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photos: Ibi Köster & Jens Gerdes

Maifeld Derby 2024 (Mannheim)

Das Maifeld Derby ist eines dieser Liebhaber-Festivals, denen man für immer die Treue schwört. Ich habe mich zum ersten Mal vor sieben Jahren auf die Reise nach Mannheim gemacht (so muss man es als Hamburger tatsächlich benennen), und seitdem nimmt das charmante Open Air im Norden Baden-Württembergs einen festen Platz in meinem Terminkalender ein. Ein guter Freund von mir hatte das Maifeld ebenfalls schon länger in Betracht gezogen, in diesem Jahr sollte es das erste Mal sein, dass er dabei war – zusammen mit einer etwa zehnköpfigen Truppe. Als ich ihn am Ende des Festivals fragte, wie sein Fazit sei, antwortete er, dass sie bereits alle fürs nächste Jahr planen.

Doch was genau ist es, das dieses vergleichsweise kleine Festival so anziehend macht, dass nicht nur Fans aus Deutschland eine Reise nach Mannheim antreten? Zumal die Wetterprognose in diesem Jahr eher Unwetter als Sonnenschein versprach? An erster Stelle sind es sicherlich die fein kuratierten Bands, die zwar nicht immer große Namen verheißen, ganz sicher aber ein gutes Gespür dafür voraussetzen, was musikinteressierten Menschen gefallen könnte. Wie lässt sich anders ein schweizerischer Quetschkommoden-Virtuose finden, der am Ende von vielen als Highlight des Festivals bezeichnet wurde? Genauso sind aber auch die sympathischen MitarbeiterInnen des Festivals zu benennen, die selbst bei Regen durch die Bank weg gut drauf zu sein scheinen. Vielleicht sind es aber auch die rücksichtsvollen Fans, die stets so viel Platz lassen, dass man sich nie ins Gehege kommt. Wer etwas zu spät zu seiner Lieblingsband kommt, hat gute Chancen, trotzdem in die ersten Reihen zu kommen – wenn es einem wichtig ist. Und so könnte man wahrscheinlich noch viele weitere Gründe finden. Am besten, Ihr probiert es im nächsten Jahr selbst noch mal aus – der Termin steht bereits fest. Ob das Festival danach fortgeführt wird, steht aber wohl noch in den Sternen.

Tag 1

Nachdem ich mit „Ten pieces“ und „Conclusive mess“ nun bereits zwei Platten von ISOSCOPE besprochen hatte, wollte ich die vier BerlinerInnen nun endlich auch mal live sehen. Wirkte mir ihr Debütalbum musikalisch noch ein wenig zu kunterbunt, schienen sie mit dem Nachfolger ihren Stil gefunden zu haben. Dieser Eindruck bestätigte sich auch live, wo sich ISOSCOPE vornehmlich zwischen den Stilen Indierock, Postpunk und Noise bewegten. Sehr charmant die offenherzige Ansage von Bassistin Merle, die das Publikum wissen ließ, dass sie vor zehn Jahren zum ersten Mal auf diesem Festival war und sich heute ihr Traum erfülle, endlich mal selbst auf einer Bühne zu stehen – mit den Eltern aus dem Saarland im Publikum. ISOSCOPE spielten übrigens in der Arena², einer neuen Open Air-Bühne auf der Rückseite des Parcours d’amour, die stilistisch die Fortsetzung des Brückenawards bzw. Hüttenzelts darstellte und vorrangig für KünsterInnen diente, die gut ins autonome Jugendzentrum nebenan passen.

ISOSCOPE

Wesentlich chilliger ging es auf der großen Open Air Bühne weiter, wo die Australier von BABE RAINBOW für folkigen Sommerpop sorgten, der sicherlich davon profitierte, dass im April auch hierzulande Cannabis legalisiert wurde. Passend dazu sah ihr Gitarrist verdammt ähnlich aus wie The Dude aus „Big Lebowski“, während Sänger Angus in Batikhose und Strohhut nur wenig Verwechslungsgefahr mit seinem Namensvetter bot, der in einer anderen australischen Band Gitarre spielt. Ein Song der Australier begann 1:1 wie QUEENs „Another one bites the dust“, ansonsten bewegten sie sich eher zwischen den Sechzigern und Siebzigern. Peace, man!

Bevor es auf derselben Bühne mit den australischen Landsleuten von ROYEL OTIS weiterging, schauten wir uns nach kulinarischen Köstlichkeiten um, die insbesondere im fleischlosen Bereich so manches Schmankerl zu bieten hatte. Unser abschließendes Highlight: die vegetarischen Tacos, die nicht nur geschmacklich, sondern auch optisch einiges zu bieten hatten!

Nach der Meinung meiner Freundin, hatten auch ROYEL OTIS optisch einiges zu bieten, jedenfalls ihr Sänger und Gitarrist Royel (der Bandname setzt sich aus den Vornamen ihrer beiden Sänger zusammen). Aber sie überzeugten nicht nur durch Sunnyboy-Look, sondern auch mit ihrem fluffigen Indierock, der mich direkt auf den Motorbooty-Dancefloor im Molotow zurückholt. Wer mit „The“-Bands wie THE CRIBS, THE CURE und THE WOMBATS etwas anfangen kann, wird auch hier seine Freude haben. Eigentlich hätte es gar nicht der Coverversion von SOPHIE ELLIS-BEXTORs „Murder on the dancefloor“ bedurft, um für ausgelassene Stimmung zu sorgen, dafür war die Hitdichte der eigenen Songs bereits groß genug – „Oysters in my pocket“ kriege ich seit dem Maifeld Derby nicht mehr aus meinem Ohr heraus.

ROYEL OTIS

Nicht wirklich überzeugen konnte uns hingegen HOLLY MACVE. Was in den guten Momenten noch an MAZZY STAR oder LANA DEL REY erinnerte, ließ uns im Parcour d’Amour doch eher in einen Schlummermodus verfallen oder an den Eurovision Song Contest denken. Vielleicht spielte auch das TikTok-hafte Schulmädchen-Bühnenoutfit dabei eine Rolle, unser Ding war das nicht.

Dann doch lieber THE VACCINES. Die nächste „The“-Band mit Tanzgarantie! Britrock im Stil der frühen 2000er Jahre, die an Bands wie INTERPOL, KAISER CHIEFS, EDITORS und THE KOOKS denken ließ. Diese hymnenhafte Musik gehört einfach auf die ganz großen Stadionbühnen. Dass Sänger und Gitarrist Justin Young zudem einen großartigen Frontman mit den passenden Gesten abgibt, unterstreicht dies noch. Dazu der geraffte Vorhang im Hintergrund und die rosa Nelken an den Mikroständern, das hatte schon alles richtig viel Stil.

THE VACCINES

Und es war zugleich die passende Einstimmung auf RÓISIN MURPHY, die zwar musikalisch in eine ganz andere Kerbe schlägt, aber in Sachen Bühnenperformance den Briten in nichts nachsteht. Schon interessant, dass die Irin noch immer als „die eine Hälfte von MOLOKO“ betitelt wird, obwohl das Duo nur von 1995 bis 2003 Platten veröffentlichte, und die Irin mittlerweile bereits seit 20 Jahren als Solokünstlerin aktiv ist. Aber so ist es nun mal, wenn man mit Songs wie „Sing it back“ und „The time is now“ Meilensteine der Musikgeschichte erschafft. Beide Songs durften natürlich nicht in ihrem Set fehlen, ebenso wenig wie das etwas unbekanntere „Pure pleasure seeker“. Es folgten anderthalb Stunden feinster housig-clubbiger Elektropop, bei dem Murphy mit ihrer großartiger Stimme aber auch ihrem relaxtem Tanzstil begeisterte. Kaum zu glauben, dass diese Grande Dame mit ihrer unbändigen Energie mittlerweile schon die 50 überschritten hat. So fit war ich nicht mal mit 18. Ein würdiger Abschluss des ersten Tages, der fraglos erklärte, warum die Irin bereits zum zweiten Mal nach Mannheim gelockt wurde.

