AERIAL – Velvet Light Trap

Gestern kackte Olli eine Taube auf die Schulter. Streifschuss – Abpraller genau in meine Jackentasche. Gurr, gurr – aufpluster, aufpluster, auch noch blöd runter gucken! Wäre am liebsten direkt in ein exquisites Restaurant gegangen, nur um eines dieser Viecher zu essen – aus Rache, dem wohl edelsten menschlichen Motiv, irgendetwas zu tun. Kurz zuvor riss übrigens meine Fahrradkette.
Nein, jetzt rodeln sie wieder im Fernsehen. Johlende Sportsfreunde mit Kuhglocken begeistern sich am Bahnrand. Bimmel, bimmel – rodel, rodel! Langweiliger ist nur noch Biathlon. Hab gehört, neulich hat es einen aus der Rodelbahn geschleudert. Genau deshalb rutsche ich seit Jahren nicht mehr im Freibad. Fernseher aus! Lieber zum Runterkommen das Album „Put it this way in headlines“ von AERIAL auflegen, welches ich soeben auf ihrem Konzert im Silber eingekauft habe. Die sympathische Gruppe aus Schweden hatte jede Menge Geräusche und Effekte mit im Koffer und torkelte dabei gewagt auf dem schmalen Grat zwischen experimentellem Einschläfern und emotionaler Abholung hin und her. Letzteres gelang ihnen mit den poppigeren Stücken deutlich besser – BAND OF HORSES ließen grüßen – und so hatte ich es beim Einkauf am reichlich bedeckten Merchtisch hauptsächlich auf ein bestimmtes Lied abgesehen, dessen Titel aber auf dermaßen dahingenuscheltem Schwedenenglisch angesagt worden war, dass Sänger Victor und ich nach der Show gemeinsam erörtern mussten, welcher Song das wohl gewesen sein könnte: „You know, äh, this song you played right in the middle of the show, not so experimental, something like this: la la la…“. Wenigstens war das peinliche Vorsingen von Erfolg gekrönt: „Velvet light trap“ – wunderschön! Es sei auch das dazugehörige Video empfohlen. Außer mir und dem Malte von MODULOK, der glückselig die limitierte selbstgebastelte Tour-EP einsackte, schien aber niemand sonst so recht Gefallen an AERIAL gefunden zu haben. Lag wohl daran, dass der Großteil der Besucher zum hippen Fanclub der Vorgruppe GO ASTRONAUT gehörte und nach deren Auftritt (Auftritt und Frisuren übrigens 1+) mehr Bock auf Abiparty hatte. Unfassbar unhöflich! Wenn ich einen Abend lang Hollow Man sein dürfte, ich würde mitnichten in einer Damenumkleide herumlungern. Zumindest nicht heute Abend. Da hätte ich mir nämlich den Typen rausgepickt, der es nicht nur passend fand, während der ruhigen Momente laut zu quatschen, sondern auch noch vor jedem Stück „Abgehmodus“ zu rufen. Ich hätte ihn verfolgt und bis tief in die Nacht gepiekt und gepufft. Nicht doll, aber immer und immer wieder. „Aua, was ist das denn? Was passiert hier nur mit mir?“ – In der Fantasie geht alles.
Hab am Merchtisch dann noch mit einem Shirt von AERIAL geliebäugelt, auf dem eine Zeichnung einer glücklichen Familie mit dem Satz unterlegt war: „You will all die, all things will die“, was faktisch richtig ist, war mir dann aber doch zu salopp. Doofer Abend, wunderbare Band! Album durch, genauso wunderbar gefunden! Fernseher an, und sie rodeln noch immer – bimmel, bimmel!