Als ich las, dass Rob Turner, ehemaliger Schlagzeuger von GOGO PENGUIN, vor Kurzem bei MAMMAL HANDS gelandet ist, kaufte ich direkt Karten für ihr Konzert in Hamburg. In einer älteren Rezension hatte ich MAMMAL HANDS bereits als den „kleinen Bruder von GOGO PENGUIN“ bezeichnet. Tatsächlich gibt es einige Parallelen zwischen den beiden Trios: Beide stammen aus England, wurden 2012 gegründet, bewegen sich stilistisch zwischen Jazz, Elektronik und Indie-Pop und veröffentlichten ihre frühen Werke bei Gondwana Records.
Dennoch wirkten GOGO PENGUIN lange wie die größere Band – mitreißender, dynamischer, vielleicht einfach einen Tick besser. Vor gut fünf Jahren verließ Rob Turner aus nicht näher geklärten Gründen die Gruppe. Seitdem betrieb er unter dem Namen RT808 seine eigene Plattform, spielte Solo-Shows oder trommelte in experimentell-elektronischen Projekten wie ELF TRAPS, bevor er schließlich bei MAMMAL HANDS einstieg.
Und tatsächlich verloren die Pinguine mit ihm eine entscheidende Säule. Zu prägend waren seine virtuosen, oft elektronisch anmutenden Beats für den charakteristischen Sound des Trios. Die spannende Frage lautete also: Würden MAMMAL HANDS im Gegenzug von seinem Wechsel profitieren?
Auf ihrem neuen Album „Circadia“ – dem ersten mit Turner – waren diese Veränderungen für mich zunächst kaum hörbar. Repetitive Modern-Jazz-Miniaturen, getragen von Saxofon, Klavier und den inzwischen vertrauten elektronisch klingenden Drums. Schön, atmosphärisch und präzise gespielt, aber nicht grundlegend anders als auf den fünf Vorgängeralben. Doch wie würde das Ganze live funktionieren?
Für MAMMAL HANDS war es längst nicht der erste Auftritt in Hamburg: 2016 beim Überjazz auf Kampnagel, 2017 in der Christianskirche in Altona, 2018 beim Elbjazz, 2023 beim Gondwana-Labelabend im Großen Saal der Elbphilharmonie – und nun als Headliner im Mojo Club.
Der Club am Anfang der Reeperbahn war auch ohne Vorband gut gefüllt, wenngleich die obere Galerie geschlossen blieb. Eröffnet wurde der Abend mit dem ruhigen Intro „Being here“, das nahtlos in den Opener „Window to your world“ vom aktuellen Album überging. Und sofort zeigte sich, dass Turners Einfluss auf die neuen Stücke größer ist, als „Circadia“ zunächst vermuten lässt. Mehr Dynamik, mehr Energie, mehr Dringlichkeit.
Das galt auch für die folgenden neuen Stücke. Je länger das Konzert dauerte, desto häufiger sah man Menschen entrückt mittanzen oder euphorischen Szenenapplaus spenden. Besonders eindrucksvoll geriet dabei „Becoming“, das live eine ganz eigene Wucht entwickelte. Danach wurde es mit dem gefühlvollen „A thread in the dark“ ruhiger. Klavier und Saxofon standen hier in einem ebenso reduzierten wie intensiven Dialog.
Nach rund neunzig Minuten verabschiedete sich die Band zunächst von der Bühne und attestierte dem Hamburger Publikum eine besondere Verbundenheit. Dieses forderte lautstark eine Zugabe – und bekam sie mit „Boreal forest“, einem der bekanntesten Stücke der Band aus dem Jahr 2017.
In gut einem Monat gibt es beim Elbjazz übrigens die Gelegenheit, GOGO PENGUIN wieder live in Hamburg zu erleben. Mal sehen, wer inzwischen der größere Bruder ist.