Kurz & schmerzlos (Juli – September 2013) – CD-Besprechungen in aller Kürze

Foto: Timo Neuscheler

Alles ist in Veränderung. Panta rei. Alles fließt. Immer viel zu tun, so subjektiv betrachtet. Neue Stadt, neuer Job, neue Wohnung, neues Fahrrad. Viel Schönes, ein paar unschöne Sachen, wie es halt so ist, wenn man sich komplett verändert. Da muss man sich erst einmal daran gewöhnen, dass in Hamburg Fahrräder doch schneller geklaut werden als noch in Bonn. Und die Diebe leider erst zwei Wochen zu spät erwischt werden. Leider ist auch das Portemonnaie schneller leer als in der alten Heimat. Aber was akzeptiert man nicht alles, wenn man endlich in der Stadt seiner Träume angekommen ist? Ziemlich viel. Auch längere Arbeitszeiten, neue Arbeitsformen und ja, sogar neue Kollegen. Die man direkt mal mit dem eigenen Musikgeschmack verderben kann. So setzt man sich dann eben neue Ziele. Auch in der neuen Wohnung, die irgendwie erwachsener geworden ist. Ohne dabei aber die Lebensmaxime "Never grow old. It´s a trap" zu verletzen. Aber die Besucher freut es und sie kommen gerne wieder, was ja durchaus positiv zu werten ist. Ebenso ist auch zu werten, dass ich auch hier zu einem Festival gehen, zu Hause übernachten und auf das für mich so schreckliche Campen verzichten kann.
Zudem bekommt das Wort Ferien nach solch einer vollgepackten, intensiven Zeit wieder eine ganz neue, fast schon vergessene Bedeutung. Man lernt also, die kleinen Dinge des Lebens wieder mehr zu schätzen. Und lernt auch weiterhin viel neue Musik kennen, auf die so einiges passt, was im vorhergehenden Text gesagt wurde. Viel Schönes, ein paar unschöne Sachen, erfreuliche und weniger erfreuliche, so subjektiv betrachtet.
Alles bleibt in Bewegung, auch die Musik. Und für ein paar Silberlinge bleibt mehr Zeit als für andere. Hier nun also eine Zusammenstellung derjenigen Alben, für die die Zeit nicht ausreichte. Oder auch die Qualität. Kurz & schmerzlos eben.

3 DAYZ WHIZKEY – "Black water” (Label: Timezone, VÖ 16.08.2013)
(jg) Kann eine Band, die sich 3 DAYZ WHIZKEY nennt, gut sein? Nein. Im Vergleich zu ihnen sind STATUS QUO Punk. Wirklich traurig macht mich, dass die Jungs erst Anfang zwanzig sein mögen. Was soll aus denen bloß werden, wo man sie doch am liebsten direkt nach der Pubertät ins Altenheim schicken möchte? (2)

http://www.facebook.com/pages/3-Dayz-Whizkey/218639764833342

BLACK LIZARD – s/t (Label:Soliti Records, VÖ 11.10.2013)
(bc) Dass Psychedelic-Rock nicht zwangsläufig angestaubt, sondern auch durchaus modern klingen kann, beweisen BLACK LIZARD auf ihrem selbstbetitelten Album. Die Finnen orientieren sich zwar klar am hypnotischen Retro-Sound von Bands wie THE VELVET UNDERGROUND, bringen zugleich aber auch eine frische Noise- und Indierock-Note mit ein, womit sie diesen Sound auch für die jüngere Generation zugänglich machen. Vielleicht ist das letztendlich auch einer der Gründe gewesen, weshalb sie zum diesjährigen Reeperbahnfestival eingeladen worden sind? Auf jeden Fall gar nicht mal so übel… (6,5)
http://www.facebook.com/blacklizardmusic

BLACKOUT PROBLEMS – "Twentyfourseven” (Label: My Redemption Records, VÖ 01.03.2013)
(so) Wenn eine eigentlich laute Band so richtig leise wird, kann das ganz böse ins Auge gehen. Tut es glücklicherweise bei BLACKOUT PROBLEMS nicht. Mit "Twentyfourseven" bringen sie ein Akustikalbum heraus, das durchaus hörbar ist und die sanftere Seite der Band zeigt. Manchmal wird es ein bisschen zu kuschelig, was bei MTV aufhorchen, bei Menschen wie mir eher weghören lässt. Aber insgesamt ein durchaus gelungenes Album aus deutschen Landen mit viel Gefühl und auch Können. (6,5)
http://www.facebook.com/blackoutproblems

BUZZ DEES – "Icke" (Label: Sholly Records, VÖ 02.10.2013)
(bc) Was erwartet man von dem Nebenprojekt eines KNORKATOR-Mitgliedes? Feinsinnige Kuschelrock-Balladen wohl kaum. Dementsprechend bewegt sich KNORKATOR-Gitarrist Sebastian Baur mit seiner Band BUZZ DEES irgendwo zwischen dickhosigem Proleten-Rock, Experimentierfreude und grobem Unfug. Überraschende Ausflüge in russische Folklore-Gefilde ("Tawarisch Putin Kamerad") finden sich hier ebenso wie eine blitzsaubere, englischsprachige Alternativerock-Nummer namens "High and low", die man locker auch ins Programm eines gitarrenlastigen Radiosenders untermogeln könnte. Um Texte von Liedern wie "Icke" oder "Knochensplitter Junkie" wirklich komisch zu finden, bedarf es jedoch letztendlich eines eher plumpen Humorverständnisses. (3,5)
http://de-de.facebook.com/buzzdees

GOLDEN SUITS – s/t (Label: Yep Roc, VÖ 16.08.2013)
(jg) Fred Nicolaus aus Brooklyn hat vor den GOLDEN SUITS zusammen mit den GRIZZLY BEAR Jungs musiziert, und so wundert es kaum, dass seine alten Mitstreiter auch an seinem ersten Soloalbum mitgewirkt haben. Das Ergebnis klingt nicht ganz unähnlich seinen vorherigen Sachen, auch wenn sich Herr Nicolaus eher im klassischen Pop à la RANDY NEWMAN und PAUL SIMON sieht. Pop, der von den Charts nicht weiter entfernt sein könnte. Und das ist gut so. (7)
http://www.facebook.com/pages/Golden-Suits/124920211035096

HELLSONGS – "These are evil times" (Label: Tapete Records, VÖ 30.08.2013)
(bc) Nachdem Frontfrau Siri Bergnehr vor zwei Jahren aufgrund einer schweren Krankheit die Band verlassen musste und gar ein Abschiedskonzert stattfand, galt das Thema HELLSONGS eigentlich schon als beendet. Doch wider erwarten melden sich die Schweden nun mit neuer Sängerin und neuem Album zurück! Im Gegensatz zu den vorherigen Outputs der selbsternannten "Lounge-Metaler" gibt es auf "These are evil times" nicht ausschließlich Coverversionen, sondern auch fünf Eigenkompositionen zu hören, die sich zwar nahtlos ins Soundgefüge einreihen, allerdings im Gegensatz zu den Pop-Versionen der anwesenden BLACK SABBATH-, ENTOMBED- oder RAMMSTEIN-Klassiker keine Schmunzeleffekte erzeugen. (6)
http://www.facebook.com/hellsongs

KING KHAN & THE SHRINES – "Idle no more” (Label: Merge, VÖ 13.09.2013)
(jg) Kürzlich diskutierte ich mit Schorsch von Burnout Records, ob KING KHAN mit den Shrines besser ist (meine Meinung) oder mit BBQ (Schorsch). Die neue Shrines lässt sich für meinen Geschmack irgendwo dazwischen anordnen. Nicht ganz so abgedreht wie Barbecue, aber auch nicht ganz so big-bandig wie die alte Shrines. Beat, Garage und unzählige Melodien gibt es hier aber nach wie vor genügend. Doch an die großartige "Mr. Supernatural" kommt "Idle no more" leider nicht heran. (6,5)
http://www.facebook.com/kingkhanandtheshrines