RÓISIN MURPHY

Tag 2:

Der zweite Tag war der Tag des Grauens – jedenfalls aus wettertechnischer Sicht. Auch wenn Timo Kumpf (der Macher hinter dem Maifeld Derby) mir am Tag zuvor erklärte, dass der Sonntag in der Arena² der Tag des Todes sei. Nicht aus musikalischer Sicht, sondern mit der Befürchtung, dass es dort wegen des Line-Ups allzu eng werden könnte. Aber beides sollte sich zum Glück nicht bestätigen. Zwar regnete es am Samstag immer mal wieder, aber es handelte sich (dem Wettergott sei Dank) nicht um die Unwetter, die zeitgleich im Süden Deutschlands niedergingen. Zudem war von Vorteil, dass es mit dem Parcours d’Amour, dem Palastzelt und dem Clubraum gleich drei überdachte Bühnen gibt, während die Pfützen bei den anderen beiden Bühnen aufgrund des Schotters/Sands und der Drainagen recht übersichtlich blieben. Wenn ich da an manch anderes Festival zurückdenke (Rock am Ring 1994, Omas Teich 2009 und das Hurricane immer wieder), kam man hier wirklich glimpflich davon und konnte sich selbst ohne Gummistiefel gut fortbewegen.

gut gerüstet

Die letzten Takte kriegten wir noch von KLAUS JOHANN GROBE mit, die mit Moog eine relaxte Mischung aus Post-Punk, No Wave, Krautrock und 70s Funk boten. Ein bisschen PANDA LUX, etwas PARCELS, aber auch schon ein wenig Einstimmung auf MILDLIFE, die später auf der Open Air Bühne auftreten sollten.

Im Parcours d’Amour durfte derweil mit LONE AIRES eine lokale Band aus Mannheim ran. Dem Schüleralter noch nicht allzu lange entwachsen boten sie guten, alten 90s Indierock zwischen SNOW PATROL und THE MIGRANT. Dies sei ihr bislang größtes Publikum gewesen, ließen sie die anwesenden Zuschauer schüchtern wissen und bekamen dafür umso mehr Applaus.

Gar nicht schüchtern folgte im Anschluss daran LAMPE aka Tilmann Claas, der zwar Texte voller Selbstzweifel performt, dies aber stets mit einem Augenzwinkern, so dass man eher zum schmunzeln als zur Melancholie neigt. Dabei geht es um Synchronschwimmgruppen und Paartherapien, zu denen man nur noch alleine geht oder warum man von Frauen nicht gerne süß gefunden wird. In den rockigen Parts musste ich dabei an JUNGES GLÜCK denken, häufiger aber noch an BERND BEGEMANN, auch was die leicht klamaukige Gesamtperformance betraf.

Apropos Kulinarik: haben wir Euch neben den tollen Tacos eigentlich schon die großartigen Pizzen, Galettes und Crêpes vorgestellt, die ein französisches Team bereits seit einigen Jahren zwischen Parcours d’Amour und Open Air-Bühne kredenzt? Nein? Dann wird es aber Zeit! Alles topp, die Jungs und Mädels auch ein wenig crazy. Unsere Empfehlung sei hiermit ausgesprochen!

Was vor fünf Jahren bereits auf dem Elbjazz ausgesprochen gut funktioniert hat, passte auch hervorragend zum Maifeld Derby: MILDLIFE! Mit ihrem 70s-getränkten Psychedelic-Funk-Disco-Krautrock, der so sommerlich leicht daherkam, ließ sich sogar die Sonne kurzzeitig überreden, zwischen den grauen Wolken hervorzuschauen. Übrigens eine weitere Band aus Australien, die in diesem Jahr auf dem Maifeld Derby überaus stark präsent waren.

