Kurz & schmerzlos (Oktober – Dezember 2010) – CD-Besprechungen in aller Kürze

Nanu? Kaum was los bei „Kurz & schmerzlos“?! Tja, Leute! Die Tonträger, die bei uns in den letzten Monaten liegen geblieben sind, lassen sich diesmal locker an anderthalb Händen abzählen. Dies liegt vor allem daran, dass wir ein paar neue Schreiber dazu gewinnen konnten, die nicht nur zusätzliche Schreibkapazitäten einbringen, sondern mit ihrem ergänzenden Musikgeschmack teilweise Platten rezensieren, die vorher niemand bei uns besprechen wollte oder konnte.
Darüber hinaus haben wir im letzten Quartal relativ wenig CDs zugeschickt bekommen, die in unserem Onlinemagazin offensichtlich völlig fehl am Platze sind. Scheinbar machen sich die Bands, Labels und Agenturen, die uns bemustern, mittlerweile öfter die Mühe, sich unsere Homepage vor dem Versenden ihrer Promos genauer anzuschauen und zu überlegen, welche Scheiben in unser Profil passen und welche nicht. Schlager-Rock und Country-Core werdet ihr hier diesmal also vergeblich suchen. Wobei: Schade eigentlich, denn irgendwie war es ja auch lustig, sich mit so einem Scheiß auseinandersetzen zu müssen…

DIE DROGEN – „Jetzt im Handel!“ (Label: Sonicsound Music, VÖ 06.08.2010)
(so) Spaßpunk trifft Ska, trifft 60s-Beat. Oh, das gab’s ja noch nie. Das können andere besser. Junk-Pop nennen die Herrschaften es selbst. Ja, ein Wegwerfprodukt. Allerdings ist es natürlich auch nicht leicht, von nur einem Song aus zu schließen, aber wenn mehr nicht auf der Promoscheibe drauf ist, kann man auch nicht mehr sagen. DIE DROGEN jedenfalls versuchen mit ÄRZTE-Fun-Punk und nichtssagenden Texten („Du bist die Sonne und ich brauche dich, doch komm nicht näher, sonst verbrennst du mich“… gähn) zu punkten. Nicht bei mir. (3)
http://www.myspace.com/diedrogen

DIVINE TO THE END – „Firestrike” (Label: FNR, VÖ 29.11.2010)
(jg) Deutschsprachiger Crossover/New Metal à la FARMER BOYS und RAMMSTEIN mit richtig dicker Hose und bösen Metal-Posen. Damit gewinnt man offenbar auf dem Emergenza, den deutschen Rock- und Pop-Preis und den Lauten LEV (?). Na bitte… (2)
http://www.myspace.com/divinetotheend

LENA MALMBORG – „Paris to Berlin” (Label: Crying Bob Records, VÖ 29.10.2010)
(jg) Nein, nicht DIE Lena. Wobei diese Dame aus Schweden so poppig ist, dass sie bei dem Grand Prix durchaus Chancen hätte. Hier treffen der Kitsch der Achtziger auf wenig Indie und umso mehr Belanglosigkeit. Plätschert spurlos an mir vorbei. (2,5)
http://www.myspace.com/lenamalmborg

LUCKY SOUL – „A coming of age“ (Label: Elefant Records, VÖ 10.12.2010)
(bc) Ui, der Bandname sprudelt ja geradezu vor positiven Vibrationen! LUCKY SOUL kommen aus London und besitzen in der Tat das Zeug dazu, die Seele des geneigten Hörers glücklich zu machen, sofern dieser stilvoller Pop-Musik nicht abgeneigt ist. Die Briten bedienen sich dabei diverser Einflüsse, die von Northern Soul bis Motown reichen, und verfügen zudem über eine brillante Sängerin, die stellenweise gar an die bezaubernde RACHEL GORDON erinnert. All das macht „A coming of age“ zu einer wundervolle Pop-Scheibe für die ruhigeren Momente des Lebens. (6,5)
http://www.myspace.com/luckysoulluckysoul

MAUD – s/t (Label: Ampire Records, VÖ 28.11.2010)
(bc) Ich weiß nicht so recht, was ich von MAUD halten soll. Das Infoschreiben schmeißt Schlagwörter wie „roh“, „direkt“, „minimalistisch“ und „intensiv“ in den Raum, allerdings könnte man diese Liste auch noch problemlos mit weiteren Adjektiven wie beispielsweise „zerstückelt“ oder „nervenaufreibend“ ergänzen. Hier gibt es vertrackten Noise-Rock mit offensichtlicher Abneigung gegen jeglichen Anflug von Eingängigkeit und Pop-Attitüde! Und spätestens, wenn MAUD in „Isle of popcorn“ plötzlich ihre Vorliebe für den fluffigen Knabbersnack bekunden, darf man schon mal kurzzeitig den Gemütszustand der drei Münchener anzweifeln. Interessant und eigenwillig, aber gewiss nicht jedermans Geschmack (also die Band, nicht das Popcorn!). (5)
http://www.myspace.com/maudnoise

