Man wird älter. Die Wehwehchen nehmen zu und bleiben einem auch länger erhalten. Erlebe ich gerade mit meinem Kniegelenk. Kein großer Spaß, das kann ich sagen und in keinem Falle etwas, das man unbedingt länger an sich binden möchte. Aber manchmal kann man auch wenig dagegen tun, außer vielleicht die Symptome zu bekämpfen. So lernt man dann auch neue Ärzt:innen kennen. Und neue Diagnosen. Und man merkt immer mehr, dass die Jugend nun zumindest körperlich wirklich hinter einem liegt. Ist ja auch mal ne Erfahrung. Auch, wenn man sie nicht unbedingt braucht.
Und wenn man dann so zu Hause rumhängt und sich schonen muss, obwohl es doch so viel zu tun gibt und man doch absolut unersetzlich ist, dann nutzt man die Zeit, um zumindest mal die k&s zu erledigen – und dabei fällt mir auf, wie viele Parallelen das, was ich eben geschrieben habe, zu unseren Kurzreviews aufweist. Ich fühle mich immer etwas schlecht, wenn es mal wieder „nur“ für ein k&s reicht, oft sind die Alben aber auch nicht der große Genuss, dem man sich längerfristig widmen möchte. Und die Symptome bekämpfe ich dann eben mit den besseren Alben, denen ich dann auch eine Vollrezension gönne. Eins ist klar (oder sollte klar sein): Jedes k&s ist auch eine Erfahrung, auch, wenn man sie nicht unbedingt braucht.
Viel Spaß mit unseren Kurzreviews von Juli bis September.

BISMUT – Matsutake (Label: Tonzonen Records, VÖ: 24.04.2026)
(jg) Instrumentaler Metal/Post-Rock aus Nimwegen mit psychedelischen Exkursen und Songlängen von bis zu neun Minuten. Dass es sich bei „Matsutake“ um einen Speisepilz und nicht um Magic Mushrooms handelt, sei an dieser Stelle nur kurz erwähnt – die Musik und die bewusstseinserweiternde Optik des Vinyls könnten durchaus anderes vermuten lassen. Wobei BISMUT eben nicht nur nach Psychedelic klingen. Fühlt man sich in einem Moment noch an MASTODON erinnert, könnte eine andere Stelle auf der Platte problemlos Naturaufnahmen aus Japan untermalen. Schräge Kombi, in sich aber absolut stimmig. Und so läuft man auch nicht Gefahr, irgendwann wegzudösen.
https://bismut.bandcamp.com/

BLACK MODE REVIVAL – One (EP) (Label: Timezone, VÖ: 18.09.2026)
(so) Entschuldigung, aber beim ersten Track musste ich denken: „Meinen die das ernst, dieses naaa, naaa, naaa?“ und musste feststellen, dass ja. Danach wird der Song zwar noch etwas besser und geht in Richtung Tarantino-Soundtrack, aber schon der zweite ist dann wieder so repetitiv, dass es wirklich langweilig wird. Ja, ja, wir lassen dich schon nicht down, keine Sorge. Insgesamt versammeln sich auf „One“ vier Songs, die alle ganz gut (so irgendwie) zu einem Actionfilm aus den 70ern passen könnten, aber auf eine seltsame Art unausgereift wirken, als wären die Instrumente und die Stimme geixt worden. Gitarrenmusik für Freund:innen eben solcher Actionfilme, würde ich sagen.
https://blackmoderevival.com

C’MON TIGRE – Lumina (Label: CMT, VÖ: 02.10.2026)
(so) Es gibt ja doch immer recht viel Musik, die sich dem Themenbereich „anstrengend“ unterordnen lässt. „Lumina“ reiht sich in diese Phalanx ziemlich locker-flockig ein. Für C’MON TIGRE öffnet sich die Schublade „anstrengende Elektronik“ sehr weit, lässt aber auch noch ein bisschen Platz für verquere Ethnospielereien. Musik, wie sie auf dem Kampnagel-Festival sicherlich eine große Menge an Freund:innen finden dürfte. Ich muss mal wieder feststellen, dass mein musikalischer Intellekt für derartige Alben einfach nicht ausreicht. Wenn sich „Lumina“ mehr in Richtung Breakbeat von APOLLO 440 o.ä. entwickelt hätten, dann hätte ich sicherlich lauter dafür getrommelt.
https://cmontigrek7.bandcamp.com/album/racines


