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Zwischen Abschied und Aufbruch: Timo Kumpf über das Maifeld Derby und neue Formate

Für viele Festivalbesucher:innen war das Maifeld Derby in Mannheim über Jahre hinweg ein Fixpunkt im Kalender – ein Ort für sorgfältig kuratierte Lineups jenseits des Mainstreams, mit Gespür für Trends, bevor sie Trends wurden. 2025 fand das Festival in seiner bisherigen Form ein Ende. Ganz verschwunden ist es allerdings nicht: In Heidelberg steht Ende Mai eine kleinere, eintägige Ausgabe an, seit Monaten ausverkauft. Und auch für den 15. August kündigt sich bereits Neues an – noch ohne konkrete Details.
Für uns vom blueprint-fanzine Grund genug, mit Timo Kumpf zu sprechen, dem Kopf hinter dem Maifeld Derby. An einem vorsommerlichen Montagabend telefonierte unser Autor Emil mit ihm – während sich Timo parallel einen Spaziergang gönnte. Es wurde ein Gespräch über Improvisation, Erinnerungen, politische Grenzlinien und die Frage, wie es weitergeht.

Du hast in den letzten Wochen immer wieder ein „Save the Date“ für den 15. August gepostet. Was steckt dahinter? Mein Maifeld Freundeskreis und ich fragen uns jetzt alle, was du da geplant hast. Da Du dem Ganzen den Titel „Holidays Dehäm“ gegeben hast, kam schon aus Spaß die Frage auf, ob du BÜLENT CEYLAN mit musikalischer Begleitung von GRINGO MAYER engagiert hast.
Ach Quatsch, natürlich nicht. Es wird im Grunde noch mal so etwas wie die Heidelberger Ausgabe – nur dürfen wir aktuell weder Ort noch Details nennen, weil wir noch auf Förderzusagen hoffen. Würden wir das vorher veröffentlichen, wäre die Förderung futsch.
Da die Veranstaltung in Heidelberg „Edition“ heißt, wird das im August dann „Amüsement“ heißen – einfach, um es klar vom „Derby“ abzugrenzen. Es gab nämlich schon falsche Pressemeldungen, dass das Maifeld Derby jetzt nach Heidelberg zieht.

Dann lass uns über die „Edition“ am 23. Mai sprechen. Wie ist der aktuelle Stand und wie zufrieden bist Du mit der Entscheidung, das Ganze ins Leben gerufen zu haben?
Für mich ist das eher so ein Nebenbei-Projekt – was es aber auch total befreiend macht, weil weniger Druck da ist. Wobei: Der kommt jetzt langsam, die Veranstaltung ist ja bald.
Die Resonanz war krass, das hat mich wirklich gefreut. Auch das Feedback zum Lineup ist gut. Die Planung lief lange eher nebenher und wurde erst spät konkreter, aber jetzt haben wir eine richtig schöne Mischung. Da sind Acts dabei, die noch sehr groß werden könnten, aber auch solche wie ARTIFICIAL GO, die wahrscheinlich immer klein bleiben – und genau das ist ja auch okay. Es geht mir einfach um ehrliche Musik. Ich werde mein Booking weiterhin nicht nach Trends ausrichten.

Kannst du schon etwas zum noch unangekündigten Act sagen?
Vermutlich der mainstreamigste Act im Lineup. Deutsche Band, weniger kantig – aber mit einer wichtigen politischen Botschaft. (Inzwischen wurde der Act bekannt gegeben, es ist MARLO GROSSHARDT)

Wie sieht es mit den Bühnen aus?
Es gibt drei: eine kleine Open-Air-Bühne, einen kleinen Club und einen großen Saal. Insgesamt wird das eher gemütlich. Die größte Herausforderung war, das Konzept auf die neuen Gegebenheiten zu übertragen. Durch die geringere Kapazität wird es mehr Überschneidungen geben. Und ja, es wird Situationen geben, in denen der Club voll ist und niemand mehr reinkommt. Aber das kennt man ja auch von anderen Festivals.

