In dem Stück „Das Feuer nie erloschen“ sorgen sich BRIGADE HELBING um den Nachwuchs innerhalb ihrer Subkultur: „Wo sind die jungen Leute hin, die sich Skinheads nennen? Gibt es sie überhaupt noch, wann geben sie sich zu erkennen?“ heißt es dort. Doch selbst wenn kurzfristig ein riesiger Haufen an Generation Z-Skins nachwachsen und den demographische Druck spürbar abmildern würde, hätten die ambitionierten Nachwuchs-Glatzen vermutlich noch nie von Bands wie SMEGMA oder TESTOSTERON gehört, von denen ehemalige Mitglieder bei der BRIGADE HELBING ihr Unwesen treiben. Älteren Semestern wie mir hingegen sind diese Namen jedoch durchaus ein Begriff. Erstere genossen Mitte bis Ende der 90er Jahre Kultstatus und galten trotz ihrer klaren antifaschistischen Grundhaltung als Sinnbild des textlich unterkomplexen, deutschsprachigen Schrammel-Oi!. Letztere wiederum griffen deren Erbe ein gutes Jahrzehnt später auf, verschwanden nach nur einer LP allerdings wieder von der Bildfläche. Kleine Anekdote an dieser Stelle: Gemeinsam mit einer Bekannten hatte ich seinerzeit die Schnapsidee, eine TESTOSTERON Coverband zu gründen. Das Projekt sollte den Namen ÖSTROGEN tragen und das Konzept sollte darin bestehen, die Texte der Songs feministisch zu überarbeiten. Auch ein fiktiver Albumtitel stand bereits fest: „Häkeln, Stricken, Oi!“. Die Idee scheiterte schließlich an der einsetzenden Nüchternheit. Aber zurück zu BRIGADE HELBING und ihrer Debüt-EP. Getreu des Mottos „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ gibt es hier ein halbes Dutzend einfach gehaltener Oi!-Songs zu hören, die dem Alkohol, dem Fußball und dem „Skinhead Way of Life“ Tribut zollen. Am Mikrofon eine Stimme, die im Alltag ältere Damen umgehend zum Wechsel der Straßenseite animieren würde und runtergeschredderte Powerchords, die den Gitarrenlehrer*innen dieser Welt ein lautes „Fuck you!“ ins Gesicht zu brüllen scheinen. Währenddessen gibt sich das Schlagzeug so euphorisch treibend wie die eigene Pulsfrequenz, wenn am Tresen vom Indra das nächste Tablett Mexikaner aufgefahren wird. Im Endeffekt ist diese Platte vielleicht so etwas wie ein musikalisches Pendant zu Fußball-Auswärtsfahrten in den Neunzigern, wenn ein Haufen grobschlächtiger Typen nach einer durchzechten Nacht einen gerade nochmal durch den TÜV gemogelten Reisebus entert, sich in einen zugigen Stadion irgendwo am Ende der Republik eine gepflegte 0:3-Klatsche abholt und irgendwer auf der Rückfahrt volltrunken die Bordtoilette vollkotzt. Also nichts für Feinschmecker, aber irgendwie doch auf gewisse Weise reizvoll. Dann muss jetzt nur noch das Problem mit dem Szene-Nachwuchs irgendwie gelöst werden.
BRIGADE HELBING – s/t
- Beitrags-Autor:Bernd Cramer
- Beitrag veröffentlicht:25. Januar 2026
- Beitrags-Kategorie:Tonträger
Bernd Cramer
Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber.
Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.