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BERLIN 2.0 – Kaltental

Wer sich nicht an „Scherbenhügel“ erinnert, hat ja schon was verpasst. Aber falls du dazu gehörst: Dann fang wenigstens mit „Kaltental“ an, BERLIN 2.0 zu hören! Die Stuttgarter:innen nehmen sich nicht die Zeit, um anzuklopfen, sie stehen urplötzlich in deiner Wohnung und überschütten dich mit Postpunk einer neuen Dimension, ganz große Extraklasse. Politisch, antifaschistisch, brutal ehrlich und schmerzhaft real, so klingen BERLIN 2.0 auf „Kaltental“. Aber nicht, ohne dabei weiterhin auf die Hoffnung zu setzen, dass es vielleicht doch alles irgendwann gut werden kann, wenn die Menschheit sich endlich mal am Riemen reißt, auch wenn das unwahrscheinlich ist.
Dabei krachen die Gitarren und nehmen sich nur hin und wieder ein wenig Zeit, damit man sich auf die Schuhe starren kann („Gabionenzaun“), während man über die Lyrics nachdenkt. Eins wird mit jedem Song immer klarer: „Ein ganzes Volk braucht Therapie!“ („Pflugscharen zu Schwertern“) Texte, die man definitiv nicht nebenbei hören sollte (oder könnte), die mit aller Wucht gesungen, teilweise fast schon geschrien an die Schädeldecke krachen und sich dann durch die Nervenbahnen in jede Ecke des Körpers begeben.
Spätestens mit „1789“ (das sich auch sehr gut im Coverartwork wiederfinden lässt) wird klar, dass es Zeit wird, endlich zu handeln: „Wir haben nix mehr zu verlieren!“ Es wird Zeit für eine Reichensteuer, Zeit für Widerstand, Zeit dafür, die Faschisten endlich ernsthaft zu bekämpfen und nicht „inhaltlich zu stellen“.
„Schwester, fass‘ mit an […} – Bruder, reih‘ dich ein!“
BERLIN 2.0 haben ein zweites Album veröffentlicht, das noch klarer, noch radikaler, noch zerstörender, noch gewaltiger ist als der Vorgänger es schon war. Kein direkter Aufruf zur Gewalt, vielmehr einer, endlich nicht mehr zu schweigen, sondern laut zu werden, damit sich etwas ändert, solange es noch geht. Und das mit einer Mischung aus Postpunk und Wave, wie man sie entschlossener kaum je erlebt hat. Erneut ganz vorne im „Album des Jahres“-Regal.

Meine Bewertung

Simon-Dominik Otte

Mensch. Musiker (#Nullmorphem). Schauspieler (#BUSC). Rezensent (#blueprintfanzine). Come on, @effzeh! AFP-Fan. (#Amandapalmer). Lehrer. Und überhaupt. Und so.