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photos: Ibi Köster

Heimspiel Knyphausen 2026 (Eltville)

Wenn man als vinophiler, musikliebender Mensch seine beiden Leidenschaften verbinden möchte, dürfte ein Festival auf einem Weingut ziemlich nah an das Nonplusultra herankommen. Beim Namen Knyphausen treffen ohnehin zwei Welten aufeinander: GISBERT ZU KNYPHAUSEN zählt seit rund zwanzig Jahren zu den wichtigsten deutschsprachigen Singer/Songwritern, das elterliche Weingut Baron Knyphausen im Rheingau zu den traditionsreichsten VDP-Betrieben der Region. Seit 2009 bringt Gisbert dort beim Heimspiel Knyphausen Musik, Wein und eine besondere Festivalatmosphäre zusammen.
Warum wir bisher noch nie dort waren, weiß ich selbst nicht so genau. Vielleicht brauchte es erst den richtigen Anstoß: eine gute Freundin, die GISBERT ZU KNYPHAUSEN schon seit seinen Anfängen begleitet, das Festival im vergangenen Jahr erstmals besuchte und danach in den höchsten Tönen davon schwärmte.
Auch die Akkreditierungsanfrage verlief ausgesprochen charmant. Keine unpersönlichen Formulare, die Unique Visits und Total Hits einer Homepage erfragen, sondern ein direkter Austausch per Mail. Man müsse noch einmal schauen, ob es im Fotograben vielleicht etwas eng werden könne, aber ansonsten ginge das klar, schrieb Booker Benjamin zurück. Und diese kurzen Wege setzten sich direkt vor Ort fort. Pressepass teilen? Kein Problem. Benjamin wurde einem als einer der Ersten vorgestellt. Überhaupt herrschte auf dem gesamten Gelände eine Freundlichkeit, die man bei größeren Festivals nicht immer selbstverständlich erlebt.
Zunächst erkundeten wir das Gelände, tauschten die Pfandmarke, die man zu Beginn in die Hand gedrückt bekam, gegen ein Weinglas ein und machten uns auf den Weg. Unsere Freundin hatte uns empfohlen, eine Picknickdecke mitzunehmen – jetzt wussten wir auch warum. Die Fläche vor der Bühne war quasi mit Picknickdecken zugepflastert, nur direkt vor der Bühne blieb Raum für die Besucher, die tanzen wollten. Bier wurde auf dem Gelände gar nicht ausgeschenkt – doch warum auch? Stattdessen hatte man die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Rieslingen, Spätburgundern, Schaumwein, einer Rosé-Cuvée oder, wer es etwas spezieller mochte, einem Pet-Nat oder Orange Wine, die gekühlt in der Vinothek ausgeschenkt wurden.

BEAKS

Unsere größte Sorge war, dass uns das Festival insgesamt vielleicht ein wenig zu (indie-)poppig ausfallen könnte. Doch bereits der Opener BEAKS nahm uns jegliche Bedenken. Etwas Post-Punk, etwas Indie, etwas New Wave. Was die Österreicherin Anna Francesca hier ablieferte, ließ uns direkt an Bands wie DRY CLEANING oder, wer noch etwas weiter zurückblicken will, ANNE CLARK denken. Ein spröder, deutlich an die 80er angelehnter Bandsound, dazu lasziv gesprochene Vocals und eine bewusst zelebrierte Monotonie in der Inszenierung mit selbstbeobachtenden Texten. Das hatte durchaus seinen Reiz und ließ mich stellenweise auch an die Außendarstellung der zauberhaften MAZZY STAR denken. Dass Sängerin Anna Francesca nebenbei (oder vielleicht auch hauptberuflich) modelt und einem durchaus schon auf dem Cover der „marie claire“ begegnet sein könnte, war angesichts ihres komplett ungeschminkten Auftritts fast ein kleiner Kontrapunkt. Gerade diese Mischung aus äußerer Präsenz, bewusster Reduktion und leicht entrückter Bühnenästhetik passte aber ziemlich gut zu ihrer Musik.