Du steckst gerade mitten in den Vorbereitungen. Was nervt dich bei der Organisation am meisten?
Leuten hinterherrennen. Im Moment suchen wir wieder Helfer:innen – die Resonanz ist oft überschaubar. Viele alte Crew-Mitglieder sind noch dabei, aber die Dynamik muss erst wieder entstehen.
Ich habe früher schon mal ein kleines Dorf-Festival gemacht – da wusste ich manchmal einen Tag vorher nicht, wer überhaupt hilft. Und irgendwie hat es trotzdem immer funktioniert. So wird es diesmal auch sein.

Wie viele Helfer:innen brauchst du?
So 30 bis 40. Aber vieles ist noch nicht final – was ich ehrlich gesagt auch spannend finde.

Warst du eigentlich sauer, als LOLA YOUNG beim Maifeld Derby abgesagt hat und kurz danach mit „Messy“ durch die Decke ging?
Sie hat ja sogar zweimal relativ kurzfristig abgesagt. Beim zweiten Mal hieß es dann noch: „Wir spielen nächstes Jahr für dieselbe Gage.“ Da habe ich mir schon gedacht: Ja, klar – eher nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass das wirklich passiert wäre, war ohnehin ziemlich gering. Man sieht ja jetzt auch, dass sie nur Teile ihrer Tour spielen konnte.
Enttäuscht waren wir natürlich alle. Beim ersten Mal sogar noch mehr als beim zweiten. Mir war nämlich schon nach dem ersten Song klar: Die wird ein Superstar. Ich habe sie damals direkt angefragt, und die Zusage kam sofort. Ich weiß gar nicht mehr genau, ob da überhaupt schon mehr als dieser eine Song draußen war. Die ersten zwei, drei Releases waren auf jeden Fall überragend. Danach kam eine Phase, die ich persönlich eher bescheiden fand – ein bisschen belanglos vielleicht. Und dann ging es plötzlich wieder in die andere Richtung, und sie hat einen Hit nach dem anderen rausgehauen.
Wenn ich heute drauf zurückblicke, waren die Absagen aber noch im Rahmen. Aber es gab Fälle, die ähnlich wehgetan haben – LONDON GRAMMAR zum Beispiel, das war auch richtig schade.

