You are currently viewing Kurz & schmerzlos (Januar – März 2026)

Kurz & schmerzlos (Januar – März 2026)

Ich sage mir jetzt einfach, dass 2026 ab jetzt bitte besser werden wird. Gab ja schon genug zu jammern, ob politisch oder persönlich. Man (in Worten: ich) wird älter und gebrechlicher, alles das, was „damals“ ja noch gar kein Problem war oder von dem man nicht einmal wusste, dass es weh tun kann, wird langsam zum Problem und tut weh. Und zweimal hintereinander Bronchitis rockt wirklich auch nicht gerade das Leben.
Kleiner Tipp: Lieber auskurieren, als zu denken, dass dich auf der Arbeit niemand ersetzen kann. Das stimmt in den allermeisten Fällen nicht (Selbstständige sind hier leider wohl ausgenommen …). Aber es gibt ja auch positive Dinge. Ob es die Artemis II / Orion-Mission ist, die Menschen weiter von der Erde wegbringt, als jemals ein Mensch gewesen ist, ob es die kleinen Begegnungen mit Ex-Schülern sind, die fast weinen, wenn sie von früher erzählen und „Sie der einzige waren, der an mich geglaubt hat!“ Oder auch ein sich verbesserndes Gefühl, was einen selbst angeht, irgendwie mehr Power, mehr Spaß und auch die freien Ostertage endlich mal wieder genießend.
In diesem Text stecken viele Worte, die man auch über unsere k&s verlieren könnte. Jammern, weh tun, rockt nicht, aber auch Power, Spaß und genießen. Insofern deckt sich das Leben wieder einmal mit unseren Rezensionen. Auch wenn es nicht gerade kurz und schmerzlos ist. Aber das ist ja auch gut so!
Auf ein ab jetzt viel besseres 2026!

AIRELLE BESSON & LIONEL SUAREZ – Blossom (Label: Papillon Jaune, VÖ: 20.02.2026)
(jg) AIRELLE BESSON und LIONEL SUAREZ reduzieren ihre Musik auf das Wesentliche. „Blossom“ ist ein leises Zwiegespräch zwischen Trompete und Akkordeon, das mehr andeutet als ausspricht. Die Stücke entfalten sich in behutsamen Bewegungen, getragen von Klangfarben, Pausen und einem feinen Gespür für Melodie. Jazz im klassischen Sinne ist das nur noch am Rand; näher liegt diese Musik an europäischer Kammerkunst oder der Zurückhaltung eines ERIK SATIE. Gleichzeitig blitzen immer wieder improvisatorische Momente auf, die das Duo in Bewegung halten. Ein stilles, aber hochkonzentriertes Album mit einer subtilen Intensität.
https://airellebesson.bandcamp.com/album/blossom

ANGELS OF LIBRA – Road to mandalay (Label: Waterfall Records, VÖ: 30.01.2026)
(jg) ANGELS OF LIBRA spielen Soul, als wäre er nie verschwunden – warm, analog und mit einem unerschütterlichen Gefühl für Groove. „Road to mandalay“ zelebriert den Sound der 60er und 70er, ohne in bloßer Nostalgie stecken zu bleiben: Bläserarrangements, Rhythmusgruppe und Produktion greifen perfekt ineinander und klingen dabei angenehm staubfrei. Unterstützt von Gastsänger:innen wie SARIFE und NATHAN JOHNSTON entsteht ein abwechslungsreiches, detailverliebtes Album, das eher nach Studio-Feinarbeit als nach Revue-Bühne klingt. Die Songs tänzeln zwischen lässiger Leichtigkeit und tief verwurzeltem Soul, irgendwo in der Nähe von THE DAP-KINGS oder DURAND JONES & THE INDICATIONS – wobei ihnen mit dem Opener „Ain’t no lovin'“ gar ein formidabler Sommerhit gelungen ist. