24 STUNDEN HALDERN-OPEN-AIR

Haldern 2016 Spiegelzelt

Da ich weder ausgebildeter Journalist noch praktizierender Musiker bin, pimpe ich meine Berichte gerne mit kleinen Anekdoten. Dass das gut ankommt, beweisen ungezählte handgeschriebene Leserbriefe, die tagtäglich von einer extrem gutgelaunten Postbotin abgeliefert werden. Eine Schwierigkeit über HALDERN 2016 zu berichten ist, dass ich bloß 24h vor Ort sein konnte. Die Zusage, fürs Blueprint teilnehmen zu können, kam erst kurz vor knapp, genau 72 Stunden später ging’s los. Aber da sind wir ja schon mittendrin im Thema: Haldern unterstützt durch die Ausstellung eines Presseausweises unser liebes Blueprint-Fanzine. Haldern, mon amour!

Nun ist es so, dass dies weißgottnicht mein erstes Haldern-Festival war. Alleine mit dem Booking oder meiner niederrheinischen Vergangenheit kann ich die Faszination für`s Haldern Open Air allerdings nicht erklären. Veranstalter Stefan Reichmann arbeitet nach eigenen Worten an einem dramaturgischen Ablauf in der Zusammenstellung der Bands und Auftrittzeiten. Im WDR-Rockpalast sagt er „wir wollen überraschen“ und er weiß auch, wie es um die Wetterdramaturgie bestellt ist: es ist selten trocken, hier wäre mal eine Überraschung angebracht. Überraschend war es, dass BELLE AND SEBASTIAN im Jahr 2002 ihr erst zweites Deutschland-Konzert spielten, überraschend war die Mondwerdung einer Seifenblase 2008, überraschend ist HEATHER NOVAS Geist, der von Jahr zu Jahr zurückkehrt, wie die schrillen „Heather“-Rufe aus dem Publikum bezeugen, wenn mit der musikalischen Qualität der Künstler gehadert wird.

Für meinen persönlichen Geschmack war auch in den letzten Jahren ordentlich „Leerlauf“ in der braven Kategorie „LONEY DEAR und Co.“ dabei… aber dann knallt es mit einem bis dato Unbekannten sowas von um die Ohren. Zum Beispiel im vergangenen Jahr VIETCONG. In diesem Jahr waren das für mich LIIMA. Aber ich war ja auch bloß 24h vor Ort. Oli berichtete (und ein Typ, dem ich meine letzten Biermarken verkauft habe hatte es schon prophezeit): JAMBINAI aus Seoul haben es in sich und lassen es auch raus. Das Spiegelzelt wurde mit Hilfe koreanischer Instrumente wie dem Haegum, der Piri und der Geomungo (Info der HALDERN-Stadionzeitung „Datt Blatt“ entnommen) wohl komplett zerlegt.

Also, LIIMA: Um 01:30 Uhr füllten die Skandinavier das (da noch existierende) Spiegelzelt. Hinter einem lagen schon stundenlanger Nieselregen bei schlimmen 14°C Tageshöchsttemperatur, durchnässte Turnschuhe mit geborgten dafür trockenen Socken in Mülltüten eingewickelt, einem fragilen Glück. LIIMA sind bei den großen 4AD unter Vertrag, es gibt einen schönen Band-Artikel von Lina Brion auf Zeit-Online mit dem Titel „Den Kleber gut dosiert“. LIIMA besteht aus dem finnischen Perkussionisten Rönkkö und Mitgliedern der leider aufgelösten dänischen Band EFTERKLANG. Schaut euch mal das Video zu „Amerika“ an. Live ist das große Handwerkskunst, selbstgemachter Rave, psychedelischer Dancefloor, viel Weirdness kämpft mit der (ja genau:) Komposition. Die beats-per-minute ziehen zwischendurch ordentlich an, das gefällt der Meute: Stunden zuvor noch Deutschpunkrocker, nun Raver.2016-08-12 01.15.11

Punkrock spielten HEISSKALT mit dem sympathisch-kaputten Mathias am Mikro (tolles nichtssagendes Interview bei WDR-Rockpalast). Bereits 2015 haben HEISSKALT ordentlich Stimmung beim Haldern Open Air gemacht, doch ich habe sie vorschnell in die Proll-Punk-Schublade gepackt. Sie sind nun ein Jahr älter und die Jungs haben sich in dieser Zeit wahrscheinlich nicht nur mit Moshé Feldenkrais beschäftigt. Das hört man der fürchterlichen Hitsingle „Hallo“ nicht an, aber in den vielen Liedern dazwischen. Tolle Entwicklung!

