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RISE FROM ABOVE – Hardcore von der Ost(see)-Küste

Seit 2007 halten RISE FROM ABOVE die Hardcore-Fahne in ihrer Heimatstadt Rostock zwar hoch, aber keineswegs in den Wind. Ganz im Gegenteil, denn die Band bezieht in ihren Texten eindeutig Stellung zu sozialen sowie politischen Themen und prangert mit klaren Worten die zunehmende Missachtung traditioneller Hardcore-Tugenden in einer immer häufiger als Modeerscheinung auftretenden Szene an. Nachdem sie in den letzten Jahren zahlreiche Konzerte abgerissen haben und dabei unter anderem mit namhaften Formationen wie DEATH BEFORE DISHONOR, HATEBREED oder WISDOM IN CHAINS unterwegs waren, veröffentlichten RISE FROM ABOVE Anfang des Jahres ihr zweites Album „Ain´t like you“, das ich jedem ans Herz legen möchte, der eine Schwäche für straighten und druckvollen Hardcore-Sound hat. Wir stellten den Jungs ein paar Fragen zum neuen Werk, die von ihrem Bassisten Henner bereitwillig beantwortet wurden.

[F] Ihr habt jüngst euer zweites Album „Ain´t like you“ veröffentlicht. Worin unterscheidet sich das neue Werk aus eurer persönlichen Sicht vom seinem Vorgänger „Phoenix“?
[A] Für den Hörer ist es wahrscheinlich in erster Linie die neue Stimme. Wir hatten vor einiger Zeit einen personellen Umbau, bei dem Jan von der Gitarre an den Gesang gewechselt ist. „Ain’t like you“ ist unser erstes Release mit ihm als Sänger. Darüber hinaus haben wir uns für unser zweites Album noch intensiver mit den Themen, die wir in unseren Texten ansprechen, auseinandergesetzt und zu jedem Songtext zudem einen Kommentar verfasst, der Fehlinterpretationen verhindern und unseren Hörern die Texte näherbringen soll.
Musikalisch haben wir versucht, unsere Stärken zu bündeln, um den Songs noch mehr Energie einzuflößen. Durch für die Musikrichtung vielseitige Arrangements hoffen wir, dem Album eine Dynamik zu geben, die Lust macht, die Scheibe komplett durchzuhören. Aus diesem Grund gibt es sowohl Songs ohne klare Refrains (z.B. „2Faced“) und Songs mit klaren Refrains (z.B. „The most“), schnelle Songs (z.B. „Oh!381“) und Songs, die eher durch ihr Midtempo getragen werden (z.B. „Ain’t like you“), etc. Im Unterschied zur „Phoenix“ weitgehend weggefallen sind Moshparts. Einerseits hat das etwas mit dem eben beschriebenen „Stärken bündeln“ zu tun, andererseits hat es sich auch einfach für uns so ergeben.

[F] Auf dem Albumcover von „Ain´t like you“ verwendet ihr unter anderem Fotos von Demonstrationen aus dem autonomen Spektrum. Wieso habt ihr euch für dieses recht plakative Artwork entschieden, zumal einige eurer Texte inhaltlich zwar durchaus politisch und sozialkritisch sind, aber im Gegensatz zu diesen symbolstarken Bildern in der Regel keine explizit radikalen Töne anschlagen.
[A] Das Design ist eher metaphorisch zu verstehen und soll die Aussage unserer Texte verstärken. Wir sind alle politisch interessiert und sympathisieren auch mit so mancher Idee aus dem linken Spektrum, aber trotzdem noch lange keine autonome Band; ich würde uns nicht einmal als politische Band bezeichnen, da gibt es Bands, die dieses Etikette definitiv mehr verdient hätten. Ich sehe uns inhaltlich in der Tradition der alten Hardcore-Bands aus den 80ern im modernen Gewand und würde behaupten, dass wir so politisch sind, wie jede Hardcore-Band wenigstens sein sollte. Außerdem ist RISE FROM ABOVE keine komplett homogene Gruppe, insofern stellen Texte und Bilder unseren kleinsten gemeinsamen Nenner dar. Wir machen auch keinen Hehl daraus, dass wir mit diesen plakativen Darstellungen nicht zuletzt auch auf uns aufmerksam machen wollen. Allerdings gibt es noch eine Menge mehr Details auf dem Cover und im Booklet zu entdecken, die man ohne die „Eye-Catcher“ vielleicht übersehen würde. Daher sind die Bilder von den Demonstrationen auch Mittel zum Zweck, um den Blick auf das Gesamtwerk zu lenken.