MINDSTRIP – "Beautiful liar” (Label: Echozone, VÖ 10.05.2013)
(so) Machen DURAN DURAN jetzt gemeinsame Sache mit SPANDAU BALLET? Anders ist die Existenz von so etwas wie MINDSTRIP nicht zu erklären. Die vier Songs auf "Beautiful liar" plätschern so nichtssagend daher, dass man meint, man höre ein Internetradio mit dem Titel "Nichtssagender Pop". Zwischendurch soll es wohl Wave sein, aber da dürfte sich jeder Waver im selbstgeschaufelten Grab umdrehen. Dass die Songs außerdem noch schlecht ausgefadet werden, gibt dem Ganzen den Rest. Freunde des Romantic Pop könnten dem vielleicht etwas mehr abgewinnen. Viel Spaß dabei. (2)
http://www.facebook.com/Mindstrip

MR. VALAIRE – "Bellevue” (Label: Popup Records, VÖ 13.09.2013)
(so) Da sind sie wieder, die verrückten Herren aus Montreal, die sich einfach in keine Schublade stecken lassen wollen. Kein Wunder, trifft sich hier doch ein Konglomerat aus Musikgeschmäckern, das seines Gleichen sucht und sich dennoch findet, in einer obskuren Mischung aus Jazz, Disco, Rock und Noise. MR. VALAIRE schaffen es auch mit "Bellevue", die Beine in Bewegung zu setzen und den Kopf dabei nicht zu vergessen. Man kann es nicht besser sagen als im Beipackzettel: "Ein Sound, der originell, komplex, zugänglich und gleichzeitig herrlich verspielt ist".
Die Kanadier laden uns ein, an ihrer Reise durch die Musikstile und –zeitalter teilzuhaben, und man sollte sich nicht zu fein sein, sich dieser Reisegesellschaft anzuschließen. Denn Party ist hier garantiert. (7,5)
http://www.facebook.com/misteurvalaire?fref=ts

NORTH MISSISSIPPI ALLSTARS – "World Boogie is coming" (Label: Thirty Tigers, VÖ 04.10.2013)
(bc) Na, hättet ihr "Mississippi" auf Anhieb richtig geschrieben? Diese Band firmiert zwar unter dem Musikstil "Blues-Rock-Jamband", aber keine Angst, so schlimm wie diese Bezeichnung vermuten lässt ist es dann doch nicht. Hat irgendwie eine recht coole Unternote mit drin, die den einen oder anderen Song fast schon für einen Tarantino-Soundtrack qualifiziert. Dazu ein paar typische Country-Instrumente, und fertig ist ein entspanntes Album im typischen Südstaaten-Gewand. (6)
http://www.facebook.com/nmallstars

NRFB – "Trüffelbürste” (Label: Majorlabel/Staatsakt, VÖ 14.06.2013)
(jg) Auf dem Flohmarkt am Lehmweg im Spätsommer war mein wirklich hässliches OMA HANS-Oberteil ein begehrter Eye-Catcher. Bei NRFB (NUCLEAR RAPED FUCK BOMB) mischt Herr Rachut zwar auch mit, mit OMA HANS hat das aber nur noch wenig zu tun. Stattdessen sammelt er eine Art All-Star-Band um sich mit Musikern von DIE VÖGEL, DIE GOLDENEN ZITRONEN, DIE STERNE und eben OMAS HANS. Punk trifft auf Elektro trifft auf Kraut trifft auf Avantgarde. Mindestens verstörend. (6)
http://www.facebook.com/pages/NRFB/483966421676468

THE BARONS OF TANG – "Into the mouths of hungry giants” (Label: Bird´s Rope Records/Popup Records, VÖ 20.09.2013)
(jg) Die erste Minute rauscht die CD so merkwürdig, dass ich schon an einen Produktionsfehler dachte. Soll aber wohl so. Kruder Stuff aus Australien, wobei man musikalisch (israelischer Klezmer, irischer Folk, Balkan-Beat und ein Tick Ami-Punk) überall zu Hause zu sein scheint. Und diese ganzen musikalischen Verknüpfungen klingen nicht nach lustigem Crossover, sondern nach musikalischer Kunst auf höchstem Niveau. Nicht zu Unrecht hat man unter anderem schon auf dem Roskilde, dem Sziget und der Fusion gespielt.
Ganz nebenbei: Sönkes Herzensdame spielt in dieser Band Saxophon. (7)
http://www.facebook.com/thebaronsoftang

THE FORTUNATE FOOLS – "The last tree standing” (Label: Eigenregie, VÖ 23.03.2013)
(so) Erste Klänge: schön. Dann die Stimme: warum so gekünstelt? Schade, dass sich THE FORTUNATE FOOLS damit eine ganze Menge verderben, dass sie so künstlerisch wertvoll sein möchten. Denn das nimmt der Musik auf "The last tree standing" einen Großteil ihrer Ausdrucksstärke und lässt einfach zu häufig an JON BON JOVI denken, wenn nicht gar an ENRIQUE IGLESIAS. Dabei ist diese Musik wirklich gut hörbarer, etwas poppig geratener Akustikfolk bis -rock. Abwarten, was da noch kommt aus dem beschaulichen Kulmbach. (5)
http://www.facebook.com/thefortunatefools

VAN DANCKO – "Born in flames” (Label: FinestNoise, VÖ 26.08.2013)
(jg) Was macht der Midlife-Crisis-anfällige Rhein-Main-Länder, damit ihm am Wochenende nicht die Decke auf den Kopf fällt? Er hat die Wahl zwischen den Heimspielen diverser Erst-, Zweit- und Drittligamannschaften oder aber er geht direkt zum Wasserhäuschen. Oder er gründet eine Band und lässt den Rocker raushängen. Was man dafür braucht? Zuerst einmal coole Namen für die Musiker: Law, Rock.O, Zero und Rogga. Dann: Bandfotos! Also schnell die Sonnenbrillen rausgeholt, ne Zichte angesteckt, das Käppi mit den Flammentattoos aufgesetzt und lässig in die Kamera geschaut. Dann muss noch ein geiler Bandname her (wie hieß noch gleich diese Band mit dem Zungenmann? DANKO… äh…), ein aussagekräftiger Slogan ("Rock just got louder, harder, better) und auf geht´s! (3,5)
http://www.facebook.com/vandancko

VICE ATLANTIC – "Follow the horizon” (Label: Timezone, VÖ 20.09.2013)
(jg) Amerikanische Teenie-Soaps haben immer etwas Schönes, Heimisches an sich. Das galt sowohl für "Beverly Hills 90210" als auch "Melrose Place", "OC California" und genauso für die eigentlich sehr charmante Serie "Wunderbare Jahre". Dort überall ist die Welt perfekt, schön aufgeräumt und trotz aller Streitigkeiten im Grunde immer sehr harmonisch. Gleiches trifft auf VICE ATLANTIC aka Dennis Losch zu, der mit "Follow the horizon" sein zweites Album veröffentlicht. Dass in den oben genannten Serien auch gelegentlich netter Indiepop (DEATH CAB FOR CUTIE, PHANTOM PLANET, …) gespielt wurde, erspart mir die Referenzen. (5,5)
http://www.facebook.com/viceatlantic

WATERFORD – "Welcome to waterford” (Label: FinestNoise, VÖ 26.08.2013)
(jg) Vor fast zehn Jahren wurde ich mit diversen Projekten von Dave Lehberg (LEIAH, ARIEL KILL HIM, …) bemustert. Mir war das zwar alles eine Spur zu nett, aber irgendwie blieb es trotzdem in Erinnerung. WATERFORD aus Offenburg scheinen mit ihrer "Welcome to…"-EP die Musik von Lehberg fortzusetzen. Wer in der Neuzeit Bands wie ELLIOTT und MINERAL vermisst, sollte hier mal reinhören. Auch wenn man aus der Produktion vielleicht noch etwas mehr hätte herausholen können und der Sänger offensichtlich kein English native speaker ist. (5)
http://www.facebook.com/waterfordts

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