ENDLESS WELLNESS

Im Anschluss daran ging es gleich österreichisch weiter, und wer hier noch nicht so bewandert war, wurde von Sänger Philipp Auer erst einmal linguistisch aufgeklärt. Bei einem „Nockabatzl“ handelt es sich um einen Nackten, eine „E-Tschick“ ist eine E-Zigarette und ein „Schpazal“ ist nicht etwa der Kosename für den Partner, sondern ein anderes Wort für Pimmel. Wieder etwas gelernt.
Musikalisch trumpften ENDLESS WELLNESS mit einer Mischung aus Folk, Chanson und einer ordentlichen Portion Punk im Getriebe auf. Schrammelige Gitarren, Orgeln, Synthies und Chorrefrains treffen auf kluge Gesellschaftskritik und die sympathische Idee, dass die Zukunft vielleicht doch noch nicht komplett verloren ist. Ihre Songs wechseln dabei mühelos zwischen persönlichen Momenten und politischen Beobachtungen.
„Ich bin früher oft zu der Musik von Gisbert aufgewacht – nun spielen wir selbst hier. Besser geht es gar nicht!“, ließ Philipp das Publikum wissen, der im Übrigen ein wenig wie der Zwillingsbruder von Michael Gregoritsch aussah. Und Gisbert selbst? Befand sich natürlich ebenfalls im Publikum, wurde ständig von Leuten angesprochen oder direkt umarmt.

GROSSSTADTGEFLÜSTER

Als Abschluss des ersten Tages stand mit GROSSSTADTGEFLÜSTER bereits die letzte Band auf dem Programm. Denn beim Heimspiel Knyphausen gibt es nur eine Bühne – was vielleicht auch erklärt, warum die Picknickdecken auf dem Gelände eine so wichtige Rolle spielen. Wobei sich die Berliner natürlich nicht lange bitten ließen, das Publikum damit aufzuziehen. „Also, wir sind ja eher eine Partyband und Ihr ein Picknickdecken-Publikum. Sagt mal – ist das eigentlich kompatibel?“
Die Antwort folgte in Form von ordentlich Gegenwind aus dem Publikum – und danach vor allem in Form von Bewegung. Bei Songs wie „Ich muss gar nix“, „Fickt-Euch-Allee“ und „Ich kündige“ zeigte sich schnell: Picknickdecke hin oder her, dieses Publikum kann auch anders. Spätestens als riesige Sat.1-Bälle ins Publikum flogen, war klar, dass hier niemand mehr besonders viel Wert auf gepflegte Picknickdecken-Etikette legte.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir vor ihrem Auftritt gar nicht bewusst war, dass es GROSSSTADTGEFLÜSTER bereits seit über 20 Jahren gibt. Dabei liefern die Berliner seit jeher die Antwort auf die Frage, wie viel Elektro-Pop, Punk, NDW und gepflegter Rave-Quatsch eigentlich in einen Song passen. Scheppernde Beats, Synthie-Geballer und Berliner Schnauze irgendwo zwischen SEEED, DEICHKIND, MARIE CURRY und Hella von Sinnen – oder anders gesagt: die Kunst, aus schlechter Laune ziemlich gute Laune zu machen.
Vor dem Auftritt hätten wir nicht erwartet, wie viel Spaß wir mit den Berlinern haben würden. „Der Letzte geht auf mich, und jetzt ist Feierabend.“

GISBERT ZU KNYPHAUSEN

Der zweite Tag begann anders als geplant. Da die niederländische Singer/Songwriterin ROOSMARIJN aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen musste, sprang kurzerhand GISBERT ZU KNYPHAUSEN ein. Und während andere Booker bei einer solchen Absage vermutlich hektisch werden würden, lag die Lösung beim Heimspiel quasi auf der Hand: Der Festivalchef spielte einfach selbst.
Innerhalb kürzester Zeit waren die Plätze für die Bootstour auf dem Heimspiel Liner ausverkauft. Unsere Freundin, die uns überhaupt erst zum Festival gebracht hatte, gehörte zu den Glücklichen – und hatte dabei noch eine kleine Rechnung mit der Vergangenheit offen. Denn bei einem früheren Gisbert-Konzert war ihr einmal während des Auftritts schwarz vor Augen geworden und sie kollabierte. Das Konzert wurde unterbrochen, das Saallicht ging an, zahlreiche Menschen bildeten eine Traube um sie herum. Ihre erste Reaktion beim Aufwachen: „Er soll weiterspielen.“
Als wir davon hörten, war der Spott natürlich vorprogrammiert: „Ob ein Gisbert-Konzert auf einem schaukeligen Schiff wirklich eine gute Idee für Dich ist?“ Immerhin: Man könne sie ja notfalls hinlegen und die Beine hochlagern.

