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SENORE MATZE ROSSI – 27.11.2010 (Rubinrot, Köln)

Es ist ja ganz egal, wann ich in den Zug von Bonn nach Köln steige, immer ist eine Frauen-Kegel-Gruppe mit jeder Menge Alkohol an Bord. So auch dieses Mal, auf dem Weg zum Rubinrot nach Köln. Machste nix dran. Glücklicherweise sollte dies der einzige Wermutstropfen an diesem Abend bleiben.
Das Rubinrot ist eine sehr gemütliche Cocktailbar im Herzen Ehrenfelds, an den ein – ich nenne es mal so – Sälchen angeschlossen ist.
Nachdem wir ein ausführliches Interview mit Matze geführt hatten, begann auch schon TOMMY FINKE, der Singer/Songwriter aus Bochum, mit seinem Programm. Ein wirklich ansprechender Auftritt, mal lustig, mal melancholisch-emotional und immer mit den richtigen Worten für das Publikum, das teilweise sogar aus Luxemburg angereist war. Er wirkt so frisch wie ein 19jähriger und dabei so abgezockt wie ein Mitglied der ROLLING STONES. Höhepunkt des Auftritts war aus meiner Sicht „Robert Smith in meiner Kneipe“, auch wenn ich der Ansicht bin, dass THE CURE nicht nur früher gut waren, aber das ist eine andere Baustelle. Sehr schön auch die zusätzliche Untermalung der Songs mit Mundharmonika.
TOMMY FINKE zeigte ein überzeugendes Programm und konnte sicherlich den ein oder anderen, der ihn noch nicht kannte, mit seinen Qualitäten für sich einnehmen. Wer die Möglichkeit hat, ihn sich live anzusehen, sollte sie nicht ungenutzt verstreichen lassen, wer sie nicht hat, sollte sich entweder mal bei Youtube umsehen, oder aber die CDs kaufen. Lohnt sich auf jeden Fall für alle, die deutschsprachige Singer/Songwriter-Musik mit einem Hang zum Liedermachen gern in ihre Ohren lassen. Ein richtig guter Support, kurz gesagt.
Nach einer kurzen Pause dann also SENORE MATZE ROSSI.
Der Mann mit der Kappe, in T-Shirt und alleine mit seiner Gitarre. Solotour eben.
Schon mit den ersten Worten hat er das ca. 40-köpfige Publikum im Griff. Leider hatte er es nicht geschafft, eine Setlist zu schreiben, was zu manch amüsanter Pause („Hat einer ´ne Idee, was ich jetzt spielen könnte?“, „Gibt´s Wünsche, ich weiß gerade gar nicht, was ich spielen soll…“) im Gig führte. Gestartet wurde mit „Analog am Stück“, gefolgt von „Das ist für die Lieblingslieder“ (Kommentar Matze: „Das ist eigentlich viel zu früh!“). Auch TAGTRAUM kamen nicht zu kurz („Balsam“), was zeigt, dass SENORE MATZE ROSSI dem geneigten Publikum einen Rundumschlag aus all den Schaffensjahren seines Musikerdaseins bot, was selbstverständlich sehr positiv aufgenommen wurde. Überhaupt Publikum: die Interaktion funktionierte reibungslos, immer wieder gab es Zwischenrufe, die vom Singer/Songwriter aufgegriffen und in irgendeiner Form verwertet wurden, seien es Songwünsche oder Anekdoten wie die von TOMMY FINKE, der von seiner ersten TAGTRAUM-Erfahrung berichtete. Das Ganze schuf eine sehr angenehme Wohnzimmerkonzert-Atmosphäre, es hatte schon fast etwas Familiäres, hier dabei sein zu dürfen. Es durfte gerne auch lauthals – und in dem kleinen Raum stets gut hörbar – mitgesungen, reingerufen oder gefragt werden, es war schlicht und ergreifend eine Freude. Als sich dann noch herausstellte, dass Matze sein Handy angelassen hatte, was zu den bekannten unschönen Boxengeräuschen führte, war endgültig das Motto des Abends gefunden: Rundweg sympathisch. Ein schöner Abend mit Freunden, um es irgendwie in Worte zu fassen.
Trotzdem Matze nicht mehr raucht, ist seine Stimme nach wie vor rauchig und eigen, dabei aber stets einnehmend und fesselnd. Diese gewisse Härte, mit der er die teilweise doch sehr emotionalen Texte singt, geben der Musik als Gesamtwerk noch eine besondere Wirkung, die das ganze Schubladendenken schnell ad absurdum führt.
Selbstverständlich gab es auch Songs von der kommenden EP „Vier Geschichten von Geistern, Mädchen, Elefanten und Schildkröten“ zu hören, so etwa „Ich werde mal ein guter Geist“, ehe dann „Beste Waffe“ einen der Höhepunkte des Auftritts bildete. Übertroffen wurde dies noch von „Ich hoffe, du findest was du suchst“ – einfach unerreichbar.
Zwischendurch immer wieder die sehr sympathischen Ansagen und Geschichten, mit denen SENORE MATZE ROSSI es versteht, sein Publikum auf eine ganz besondere Art für sich einzunehmen. Einzig fraglich ist, ob die gesamte Zeit bis 23 Uhr ausgenutzt werden musste, vielleicht hätten es hier zehn Minuten weniger auch getan, dafür ein Zugabenblock, der aufgrund der nicht vorhandenen Setlist und der Zeitvorgabe ausblieb, so dass das Konzert nach einer wunderschönen DEATH CAB FOR CUTIE-Coverversion („I follow you into the dark“), mit der Matze einen seiner großen Einflüsse, BEN GIBBARD, huldigte und „Alles Gute (kommt von innen)“ recht plötzlich zu Ende war. Dem Spaß und der Begeisterung für diesen tollen Abend konnte dies aber keinen Abbruch tun. Langsam begann auch der Schweiß nicht nur auf der Stirn, sondern auch von der Decke zu tropfen (das haben diese kleinen Läden nun mal so an sich), somit war ein guter Zeitpunkt gekommen, die Lokalität zu verlassen und die frische, kalte Winterluft zu genießen.
Leider hieß raus aus dem Rubinrot gleichzeitig rein in den wohl vollgestopftesten Zug seit der Erfindung Tokios. Wobei die Hauptschuld hieran Malte trägt, der die Dreistigkeit besaß, durch das Mitnehmen einer Bierflasche in den Zug geschätzt 40 Menschen die Möglichkeit zu nehmenn, noch mitzufahren. Asche auf dein Haupt!
Als sich in Bonn dann die Sardinenbüchse öffnete, wurde der Heimweg doch noch ganz schön. Auf ein Neues, bitte ganz bald!

Simon-Dominik Otte

Mensch. Musiker (#Nullmorphem). Schauspieler (#BUSC). Rezensent (#blueprintfanzine). Come on, @effzeh! AFP-Fan. (#Amandapalmer). Lehrer. Und überhaupt. Und so.