ADAM BRYANBAUM WILTZIE – Salero

Ein Album zu besprechen, das nicht als solches alleine für sich steht, kann eine besondere Aufgabe sein. In diesem Fall handelt es sich nämlich um einen Soundtrack, die Musik wird also auch gekoppelt an die visuelle und inhaltliche Ebene entwickelt. Und besonders ist die Aufgabe deshalb, weil ich bis auf den Trailer, Filmstills und diverses Informationsmaterial zum Thema des Films keine Möglichkeit hatte, das endgültige Ergebnis zu sehen. Sei’s drum. Welche Geschichte ist es also, die ADAM BRYANBAUM WILTZIE auf seinem neuesten Album vertont hat?
Die Dokumentation „Salero“ von Mike Plunkett, die in der bolivianischen Salar de Uyuni spielt, begleitet einen Salzarbeiter, der mit seiner Arbeit einer langen, über Generationen andauernden Tradition in dieser sonst schier lebensfeindlichen Region folgt. Die Salzwüste ist die größte der Welt, der Ort unwirklich und wie ein Filmset zu einer post-apokalyptischen Zukunftsvision. Eine Frau steht auf dem Dach eines Kleinlastwagens und richtet ihre Hand mit einem Handy in den Himmel, das Mobilfunknetz wie einen Gott anbetend. Moderne Technik ist noch wenig dort, oder aber, wenn sie es ist, nur bedingt nutzbar. Erst langsam wird sie kommen und sich etablieren. Es ist die Archaik des Ortes und seine Endlosigkeit, die die eigentlichen Protagonistinnen des Films sein könnten. Ewiges, schimmerndes Salz, das manchmal zum riesigen Spiegel wird, den Himmel reflektiert und die darauf arbeitenden Menschen zu schwebenden Objekten macht, die Raum und Zeit enthoben wirken.

ADAM BRYANBAUM WILTZIE, den man von seinen anderen Bands WINGED VICTORY FOR THE SULLEN und STARS OF THE LID kennen könnte, lässt die Musik majestätisch beginnen, die einzelnen Klänge schichten sich übereinander, wie die Bodenbeläge der Salzwüste, die das Fundament des Films sind. Immer dichter wird die Klangfläche, bleibt lebendig und ändert schimmernd ihre Farbe. Wiltzie überträgt gekonnt die optische Landschaft in eine auditive. Diese Weite hat etwas Friedliches an sich, doch bereits gegen Ende des ersten Stückes taucht eine Disharmonie auf, die diesen Eindruck bricht. Sie erscheint jedoch nur einmal, sodass fast nicht klar ist, ob man tatsächlich richtig gehört hat oder ob es eine Sinnestäuschung war. Zurück bleibt eine Verunsicherung – oder eine Vorahnung. So heißt dann gleich das darauffolgenden zweite Stück, „The Premonition“. Es schält sich aus einem windgleichen Rauschen und verschwindet am Ende eben dorthin zurück.
„Salero“ ist auch die Geschichte vom Wandel einer Region, weil durch die Entdeckung großer Lithium-Reserven, die unter der Salzkruste liegen, die Elektroindustrie aufmerksam wurde. Das Mineral dient als Katalysator für die Ausbeutung der Umwelt und seiner Menschen, und so ist die immer wiederkehrende dunkle Färbung in Wiltzies Musik kein Zufall. Interessant ist aber vor allem, dass er damit nie schwarz-weiß malt, sondern vielmehr die Ambivalenz einer solchen Entwicklung ausstellt, könnte sie doch auch Fortschritt für die Region bedeuten.
In „The few of us left“ bekommt man jedoch eher den Eindruck, dass wenige, die dort leben, daran glauben. Die triolisch gezupften Gitarren suggerieren eine Bewegung. Ist das Flucht? Dieses Stück ist in Anschluss an das folgende „They dream of more“ zu denken, denn hierin wird klar, dass diese wenigen Verbliebenen standhaft sind, dass der Traum der Menschen nach mehr etwas Mächtiges hat. „Transforming the country“ scheint die Folge daraus zu sein, auch musikalisch. Die Schwere des Drones vom Vorgänger macht nun anfangs noch vorsichtiger, dann aber sich festsetzender, lebendiger Percussion Platz, über die dennoch die bekannten, dichten Streicherarrangements schweben. Überraschend kommt „Wealth baby“, nach dessen Titel und vor allem der Position auf der Platte (The few of us left / They dream of more / Bring this place to life / Transforming the country) man nun versucht ist, an Erlösung und Erfolg zu denken. Doch der Wohlstand bleibt eine Medaille mit zwei Seiten, und so reihen sich folgerichtig Dur- und Moll-Akkorde abwechselnd, zum Teil gar fließend aneinander, erzeugen bei jedem Umschwung entweder unmittelbar Skepsis und Bedrohlichkeit oder aber die Hoffnung auf ein Happy End.
Die Geste ist groß, Pathos macht sich breit mit all den an- und abschwellenden Streichinstrumenten und der getragenen Stimmung. Wiltzies Übersetzung der ewigen Weite der uyuniadischen Salzwüste sind zerdehnte, entschleunigende Vielklänge. Stellenweise liegen diese als Drones unter den sanften Melodiebögen oder dezenten rhythmischen Figuren und bilden den endlosen Boden, auf dem gearbeitet, sich bewegt und verändert wird. Der Soundtrack schafft es bravourös, sowohl nah am Inhalt des Films als auch an der darin abgebildeten Geografie zu sein.

Bewertung: siehe oben

Veröffentlichungsdatum: 11.11.2016