Amphibien-Jeep

Die anderthalbstündige Bootstour verlief diesmal allerdings völlig problemlos. Für die größten Lacher sorgten ohnehin andere Dinge: eine vom Oberdeck heruntergelassene Kamera, die während des Konzerts hinter Gisbert auftauchte, und ein Jeep, der plötzlich mitten im Wasser an dem Schiff vorbeifuhr. „Das war mein Bruder auf dem kürzesten Weg“, kommentierte Gisbert die surreale Szene.
Ansonsten gab es neben vielen alten Songs auch erste Einblicke in sein neues Album. Gisbert bat das Publikum, die neuen Stücke nicht mitzuschneiden – eine Bitte, an die sich alle erstaunlich brav hielten. Nach langem Applaus verabschiedete er sich schließlich aufs Oberdeck und setzte sich an einen Tisch zu seinen Eltern.
Ach, Heimspiel Knyphausen. Hier ist einfach wirklich alles unglaublich nett und idyllisch.

GINA ÉTÉ

Mit GINA ÉTÉ stand bereits die dritte Alpenländerin auf der Heimspiel-Bühne. Gisbert hatte sie zuvor selbst wärmstens empfohlen: etwas düster, etwas eigenwillig – und genau das bestätigte sich auch live.
Begleitet von drei Streicherinnen und einem Schlagzeuger verband die Schweizerin Keys, Synthies und Kammermusik mit elektronischen Experimenten zu einem Sound, der sich nicht groß um Genregrenzen schert. Mal kantig und treibend, mal fragil und fast intim, immer geprägt von Melancholie, Wut und kluger Beobachtung.
An manchen Stellen erinnerte das an BJÖRK, dann wieder an CHARLOTTE BRANDI oder – wenn es lauter wurde – sogar an RADIOHEAD. Musik für alle, die es gerne etwas sperriger mögen, ohne auf Melodien verzichten zu wollen.

TRAMHAUS

Den Tipp, TRAMHAUS nicht zu verpassen, bekam meine Freundin von einem anderen Fotografen – ich wiederum von Blueprint-Kollege Emil. Sie sollen live mächtig abgehen, andere bezeichneten sie gleich als „die holländische Post-Punk-Sensation“. Nach einer Viertelstunde Verzögerung machten die Rotterdamer dann aber von der ersten Sekunde an klar, warum sie diesen Ruf genießen.
Irgendwo zwischen dem aufgekratzten Post-Punk von IDLES, der düsteren Großstadtmelancholie der FONTAINES D.C. und der rotzigen Energie der VIAGRA BOYS werden Garage, Noise und Post-Punk durch den Verstärker gejagt und mit einer Prise Shoegaze verfeinert. Dazu kommt eine Live-Energie, die auch die letzten Reihen vor der Bühne in Bewegung bringt.
Allen voran Sänger Lukas Jansen: Mit klassischer Fokuhila-Frisur und einer Mischung aus Zappelphilipp, Frontmann und menschlichem Flummi arbeitete er sich durch das Set. Eine willkommene laute Abwechslung zwischen den eher feineren Tönen des Festivals – auch wenn die Band während des gesamten Auftritts mit leichten Soundproblemen zu kämpfen hatte.

KAPA TULT

In eine komplett andere Richtung ging es mit KAPA TULT. Die Leipziger verbinden NDW-Flair, Indie-Gitarren, Orgeln und Surf-Punk mit feministischen Texten über Selbstbehauptung und die kleinen und großen Zumutungen des Erwachsenwerdens.
Musikalisch ist das durchaus charmant, live wollte der Funke bei uns allerdings nicht so recht überspringen. Vielleicht lag es daran, dass vieles sehr stark um die eigene Befindlichkeit und die Themen der eigenen Generation kreiste. Dazu kamen zahlreiche Publikumsansprachen, die eher nach gemeinsamem Workshop als nach Konzert wirkten. Der Versuch einer spontan initiierten Polonaise wurde jedenfalls mit kollektivem Augenverdrehen statt mit Begeisterung aufgenommen.
Als zwischendurch auch noch der Strom ausfiel, war zumindest für einen Moment Ruhe im Diskurs. Vielleicht ist das manchmal gar nicht die schlechteste Idee.

