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NAKED LUNCH – 29.01.2026, Treibhaus (Innsbruck)

Mitte Januar in Österreich, das heißt normalerweise: Skifahren. Wenn das Wetter aber eher nach grauer Wand als nach Panorama aussieht, eröffnen sich andere Möglichkeiten. Schneewandern zum Beispiel, eine stille, fast meditative Alternative. Oder man fährt nach Innsbruck – eine Stadt, die sich anfühlt, als spiele sich ihr Leben auf weniger als einem Quadratkilometer ab. Alpenzoo am Mittag, Goldenes Dachl und Annasäule am Nachmittag. Und am Abend?

An diesem Abend wartete keine beliebige Indieband, sondern eine Institution der österreichischen Popgeschichte: NAKED LUNCH. Eine Band, die wie kaum eine andere für das Durchhalten steht – und für all die Brüche, die ein Musikerleben mit sich bringen kann.

Gegründet 1991 in Klagenfurt, benannt nach dem Roman von William S. Burroughs, bewegten sich NAKED LUNCH früh im Umfeld der Weilheimer Szene um THE NOTWIST. Ein Major-Deal mit Mercury Records folgte, später ein weiterer mit Virgin – beide endeten ernüchternd. Persönliche Krisen kamen hinzu: Sänger und Kopf der Band Oliver Welter lebte zeitweise auf der Straße, Bassist Georg Trattning starb an den Folgen seiner Alkoholkrankheit. Die Musik reagierte darauf. Mit „Songs for the exhausted“ verabschiedete sich die Band vom Alternative Rock und fand gerade damit ein neues, treues Publikum. Weitere Alben, Besetzungswechsel, Theaterarbeiten – und irgendwann der Eindruck, NAKED LUNCH könnten leise von der Bildfläche verschwinden.

Bis 2025. Nach zwölf Jahren Funkstille erschien mit „Lights and a slight taste of death“ plötzlich ein neues Album. Eine Art Lebensrückschau, konzentriert, offen, ohne Pathos. Genau diese Haltung bestimmte auch den Abend in Innsbruck. Welter stand auf der Bühne mit einer sichtbaren Dankbarkeit, fast einem Staunen darüber, dass es diesen Moment überhaupt noch gibt.

Dabei war schnell klar: Dieses Konzert lebt nicht von Nostalgie. Gitarrist und Produzent Wolfgang Lehmann (SEX JAMS, VOYAGE FUTUR), der Welter zur Arbeit an der neuen Platte motiviert hatte, wirbelte über die Bühne, als ginge es um alles. Bassistin und Sängerin Romy Jakovcic (PAULS JETS) wurde von Welter mehrfach hervorgehoben – „Sie ist so gut, dass ich jeden Abend wieder aufs Neue staune“, sagte er. Man glaubte ihm jedes Wort.

Über gut zwei Stunden spannten NAKED LUNCH einen großen Bogen durch ihr Werk: indierockige Passagen, psychedelische Ausuferungen wie in „In the dark“, kontrollierter Lärm bis zum Chaos. Beim furiosen „If this is the last song“ zerlegte Multiinstrumentalist Boris Hauf sein Saxophon beinahe vollständig – Erleichterung, als es danach wieder funktionierte.

Natürlich fehlten auch die Klassiker nicht: „Military of the heart“, das dem verstorbenen Georg Trattning gewidmete „King George“. Nach fünf Zugaben und mehr als zwei Stunden Musik schließlich „Closed today“ – der größte Hit, fluffiger 90s‑Indierock, der auch heute noch erstaunlich gut funktioniert und einen ebenso leichten wie runden Abschluss bot.

Am Ende Umarmungen auf der Bühne. Vor allem aber: spürbare Wärme zwischen Band und Publikum. Keine Pose, keine Distanz. Nur Erleichterung und Freude darüber, dass all das noch möglich ist.

Konzerte in Österreich? Sollte man definitiv öfter einplanen.