Kurz & schmerzlos (April – Juni 2014) – CD-BESPRECHUNGEN IN ALLER KÜRZE

Foto: Timo Neuscheler

Als ich noch zur Schule ging (also selbst als Schüler, nicht auf der anderen Seite der Macht), spielte einer meiner Mitschüler in einer Metal-Band mit Namen LOVELORN. Natürlich brachte diese dann auch mal ein Tape heraus, und natürlich musste man das als guter Freund erwerben. Habe ich selbstverständlich auch getan. Zudem habe ich die Kassette auch in den heimischen Rekorder gesteckt und auf Play gedrückt. Was dann kam, war mehr oder weniger wüstes Einprügeln auf diverse Instrumente (oder auch Musiker?), während ein weiteres Bandmitglied kehlige Laute von sich gab, als wäre es gerade geschächtet worden. Am nächsten Tag traf ich meinen Mitschüler wieder und sagte ihm, dass mir diese Art von Musik einfach nichts sagen würde und ich wirklich nichts damit anfangen könne. Besonders dieses Geschrei habe mich mehr als irritiert. Woraufhin er sagte: "Du musst auf die Texte hören, die sind total politisch!" Ich dachte nur: "Oha, es gibt Texte?", sagte aber: "Alles klar!" Danach habe ich, glaube ich, über dieses Tape kein Wort mehr verloren, und es kam mir nur in den Kopf, weil ich ähnliche Gefühle bei so mancher CD, die mich erreicht, bekomme. So auch bei einer der hier vertretenen kurz & schmerzlos-Rezensionen, mal sehen, wer sie findet.
Desweiteren lauern hier große Namen aus Literatur, Adel und Sport auf euch und versuchen sich mal auf ganz anderem Gebiet. Was nicht immer gut geht. Aber lest selbst:

A PROUDER GRIEF – "Helian" (Label: Bekassine Records, VÖ April 2014)
(jg) Das Besondere an diesem Album: es wurde an einem Stück live in einer Scheune eingespielt. Keine Overdubs, keine nachträglichen Korrekturen. Dafür lobenswert und dafür auch ziemlich gut und ausgefeilt. Aber dennoch ein paar Abzüge in der "Produktion", und ein paar kleine Verspieler hört man bei genauem Hinhören auch heraus. Aber darum geht es ja eigentlich nicht. Musikalisch zwischen PINK FLOYD, den psychedelischen Momenten von MONSTER MAGNET und Post-Rock, dazu very DIY! (5)
http://www.bekassinerecords.de/artist-aproudergrief.html

BERNHARD SCHNUR – "Yol" (Label: Plagdichnicht, VÖ 07.04.2014)
(jg) Bei dem Begriff "Singer/Songwriter" öffnet man in der Regel ja eine Schublade und stempelt einen Künstler bereits vorm Hören ab. Ich schließe mich da nicht aus. BERNHARD SCHNUR ist ein schönes Beispiel dafür, dass vorgefertigte Schemata nicht immer greifen. Mit ELLIOTT SMITH und Konsorten hat der Österreicher nämlich so ziemlich gar nichts gemein. Dann eher mit SPOOKEY RUBEN, den der ein oder andere sicherlich von der Titelmelodie zu "Zimmer frei" kennt. BERNHARD SCHNUR kann zwar nicht mit einer allzu guten Stimme aufwarten und auch die Produktion lässt zu wünschen übrig, dafür besticht er aber mit leichten, beschwingten Mitsing-Songs, die man gerne nebenbei hört. (6)
http://www.facebook.com/BernhardSchnur

DAILY THOMPSON – s/t (Label: 141 Records, VÖ 16.05.2014)
(bc) Du suchst nach solider Rock-Musik? Dann bist Du bei DAILY THOMPSON genau an der richtigen Adresse! Mit ihrem fett groovenden Retro-Sound, der sich ebenso an Einflüssen des Stoner-Rock, als auch des frühen Grunge bedient, erinnert das Trio zwangsläufig an Bands wie MONSTER MAGNET oder MUDHONEY, während der Bigmuff-Verzerrer konsequent zum glühen gebracht wird. Zwar wird das Rad hier nicht neu erfunden, aber zumindest der Reifen wurde frisch vulkanisiert. (6)
http://www.facebook.com/dailythompson.band

DANNY LIPS – "Balancing birds" (Label: Stereoflex, VÖ 02.05.2014)
(bc) DANNY LIPS machen Indie-Rock britischer Couleur, und das sogar ziemlich gut! Mit einem überdurchschnittlich guten Sänger und einem tanzbaren Soundfundament, dass nicht zuletzt aufgrund der schönen Sixties-Orgel ein wohliges Vintage-Gefühl verbreitet, haben die Finnen eigentlich alles was es braucht, um voll durchzustarten. Die Jungs behalten wir mal besser im Auge! (7)
http://www.facebook.com/dannylipsmusic

DEARLY BELOVED – "Enduro" (Label: Aporia Records, VÖ 02.05.2014)
(jg) Sie kommen aus Kanada und walzen mit ihrer Mischung aus Punk, Noise und Desert Rock so ziemlich alles nieder. Hat was von DEATH FROM ABOVE, MARS VOLTA und den diversen Projekten um JOSH HOMME. Ein ganz bisschen höre ich hier auch noch die alten SMASHING PUMPKINS zu "Gish"-Zeiten heraus. Jedenfalls kann ich mich kaum entsinnen, so viel Distortion in so kurzer Zeit gehört zu haben. Das bockt! (7)
http://www.facebook.com/TheBeloveds

DIRTY LOOPS – "Loopified"
(Label: Universal, VÖ 16.05.2014)
(so) Oh je. Dancefloor. Durchgeknallte Version dieser Musik aus Schweden. "Fett, funky und mit viel Druck" sagt der Flyer. Ja, stimmt sicherlich. Auch richtig, dass die Musiker ihr Handwerk verstehen. Irgendwo zwischen frühem MICHAEL JACKSON und LIONEL RICHIE. Musik für den Sommer, also quasi für jetzt. Wird mit Sicherheit die Tanzböden der Teenie-Diskotheken zum Vibrieren bringen. Mich macht das in etwa so an wie der Vibrationsalarm meines Handys. Leider einfach nicht meins. (4)
http://www.facebook.com/dirtyloopsofficial

DRIVING MRS. SATAN – "Popscotch" (Label: Agualoca Records, VÖ 25.04.2014)
(so) Ganz neu ist diese Idee ja nun nicht, aus Metal-Songs etwas Anderes, etwas Ruhigeres zu zaubern. DRIVING MRS. SATAN machen es sich dabei im Feld der akustischen Musik gemütlich, während sie HELLOWEEN, IRON MAIDEN oder AC/DC covern. Was wirklich schön daran ist, dass sie tatsächlich den alten Hits der Haareschüttler etwas gänzlich Neues abgewinnen können. Besonders hört man das bei "Killed by death", das mit Lemmy doch deutlich anders klingt. Damit spielen sie durchaus in einer Liga mit HELLSONGS. (6,5)
http://www.facebook.com/drivingmrssatan

FRANZ K. – "Heute" (Label: Sonic Revolution, VÖ 30.05.2014)
(bc) Oh – mein – Gott!!! Galten FRANZ K. nicht mal als Vorreiter des 70er Jahre-Krautrocks? Inzwischen ist die Combo jedenfalls auf dem untersten Schlager-Level angekommen und sowohl die Herren Bandmitglieder auf dem Albumcover, als auch die Musik wecken grausame Erinnerungen an seniorentaugliche Gute-Laune-Kapellen wie DE HÖHNER und Konsorten. Was so etwas auf beim Blueprint zu suchen hat? Erraten – gar nichts! (0)
http://www.de-de.facebook.com/bockaufrock

HONG FAUX – "Hello neptune" (Label: Razzia Notes, VÖ 04.04.2014)
(so) Ja, die Presseinfo hat recht: hier rockt es ordentlich. Und das im Stile von Könnern, ob man dieser Musik nun zugeneigt ist oder nicht. Hier hört man unschwer heraus, dass die Musik der Schweden von HONG FAUX durchaus in größere Hallen, wenn nicht gar Stadien passt. Ein hohes Maß an Dramatik und Show rundet dieses überzeugende Rockalbum ab, sicherlich freuen sich hier viele Fans dieser Musikrichtung auf ein neues Puzzleteil ihrer bereits riesengroßen Sammlung. Sollte man harte Gitarren und Pathos nicht mögen, dann sind HONG FAUX vielleicht nicht der richtige Griff. (6)
http://www.facebook.com/hongfaux

LAURIN BUSER – "Nachtaktiv EP" (Label: Deepdive Music, out now)
(bc) Eigentlich könnte man LAURIN BUSER als so etwas wie den Singer/Songwriter der Schweizer HipHop-Szene bezeichnen. Auf seiner Debüt-EP "Nachtaktiv" erzählt der Baseler Rapper und Slam Poet seine lyrisch ausgefeilten, persönlichen Geschichten zu den Klängen einer Live-Band und entspricht dabei so überhaut nicht den üblichen Rapper-Klischees, sondern erinnert vielmehr an eine relaxte Mischung aus JAN DELAY und KOBITO, angereichert mit einem guten Schuß Easy Listening. Etwas eigenwillig, aber gut. (6,5)
http://www.de-de.facebook.com/LaurinBuser

MISS ROCKESTER – "A ride on either side" (Label: Timezone, VÖ 04.04.2014)
(so) Hm. Nein. Das packt einfach nicht. Nicht, weil es schlecht wäre. Vielmehr, weil es aufgrund der irgendwie schon bekannten Gesangs- und Musikmelodien fast langweilig wirkt. Zwischen Rock und Schlager, also im Deutschpopbereich angesiedelt ist das, was MISS ROCKESTER uns hier bietet. Leider nicht mehr. Da gibt es deutlich stärkere Kolleginnen, die in diesem Gebiet schon ihre Häuser gebaut haben und somit nur noch Mietwohnungen frei sind. (3,5)
http://www.facebook.com/missrockester

NAPE – "Read my mind" (Label: Setalight, VÖ 13.06.2014)
(jg) Sie kommen zwar aus Deutschland, haben ihr Album aber in Brasilien aufgenommen. Why not? Musikalisch spiegelt sich das aber kaum wieder, für die Produktion hat sich die weite Reise ganz sicherlich auch nicht gelohnt. Statt Samba-Rhythmen gibt es hier leicht angepunkten, ideenlosen Grunge Rock zwischen SOCIAL DISTORTION und PUDDLE OF MUDD mit unzufriedenen Texten. (2,5)
http://www.facebook.com/napeband

NIILA – "Gespenster" (Label: Eigenregie, VÖ 27.06.2014)
(so) Der Name NIILA war mir immer sehr lieb. Seit ich "Populärmusik aus Vittula" gelesen habe, war mir der so benannte Charakter doch höchst sympathisch. Das Album "Gespenster" macht mir diesen Namen doch leider madig. Denn NIILA klingen gesanglich genau wie die Jungs aus Vittula, nämlich furchtbar. Da kann man noch so auf dem DIY-Gedanken herumreiten, zum Ausruhen dient er eigentlich nicht. Der garagige Indie, den die Herren dazu spielen, ist dazu angetan, 14jährige bei ihrem ersten richtigen Besäufnis zu begleiten. Mit 15 ist´s dann wieder vorbei. (2)
http://www.facebook.com/niilamusik

PRINZ CHAOS II. – "Tsunami surfer" (Label: Sturm & Klang, VÖ 02.05.2014)
(so) Allein der Künstlername und der Albumtitel sollten es wohl problemlos auf das Siegertreppchen jeder Bad-Taste-Party schaffen. Zudem lebt der selbsternannte Prinz als "Unterhaupt" seiner "Obertanen" auf einem Schloss im Zonenrandgebiet. Musikalisch tobt sich PRINZ CHAOS II. im Liedermacherbereich aus, ohne dabei auch nur ansatzweise an die Großen dieser Szene heranzureichen, ob diese nun MONSTERS OF LIEDERMACHING oder JOINT VENTURE oder wie auch immer heißen. Manchmal möchte er klingen wie REINHARD MEY oder WOLF BIERMANN. Aber auch das gelingt ihm nicht. Wie auch? (2)
http://www.facebook.com/pages/Prinz-Chaos-II/180582830118

THE AUGUST – "Lizard king" (Label: Midsummer Records, VÖ 23.05.2014)
(jg) Ziemlich gut gemachter Post-Rock/Experimental aus Aschaffenburg. Mit Glockenspiel, ISIS-Wall of Sound, MOGWAI-Streicheleinheiten und allem Pipapo. Die ruhigen Passagen klingen in ihrer Eindringlichkeit und Pracht mitunter sogar nach großen Stadien, was in diesem Fall keineswegs negativ gemeint ist. Von den anfänglichen Metalcore-Pfaden sind THE AUGUST entschieden abgerückt, und das ist gut so. Hier wird nicht mal mehr gebrüllt, stattdessen stehen schon eher DREDG als Pate zur Seite. Zwar gibt es in ihrem Dunstkreis inzwischen eine Vielzahl ähnlich klingender Bands, aber THE AUGUST haben ihre eigene Note gefunden und zählen somit definitiv zu den besseren. (7)
http://www.facebook.com/theaugustofficial

THE GREAT SABATINI – "Dog years" (Label: Solar Flare, VÖ 02.06.2014)
(so) Auf ihrem dritten Album legen THE GREAT SABATINI gleich mal mit einer brachialen Gitarrennummer los. Dazu das obligatorische Gekreische, nicht zu verstehen und einfach nur heftig für die Stimme. Hardcore für alle Sinne. THE GREAT SABATINI lassen nichts aus auf ihrer Tour durch die Kaufhausabteilungen der lauten, krachigen Gitarrenmusik. Für mich bleiben sie dabei auch nicht mehr als eben das: laut. Und Krach. Vielleicht werde ich tatsächlich zu alt für so was. (3)
http://www.facebook.com/thegreatsabatini

Über Simon-Dominik Otte 987 Artikel
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