CARI CARI

CARI CARI bringen einen erstaunlich geschlossenen Soundkosmos auf die Bühne: staubiger Americana, Blues, Stoner-Rock und eine ordentliche Portion psychedelische Schwere verbinden sich zu einem Mix, der irgendwo zwischen Wüstenstraße und altem Westernkino zuhause ist.
Dazu kommt eine Coolness und Erhabenheit, die perfekt zur Musik passt – Stephanie Widmer und Alexander Köck inszenieren sich mit genau der richtigen Portion Rockstar-Attitüde, ohne dass es je aufgesetzt wirkt. Zwischen Keys, Didgeridoo, Gong und Schlagzeug entstehen immer wieder neue Klangfarben.
Spätestens beim BLACK SABBATH-Cover „War pigs“ war klar: Diese beiden haben nicht nur gute Songs, sondern auch ein ziemlich gutes Gespür dafür, wie man sie auf die Bühne bringt.

THE NOTWIST

Zum Abschluss des zweiten Tages dann die Weilheimer Indie-Institution THE NOTWIST. Und wenn ich meine Strichliste korrekt geführt habe, war dies bereits mein 20. Konzert seit meiner ersten Begegnung mit ihnen 1995 im JUZ in Leer, Ostfriesland.
Ein NOTWIST-Konzert ist für mich deshalb längst keine Überraschung mehr – und trotzdem jedes Mal wieder anders. Beim letzten Mal traten sie als „Pocketband“ nur zu dritt auf und besannen sich dabei auf ihre frühen Alben, die noch deutlich stärker vom Metal und Hardcore beeinflusst waren. Diesmal standen sie wieder in großer Besetzung zu siebt auf der Bühne, mit Theresa Loibl an der Bassklarinette und Haruka Yoshizawa am Harmonium.
Die Setlist bot einen guten Querschnitt durch inzwischen 37 Jahre Bandgeschichte: elektronische Spielereien, psychedelische Momente, verträumte Indie-Passagen und immer wieder diese ganz eigene Mischung aus Melancholie und Experimentierfreude. Vielleicht führte der kleine Pocketband-Ausflug sogar dazu, dass auch wieder etwas älteres, härteres Material zurück ins Programm fand.
Besonders schön: Auf dem Heimspiel gab es tatsächlich noch Menschen, die THE NOTWIST zum allerersten Mal live sahen. Während die eine Bekannte mit der Band nicht so recht warm wurde (ihr gefielen an diesem Wochenende KAPA TULT am besten), war die andere von der Vielseitigkeit der Oberbayern ziemlich beeindruckt.
Das waren wir als alte Wegbegleiter ohnehin. Und auch das Publikum ließ die Band nicht ohne mehrere Zugaben von der Bühne.

Zwischen den Reben

Tag 3 begann bereits um 12 Uhr mittags – und bewies, dass der Sommer noch eine Schippe drauflegen konnte. Umso schöner, dass das Weingut für Abkühlung sorgte: Ein gut frequentierter Sprühnebel und zahlreiche Schattenplätze, teilweise sogar mit Liegestühlen ausgestattet, machten die Hitze deutlich erträglicher. Besucherfreundlichkeit, die man bei Festivals leider nicht immer vorfindet.
Direkt vor der Bühne waren zur ersten Band allerdings keine schattigen Plätze mehr zu ergattern, im Festzelt hatten sich bereits die ersten Picknickdecken ausgebreitet. Für Familien mit kleinen Kindern ist diese entspannte Festivalatmosphäre natürlich ideal – manchmal entwickelt die Liegestuhlmentalität aber auch ihre ganz eigenen Herausforderungen, wenn Plätze vorsorglich blockiert werden, obwohl sie später gar nicht genutzt werden.