Um Elf spielten dann die Kanadier THE BESNARD LAKES im Spiegelzelt, diesem wunderbaren Ort. Fast schon peinlich sphärischer Indierock, man denkt an ein Drei-Länder-Eck mit YO LA TENGO, ARCADE FIRE und NEIL YOUNG. 2003 nahmen sie ihr erstes Album auf, mittlerweile sind es Fünfe, THE BESNARD LAKES sind also keine Newcomer. Auf „The Besnard Lakes Are The Dark Horse“ (2007) gastierten u.a. Musiker von THE STARS und GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR. Howdy!

Fast hätte ich es vergessen:

DAMIEN RICE spielte Donnerstagabend auf der Hauptbühne. Dass er eine große Menge Menschen als Solokünstler begeistern kann, ist allgemein bekannt – so auch an diesem Donnerstagabend. Das von Rick Rubin produzierte „My Favourite Faded Fantasy“ (2014) genießt bei manch melancholischer Seele Kultstatus.

Dann der Freitagmorgen:

Nach einem rustikalen Frühstück im Doppeladler ging es in der Halderner Kirche weiter. Dies ist einer von drei Auftrittsorten außerhalb des Festivalgeländes, neben dem Tonstudio Keusgens und der Pop-Bar. Ich hatte das Glück relativ weit vorne sitzen zu können, sodass der Berliner Chor CANTUS DOMUS sich anfangs auch um mich herum singenderweise bewegte. Bei geschlossenen Augen war das schon sehr (ent-) spannend, eine gute Hörwahrnehmungsübung, vermutlich bei AVWS zu empfehlen (muss man nicht kennen). Nicht so spannend war der zweite Teil, in dem ein Orchester den Chor begleitete – das muss man erst Mal schlucken: man sieht eine E-Gitarre, hört sie aber kaum!

Leider kam aufgrund der kurzfristig angelegten Orga das Interview mit DIE NERVEN nicht zustande, die immer größer zu werden scheinen. Wenn das Songwriting weiter reift, ziehen sie zweifelsohne in den Noise-Olymp ein – und das nicht bloß Parterre. Ebenfalls konnte leider die Campingplatz-Bühne für die Münsteraner KERNSPALTUNG nicht gezimmert werden, dabei hatte ich extra ein Brett eingepackt, nur die Band war nicht da.

Dem aufmerksamen Leser (rund 860 Wörter bisher) wird nicht entgangen sein, dass die eingangs angekündigte Anekdote, die ihren Namen auch verdient, fehlt. Here we go: Ich habe mit Elmar in einem Zelt übernachtet. Er ist Mathematiklehrer. Mathematiklehrer habe ich immer für sadistische und böse machtvolle Götter gehalten, an der Tafel konnte ich immer nur Stammeln. Dank Haldern 2016 habe ich dieses Trauma überwunden. Als Elmar morgens seine Jeans zurechtruckelte wähnte er ein Taschentuch in seiner vorderen linken Tasche. Als er hinein griff, hatte er eine lebende Maus (!) in der Hand! Was sagt man dazu? Elmar ist wie Elle, Suse oder Daniel oder du und ich.

Aus die Maus, Ende nun.

Little darling, the smiles returning to the faces
Little darling, it seems like years since it’s been here

Here comes the sun, here comes the sun
(THE BEATLES)

Link Haldern 2015:
http://blueprintfanzine.de/wp/haldern-festival-2015-wundertuete-haldern/

Rockpalast

Über Jo Rößmann 35 Artikel
Weiß nichts, kann aber alles erklären.