MUFF POTTER haben ein neues Album, das sie demnächst auf Tour präsentieren werden. Otti hatte lange kein Interview mehr angefragt und dachte: Das ist doch jetzt der richtige Zeitpunkt. Brami stand Rede und Antwort und am Ende war man sich einig, dass Gymnasien eigentlich überholt sind.
Damit ich weiß. welche Fragen ich mir sparen kann: Gibt es eine alte Fanzine-Anekdote oder ein Interview aus eurer Anfangszeit, bei der du heute noch den Kopf schütteln oder laut lachen musst?
Nicht wirklich. Es gab viele Interviews, die irgendwie ausgefranst sind, weil sowohl Interviewer, als auch Interviewter angetrunken waren oder angetrunken wurden, während des Gesprächs. Es gab viel Schwachsinn, muss man sagen. Was immer nervt, ist, wenn man zu tagespolitischen Themen befragt wird. ich denke dann immer: Warum soll ich denn jetzt dazu meine Meinung sagen, wieso werde ich da als Fachmann herangezogen?
Wobei, wenn man in die aktuellen Talkshows schaut, da gelten ja alle als Fachleute, hat man den Eindruck.
Ja, vielleicht sollte man mich mal einladen, dann wäre das ein für allemal abgehakt.
Ist denn schon die Vorfreude auf die Tour da?
Ja, absolut. Ist ja lange und immer wieder angekündigt. Live spielen ist ja das, wofür man das Ganze auch macht – also, ich zumindest.
Ich habe euch vor vielen Jahren unter anderem im Kölner Underground und im Bonner Bla gesehen. Würdest du gerne noch einmal dieses Gefühl des wirklich kleinen, verschwitzten, energetischen Clubs von damals haben oder ist es so, wie es jetzt ist, genau richtig?
Im Bla. Ich erinnere mich dunkel. [lacht] Also, ich mag die kleinen Läden – also, eigentlich mag ich es, wenn’s voll ist. Dann darf der Laden natürlich auch ein bisschen größer sein. Aber so die ganz großen Sachen wie Rock am Ring, die finde ich nicht so dolle. Ist schön, das mal zu erleben, aber ich mag’s kleiner und gut gefüllt. Vor 300 Leuten und der Laden ist voll ist besser, als vor 400 Leuten im 1000er Laden.
Trotz der zehnjährigen Pause fühlte es sich vom ersten Moment der Reunion und auch noch heute so an, als wärt ihr nie weg gewesen. Was glaubst du, wie nützlich war diese Pause für genau dieses Gefühl bei den Fans?
Das fällt mir total schwer, zu beantworten. Ich weiß ja nicht, wie es gewesen wäre, wenn wir die Pause nicht gemacht hätten. Zumal wir ja keine Pause gemacht, sondern uns aufgelöst haben. Wir hatten echt keinen Bock mehr, die Luft war raus, es war mehr Stress als alles andere.
Dann war vielleicht der klare Schlussstrich das Wichtige und Richtige.
Wahrscheinlich. Vielleicht hätten wir es auch nicht so an die große Glock hängen müssen, mit Abschiedstour etc. Wir hätten auch einfach eine Schaffenspause machen können. Ich warte ja auch noch auf das WEAKERTHANS Comeback, sehnlich. Ich glaube, das wird bald passieren.
Für mich hat es sich jedenfalls danach so angefühlt, als würden wir einfach weitermachen. Und in der Pandemie konnten wir dann am “Bei aller Liebe”-Album arbeiten und sind glücklicherweise daran nicht zerbrochen.
Auf der einen Seite ist Klepto ein typisches Muff Potter Album, auf der anderen wirkt es, alshättet ihr euch mit so vielen Stilen wie noch nie befasst, auch und gerade, was die Rhythmussektion betrifft. Wie sehr hast du dich in dieses Album eingebracht und hat dich der Gesamtprozess als Musiker verändert?
Also, man verändert sich ja immer. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen: “Ich fand’s früher schöner”. Ich möchte mich nicht selber langweilen, sondern mich begeistern. Und Genregrenzen haben für uns keine wirkliche Relevanz. Ich versuche, songdienlich zu spielen, letztendlich geht es um den Song, was hilft ihm weiter.