ONE SENTENCE.SUPERVISOR

Wir fanden schließlich einen kleinen Schattenstreifen direkt vor der Kindertribüne – noch so eine charmante Idee des Heimspiels. Von dort ließ sich der Auftritt von ONE SENTENCE.SUPERVISOR bestens verfolgen. Mitten auf der Bühne stand ein Sonnenschirm mit einem darunter befestigten Schild „Big Sale“, den die Band allerdings selbst gar nicht nutzte. Schade eigentlich – man hätte doch gerne gewusst, ob dahinter irgendein Konzept steckt oder einfach nur ein Fundstück aus dem Festivalfundus.
Musikalisch boten die Schweizer einen spannenden Mix aus Krautrock, Indie, Psychedelic und Shoegaze. Die langen Instrumentalpassagen, Jams und Groove-Parts entwickelten live einen hypnotischen Charakter, ohne dass die Band dabei den roten Faden verlor. Musik, die weniger auf den schnellen Effekt setzt, sondern sich langsam entfaltet und ihren eigenen Rhythmus findet.
Bemerkenswert war übrigens auch: Obwohl am letzten Festivaltag nur noch drei Bands ohne die ganz großen Namen spielten, blieb das Gelände trotz der hochsommerlichen Temperaturen erstaunlich voll. Ein Grund dafür dürfte auch die unkomplizierte Festivalorganisation sein. Statt eines klassischen Festivalbändchens oder eines komplizierten Kombitickets bekommt man beim Heimspiel drei einzelne Tagestickets, die bei Bedarf sogar über die festivaleigene Ticketbörse weitergegeben werden können.

HOTEL RIMINI

Als zweite Band des Tages folgte mit HOTEL RIMINI gleich die nächste Formation aus Leipzig. Bei den vielen Leipziger und Alpenland-Doppelpacks stellt sich fast die Frage, ob die Bands untereinander inzwischen Fahrgemeinschaften gebildet haben. Musikalisch ging es deutlich ruhiger weiter: HOTEL RIMINI setzen auf kluge Texte, warme Gitarren und eine Band, die genau hinschaut. Zwischen Indiefolk, Kammermusik, Pop und Chanson erinnern sie stellenweise an WANDA und FINK, am ehesten vielleicht aber an ELEMENT OF CRIME. Keine Musik für den großen Festivalmoment mit erhobenen Fäusten – eher für die kleinen Geschichten am Wegesrand. Und genau darin liegt ihre Stärke.
Und vielleicht passt es auch deshalb so gut zum Heimspiel: Nach dem Auftritt stand Sänger Clemens Engert nicht etwa im Backstagebereich, sondern kaufte sich selbst noch ganz entspannt eine Kiste Wein in der Vinothek.

FORTUNA EHRENFELD

Bevor das Publikum bei der letzten Band endgültig in der Melancholie versinken konnte, hatte der Booker einen ziemlich guten Trick parat: Zum Abschluss einfach jemanden spielen lassen, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt.
FORTUNA EHRENFELD scheren sich herzlich wenig um Genregrenzen oder Erwartungshaltungen. Innerhalb eines Songs kann es zwischen Indie, Polka-Pop, Jazz, Elektropunk und komplettem Irrsinn hin und her gehen, ohne jemals beliebig zu wirken. Mal wirkt das wie eine kleine Theateraufführung, mal wie eine Bandprobe, bei der plötzlich alles möglich ist. Poetische Eskapaden für die düstere Seitengasse. Als Gast gesellte sich zwischendurch auch noch GISBERT ZU KNYPHAUSEN dazu – ein schöner Moment, der noch einmal zeigte, wie familiär das Heimspiel Knyphausen tatsächlich funktioniert.
Blöd nur, dass Sänger Martin Bechlers Fender-Gitarre nach dem letzten Song plötzlich verschwunden war – nachdem er sie zuvor ins Publikum gereicht hatte. Ein Langfinger beim Heimspiel? Das passt nun wirklich nicht zum ansonsten so freundlichen Festival.
Die Suche über soziale Medien brachte schnell Erfolg. Wahrscheinlich hatte der kurzzeitige Besitzer die Gitarre einfach irgendwo zwischen den Reben abgestellt und nur vergessen, wo genau.

FORTUNA EHRENFELD

Unser Fazit nach drei Tagen Heimspiel? Ein ausgesprochen charmantes Festival, bei dem vieles erstaunlich unkompliziert funktioniert. Politische Ansagen gegen den Zustand der Welt gab es von vielen Bands – und trotzdem verließ man Eltville mit einem anderen Gefühl.
Vielleicht lag es am Wein, vielleicht an der Musik, vielleicht an dieser ungewöhnlichen Mischung aus Picknickdecken, Familien, Indie-Fans und Künstlern, die hier nicht hinter Backstage-Zäunen verschwinden. Für drei Tage hatte man jedenfalls den Eindruck, dass die Welt doch noch ganz gut funktionieren kann.
Zumindest zwischen Reben, Bühne und weintrinkenden Picknickdecken-Nutzern.

Kindertribüne