DAVID MOSS – Full house (1984) & Dense band (1985) – Remastered (Label: Yatak Records, VÖ: 07.08.2026)
(jg) Wer sich fragt, was Anfang der Achtziger in der New Yorker Downtown-Szene eigentlich so los war, bekommt hier eine ziemlich kompromisslose Antwort. DAVID MOSS versammelt auf „Full house“ und „Dense band“ unter anderem FRED FRITH, ARTO LINDSAY, JOHN ZORN, CHRISTIAN MARCLAY und BILL LASWELL und lässt sie gemeinsam Dinge tun, die sich nur bedingt als Musik im klassischen Sinn bezeichnen lassen. Freie Improvisation, Noise, experimentelle Percussion, Stimme, Feedback und allerlei Geräusche treffen aufeinander, manchmal völlig durcheinander, manchmal überraschend groovend.
Vor allem „Dense band“ zeigt, dass Moss durchaus an etwas dachte, das man mit viel gutem Willen als Songs bezeichnen könnte. Seine Idee von Noise-Musik, zu der man tanzen kann, ist jedenfalls nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das Problem: Bis dahin muss man erst einmal kommen. Denn diese beiden Alben sind teilweise schon ziemlich anstrengend. Wer nicht gerade täglich mit Würggeräuschen, Hämmern in einem Besteckfach und anderen akustischen Zumutungen seinen Alltag gestaltet, braucht womöglich ein paar Anläufe. Für alle anderen: faszinierendes Dokument einer Zeit, in der in New York offenbar wirklich alles ausprobiert werden musste.
https://david-moss.bandcamp.com/

FLORE LAURENTIENNE – Volume III (Label: , VÖ: 10.04.2026)
(ed) Kennt noch jemand den Film „Jenseits der Stille“ aus dem Jahr 1996? Genau daran musste ich denken, als ich mir FLORE LAURENTIENNE mit „Volume III“ angehört habe. Auch wenn die Klarinette hier keine Rolle spielt, erinnert mich das rein instrumentale Album mit seinen klassischen Instrumenten wie Violine und Harfe an den Film aus den 90ern. Das Ganze ist ein wunderschöner warmer Sound, wie ein Klangteppich zum Reinlegen. Manchmal wird es aber auch opulenter, und man kann sich gut vorstellen, wie Komponist und Keyboarder Mathieu David Gagnon das mit seinen sechs Mitmusiker:innen auf die Bühne bringt. Das ist bestimmt großes Kino, um in der Filmsprache zu bleiben. Mathieu selbst spielt dabei hauptsächlich den Mini Moog. Die Sounds des Synthesizers fügen sich brillant ein und ergeben zusammen mit den klassischen Instrumenten ein harmonisches Zusammenspiel. Wer auf klassische Musik und/oder Filmmusik steht, sollte bei FLORE LAURENTIENNE unbedingt mal reinhören.
https://florelaurentienne.bandcamp.com/

OLLI & THE LONDON RADIO POP ORCHESTRA – Life on Rennes (Label: , VÖ: )
(ed) Mit „Life on Rennes“ legt der französische Künstler Olivier Leroy (Olli) eine cineastische Liebeserklärung an seine Wahlheimat Rennes vor. Auf den insgesamt elf Titeln des Albums – fast alle aus seiner eigenen Feder – verschmelzen opulente Streicher-Arrangements, klassisches Piano und große Pop-Melodien. Dieses Werk ist keine Musik für nebenbei: Um komplett in die dichten Klangwelten abzutauchen, sollte man sich bewusst Zeit nehmen. Erst unter dem Kopfhörer entfaltet das Album seine volle emotionale Wirkung und lässt den Hörer die Zeit vergessen. Während die gelegentlich eingestreuten elektronischen Sounds fast schon ablenken und für mich nicht zwingend nötig gewesen wären, glänzt das Album in den reduzierten Momenten. Bestes Beispiel hierfür ist die packende Neuinterpretation des THE SMITHS-Klassikers „There is a light that never goes out“, die zeigt, wie stark diese Musik ist, wenn sie sich auf das Wesentliche konzentriert.
https://soundcloud.com/ollithelondonradiopoporchestra

REINHARD LAKOMY – Aër (Label: Lacky Music, VÖ: 28.08.2026)
(jg) Noch gar nicht so lange her – etwa ein Vierteljahr –, dass ich bei Blueprint mit REINHARD LAKOMY eine Ikone der DDR besprochen habe. Nun also schon die nächste Wiederveröffentlichung aus seinem Backkatalog: das 1991 erschienene Elektronik-Album „Aër“. Im Vergleich zum Live-Album „Palastkonzert“ fällt es stilistisch natürlich anders aus, ist dadurch aber auch weniger avantgardistisch und deutlich nahbarer. Dabei grenzt sich Lakomy bewusst von der klassischen Berliner Schule ab und verbindet Synthesizer mit orchestralen Klangvorstellungen. Mehr JEAN MICHEL JARRE als TANGERINE DREAM-Klon.
https://www.traumzauberbaum.de/

SAUVAGEONESS – A maze deep in (Label: Eigenregie, VÖ: 22.05.2026)
(so) Es gibt ja doch immer recht viel Musik, die sich dem Themenbereich „anstrengend“ unterordnen lässt. „A maze deep in“ reiht sich in diese Phalanx ziemlich locker-flockig ein. Habt ihr heute schon mal gelesen? Na, das beweist doch, dass ich recht habe. SAUVAGEONESS sind aber anders anstrengend als C’MON TIGRE. Nicht nur aufgrund der schweren Gitarren, nein, auch der irgendwie verhuschte Gesang stressen ordentlich. Als würde ein Doom-Gewitter über einem herabrauschen, dazu läuft der Staubsauger auf Hochtouren und die Tochter des Hauses singt die Lyrics ihres Lieblingsliedes falsch mit. Das ist sicherlich Kunst, aber sicherlich nichts für mich.
https://sauvageoness.bandcamp.com/album/a-maze-deep-in