Früher waren wir selbst viel begrenzter, auch in dem, was wir privat gehört haben.
Gibt es einen bestimmten Muff Potter-Song, der dich live nach all den Jahren immer noch maximal fordert oder dir am meisten Spaß macht?
Wir spielen ja immernoch so ein paar alte Hits wie “Molotow” oder “Die Guten”, die machen Spaß, weil die Leute sie hören wollen. Herausfordernd ist für mich bei den neuen Songs, dass ich mit der geschlossenen Hihat arbeite, Sechzehntel auf der Hihat, das ist schon recht schnell, ein bisschen wie ein Halbmarathon, bei dem man nicht zu schnell losrennen darf, sonst fällt mir die Hand ab. Also eher körperlicher Natur.
Ansonsten spielen wir gerne auf unseren Konzerten die neuen Songs. Das will vielleicht auch nicht jeder. Aber auch das ist für die Band eine Weiterentwicklung, wir wollen auch nicht in die Sackgasse des Auf-Zuruf-Spielens laufen, dann wird man fast zur Tanzband.
Wie sehr hat Dennis’ Tod euch in der Arbeit für Klepto beeinflusst? Ihr habt ihm ja auch die Bonus-7” “Königsesch” gewidmet.
Genau. In der Arbeit hat er uns, ehrlich gesagt, nicht beeinflusst. Dennis war ja auch schon länger nicht mehr dabei und leider haben wir in der letzten Zeit auch nur noch wenig Kontakt gehabt, hier und da mal eine WhatsApp. Aber auf das Album hat sich das außer der 7” nicht ausgewirkt.
Ihr bedient euch bei den Besten, sagt ihr selbst, und seid dennoch tausendmal besser als KI-Songs. Gerade beim Schlagzeug machen Timing, Schwankung und ‚Menschlichkeit‘ den Unterschied zu programmierten Drums. Was ist es für dich, das KI-Songs niemals simulieren können? Was macht menschengemachte Musik so stark?
Wahrscheinlich, dass sie eher die Tendenz hat, überraschend zu sein und nicht immer die Erwartungen erfüllt. Die Unperfektheit im besten Sinne, die KI maximal imitieren kann. Aber es ist schon eine seltsame Sache und nicht ungefährlich.
Wenn du der Band Muff Potter aus dem Jahr 1994 einen Ratschlag geben könntest – welcher wäre das?
Übt ein bisschen mehr und konzentriert euch bei Konzerten etwas mehr auf die Musik. Man hätte durchaus disziplinierter sein können. Aber wir waren jung und daher auch alles in Ordnung. Aber wenn ich einen Tipp geben soll, dann diesen.
Zuletzt eine politische Frage: Ich bin Lehrer an einer sogenannten “Brennpunktschule” in Hamburg. Was würdest du an meiner Stelle den Su:S mitgeben, um möglichst zu verhindern, dass sie in den Strudel der AfD geraten?
Es geht um ganz profane Dinge wie Anstand und Rücksicht, die einen eigentlich davor bewahren sollten. Diese Dinge stellt die AfD ja ganz offen zur Disposition. Es geht nicht darum, dass alle Mathegenies werden, sondern – klingt etwas platt – einfach gute Menschen werden. Das sagte meine Frau, die auch Lehrerin ist, neulich ebenfalls.
Auch hier in einer Kleinstadt wie Oelde wird es immer schwieriger, auch, weil von zu Hause einige Dinge nicht mehr vermittelt werden. Und bspw. wird am Gymnasium einfach “losgepaukt”. Und auf die Gesamtschule gehen die, die es nicht aufs Gymnasium schaffen. Eigentlich müsste das Gymnasium abgeschafft werden.
Da gebe ich dir komplett recht.
Ja, und so kann man ein Interview dann auch ganz wundervoll beenden, oder? Meiner Meinung nach. Zum nächsten Album dann gerne wieder.
Hier noch die Tourdaten zur „Klepto“-Tour: https://kkt.berlin/artist/muff-potter/