als nötig.

7. „Running down the country“: Der Song zeigt einmal mehr, wie technisch ausgeschlafen die Jungs von FICTION PLANE sind. Im Chorus wird offensichtlich die Taktzahl mehrfach gewechselt, was mir persönlich sehr gut gefällt. Klingt alles wie 4-Beat, nur mitzählen geht nicht, weil es neben 4-Takt-Schemata jede Menge anderer Sachen, sprich Taktarten, gibt. Eine gelungene Nummer, die einmal mehr das Können der Band unterstreicht.

8. „Drink“: Getreu des Mottos „… und jetzt ´n ruhiges Stück“, singt Sumner mit wirklich viel Gefühl und spielt dazu akustische Gitarre. Der Gesang trieft im positiven Sinne und dann dieses leicht Brüchige in der Stimme. Das hätte BON JOVI nicht besser gekonnt. Dazu wird hier und dort ein bisschen Hammond-Orgel untergemischt. Der Song wirkt und ist minimalistisch, dabei aber sehr tragend und gut geerdet. Hier passt der Text zur Musik, und überhaupt sind die Texte dieser CD glaubwürdig: Sumner singt über das Leben – sein Leben? Keine Ahnung, aber was er singt, ist glaubwürdig, und ich kaufe ihm jede Zeile ab.
Nicht zuletzt deswegen, weil er auf Aussagen wie: „My baby´s gone because i don´t care / I don´t know what to do / my life is just a nightmare” verzichtet.

9. „Presuppose“: Yo, da ich musikalisch und gedanklich noch an der vorhergehenden Ballade hänge, reißt mich das von der Gitarre kommende Rockabilly-Lick im Intro von „Presuppose“ aus den Träumen zurück in die rockige Realität. Genial auch wieder die schon oben erwähnte Melange, die sich dieses Mal aus Rock und poppigem Rockabilly zusammensetzt. Bass und Schlagzeug bilden ein phantastisches Fundament. Die Figuren der Bass Drum passen punktgenau mit dem Bass, und oben drüber trägt der Gesang. Überhaupt finde ich die Frequenzaufteilung der Band gelungen. Joe Sumner, verantwortlich für den Tiefton und den Gesang, bettet die von Natur aus in den Mitten liegenden Gitarrenfrequenzen von Seton Daunt sowie den Drumsound von Pete Wilhoit perfekt in sein zur Verfügung stehendes Instrumentarium ein.

10. „Cross the line“: Ein Pop-Song, der wie alle anderen Titel handwerklich gut gemacht ist und vor allem durch die solide Rhythmusarbeit des Gitarristen geprägt wird. Das Stück hat etwas balladeskes, ohne in die sonst üblichen seichten Gewässer dieses Genres abzudriften.

11. „Fake light from the sun“: Der letzte Song kommt ein bisschen psychedelisch daher und erinnert mich an die Instrumental-Nummer „My luxury depression“ von Michael Sagmeister. Düstere Akkorde und dazu ein düsterer Gesang von Joe Sumner. Mein Ding ist das nicht unbedingt. Das was bei der Ballade Nr. 7 super funktioniert, klappt aus emotionaler Sicht nicht bei diesem Stück. Ich hätte mir zum Abschluss der CD einen anderen Titel gewünscht. Irgendetwas, das Lust auf mehr macht. Meiner Meinung nach, wäre das vorhergehende „Cross the line“ ein guter Abschluss dieses Werkes gewesen aber, die Geschmäcker sind halt verschieden.

Fazit: FICTION PLANE ist das, was ich unterm Strich als Band mit gewaltigem Potential bezeichnen würde. Bei wirklich jedem Titel schwingt etwas Bekanntes mit. Es ist, als ob sich etwas aus jeder Stilistik der vergangen vier Dekaden der Musik in FICTION PLANE manifestiert hat. Dennoch klingt die Musik zu keiner Zeit wie ein Abziehbild von irgendetwas bereits da gewesenem. Handwerklich spitzenmäßig, technisch brillant. Die Band klingt nicht nur auf der CD sondern auch live wie ein Orchester. Der Sound der gesamten CD klingt frisch, und ich habe den Eindruck, als ob der Produzent aufwendiges Equalizen und den Einsatz vieler Kompressoren unterlässt, was dem Sound sehr gut tut. Der Sound kommt herrlich direkt mit viel Headroom daher und lässt jede Menge Luft zum atmen. Sumner ist ein hochkarätiger Sänger und ein absolut ausgeschlafener Bassist, der es gewiss nicht nötig hat, seinen weltberühmten Vater (STING) als Grüßaugust und Türöffner vorzuschicken. Gitarrist Seton Daunt und Drummer Pete Wilhoit sind genau die Typen Musiker, die man für diese Art Musik braucht. Dieses Trio hat das Potential, Musik groß klingen zu lassen, und eben diese Erkenntnis gibt mir Zuversicht und Mut, irgendwann doch noch in den Genuss schön klingender Musik aus dem Radio zu kommen. Es kann und darf doch auch mal etwas musikalisch Anspruchsvolles für die zu entrichtenden GEZ-Gebühren gesendet werden und nicht nur Oldies oder JUNI, 2ZKB und HONGKONG PENSION, oder wie hießen diese Bands doch gleich?