Was waren für Dich die größten Enttäuschungen und Überraschungen in der ganzen Maifeld Derby-Zeit?
Schwer zu sagen. Wenn ich auf die Lineups zurückblicke, ist das schon absurd – was für Acts da gespielt haben und wie viele später riesig wurden. Oder wie rar sich manche auch danach gemacht haben. Es gibt Acts, die haben danach nie wieder auf einem deutschen Festival gespielt haben.
Bei den Enttäuschungen wären es wahrscheinlich eher die Fälle, die man von außen gar nicht sieht: Acts, die kurz vor der Zusage standen und dann doch abgesprungen sind – oder plötzlich meinten, sie müssten jetzt das Doppelte verlangen. Das sind die Momente, die einen wirklich ärgern. Aber selbst da fällt mir spontan kein konkretes Beispiel mehr ein.
Oft sind es eher die kleinen Dinge rund ums Festival, die mich genervt haben. Wir haben ja für viele Acts in Mannheim Hotelzimmer gebucht. Und das B&B HOTEL, fast direkt am Festivalgelände, hatte da einen wirklich unangenehmen Chef. Ich war einmal mit Jan Müller (TOCOTRONIC) dort, und obwohl wir die Zimmer vorher gebucht hatten, wurden uns kurzerhand die Duschmöglichkeiten verwehrt. Wir sind extra hingefahren – und er hat Jan einfach nicht duschen lassen. Und nach zehn Jahren ist uns genau das wieder passiert: wieder wurden wir auf extrem unfreundliche Art abgefertigt und weggeschickt. Jan hat sich damals ziemlich laut Luft gemacht – aber ich war vermutlich noch einen Tick lauter.
Aber wenn ich rückblickend auf die ganze Zeit schaue, denke ich mir vor allem: krass, was da alles passiert ist – und krass auch, wie gerade bei kleineren Bands die Leute davorstanden und komplett abgegangen sind. Gerade letztes Jahr hat die Publikumsresonanz bei einigen dieser Acts noch mal alles in den Schatten gestellt.
Was mich auch immer besonders freut, ist, wenn Bands im Nachhinein darauf reagieren. Neulich haben GETDOWN SERVICES, BIG SPECIAL und ANTONY SZMIEREK ein gemeinsames Foto gepostet. Ich habe das mit „Class of Twenty Five“ kommentiert, und sie meinten zurück, dass sie sich erst kürzlich über das Maifeld Derby ausgetauscht haben. Das sind Bands, die wahrscheinlich vorher noch nie von Mannheim gehört hatten, dann dorthin kommen, eine richtig gute Zeit haben – und ein Jahr später immer noch darüber sprechen. Das finde ich schon ziemlich cool.
Oder persönliche Erinnerungen: Einer meiner allerliebsten Maifeld-Derby-Momente war, als THE NOTWIST 2013 gespielt haben und neben mir Elena Tonra von DAUGHTER mit Tränen in den Augen stand, mich angeschaut und gefragt hat, wer diese Band ist – sie konnte gar nicht fassen, wie unfassbar einnehmend der Auftritt und wie gut die Band war. Später gab es dann auch noch ein Foto von ihr zusammen mit Markus Acher von THE NOTWIST.
Ein anderer krasser Moment war, als KIKAGAKU MOYO im kleinen Zelt gespielt haben, als letzte Band am Freitagabend. Ich hing gerade im Backstage mit BILDERBUCH ab, als irgendwann der Anruf aus dem Zelt kam, wie lange wir noch machen können – die Stimmung sei komplett irre. Und ich meinte nur: völlig egal, lasst sie spielen, so lange sie wollen. Am Ende ging das bis 3:15 Uhr – und selbst dann wollte eigentlich niemand gehen.
Es gibt auch jemanden, der mir erzählt hat, dass er seine Frau auf dem Maifeld Derby kennengelernt hat. Oder auch du hast ja anfangs gesagt, dass du dort jedes Jahr mehr Leute kennengelernt hast und ihr inzwischen eine Gruppe von rund 25 Leuten seid, die sich immer wieder dort getroffen haben.
Das sind schon Dinge, die rückblickend etwas Besonderes sind – und genau solche Momente sind es auch, die mich dazu bringen, das Ganze jetzt im Kleinen weiterzuführen. Ich denke, so etwas wird es, je nachdem wie es personell und insgesamt klappt, auch weiterhin geben.

Das ist schön zu hören. Meine Maifeld Leute und ich sind nämlich ehrlich gesagt schon ein bisschen verzweifelt, weil wir es dieses Jahr nicht so richtig schaffen, uns auf ein Festival zu einigen. Ein Teil von uns wird jetzt mal das Traumzeitfestival ausprobieren. Was kannst du denn sonst noch empfehlen – hast du Festivaltipps?
Es sieht auf jeden Fall wunderschön aus dort beim Traumzeit – ich habe da mal mit GET WELL SOON gespielt. Zum Festival selbst kann ich aber gar nicht so viel sagen. Die Frage nach Empfehlungen bekomme ich tatsächlich öfter gestellt. Ich werde mein Glück dieses Jahr vielleicht eher im Ausland versuchen, aber hier in Deutschland kann ich das OBSTWIESENFESTIVAL bei Ulm wirklich sehr empfehlen. Da war ich letztes Jahr und fand es großartig.
Das GOLDEN LEAVES FESTIVAL hat auch immer ein spannendes Lineup, wobei ich da letztes Jahr ein bisschen frustriert war. Dass THE NOTWIST auf die kleine Bühne gepackt wurden und dafür PAULA CAROLINA auf der großen gespielt hat, fand ich schon ziemlich deprimierend. Ich hatte die beiden erst letzte Woche in Heidelberg: THE NOTWIST waren seit Wochen mit 800 Leuten ausverkauft, bei PAULA CAROLINA kamen 300. Da sieht man dann schon, dass sich Nachhaltigkeit in der Musik am Ende doch auszahlt.