METADONE – „Another failure“ (Eigenvertrieb, VÖ 23.12.2010)
(bc) So, jetzt reißen wir bitte schön den Volume-Knopf der Stereoanlage auf, formen wir die rechte Hand zur sogenannten „Pommesgabel“ und lassen rhythmisch das Haupthaar kreisen… Denn die Jungs von METADONE hauen auf ihrem ersten Album ordentlich auf den Putz. Hier wird eine dicke Portion Hardrock und Metal serviert, die bei eher fachunkundigen Hörern wie mir zwangsläufig Assoziationen zu METALLICA weckt. Spielerisch bewegt man sich auf einem recht hohen Niveau, und auch an Abwechslung mangelt es auf „Another failure“ nicht, denn neben flotten Headbang-Nummern wagt sich die Band auch mal an eine Akustikballade oder üben sich in „Grief, fate & truth“ gar im Stadionrock, was ausnahmsweise gar nicht negativ gemeint sein soll. Im Gegenteil, objektiv betrachtet legen METADONE hier ein durchaus respektables Album vor, welches allerdings eher etwas für die Metal-Zielgruppe ist und weniger den Nerv des durchschnittlichen Blueprint-Lesers treffen dürfte. (6)
http://www.myspace.com/metadone

OBSTACLES – „Dividual“ (Label: Play/Rec, VÖ 20.10.2010)
(jg) Bäm! Der erste Song ist wie ein Schlag in die Fresse und gleichzeitig eine Art Best-Of des OBSTACLES-Sounds: schnelle Gitarrenpickings, vertrackte und superpräzise Rhythmik, ein knarzender Bass. Kurz und gut – fantastisch! Der zweite Track steht dem in nichts nach, aber bereits beim dritten Song setzen aufgrund der doch sehr ähnlichen Songstrukturen Ermüdungserscheinungen ein. Vielleicht sollten sich die Ex-CHILDREN OF FALL-Leute doch noch nach einem Sänger umschauen oder bei dem Prinzip der EP bleiben. (6,5)
http://www.myspace.com/obstaclesband

RADIO HAVANNA – „Lauter Zweifel“ (Label: Fatsound Records, VÖ 28.05.2010)
(bc) Vor einiger Zeit waren RADIO HAVANNA hierzulande als Support mit LAGWAGON und NO USE FOR A NAME auf Tour, und so manch einer fragte sich wohl im Vorwege, was eine vermeintliche Deutschpunk-Band im Vorprogramm dieser beiden Skatepunk-Institutionen zu suchen hätte. Wenn man sich das neue Album „Lauter Zweifel“ der (Wahl-)Berliner allerdings anhört, merkt man schnell, dass die Kategorie „Deutschpunk“ nicht wirklich zutrifft. Vielmehr spielen sie zackigen, melodischen Punkrock, der mich immer wieder an ZSK erinnert. Eingängige Gitarrenmelodien treffen auf einen zum Glück nicht allzu angepassten Gesang, der den Songs immer wieder die nötige Würze verleiht und dafür sorgt, dass die Stücke nicht zu eingängig werden, sondern stets eine gesunde Grundaggressivität erhalten bleibt. Doch, gefällt! (7)
http://www.myspace.com/radiohavanna

SEDATED ANGEL – „Far beyond repair“ (Label: Waterpunk Records, VÖ 15.02.2010)
(bc) Auch SEDATED ANGEL waren letztens auf Deutschland-Tour, was ihre Promo-Agentur dazu veranlasste, noch einmal auf ihr jüngstes Album „Far beyond repair“ hinzuweisen. Und auf diesem lassen es die Dänen ordentlich krachen: Mit kräftigen Stonerrock-Riffs, kraftvollem Schlagzeugspiel und einem nicht zu überhörenden Psychedelic-Einschlag könnten sie glatt als Skandinaviens Antwort auf KYUSS durchgehen. Allerdings mangelt es wie so oft in diesem Genre an innovativen Ansätzen und Überraschungen, stattdessen weiß der Hörer schon nach dem ersten Song, wie der Rest des Albums klingen wird. Und so ähnelt die Musik von SEDATED ANGEL letztendlich dem geologischen Aufbau ihres Herkunftslandes: Es gibt weder Höhen, noch Tiefen. (4)
http://www.myspace.com/sedatedangel

Bernd Cramer

Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.