NIKOLA SARCEVIC – Von Bienen und Schafen …

Ja ja, ich weiß, das Konzert und damit auch das Interview sind eigentlich schon ganz schön lange her, aber als Einstimmung zur Australien-Tour (hallo Lisa!) geht das hier doch wohl durch, oder? Wie dem auch sei, vor dem irgendwie nicht so geilen Konzert am 20. November im Knust konnte ich dieses umso geilere Interview mit meinem alten Spezi Nikola führen. Alles weitere jetzt direkt vom führenden schwedischen Schach-Rocker persönlich:

[F] Das ist das erste Konzert der Tour, richtig?
[A] Das erste außerhalb Schwedens, ja.

[F] Dann hast Du die neuen Songs schon live gespielt?
[A] Ja, sieben Shows in Clubs und vier in Plattenläden.

[F] Und in den Plattenläden dann nur ihr zwei (Hendrik und Nikola)?
[A] Ja, genau. das ist echt ’ne nette Art zu spielen. Man braucht nicht viel, bloß zwei Gitarren und manchmal sogar nicht mal Verstärker. Mit MILLENCOLIN konnte ich so etwas bisher gar nicht machen. Sehr persönlich ist das und sehr spontan!

[F] Irgendwelche Erwartungen an die europäischen Dates?
[A] Deutschland ist ja das einzige Land außer Schweden, in dem ich bisher live gespielt habe. Und Hamburg war das letzte Mal auch besonders cool, eine neue und gute Erfahrung für die ganze Band. Diesmal wissen wir schon besser Bescheid, und ich hoffe eigentlich nur, dass noch mehr Leute zu den Shows kommen und Spaß haben.

[F] Diesmal ist der Club in Hamburg deutlich größer als beim letzten Mal (Molotow) – ist das auf der ganzen Tour so? War die letzte CD so erfolgreich?
[A] Naja, bei der letzten CD hab‘ ich bloß vier Shows in Deutschland gespielt und zwei in Schweden – nicht besonders viel Promotion also. Diesmal bin ich bereit, mehr zu tun und viel live zu spielen. Ich glaube aber, es ist schwer für die Promoter, die richtige Größe zu finden. Und von daher finde ich’s cool, dass wir zumindest in Hamburg in einem größeren Club spielen. Hoffentlich verlieren die Promoter jetzt nicht Geld – bei der letzten Tour ist das passiert … also nicht bei den lokalen Promotern, sondern Creative Talent, meine Agentur sozusagen, hat Geld verloren…

[F] Beim letzten Interview hast Du gesagt, dass Du gerne mehr Shows gespielt hättest für die letzte Platte. Bist Du diesmal mit dem Umfang der Tour zufrieden?
[Kurze Unterbrechung als die Vorband (Name?) sich bei Nikola bedankt und ganz genau wissen will, wie man seinen Nachnamen ausspricht (Schartschewitsch)]
[A] Ich möchte eigentlich so viel wie möglich live spielen. Wenn’s nach mir gegangen wäre, hätten wir in ganz Europa gespielt, aber es muss ja auch immer Interesse vorhanden sein, also lokale Promoter, und in einigen Ländern ist das Interesse einfach nicht da. Da bin ich nicht erste Priorität. So bin ich glücklich mit den Shows, die anstehen. Hoffentlich gibt es positives Feedback, so dass ich 2007 gleich wiederkommen kann.

[F] Kommen wir zur neuen CD … obwohl, vielleicht erst mal eine ganz persönliche Frage: Gibt es Deine Platten auch auf Vinyl?
[A] Noch nicht, ist aber auch nicht ausgeschlossen, wäre cool. Ich bin jetzt aber auch nicht sooo auf Vinyl aus, ich dränge die Plattenfirma jetzt nicht, is‘ bei mir nicht so ein Thema. Wäre aber cool!
[Erneute Unterbechung, da die Vorband anfängt und unsere „kuschelige“ Ecke in der Abstellkammer mit Schall überschwemmt wird]

[F] Was sind Deiner Meinung nach die größten Unterschiede zwischen der alten und der neuen CD?
[A] Naja, viele Sachen sind eigentlich gleich geblieben … wie meinst Du das genau?

[F] Naja, zum Beispiel sind auf der ersten CD Songs drauf, die Du bis zu fünf Jahren im Kopf hattest, was wohl bei der neuen CD nicht der Fall ist …
[A] Alle Songs auf dem neune Album sind nach der ersten CD geschrieben worden – ganz frisch quasi. Die neuen Songs sind schon etwas anders: die Texte wollte ich ändern, nicht ganz so einfach und direkt – etwas breiter angelegt. Außerdem wollte ich verschiedene Themen einfangen, etwas mehr Abwechslung. Und musikalisch wollte ich das Album mit mehr Attitüde und Lautstärke ausstatten.

[F] Apropos Songs schreiben – nicht alle Deine Songs basieren auf realen Ereignissen, einige sind rein fiktiv – was inspiriert Dich denn eigentlich, Songs zu schreiben?
[A] Ich versuche, Themen zu finden oder Ideen – basierend auf eigenen Erfahrungen oder ausgedachten. Dieser Unterscheid ist nicht so wichtig – dem Hörer soll das Thema wichtig sein, bzw. was er beim Hören empfindet.

[F] Du hast also keine besonders inspirierenden Orte oder Tätigkeiten?
[A] Alles Mögliche kann mich inspirieren. Ein Wort, das ich aufschnappe, ein Buch, das ich lese, ein cooler Spruch aus einem Film oder eben ein ganz persönliches Problem, bei dem ich das Gefühl habe, dass ich es loswerden muss.