Du hast lange wenig deutschsprachige Acts gebucht. TURBOSTAAT, die beim Maifeld Derby mit T-Shirts immer stark vertreten waren, haben zum Beispiel nie dort gespielt?
Da hast du absolut recht. Wenn man sich die ersten Jahre anschaut, sucht man deutschsprachige Acts im Lineup fast vergeblich. Ich habe auch lange gebraucht, um mit deutscher Sprache in der Musik wirklich warm zu werden – das hat mich einfach nicht so interessiert. Ich fand das, was international passiert, meistens spannender, oft auch mutiger oder vielseitiger. In den letzten Jahren hat sich das aber schon verändert. Ich habe da meinen Frieden mit gemacht und weiß inzwischen auch viele deutschsprachige Acts wirklich zu schätzen – wenn es gut gemacht ist. Da hat sich ja auch einfach viel getan. Mit TURBOSTAAT haben wir übrigens sogar mal zusammen gespielt, damals beim Phono Pop Festival, was es ja leider auch schon länger nicht mehr gibt.

Wo du gerade deine ehemalige Band erwähnst – lass uns da kurz drauf eingehen: Wie lange hast du eigentlich bei GET WELL SOON gespielt? Und wie sehr fehlt dir das Leben auf der Bühne?
Das müssten so um die 14 Jahre gewesen sein. 2006 habe ich mein erstes Konzert gespielt. Und dieses Jahr gibt‘s ja auch ein Jubiläum: 20 Jahre GET WELL SOON.
Ob es mir fehlt, auf der Bühne zu stehen? Ehrlich gesagt: Seit 2020 und bis vor ungefähr einem Jahr gar nicht – nullkommanull. Was mich selbst überrascht hat, weil ich immer dachte, dass mir das viel mehr fehlen würde.
Ich habe letztes Jahr mal in Österreich bei einer befreundeten Band ausgeholfen. Das war vor allem deshalb cool, weil ich mit dem ganzen Drumherum nichts zu tun hatte – also kein Aufbau, keine Organisation, dieser ganze Kram. Einfach ein bisschen proben und dann spielen. Das hat schon Spaß gemacht.

Vorhin hatten wir das Thema Politik und Musik ja schon kurz angerissen. Wie stehst du grundsätzlich dazu? Und wo ziehst du für dich die Grenze? Zum Beispiel haben YOUNG FATHERS (unterstützen die BDS-Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will) beim Maifeld Derby gespielt – während andere Festivals gesagt haben, sie wollen oder können sie nicht mehr buchen.
Ich habe dieses Jahr zwei Bands im Programm, die einen Ticken über meine persönliche Grenze gehen. YOUNG FATHERS finde ich zum Beispiel überhaupt nicht kritisch – im Gegenteil, wegen denen habe ich mich mit der ganzen Thematik überhaupt erst beschäftigt.
Dann wurde ich irgendwann wegen KAE TEMPEST (damals noch KATE) sogar mal auf die Gemeinde zitiert. Ich meine: Wenn du anfängst, konsequent alle BDS-Supporter:innen zu blocken, dann bleibt von englischen oder irischen Acts irgendwann nicht mehr viel übrig. Da hat sich meine Sicht auch ein Stück weit gelockert – wobei das insgesamt natürlich eine extrem schwierige Thematik bleibt. Ich habe mich damit auseinandergesetzt und irgendwann für mich entschieden: Okay, die haben eben andere Meinungen.
Wobei ich diese ganze Boykott-Nummer ehrlich gesagt ziemlich schwierig finde – genauso wie dieses Geoblocking auf Spotify (gemeint ist die Kampagne „No Music for Genocide“, bei der seit 2025 zahlreiche Künstler:innen ihre Musik in Israel regional sperren; Anm. d. Red.). Da sind die LAMBRINI GIRLS ziemlich weit vorne dabei. Hätte ich deren Hintergrund vorher genauer gekannt, hätte ich sie vermutlich nicht gebucht. Jetzt spiele ich sie dieses Jahr aber in Kooperation mit jemand anderem trotzdem nochmal im Sommer – der hat das durchgedrückt, ich hätte es wahrscheinlich nicht gemacht. Das bleibt einfach ein sehr schwieriges Thema.
Was ich allerdings überhaupt nicht akzeptiere, ist Hate Speech auf der Bühne. Da ist meine klare Ansage: Wenn das passiert, wird sofort der Strom gezogen. Das kommuniziere ich auch im Vorfeld an die Booker:innen.
Wenn ich aber nochmal auf YOUNG FATHERS und KAE TEMPEST zurückkomme: Ich habe bei beiden keinen einzigen unreflektierten Moment auf der Bühne erlebt. Ich habe mich damals sehr genau eingelesen und finde, man muss akzeptieren, wenn Künstler:innen aus ihrem Hintergrund heraus zu anderen Einschätzungen kommen.
KAE TEMPEST ist jüdischer Abstammung und hat sich mit der Thematik aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beschäftigt. Wenn ich YOUNG FATHERS und KAE TEMPEST nicht mehr spielen lasse, reden am Ende irgendwann nur noch die Falschen.
Anders sehe ich das inzwischen bei THURSTON MOORE – den würde ich heute nicht mehr buchen.

