OLDBOY – Janus

Rap ist ja gar nicht so meins. Es sei denn, ich finde die Texte super oder kenne die Leute. Besondere Zufälle ermöglichen manchmal beides, so im Falle von OLDBOY. Denn dieser gar nicht mehr sooo junge Mann schafft es, intelligente Lyrics auf intelligente Beats zu packen, sodass es völlig problemlos möglich ist, „Janus“ von vorne bis hinten, von hinten bis vorne und durcheinander zu hören, weil man den schnellen Worten gar nicht im selben Tempo folgen kann (jedenfalls nicht in meinem Alter). Wie gut, dass es die Repeat-Taste gibt. Ob nun „rapkritisch“ wie „Wahnsinn“, positiv egozentriert und geschichtenerzählend wie „Janus“, politisch wie u.a. „Knochen, Fleisch & Blut“ oder gesellschaftskritisch wie „Alkohol & Übermut“ oder „Ich trage nur noch schwarz“: OLDBOY gelingt mit jedem Track, wonach viele jahrelang suchen, obwohl sie sich doch schon in den Charts herumtreiben: tighte Beats und grandiose Texte, wie man sie vielleicht noch von SAMY DELUXE oder ALLIGATOAH kennt. Zum Mitdenken und Mitmachen hat der alte Junge auch noch jede Menge dabei: „Angst vor Terrorismus / und was war der NSU? / Angst vor Überfremdung? / Wir sind 80 Millionen / Angst vor Multikulti? / Das war nach dem Krieg schon so / Denn wer hat denn in der Not die Gastarbeiter hergeholt? / Deutschland, bitte jetzt, erwache! / Sonst wird das ein Albtraum.“ („Flagge zeigen“) Und das alles, ohne dabei auf irgendeiner Welle mitzuschwimmen, sich auf ein Thema zu setzen, um Umsätze zu generieren. Vielmehr ist „Janus“ ein absolut selbstständiges Album, DIY von Kopf bis Fuß (oder, um im Coverbild zu bleiben, von Kopf bis Kopf), irgendwie eben ein bisschen „das ist Johnny-Cash-Style“. Sicherlich ist dieses Debüt nichts – oder nur in den seltensten Fällen – für die 13jährigen Möchtegerngangster auf den Schulhöfen (diesen sei speziell „Alles nicht so schlimm“ empfohlen). Was eigentlich schade ist. Aber OLD BOY macht mit „Janus“ klar: Es gibt ihn noch, den intelligenten, feinsinnigen, wortgewandten und anspruchsvollen Rap in deutscher Sprache. Man muss ihn möglicherweise etwas intensiver suchen, aber ihn zu finden, bereitet dann umso mehr Spaß. Und jetzt muss ich das Album nochmal von vorne hören, um die nächsten verpassten Textzeilen mitzubekommen.

Bewertung: 8/10

Veröffentlichungsdatum: 13.05.16

Über Simon-Dominik Otte 987 Artikel
Mensch. Musiker (#Nullmorphem). Schauspieler (#BUSC). Rezensent (#blueprintfanzine). Come on, @effzeh! AFP-Fan. (#Amandapalmer). Lehrer. Und überhaupt. Und so.

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