Rund zwei Monate vor dem Reeperbahn Festival gab es für regelmäßige Besucher eine kleine Schreckensmeldung: Der Bund will seine Förderung weiter zurückfahren. Für 2027 sind statt der zuletzt 6,27 Millionen nur noch drei Millionen Euro vorgesehen, die Hansestadt müsste entsprechend mehr übernehmen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer begründet das mit einer künftig „faireren“ Verteilung der Finanzierung. Nicht zum ersten Mal, dass Weimer mit umstrittenen kulturpolitischen Vorstößen aufgefallen ist – etwa bei der Streichung dreier linker Buchhandlungen von der Liste für den Deutschen Buchhandlungspreis oder seinen Äußerungen zur Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus.
Was die Kürzungen für das Festival bedeuten, war im Juli noch ziemlich offen. Weniger Bühnen? Weniger internationale Acts? Weniger von diesem schönen Durcheinander, bei dem man innerhalb weniger hundert Meter von der kleinen Singer/Songwriter-Bühne in die Elphi, vom Clubkonzert zum Branchenpanel und vom nächsten Geheimtipp zur übernächsten Überraschung stolpert?
Deshalb wollten wir in diesem Jahr noch einmal besonders genau hinschauen – und genießen, wie man das Reeperbahn Festival bisher kennt: St. Pauli als riesige, ziemlich unübersichtliche Bühne, Hunderte Acts aus aller Welt, volle Clubs, übervolle Timetables und die ständige Frage, warum man ausgerechnet jetzt schon wieder ganz woanders sein müsste. Und ich hatte in diesem Jahr alle Möglichkeiten dazu: Da unsere regelmäßige Herbsttagung erst in der kommenden Woche stattfand, konnte ich mich vier Tage lang voll und ganz ins Kiezflair stürzen.
(Noch ein Wort zu den Fotos: Diesmal sind die Bilder leider nicht ganz auf dem Niveau, das wir uns wünschen würden. Da die Fotopässe beim Reeperbahn-Festival aufgrund der Vielzahl der Akkreditierungen streng limitiert sind, blieb uns nur das Smartphone – für ein paar visuelle Eindrücke hat es hoffentlich trotzdem gereicht.)
Mittwoch
Mittwochnachmittag noch Betriebsrat, dann ab zum Heiligengeistfeld. Die hundert Meter lange Schlange beim Ticket-gegen-Bändchen-Tausch hatte meine Freundin innerhalb von zehn Minuten hinter sich gebracht – da sage noch einer, das Reeperbahn Festival sei nicht gut organisiert.

Los ging es für uns im Molotow mit THE ORCHESTRA (FOR NOW), einer genretechnisch ziemlich ungewöhnlichen Band. 70s-Progrock-Einflüsse waren kaum zu überhören, komplexes Songwriting traf auf Cello und Piano, dazu kamen Postcore auf der einen und Antifolk auf der anderen Seite. So schräg und eigenwillig, dass sogar die große VISIONS die Band präsentiert.
Die Reeperbahn-Festival-Seite selbst verortet THE ORCHESTRA (FOR NOW) in der Windmill-Szene von Brixton. Dort hatten wir im Sommer während unseres England-Urlaubs ebenfalls vorbeigeschaut und neben guten Preisen und einer Menge Charme vor allem eine erstaunliche musikalische Grenzüberschreitung erlebt: Mit RETRXPUSSY hatte mir dort erstmals eine Künstlerin mit Trap-Einflüssen richtig gut gefallen.
Auch THE ORCHESTRA (FOR NOW) wirkten noch wie Musikstudenten Mitte zwanzig – allerdings wie solche, die bereits ziemlich genau wissen, was sie mit ihrem Instrumentarium anfangen wollen. Das erinnerte uns ein wenig an den Artrock von YES WE MYSTIC, die uns vor genau zehn Jahren ebenfalls beim Reeperbahn Festival über den Weg liefen.