Bedeutet das auch, dass der Aufwand für dich steigt, den Background von Acts zu prüfen?
Ja, absolut. Ich muss inzwischen bei wirklich jedem einzelnen Act schauen, was da im Hintergrund passiert. Und trotzdem kann dir bei aller Vorbereitung immer noch etwas durchrutschen – und dann hast du im Zweifel auch den wirtschaftlichen Schaden. Ich habe zum Beispiel vorher noch nie von AVAION gehört. Den hat ja jetzt jedes Festival gecancelt, seine ganze Tour ist gecancelt. Ich habe auch mal beim Zeltfestival SKA-P gebucht und mir gedacht: endlich mal eine klar politische, linke Band – nachdem dort sonst eher Acts wie ANDREAS BOURANI spielen, die ja eher keine Message haben, sondern nur zur Verdummung der Leute da sind. Und dann bekommst du plötzlich wieder Kritik, weil SKA-P angeblich antisemitische Bezüge hätten – was ich damals weder wusste noch in der Form nachvollziehen konnte.
Man darf bei der ganzen Sache auch nicht vergessen: Wir kämpfen in der Branche alle ums finanzielle Überleben. Und irgendwann hast du schlicht nicht mehr die Energie, jede Kooperationsfrage bis ins letzte Detail auszudiskutieren. Da entstehen dann Kompromisse, mit denen ich selbst nicht immer 100 Prozent glücklich bin und beim Bewerben einzelner Shows auch mal ein schlechtes Gefühl habe.

Kommen wir zu einem anderen, aber durchaus auch politischen Thema. Hat sich die Stadt Mannheim nach dem letzten Maifeld Derby noch einmal bei dir gemeldet?
Es gab danach vom Kulturbürgermeister diese klassischen politischen Floskeln. Man wolle sich „bemühen“ und so weiter. Gleichzeitig hat er aber auch gesagt, dass es ein großer Fehler gewesen wäre, das Maifeld Derby nicht mehr zu machen. Unterm Strich wird es jetzt eher noch schwieriger, irgendwann wieder auf das alte Niveau zu kommen. Aber man darf halt nicht vergessen: Wenn ich die Entscheidung damals nicht getroffen hätte, wäre ich heute schlicht pleite. Das war für mich am Ende die einzige logische Konsequenz. Und ehrlich gesagt: Die Stadt Mannheim ist mittlerweile komplett pleite. Da gibt es im Moment keinerlei Spielraum. Ich habe zwar gesagt, ich würde nie „nie“ sagen – aber gerade finde ich es auch mal okay, keine großen Ambitionen zu haben und den Laden einfach zuzumachen.
Für solche Festivals ist aktuell einfach keine Zeit, zumindest was öffentliche Gelder angeht. Gleichzeitig wird in Mannheim gerade das Nationaltheater saniert. Von dem Geld könnte man gefühlt 1000 Maifeld Derbys machen. Das ist alles komplett absurd.
Ich weiß nicht genau, wie es in anderen Ländern nach Corona aussieht, aber ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland besonders kompliziert ist. Diese strikte Trennung zwischen E- und U-Musik ist einfach ungerecht: Die einen sollen quasi bewusst unwirtschaftlich arbeiten dürfen, die anderen müssen sich komplett selbst tragen.
Ich habe kürzlich gehört, dass Marek Lieberberg gesagt haben soll: Bands, die keine 500 bis 600 Tickets verkaufen, seien „halt auch schlecht“. Und wenn sie schlecht sind, müsse die öffentliche Hand sie auch nicht fördern. Das finde ich eine ziemlich harte Aussage – jede Band fängt ja irgendwann bei null an.