MILDLIFE

Bei CHALK musste ich im Anschluss allein deshalb vorbeischauen, weil sie mir schon mehrmals auf Festivals begegnet sind, ich sie aber stets mit der Notiz „kann man mal gucken“ abblitzen lassen habe. Nun aber! Kaum vorstellbar, dass dieses rotzige Trio aus Belfast mal mit Coverversionen von THE STROKES angefangen hat. Mindestens genauso überraschend aber, dass sie zwar eine Mischung aus Noise und Postpunk machen, auf eine typische Bassgitarre aber verzichten. Dass das funktioniert, haben zuletzt aber ja auch schon Bands wie BIG SPECIAL bewiesen, die eine gewisse Ähnlichkeit haben, noch mehr erinnerten mich die drei Nordiren aber an DITZ, die ähnlich laut und rumpelig daherkommen.

Im Palastzelt ging es im Vergleich wesentlich atmosphärischer zu, wo im Hintergrund ein Zuschauer mit Lichtkugeln jonglierte, während GRANDBROTHERS für eine verträumte musikalische Untermalung sorgten. Neoklassik ist nach einem großen Hype in den letzten Jahren ja mittlerweile wieder ein wenig auf dem Rückzug, aber das Duo aus Düsseldorf zählt mit seiner bezaubernden, leichten Musik nach wie vor zur Speerspitze des Genres, gelingt ihnen doch wie kaum einer anderen Band eine nahezu perfekte Vermischung melodischer Klavierklänge mit deepen Beats. Schon fast ein wenig überraschend, dass dies ihr erster Auftritt auf dem Maifeld Derby war!

GRANDBROTHERS

Auch wenn sich der Tag schon langsam in Richtung Abend neigte, war draußen die Hoffnung auf ein paar letzte Sonnenstrahlen noch nicht ganz verschwunden. Hinter ARC DE SOLEIL (auf Deutsch „Sonnenbogen“) verbirgt sich der schwedische Singer/Songwriter, Multiinstrumentalist und Produzent Daniel Kadawatha, der mit seinem neuen Bandprojekt zwar schon mehr als 600 Millionen Streams generieren konnte, aber bisher noch kaum live aufgetreten ist. Das merkte man seiner psychedelischen Musik mit indischem Touch kaum an. Sehr gechillt – an den Bands kann es heute definitiv nicht gelegen haben, dass der Wettergott es heute nicht so gut mit den Maifeldern meinte.

Doch kommen wir zurück zu dem schweizerischer Quetschkommoden-Virtuosen, den wir eingangs schon so lobend erwähnt hatten. Welches Festival kommt sonst auf die Idee, einen so aus der Reihe tanzenden Künstler am Samstag zur Prime-Time spielen zu lassen? Wobei mir gerade einfällt, dass ich auf dem Maifeld Derby schon mal einen Akkordeonisten (NIKLAS PASCHBURG, 2019) und eine Harfinistin (MIKAELA DAVIS, 2018) gesehen habe. Und natürlich klimpert MARIO BATKOVIC nicht nur ein wenig auf seinem Akkordeon herum, was wiederum auch schon andere Künstler bemerkt haben, und so gab es in der Vergangenheit die unterschiedlichsten Kooperationen, angefangen bei der Psychobilly-Band THE MONSTERS bis hin zum Berner Symphonieorchester und Soundtracks für Filme und Computerspiele. Stilistisch ist MARIO BATKOVIC schwer einzuordnen, im Parcours d’Amour bewegte er sich irgendwo zwischen den Stilen Klassik, Ambient, Minimal Music und Industrial. Dazu erzählte er zwischen den Stücken, dass er als Kind immer davon geträumt habe, eine Karriere als Gitarrist einer coolen Rockband einzuschlagen, während er sich zu Hause mit einem langweiligen Akkordeon abquälte. Deshalb habe er nun Plektren mit der Aufschrift „Play accordion!“ anfertigen lassen, die er anschließend lässig ins Publikum warf. Ein toller Auftritt, ein grandioser Musiker und ein angenehmer Mensch in der Kommunikation. Schaut hier mal rein!