Danach schauten wir in der Stage 15 vorbei und rätselten auf dem Weg dorthin noch, ob es den Club in den vergangenen Jahren eigentlich schon gegeben hatte. Google klärte auf: Hier befand sich früher der Irish Pub Molly Malone, seit anderthalb Jahren nun die Stage 15, eine Karaoke-Bar. Oha.
Heute zum Glück kein Karaoke, sondern PLAYLUNCH aus Australien, irgendwo zwischen Funk-Rock, Ska, Synth-Punk und einer Menge Publikumsinteraktion. Insofern passte das vielleicht sogar ganz gut in eine Karaoke-Bar. Überraschenderweise funktionierte die Animation bei dem sonst gern etwas verhaltenen Hamburger Publikum bereits am frühen Mittwochabend ausgesprochen gut. Wer sein Publikum mit ausgestrecktem Mittelfinger begrüßt und musikalisch zwischen THE B-52s, DEVO und in den rockigeren Momenten THE CHATS pendelt, hat einfach wenig zu verlieren.

Mit etwas Indie-Rock von THE SUKIS sollte es anschließend weitergehen, doch die Nochtwache war bereits voll. Also zurück ins Molotow, wo HIQPY unter Beweis stellten, dass auch die Holländer ganz gut indierocken können. Mit Abir Hamam haben HIQPY eine Sängerin mit kristallklarer Stimme am Start, die perfekt zu ihrem Sound passt: mal verträumter Shoegaze und Dreampop, mal 90s Alternative Rock, dazu hallende und fuzzige Gitarren und jede Menge gute Melodien. Die Band kann man sich durchaus schon auf großen Stadionbühnen vorstellen.
Was vielleicht gleichzeitig unser kleiner Kritikpunkt wäre: Alles wirkt ein bisschen zu groß und zu perfekt. Auch die eher zurückhaltende Reaktion des Publikums ließ vermuten, dass uns die Band an diesem Abend ein Stück weit überflog.

Zum Abschluss des ersten Tages brauchten wir noch Kontrastprogramm und fanden das am Anfang der Reeperbahn im Mojo Club. Dort trat mit NECTAR WOODE eine der für den Anchor Award nominierten Bands auf.
Warum, zeigte sich ziemlich schnell: Vier Musikerinnen, Drums, Bass, Keys und Gitarre – dazu bis zu drei Stimmen. Das klang stellenweise wie eine ganze Band plus Backing-Vocals-Sängerinnen. Warmer Soul im Stil von NORAH JONES, dazu eine ansteckend gute Laune. Dass die Musikerinnen ihr Handwerk beherrschen, insbesondere die blonde Bassistin, machte den Auftritt noch überzeugender. Die gute Stimmung übertrug sich unmittelbar aufs Publikum. Dass NECTAR WOODE den Anchor Award letztlich nicht einheimsten, schmälert ihren Auftritt kein bisschen.
Donnerstag

Am zweiten Tag trafen wir uns mit einer Freundin ohne Job und ohne Ticket im Festival Village vor der fritz-kola-Bühne zu SOFTPOWER. Das Schöne am Reeperbahn Festival: Ein Teil der Konzerte ist kostenlos, wenn einem das Geld fehlt oder man aus anderen Gründen nicht am kompletten Festival teilnehmen möchte. Die Gratis-Konzerte konzentrieren sich auf den Spielbudenplatz und das Heiligengeistfeld.
Der Kölner Indiepop von SOFTPOWER war uns dann allerdings doch etwas zu soft. Während eines CHER-Covers wechselten wir deshalb zur hvv-Bühne auf der Reeperbahn und schauten uns WRKHOUSE aus Wales an.

Was bei der Vorbereitung auf das Festival noch nach Artpop klang, entwickelte live – vor allem gegen Ende des Auftritts – deutlich mehr Dynamik und ging zunehmend in Richtung Rock. Dem Publikum gefiel das. Vor dem kleinen Gartenpavillon, unter dem die Band spielte, sammelte sich im Laufe des Konzerts eine ordentliche Menschentraube, die WRKHOUSE mit viel Applaus verabschiedete.

Wir verabschiedeten uns anschließend ebenfalls von unserer Freundin und wechselten ins Molotow, um den mit reichlich Vorschusslorbeeren versehenen TOM A. SMITH zu sehen. Fehlendes Selbstbewusstsein kann man dem jungen Briten jedenfalls nicht vorwerfen. Eine Eigenschaft, die in meinem privaten Umfeld erfreulicherweise eher schwach ausgeprägt ist, gefällt mir auf der Bühne umso mehr. Zu Beginn des Auftritts musste ich deshalb an das legendäre Konzert der HIVES aus dem Jahr 2000 denken, als der junge Pelle Almqvist über die Bühne des Molotow wirbelte – damals noch am anderen Ende der Reeperbahn.
Nur: Die anfängliche Energie verpuffte im Laufe des Konzerts. Je länger der Auftritt vor sich hinplätscherte, desto größer wurde unser Drang, weiterzuziehen.

In der Stage 15 standen anschließend NASTYJOE aus Bordeaux auf dem Plan. Mit französischer Feinkost hatte das allerdings rein gar nichts zu tun. Die vier Jungs servierten eher britische Pub-Kultur, irgendwo zwischen Post-Punk, Indie-Rock und Delay-Gitarren.
In den lauten Momenten kamen uns die großartigen EGYPTIAN BLUE in den Sinn, die wir ebenfalls beim Reeperbahn Festival entdeckt hatten; in den leiseren Passagen BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB und FONTAINES D.C.. Dabei hätten es die Franzosen beinahe gar nicht rechtzeitig nach Hamburg geschafft: Sie steckten stundenlang in einem Stau fest, in dem irgendwann gar nichts mehr ging. Das wäre definitiv ein Verlust gewesen.

Danach drifteten die Geschmäcker meiner Freundin und mir doch etwas zu weit auseinander. Sie verabschiedete sich in Richtung Schmidtchen zum metaphysischen Artpop von OCEAN MOON AND SILVER LEY, inklusive geloopter Harfe, während ich in der Nochtwache bei HETTA die volle Dröhnung suchte.
Bereits beim Soundcheck war klar, dass der portugiesische Schlagzeuger nicht unbedingt ein Freund von Pausen ist. Ununterbrochen drosch er auf sein Set ein. Kurz vor dem Auftritt verließen die vier Musiker die Bühne noch einmal, während das Publikum angesichts der Lautstärke respektvoll etwas Abstand hielt. Doch bevor die Portugiesen loslegten, lockte Sänger Alex die Zuschauer ein paar Meter näher heran.
Und dann ging es los: eine halbe Stunde technisch präzises Postcore-/Screamo-Geballer in unglaublicher Geschwindigkeit. Neben mir flogen die Haare, Alex schmiss sich auf den Boden, animierte das Publikum oder setzte sich zwischendurch zum Durchatmen auf die Bassdrum. Die Band raste, das Publikum raste mit – und am Ende waren beide Seiten gleichermaßen erschöpft. Der ADHS-Drummer begann sein Set bereits während des letzten Songs abzubauen. Viel mehr Energie kann man in eine halbe Stunde kaum packen. Ihr erster Auftritt in Deutschland wird hoffentlich nicht ihr letzter gewesen sein. Großartig.

Danach hieß es erst einmal runterkommen. Im Schmidtchen trocknete ich mein nassgeschwitztes T-Shirt bei den zarten Indiepop-Klängen von ALEXIS TAYLOR. Wem der Name des schüchtern wirkenden Mittvierzigers mit Pilotenbrille und weißem Käppi nichts sagt: Hauptberuflich ist er Sänger, Keyboarder und Gitarrist von HOT CHIP. Und tatsächlich ist seine Stimme so glasklar und markant, dass man ihn allein daran sofort wiedererkennt.
Begleitet wurde Taylor an Bass beziehungsweise Gitarre von seinem HOT CHIP-Mitstreiter Rob Smoughton. Zusammen machten sie etwas, das man ziemlich problemlos als zeitlosen Pop bezeichnen könnte – oder als Pop ohne all die negativen Begleiterscheinungen, die man sonst gern damit verbindet.

Direkt nebenan folgte HVOB. Und auf den 17 Metern dazwischen begegneten wir Timo Kumpf, dem ehemaligen Booker des Maifeld Derby. Also rätselten wir auf dem Weg ins Docks, ob 2019 auf seinem großartigen Festival in Mannheim die Reihenfolge tatsächlich dieselbe gewesen war.
Auflösung: ja. Im Palastzelt spielten damals um 23 Uhr HOT CHIP und um 0:50 Uhr HVOB. Und tatsächlich schien sich in den sieben Jahren dazwischen gar nicht so viel verändert zu haben. Der Bühnenaufbau war nur minimal anders: zwei riesige Tische, links Paul Wallner mit Notebooks und MIDI-Controller, rechts Sängerin Anna Müller mit Keyboard. Dahinter, anders als damals, ein Live-Drummer.
Musikalisch blieb dagegen alles beim Alten: bombastische Bässe, wie man sie beispielsweise auch von MODERAT kennt, darüber die elfenhaften Vocals von Anna Müller, die mich auch diesmal wieder an isländische Musikerinnen erinnerten.

Bevor es nach Hause ging, machten wir noch einen kleinen Abstecher ins Imperial Theater. Selbst während des Auftritts war hier noch ein Platz in den gemütlichen Kinosesseln zu finden – sogar in der ersten Reihe.
Zu später Stunde trat dort der dänische Singer/Songwriter Gustav Berntsen alias GB auf. Diesmal nicht allein, sondern mit voller Bandbesetzung. Das hatte etwas von KARATE, den ruhigen BARRA HEAD und STING: mal leise, mal laut, aber immer mit Anspruch und einem schönen Timbre in der Stimme.
Ein gelungener Abschluss des zweiten Tages.
Freitag

Unser dritter Festivaltag begann belgisch und wurde von Mayway Records präsentiert. Das Label aus Kortrijk versammelt eine ganze Reihe interessanter Künstler unter seinem Dach, am Freitagnachmittag begegneten uns gleich zwei davon.
Den Anfang machten TJE, die ich wegen der BJÖRK-Ähnlichkeit ihrer Sängerin fast automatisch in Island verortet hätte. Verantwortlich dafür waren Lindy Versycks ausdrucksstarker Gesang und die Experimentierfreude der Band. Da wurde die Stimme schon mal durch eine Distortion gejagt und klang anschließend wie eine verzerrte Gitarre, an anderer Stelle wurde sie so stark verfremdet, dass man tatsächlich an isländische Gnome denken konnte.
Was auf dem Papier ziemlich avantgardistisch und anstrengend klingt, wirkte live dagegen jederzeit nachvollziehbar und spannend.

Bevor es mit EOSINE weiterging, zog es uns kurz in den ruhigen, sonnigen Backyard, den man in der Vergangenheit noch vom Molotow kannte und der nun offenbar neben dem Indra seine Fortsetzung findet. Toll!

Allzu lange konnten wir dort allerdings nicht bleiben, denn EOSINE baten bereits nach drinnen. Es begann dreampoppig, bis der Bassist, der aussah wie der Sohn der Flodders, ganz plötzlich postcorig ins Mikro schrie.
Und das war längst nicht die letzte Überraschung.
Da waren diese zarten, shoegazigen Passagen, die immer wieder von Postcore-Momenten durchbrochen wurden. Sängerin Elena Lacroix hätte dabei jederzeit die Frontfrau einer Screamoband abgeben können – wenn ihr Gesang nicht im nächsten Moment problemlos in arabische Tonalität oder beinahe klassischen Gesang gewechselt wäre. Was für ein wilder Mix.
Dazu kam eine Live-Action, die den ohnehin schon eigenwilligen Sound noch einmal auf die Bühne hob: Der Bassist stand plötzlich auf dem Tresen, die Band wechselte ständig zwischen den Extremen. EOSINE gehörten damit zu unseren größten Überraschungen des Festivals. Live unbedingt ansehen.

Da der persönliche Timetable anschließend eine kleine Auszeit zuließ, genehmigten wir uns bei Tazzi Pizza eine Vorspeise aus gegrilltem Fenchel mit Rote-Bete-Hummus und Orangenreduktion sowie eine neapolitanische Pizza mit Büffelmozzarella. Beides sehr empfehlenswert – genauso wie die vielseitigen Tacos, die wir am Vortag bei Holy Taco probiert hatten.

Gestärkt ging es im Molotow mit CORY HANSON weiter. Lange hielt es mich dort allerdings nicht. Schon beim Soundcheck war aufgefallen, wie der Kalifornier gitarrespielend kreuz und quer durchs Molotow lief. Live wurde daraus endgültig die One-Man-Show eines Mannes, der offenbar selbst sein größter Fan ist. Neben reichlich einstudierter Bluesgitarre gab es mit seinen beiden Mitmusikern allerdings vor allem ziemlich lahmen Poprock.

Dann lieber frühzeitig einen Platz im Keller sichern und schon beim Soundcheck der Kanadier CONCRETE VEHICLES vorbeischauen, die knapp ein Jahr zuvor ihr Debütalbum veröffentlicht hatten.
Auf Platte hatte mich das Laut-Leise-Wechselspiel mit seiner entsprechenden Dynamik sehr begeistert und an eine Mischung aus EGYPTIAN BLUE, SQUID und OPUS KINK erinnert. In der engen Top-10-Bar war davon allerdings wenig übrig: Hier war es einfach durchgehend laut.
Bei HETTA hatte die enorme Lautstärke dank der Präzision noch funktioniert, bei CONCRETE VEHICLES wirkte sie dagegen eher wild und chaotisch. Wenn die Band es schafft, die leisen Passagen live auch wirklich als Kontrapunkt zu den lauten Momenten einzusetzen, würde ich ihr definitiv eine zweite Chance geben. Auf Platte haben sie mich bereits vollends überzeugt. Live noch nicht so ganz.

Auf dem Weg ins Docks war noch ein kleiner Abstecher ins Uwe drin, wo wir in diesem Jahr allerdings leider kaum spannende Bands ausmachen konnten. Auch WAIT//LESS aus Vancouver konnten diesen Eindruck nicht wirklich revidieren. Was live wahrscheinlich roh, wild und abgefuckt wirken sollte, kam uns eher allzu poserhaft einstudiert vor.
Einen Versuch war es wert.

Also weiter ins Docks, wo die Schlange bis zur Spielbude XL reichte. Das Gute am Docks: Es ist mit rund 1.500 Zuschauern die größte Kiezlocation des Festivals. Für Festivalbesucher bedeutet das in der Regel, dass man selbst bei einer hoffnungslos langen Schlange noch eine Chance auf Einlass hat.
Und so konnten wir uns immerhin eine halbe Stunde lang anschauen, wie LIME GARDEN in den vergangenen Jahren in Sachen Popularität noch einmal ordentlich zugelegt haben.
Woran das genau lag, konnten wir allerdings nicht abschließend klären. An der gelungenen Mischung aus melodischem Indie-Pop und Rock? An der guten Stimme von Frontfrau Chloe Howard? An den Texten über emotionale Höhen und Tiefen des Lebens mit Mitte zwanzig, inklusive Eifersucht und Herzschmerz? Oder doch am schicken Gesamtbild der vier Frauen aus Brighton?
Wahrscheinlich an allem ein bisschen.

Eigentlich wollten wir anschließend noch einen Abstecher ins Imperial Theater machen. Die Schlange erschien uns für die Kapazität des kleinen Krimitheaters allerdings deutlich zu lang. Also wechselten wir spontan vom geplanten irischen Indiefolk von DERMOT HENRY in den Mojo Club zu BAYONNE.
Das Ein-Mann-Projekt von Roger Sellers ist im Grunde genau das: ein Musiker, der als Multiinstrumentalist mit Hilfe einer Loopstation sein poppig-luftiges Songwriting weitgehend selbst zusammenbaut. Heute bekam er Unterstützung von einem Live-Drummer, was dem Ganzen deutlich mehr Bühnencharakter verlieh. Dass dabei nicht alles perfekt gelang: Schwamm drüber. Eher sorgte das für den einen oder anderen sympathischen Lacher.
Etwas überflüssig war dagegen neben BAYONNEs Lob für den Mojo Club sein kleiner Diss gegen die schrottige improvisierte Bühne seines letzten Reeperbahn-Festival-Auftritts 2019 im Häkken.

Zum Abschluss des dritten Tages hatten wir noch Lust auf Jazz und machten uns auf den Weg in den Resonanzraum im massiven Feldbunker. Als ich das letzte Mal hier gewesen war, standen noch Stühle im Raum. Diesmal betrat man einen ziemlich kahlen Saal, in dem DAOUD gerade Soundcheck machte und mit seiner Trompete nervös durch den Raum taperte.
Ob sich der Raum wohl noch füllen würde?
Diese Frage hatte sich der Trompeter mit marokkanisch-französischen Wurzeln tatsächlich selbst gerade gestellt, wie er später mitten im Auftritt erzählte. „Ich habe nun mal ein sehr kleines Selbstbewusstsein“, gestand er dem Publikum, das den Raum inzwischen doch beachtlich gefüllt hatte und ihm und seinen Mitmusikern aufmerksam folgte.
Musikalisch bewegte sich DAOUD ziemlich geschickt zwischen den Stühlen, die da mit Nu Jazz, HipHop, Funk und Elektronik beschriftet sind. Dazu kam eine Offenherzigkeit, die einem auf Festivalbühnen nicht unbedingt jeden Abend begegnet. Der gleichzeitige Auftritt beim Elbjazz mit JAMIE CULLUM sei ziemlich doof gewesen, erzählte er. Dafür kämen sie im November noch einmal in den Mojo Club. Und dann war da noch diese kleine Geschichte zum Reeperbahn Festival selbst: „Ach ja, wir standen beim Reeperbahn Festival zunächst nur auf der Warteliste. Also, vielen Dank an dieser Stelle an die unbekannte Band, die dafür ausgefallen ist und uns den Platz freigemacht hat!“
DAOUD musste man als Zuschauer einfach ins Herz schließen. Vielleicht sehen wir uns im November ja schon wieder.
Samstag

Nach drei Tagen Reeperbahn Festival ließen wir es am letzten Tag etwas ruhiger angehen und starteten erst am frühen Abend mit HETTA FALZON im gut gefüllten Nochtspeicher. Die unscheinbare junge Dame aus Somerset hatte das Publikum schon nach dem ersten Song auf ihrer Seite, als sie durchblicken ließ, wie erleichtert sie über die Zuschauerzahl war. „Wir haben uns vor dem Auftritt noch backstage unterhalten, wie viele Leute heute wohl kommen würden. Ich habe auf fünf getippt, mein Tourmanager auf 17. Nun könnte ich weinen vor Freude.“
So offen wie ihre Ansagen waren auch die Songs, die sich nahezu ausschließlich um Liebschaften, Ex-Freunde und angebetete Männer drehten. Das sollte man allerdings keineswegs als lahme Gen-Z-Themen abtun, denn HETTA FALZON erwies sich als ausgesprochen gute Geschichtenerzählerin. Zur Einleitung eines neuen Songs fragte sie das Publikum: „Wer von Euch hat schon mal Lovebombing erlebt? Keiner? Wirklich? Ich hasse Euch alle.“ Und lachte.
Überhaupt war Selbstironie eine ihrer sympathischsten Eigenschaften. So erzählte sie von einem Mann, dem sie ihre Liebe gestanden hatte und der darauf antwortete: „Ich könnte mir zwar eine Beziehung mit Dir vorstellen, aber erst in der Zukunft.“ HETTA FALZON kommentierte das trocken: „Was ist das bitte für ein Quatsch? Eine Beziehung in der Zukunft! Außerdem hatte ich mit denselben Worten selbst eine vorherige Liebschaft beendet!“
Auf Seiten des Publikums gab es entsprechend viel Mitgefühl, aber mindestens genauso viele Lacher. Und HETTA FALZON war eben nicht nur eine gute Storytellerin, sondern auch eine hervorragende Pianistin mit einer Stimme, die an die großartige NORAH JONES erinnerte. Vor allem aber war sie eine Menschenfängerin. Hätte sie am Ende des Konzerts gefragt, ob noch jemand einen Schlafplatz für sie frei hätte, wären vermutlich 99 Prozent der Arme nach oben gegangen.

Nach dem Konzert ließen wir uns ein wenig über den Spielbudenplatz treiben, trafen Freunde, gönnten uns gemeinsam ein Bier und schauten hier und da mal rein. Unter anderem beim N-JOY Reeperbus, bei dem die meisten Bands gerade einmal eine Viertelstunde Zeit hatten, sich und ihre Musik vorzustellen.
Bei uns waren PAMELA. dran. Das Duo aus Down Under spielte sommerlichen Indiepop, der mich ein wenig an THE STROKES und RIKAS, aber auch an LIME GARDEN vom Vorabend erinnerte. Musik, die vermutlich auch ziemlich perfekt in die Playlist der „Motorbooty“-Partyreihe gepasst hätte, die seit 25 Jahren samstagabends im Molotow stattfindet.
Passenderweise hatten PAMELA. dort am selben Abend noch einen Auftritt und konnten mit ihren 15 Minuten im Reeperbus schon einmal ziemlich gut dafür werben.

Danach schauten wir noch kurz bei JANKA an der Spielbude XL vorbei, die – wie meine Freundin treffend bemerkte – irgendwo zwischen WIR SIND HELDEN und JULI lagen. Das Debütalbum der Österreicherinnen steht noch aus. Mal schauen, ob sie rund 20 Jahre nach den genannten Bands in den Alpenländern einen ähnlichen Erfolg wiederholen können.

Uns zog es anschließend noch einmal in den Resonanzraum, wo wir zum Abschluss des letzten Tages Lust auf Jazz hatten. Nach DAOUD am Vorabend lag ein Vergleich natürlich nahe: Auch SHALOSH versucht, den klassischen Jazz aufzubrechen, mit Konventionen wenig anzufangen und ein Publikum anzusprechen, das genauso gut Rock oder Clubmusik hören könnte. Und auch auf der Bühne geht es entsprechend dynamisch zu. Die musikalischen Ausgangspunkte sind allerdings andere. Während DAOUD deutlich stärker aus dem HipHop kommt, liegen die Wurzeln von SHALOSH in der Rockmusik. Da wird schon mal ein Kontrabass verzerrt, und Songs von MUSE, OASIS oder den BEATLES werden in jazzige Versionen verwandelt.
Im direkten Vergleich gefiel uns DAOUD etwas besser – vielleicht auch deshalb, weil sich dort ein eigener Stil noch etwas klarer herauskristallisierte. SHALOSH boten trotzdem einen gelungenen Abschluss eines Festivals, das musikalisch eigentlich kaum weiter auseinanderliegen könnte.
Wir schwankten nach dem Konzert noch ein wenig zwischen der Vernunft und der Versuchung, eine weitere Stunde verstreichen zu lassen, um uns anschließend im schräg gegenüberliegenden Knust noch einen Live-Eindruck vom neuen MUFF POTTER-Album zu verschaffen. Am Ende gewann das heimische Bett.
Vier Tage Reeperbahn Festival gehen eben auch nicht ganz spurlos an einem vorbei. Irgendwann ist der Kopf voll, die Ohren sowieso, und selbst auf St. Pauli braucht man zwischendurch einfach mal Ruhe.
Trotzdem bleibt vor allem eines: die Liste mit neuen Bands, die wir uns merken wollen. Einige waren großartig, andere weniger, manche haben uns erst live überrascht. Ein guter Freund erzählte uns nach dem Festival von ganz ähnlichen Erfahrungen – jetzt müssen wir nur noch unsere jeweiligen Entdeckungen zusammentragen.
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Reiz dieses Festivals: dass man vier Tage lang versucht, einen viel zu großen musikalischen Kosmos irgendwie in einen persönlichen Timetable zu pressen, ständig irgendwo zu spät kommt, wegen einer vollen Schlange den Plan über den Haufen wirft, spontan in einen anderen Club abbiegt – und am Ende trotzdem mit mehr Musik nach Hause fährt, als man eigentlich unterbringen konnte.
Genau dieses schöne Durcheinander macht das Reeperbahn Festival für uns aus. Und deshalb bleibt nach vier Tagen neben müden Beinen und klingelnden Ohren vor allem die Hoffnung, dass es auch 2027 noch genauso viel Platz für dieses Durcheinander gibt. Denn wenn weniger Bühnen, weniger internationale Acts oder weniger Überraschungen am Ende tatsächlich die Folge der angekündigten Kürzungen wären, würde dem Festival etwas fehlen, das man über die vergangenen Jahre doch ziemlich liebgewonnen hat.