Wir telefonieren jetzt schon ganz schön lange, eine Frage, die mich schon länger interessiert, habe ich aber noch: warum hast du dieses Derby-Dollar-System damals eingeführt?
Im Grunde aus der Not heraus. Man hätte das in den letzten Jahren sicher auch anders lösen können – 2025 hatten wir ja immerhin schon Cashless. Aber es ist einfach enorm viel, was du im Vorfeld eines Festivals organisieren musst. Wir haben zum Beispiel kurz vor knapp noch die fünfte Kasse bestellt und umbauen lassen, weil klar war, dass es zu Stoßzeiten extrem voll wird. Wir sind kein großes Team, da kannst du nicht alles perfekt absichern.
Ganz am Anfang war es noch wilder: Da hat mir die Mutter eines Kumpels aus der Sparkasse 20.000 Euro Wechselgeld geliehen, obwohl ich das nicht mal auf dem Konto hatte – nach dem Motto: „Du bringst es schon wieder zurück, gell?“. Heute wäre das natürlich undenkbar. Deshalb haben wir schnell nach Alternativen gesucht. Diese großen Cashless-Systeme fangen oft bei rund 20.000 Euro an – das war für uns nicht machbar. Also haben wir uns das Prinzip der „Derby Dollars“ vom Techno Festival „Time Warp“ abgeschaut.
Ich finde das System grundsätzlich immer noch gut, auch wenn es manchmal zu Wartezeiten beim Umtausch kommt – oder auch am Einlass. Es gab einen Tag, da lief wirklich alles chaotisch, das nervt mich bis heute. Im Nachhinein hat darüber aber kaum noch jemand gesprochen.
Und ein Teil der Probleme lag sicher auch daran, dass die Leute fürs Ticketsystem sehr kurzfristig eingearbeitet wurden. Dafür hat es insgesamt aber erstaunlich gut funktioniert.

Das finde ich auch. Und es waren halt auch alle aus dem Team immer super freundlich. Also die hast du schon gut instruiert. Das hat die Maifeld Derby Atmosphäre auch mit ausgemacht.
Ich habe da gar nicht so viel bewusst gemacht. Diese Dynamik entsteht einfach. Klar, Engagement und Freundlichkeit im Team sind unbezahlbar.
Manches ist vielleicht auch ein bisschen dilettantisch – aber im Großen und Ganzen hat es schon gepasst. Und gerade im letzten Jahr lief, abgesehen von Einlass und Umtausch, eigentlich alles ziemlich rund.

Gibt es dieses Jahr wieder Derby Dollars?
Nein. In Heidelberg machen wir keine eigene Gastro. Das übernimmt die Halle02 selbst. Für uns ist das organisatorisch deutlich entspannter, auch wenn es finanziell weniger einbringt. Dafür sparen wir uns die Miete.
Ich bin ehrlich gesagt sowieso gespannt, wie das finanziell am Ende aussieht – da klafft noch ein Loch. Aber ich hoffe, dass wir im Mai und im August ein bisschen was auffangen können und dann wieder nach vorne schauen können.

Lieber Timo, vielen Dank für die Zeit, die du dir genommen hast. Wir sehen uns dann am 23. Mai in Heidelberg.

Wer noch tiefer eintauchen möchte, die empfehlenswerte Doku „Von Ponys und Dollars“ gibt weitere Einblicke in die Geschichte des Festivals: