Als Kristin, Pressesprecherin am Kampnagel, fragte, ob wir über das Konzert von EMMA FRANKLAND berichten möchten, sagten wir sofort zu. Eine Neuinterpretation des legendären MTV-Unplugged-Auftritts von NIRVANA – warum eigentlich nicht? Das Ganze fand im Rahmen des viertägigen „Liminalities“-Festivals statt, eines internationalen, interdisziplinären Kunstformats, das sich trans* Sichtbarkeit und queeren Rechten widmet.
Dass der Zugang zu Nichtbinarität nicht nur gedankliche Hürden kennt, zeigte sich allerdings schon vor Beginn: Wir warteten vergeblich vor dem Einlass zu Saal P1, bis wir begriffen, dass es noch einen zweiten Eingang über den Nebensaal K3 gab – der erste Song war da bereits vorbei.
Drinnen dann: eine beinahe detailgetreue Rekonstruktion von 1993. Die Band rautenförmig angeordnet, vorne EMMA FRANKLAND als Kurt Cobain – weißes Bandshirt, flauschige Strickjacke, auf einem Schreibtischstuhl, mit linkshändiger Akustikgitarre. Dahinter die Band, umgeben von weißen Lilien, Kerzen, darüber ein alter Kronleuchter. Auch stimmlich erstaunlich nah am Original. Dass das Gitarrenspiel nur angedeutet blieb – geschenkt.
Nach einigen Songs öffnet sich der Abend in ein Gedankenspiel: War Kurt Cobain trans? Vielleicht sogar mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit? Schminke, Kleider, ein demonstrativ sensibles Auftreten, sein Einsatz gegen Sexismus und Homophobie – und die klare Ansage an intolerante Fans, seine Musik doch bitte nicht zu hören. War er seiner Zeit schlicht voraus? Und lassen sich auch sein Suizid und mögliche innere Konflikte in diesem Licht neu lesen?
Von da an spricht EMMA FRANKLAND über Cobain nur noch als „sie“ – und bezieht das Publikum spielerisch ein. Wer waren damals Eure Idole? GREEN DAY? Trans. MICHAEL JACKSON? Natürlich. BEYONCÉ? Ebenfalls. Die Zuschreibungen sind bewusst überzogen, lockern die Atmosphäre und öffnen zugleich einen Raum für biografische Annäherung: Jugend, Pubertät, Zerrissenheit, Scham, Grenzüberschreitungen – und immer wieder die Suche nach Vorbildern.
Dazwischen stehen die großen, einfachen Fragen: Wer bestimmt eigentlich Geschlecht? Biologie oder Gesellschaft? Oder man selbst? Und was heißt in diesem Zusammenhang „Wahrheit“? Fragen, mit denen sich viele binäre Personen nicht auseinandersetzen müssen – die sich aber oft erst im Ausprobieren klären. Crossdressing als Möglichkeit. Als Spiel. Vielleicht auch als Erkenntnis.
Im weiteren Verlauf gewinnt die Performance an Tempo und Körperlichkeit. EMMA FRANKLAND wechselt mehrfach die Kostüme: vom Grunge-Kleid zum opulenten Gala-Outfit, schließlich zur radikalen Entblößung. Oben ohne, in IGGY-POP-Manier, folgt ein roher, punkiger Moment. Es geht um Selbstfindung und Selbstdarstellung, um Lust an der Inszenierung, aber auch um Verletzlichkeit. Ein brennender Gitarrenkoffer, heißer Wachs auf nackter Haut – Bilder zwischen Ekstase und innerem Konflikt. Und zugleich: Empowerment. Für all jene im Publikum, denen diese Fragen nicht fremd sind.
Am Ende wird die Sonne zum Symbol für Transfreundlichkeit. EMMA FRANKLAND erscheint mit meterlanger gelber Schleppe, erklimmt einen Turm aus Tourcases und richtet von oben ermutigende Worte an das Publikum. Dann ein aufgewühltes „Where did you sleep last night?“ – und langanhaltender Applaus.
„Emma Frankland is the punk rock angel of your dreams and nightmares…“, schrieb The Stage. Selten traf eine Beschreibung so genau.