MARIO BATKOVIC

Dass der Auftritt von Batkovic nur noch schwer zu toppen war, war uns direkt nach dem Auftritt bereits klar, und die Resonanz des restlichen Publikums im Parcours d’Amour war genauso euphorisch. Was sollte danach schon noch kommen. Von ROOSEVELT bekamen wir nur noch die letzten Klänge mit, aber die Menge vor der Open Air-Bühne schien trotz des Regens nicht weniger begeistert zu sein als wir. Schon toll, wenn ich daran denke, dass ich Marius Lauber, den Kopf hinter der Band, vor 15 Jahren als schüchternen Schüler mit seiner damaligen Band BEAT! BEAT! BEAT! für Blueprint interviewt habe. Insofern gönne ich dem sympathischen Jungspund von damals allen Erfolg der Welt.

Zum Abschluss des zweiten Tages schauten wir noch im Palastzelt zu KIASMOS rein, bestehend aus Ólafur Arnalds aus Island und Janus Rasmussen von den Faröer-Inseln. Ersterer spielt als Solokünstler eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Modern Classic, letzterer ist als Produzent im Bereich der Electronic Music sehr umtriebig. Zusammen bringen sie nach sieben Jahren der Abstinenz im Juli ein neues Album heraus, in das sie heute Einblicke gewährten. Musikalisch treffen sich die beiden in der Mitte ihrer eigenen musikalischen Projekte, irgendwo in der Schnittmenge von Elektronik, Klassik, Ambient und Rave. Mir persönlich erscheint die Musik zwar sehr zugänglich, der Grat zur Beliebigkeit ist jedoch klein. Vielleicht lag es aber auch an der bereits fortgeschrittenen Uhrzeit, so dass wir uns für heute verabschieden.

KIASMOS

Tag 3

Den dritten Tag gingen wir mit einer optimistischen Wettervorhersage wieder etwas hoffnungsvoller an. Der Platz war ja eh nicht das Problem, und tatsächlich sollte es den ganzen Tag lang trocken bleiben.

Von ENGLISH TEACHER bekamen wir leider nur noch das Ende mit, doch was ich hörte, überraschte mich ein wenig. Hatte ich die Briten bislang immer (vielleicht zu Unrecht) in die Grunge-/Indie-/Schrammelrock-Ecke einsortiert, scheinen mir die neuen Songs doch ein bisschen ausgefeilter zu sein und mehr in Richtung Emo- und Math Rock zu tendieren. Das erinnerte mich ein wenig an die tollen MASONNE, falls die noch jemand kennen sollte. Gleich mal die Herbsttour der Band in meinem Terminkalender notieren!

Schrammelig wurde es aber direkt danach in der Arena² mit DIE VERLIERER. Kleiner Tipp an Timo und Kollegen: im nächsten Jahr vor der punkigsten Bühne bitte nicht die Bierbude vergessen! Ich kannte DIE VERLIERER bis dato noch nicht, dabei wirkten sie auf der Bühne, als ob sie schon seit 30 Jahren zusammen musizieren, stilistisch vielleicht sogar seit 50 Jahren. Überraschenderweise haben sie vor zwei Jahren erst ihr Debüt veröffentlicht, sind aber natürlich schon lange in anderen Bands aktiv (u.a. CHUCKAMUCK und MASKE). „Heute sind wir alle irgendwie heiser“, ließ der linke Gitarrist das Publikum wissen und forderte es auf: „Singt doch einfach mit, wenn Ihr die Texte könnt!“ Mein Lieblingssong: „Nichts funktioniert“.

DIE VERLIERER

Viel ruhiger ging es im Parcours d’Amour weiter, wo CLOTH aus Schottland berichteten, dass sie zum ersten Mal auf europäischem Festland spielten, aus finanziellen Gründen alle Instrumente vor Ort geliehen seien und sie ebenfalls nur wenig Merch dabei hätten, das nach ihrem Konzert in Nullkommanix vergriffen war. Grund war zum einen ihr charmantes Understatement und zum anderen die dazu passende zarte Musik, die recht minimalistisch daherkam und mich ein wenig an PINBACK mit female vocals erinnerte. Schön!