[F] Der Titeltrack des neuen Albums setzt sich kritisch mit Teilen der Hardcore-Szene auseinander, und auch in anderen Liedern von euch tauchen entsprechende Themen immer wieder auf. Wie beurteilt ihr die Entwicklung der deutschen Hardcore-Szene in den letzten Jahren und was sind eure Hauptkritikpunkte an dieser?
[A] Es existieren eine Menge Hardcore-Bands in Deutschland, was grundsätzlich positiv zu bewerten ist. Allerdings gehen viele textlich in die Richtung von „Stay true to yourself“, „You don’t know me“, „Tear them down“, „Fight the Enemy“ etc., thematisieren sich also einfach nur selbst oder geben irgendein allgemeines Blabla von sich, was ich als große inhaltliche Leere empfinde – Selbstdarsteller, die einfach nur in einer Band spielen wollen, gibt es woanders schon genug. Als Hardcore-Band sollte man schon einen etwas höheren Anspruch an sich selbst haben, gerade wenn man sich anschaut, wo Hardcore eigentlich herkommt und entstanden ist. Hier können wir uns noch einiges bei so mancher Punk-Band abschauen. Es gibt aber auch Bands, die schon länger dabei sind, und eigentlich nur noch auf die Bühne gehen, um ihre Gage zu kassieren, worum es im Titeltrack geht. Wir fahren hunderte Kilometer für eine Show, weil es für uns das Größte ist, Hardcore-Shows zu spielen und nicht, um einen Haufen Kohle mit Merchandise zu verdienen. Musikalisch habe ich weniger zu kritisieren – machen wir uns nichts vor: Hardcore ist eine der konservativsten Musikrichtungen überhaupt, und es kann nicht jede Band das Rad neu erfinden. Ob das jetzt gute Musik ist oder nicht, ist reine Geschmackssache.

[F] Erzähl doch bitte ein paar Sätze über euren Song „XXX“, der ja stark Richtung Party-Hymne tendiert. Dementsprechend irreführend ist der Titel des Songs. Ist der Text folglich auch als Kritik an der Straight Edge-Bewegung zu verstehen?
[A] Im exakten Titel ist das „XXX“ mit einem Pfeil durchgestrichen, deshalb finde ich ihn gar nicht als so irreführend. Der Song, den wir einfach nur „Partysong“ nennen, zeigt auch die Ambivalenz bei uns in der Band. Ich lebe als einziger von uns vegan, trinke keinen Alkohol, bin Nichtraucher und nehme auch keine sonstigen Drogen – trotzdem bezeichne ich mich nicht als „straight edge“, weil ich diese Bewegung als intolerant, manchmal fast schon sektenhaft oder missionarisch ansehe. Ich fühle mich mit dieser Lebenseinstellung besser, aber das heißt ja nicht, dass anderen das genauso gehen muss. Ich würde niemandem sein Bier verbieten. Und was bedeutet überhaupt „straight edge“? Für manche gehört vegan nicht dazu, für andere schließt das sogar Koffein, Zucker und Sex ein – ich habe schon einige Diskussionen auf Shows hinter mir, die letztendlich zu gar nichts geführt haben. Und was das Party machen angeht: Wir waren vor kurzem mit unseren Homies von NEW HATE RISING auf Tour mit mir als einzigem Nicht-Alkohol-Trinker – und es war auch für mich die beste Tour ever!

[F] Mit „Oh!381“ veröffentlicht ihr erstmalig einen deutschsprachigen Song, der eine Ode an eure Heimatstadt Rostock darstellt. Wie sieht derzeit die Hardcore- und Punk-Szene bei euch aus? Gibt es empfehlenswerte Bands, die unsere Leser unbedingt mal anchecken sollten?
[A] Die Punkszene mit ihrem Flaggschiff DRITTE WAHL ist bei uns an der Waterkant auf jeden Fall stärker repräsentiert als die Hardcore-Szene. Die Hardcore-Szene würde ich folgendermaßen beschreiben: Man kennt sich 😉 Zu größeren Shows mit namhaftem Headliner kommen aber schon auch ein paar mehr Leute, da ist fast Gesamt-Mecklenburg-Vorpommern Einzugsgebiet, insbesondere in Greifswald gibt es doch einige HC-Kids. Erst vor Kurzem haben sich NO TURNING BACK gefragt, warum sie noch nie vorher in Rostock gespielt haben. Was Rostocker Bands anbelangt solltet ihr euch auf jeden Fall unsere Jungs von ENECOR und WHAT YOU DESERVE mal zu Gemüte führen.

[F] Sind für die Zukunft eigentlich noch weitere Lieder mit deutschen Texten geplant, oder soll es bei dieser Ausnahme bleiben?
[A] Der Song „Oh!381“ ist entstanden als unser Sänger Jan neun Monate in Liverpool gewohnt und gearbeitet hat – da liegt es natürlich nahe, einen Song über seine Heimatstadt in seiner Muttersprache zu verfassen. Explizit geplant ist nichts, aber wenn’s passt, warum nicht?! Vielleicht versuchen wir uns auch mal mit Unterstützung unseres Gitarristen Tito an einem Song auf Portugiesisch…

http://www.facebook.com/risefromabove
http://district763.de/2012/02/band-1/

Bernd Cramer

Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.