[F] Du musst also nicht unbedingt traurig sein, um einen traurigen Song zu schreiben?
[A] (lachend) Nein!

[F] Die nächste Frage muss ich kurz einleiten: Als wir mal mit ein paar schwedischen Studenten feierten und dann irgendwann MILLENCOLIN lief, waren einige Schweden ganz erstaunt, dass wir „Popstars-Musik“ hören würden. Und plötzlich fragte ich mich, ob man außerhalb Schwedens überhaupt weiß, welchen Status Du eigentlich hast?
[A] (schmunzelnd) Also, ich würde nicht sagen, dass wir große Stars in Schweden sind. MILLENCOLIN hat Erfolg in vielen Ländern, nicht nur in Schweden, und die Leute, die sich in Schweden für Musik interessieren, wissen das. Aber in den Medien sind wir kaum vertreten. Wir sind keine von den „coolen“ Bands!

[F] Du kannst also noch unerkannt auf der Straße rumlaufen?
[A] Ja natürlich! Wir haben ca. zwei Millionen Tonträger verkauft – alle Platten, CDs und Singles zusammen – und es gibt nicht viele schwedische Bands, die das geschafft haben. Aber im Vergleich zu weniger erfolgreichen Bands sind wir selten in Magazinen oder im Fernsehen zu finden. Wir sind halt nicht so dicke was Publicity angeht. Eigentlich etwas komisch – wir haben zwar viele Fans, aber Stars sind wir nicht.

[F] Trotzdem, wie sieht das denn aus bei Dir mit persönlichen Erlebnissen in den Texten und dieser doch relativ großen Öffentlichkeit?
[A] Daran denke ich nur, wenn ich mit Freunden zusammen bin, mit Leuten, die mich als Person, als Individuum kennen und nicht als Sänger. Und wenn die mich fragen, was einige Songs bedeuten, dann mache ich mir schon Gedanken. Aber ansonsten eher nicht. Ich fühle mich zusammen mit meiner Musik stark und selbstbewusst genug, diese Texte nach außen zu tragen und in keinster Weise nackt oder verletzlich. Ich sehe darin sowieso eher eine Möglichkeit, eine Chance mich selber auszudrücken und keine Gefahr. Und es fühlt sich gut an!

[F] OK. Die nächste Frage ist auch eher allgemein. Ich nehme an, dass Du von der Musik leben kanst und nicht noch nebenbei arbeiten musst.
[A] Das hier ist meine Arbeit!

[F] Denkst Du, dass es eine gute Sache ist, für etwas bezahlt zu werden, dass Du wahrscheinlich sowieso machen würdest, wenn Du nicht bezahlt werden würdest? Oder ist es etwas, dass Dir manchmal auch Angst macht? Besonders mit einer Familie, die man versorgt wissen will – fürchtest Du manchmal die Kompromisse?
[A] Kompromisse muss man immer schließen, besonders in einer Band. Da haben verschiedene Leute verschiedene Vorstellungen, wo es hingehen soll und so weiter. Mit meinem Solo-Ding allerdings gibt es keinerlei Kompromisse – ist ja auch nicht soviel Geld zu holen 😉 – Aber klar, diese Fragen stellt sich wohl jeder Künstler. Und auf Tour, wenn ein Angebot von einem Festival vorliegt, wo man sehr gut bezahlt wird, dann sagt man zu. Man braucht ja auch das Geld, um weitermachen zu können. Kompromisse, was künstlerische Entscheidungen angeht, mache ich allerdings keine.

[F] Und wenn Du keine Musik machen würdest/ könntest, was würdest Du stattdessen tun?
[A] Es müsste auf jeden Fall etwas Kreatives sein.

[F] Ich dachte daran, dass viele Leute schon ganz früh einen Berufswunsch hegen und den lange mit sich herumtragen.
[A] Als ich ganz klein war, erzählen zumindest meine Eltern, wollte ich immer Chef einer Firma sein, damit ich den Leuten bloß sagen muss, was sie tun müssen. ich dachte immer, dass ist ein Job, bei dem man rumsitzt und anderen sagt: „Mach dies, und tu das!“ Ich denke, das sagt einiges über mich aus: ich wollte noch nie richtig arbeiten. Im Moment weiß ich nicht, was ich später mal machen werde. Was Kreatives auf jeden Fall … Ich würde sehr gerne Filme drehen, etwas erschaffen, enstehen lassen. (Pause) Oder ich würde Farmer werden, also nicht so Viehzucht oder so, sondern bloß Schafe. Schafe hüten, einfach zu handhaben!

[F] Und die Hunde machen die Arbeit!
[A] Jep, bloß eine große Wiese zum Grasen. Und Bienen natürlich! Nicht unbedingt was zum Geld verdienen, aber als Beschäftigung würde ich das heute schon gerne machen.

[F] Tja, wir sind fast schon am Ende angekommen, und meine traditionelle Abschlussfrage zu peinlichen Platten hast Du ja schon beantwortet.
[A] EROS RAMAZOTTI.

[F] Genau. Diesmal also etwas anderes: gibt es eigentlich Bands oder Künstler, mit denen Du gerne mal zusammen auftreten würdest oder zu denen Du aufschaust?
[A] RYAN ADAMS wäre cool. DEPORTEES aus Umea in Schweden haben gerade ein klasse Album herausgebracht mit dem Titel „Damaged Goods“. Und BOB DYLAN! [/A]

Tja, dem ist wohl nichts hinzuzufügen. Viel Spaß allen Kängurus, Koalas und Schnabeltieren bei der anstehenden Australien-Tour!

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