Auch female vocals, aber eine komplett andere Sparte bedienten BRUTUS, die danach im Palastzelt an der Reihe waren. Beim Reeperbahn-Festival 2019 galten sie noch als Geheimtipp, mittlerweile füllt die Band mit der singenden Schlagzeugerin ganze Hallen. Aber daran ist nicht nur sie schuld, auch wenn es schon beeindruckt, wie sie mit zarter Stimme singt und zugleich in bester Hardcore-Manier auf ihr Drumset eindrischt. Zu dem atmosphärisch dichten Sound tragen genauso sehr Gitarrist Stijn und Bassist Peter bei, wobei ihre Songs vor allem von den gegensätzlichen Laut-Leise-Parts und der Abwechslung zwischen Härte und Emotionalität leben.

BRUTUS

Fast in einem Atemzug mit ENGLISH TEACHER werden ja auch gerne DRY CLEANING genannt, die heute an selber Stelle dreieinhalb Stunden später auftraten. Wobei ich den Vergleich spätestens seit heute doch recht unpassend finde. Zum einen orientieren sich DRY CLEANING viel mehr am New Wave und Post-Punk der Achtziger, zum anderen performt Sängerin Florence komplett anders als ENGLISH TEACHERs Sängerin Lily, nämlich gar nicht. Sie steht stattdessen verträumt bis paralysiert an einer festen Stelle, wo sie ihre Texte eher spricht als singt, während Lily Fontaine wie ein Wirbelwind über die Bühne saust und dabei singt. Da gefielen mir ENGLISH TEACHER im Vergleich um einiges besser, aber auch DRY CLEANING hatten ihre lautstarken Fans dabei. Am Ende bleibt’s eben doch eine subjektive Geschmacksfrage.

Gleiches gilt für MANNEQUIN PUSSY, die anschließend in der Arena² auftraten. Der Vierer aus Philadelphia ist seit geraumer Zeit ja in aller Munde, und auf Platte bieten sie in der Tat eine schöne Mischung aus schrammeligem 90s Indierock/Grunge, viel Melodiegefühl und manchen Schreiparts. Live schien mir der melodische Teil zugunsten (oder besser formuliert: zu Ungunsten) der geschrienen Teile sehr in den Hintergrund gerückt zu sein. Schade.

Zum Abschluss des Festivals freute ich mich vor allem auf TROPICAL FUCK STORM. Eine weitere Band aus Australien, die ich eigentlich noch gar nicht kannte. Aber ihr Live-Video zu dem Song „Braindrops“ war bereits so vielversprechend, dass ich sie keinesfalls verpassen durfte. Und tatsächlich legten sie auch direkt mit diesem etwa achtminütigen Song los, der sich langsam steigert, unterwegs bei THE CRAMPS und THE B-52S vorbeifährt und in einem wahren Garagepunk-Inferno endet. Wahnsinn! Eine Band, die musikalisch so obskur wie MAN MAN und PALM ist, Dich in den melodischen Momenten, die entscheidend durch die Backing Vocals von Gitarristin Erica Dunn und Bassistin Fiona Kitschin geprägt sind, aber immer wieder einfängt. Was für eine Band, im Grunde unbeschreiblich!

TROPICAL FUCK STORM

Und für uns auch ein würdiger Abschluss des 13. Maifeld Derby, das wir zu den letzten Klängen von SLOWDIVE wieder verließen.
Unser Fazit: Das Maifeld Derby muss man einfach lieben! Und deshalb auch unterstützen. Leider wurden in diesem Jahr (sicherlich auch wetterbedingt) weniger Tickets und weniger Bier verkauft. Ihr könnt dieses großartige Festival bereits jetzt supporten, indem Ihr schon Tickets für 2025 vorbestellt. Wir versprechen Euch: es wird sich auch nächstes Jahr wieder lohnen! Wir sind ganz sicher wieder dabei!

Hier geht es zu den Tickets fürs nächste Jahr:
https://www.maifeld-derby.de/shop