SCHNECKENKÖNICH – Alright (Label: , VÖ: 14.06.2026)
(jg) Erdiger, angenehm staubiger Mix aus Americana, Bluesrock, Soul und Classic Rock mit deutlicher 60s/70s-Schlagseite. Ich gebe zu, dass ich mir selten mit einer Veröffentlichung von Sounds of Subterrania so schwer getan habe wie mit dieser. Und wo ich mich ständig gefragt habe, welchen Bezug Gregor dazu haben mag. Er spricht im Info selbst von „Arbeiter Hippie Rock“ und „aus der Zeit gefallenen, unprätentiösem Straßenrock“. Dazu dieses merkwürdige Knetfiguren-Artwork und dieser seltsame Bandname. Irgendwie passte hier in meinen Augen rein gar nichts zusammen, jedenfalls nichts auf der gemeinsamen Geschmacksebene. Vielleicht hat Gregor recht, als er weiter unten im Info sagt, dass es diese Band hierzulande schwer hat, weil sie so puristisch daherkommt und Pubrock in Deutschland nicht so richtig in der Gesellschaft angekommen ist. Während ich an dieser Rezension schrieb, hörte ich das Album komplett durch. Und plötzlich musste ich mir eingestehen: Die Stimme hat durchaus etwas, die Gitarren sitzen, und auch die Produktion funktioniert erstaunlich gut. Am Ende ertappte ich mich sogar dabei, wie mein linker Fuß anfing mitzuwippen. Vielleicht schaue ich einfach mal im Pub vorbei, wenn der SCHNECKENKÖNICH in Hamburg Station macht.
https://soundsofsubterrania.bandcamp.com/album/alright

SIYOU – About me (Label: 36Music, VÖ: 10.07.2026)
(jg) SIYOU verbindet Soul, Gospel, Pop und Jazz mit ihrer sehr präsenten, ausdrucksstarken Stimme. Eher organisch und spirituell als glatt produzierter Soul-Pop, mit ruhigen, persönlichen Songs ebenso wie groovigeren Nummern. Wobei der in Kamerun geborenen und in Ulm verwurzelten Sängerin auch ihr christlicher Glaube wichtig ist – der Name „Siyou“ bedeutet schließlich so viel wie „von Gott gehört“. ARETHA FRANKLIN, LAURYN HILL und ANGÉLIQUE KIDJO sind insofern nur grobe musikalische Bezugspunkte. SIYOU geht es weniger um bloße Stilübungen als darum, persönliche Erfahrungen und ihren Glauben in ihre Musik einfließen zu lassen.
https://siyou.bandcamp.com/

SMOKEMASTER – In the temple (Label: Tonzonen Records, VÖ: 19.06.2026)
(jg) Vielschichtiger Psychedelic Rock aus Köln mit 60s-Flair, Neo-Psych-Soundscapes und entspanntem 70s-Pop. Dass die Aufnahme stellenweise auch mal etwas schief klingt oder in „Sounds from the ether“ ein wenig „leiert“, geschieht hier aus Authentizitätsgründen natürlich ganz sicher nicht versehentlich. Zwischen THE STONE ROSES, KING GIZZARD, COLOUR HAZE, THE DOORS und TEMPLES – verspielt, verträumt und angenehm hypnotisch. Ich schalte die Lavalampe schon mal ein.
https://smokemaster.bandcamp.com/

VIBRAVOID – A reason for now (Label: Tonzonen Records, VÖ: 18.09.2026)
(jg) Optisch beim bunten Vinyl und auch musikalisch gibt es bei VIBRAVOID ein paar Parallelen zu BISMUT (siehe oben). Die Metal-Komponente fällt bei den Miterfindern des Neo-Krautrock allerdings gänzlich weg. Stattdessen bleiben die Düsseldorfer ihrem Weg treu, den sie nun seit mehr als 35 Jahren und mit über 20 Alben gepflastert haben: Psychedelic-Space-Rock mit klarer Orientierung an der Klangwelt von 1966–68. Viel Fuzz, viel Hall, dazu Sitar-/Orgel-artige Psychedelik und tanzbare Krautrock-Grooves. KRAFTWERK und NEU! lassen dabei mit ihren monotonen, hypnotischen Beats durchaus grüßen. Ob die Relevanz von VIBRAVOID allerdings über die sehr treue, aber überschaubare Szene aus Vinyl-Sammlern, Krautrock- und Space-Rock-Fans hinausreicht, wage ich dann doch zu bezweifeln.
https://www.facebook.com/vibravoidofficial/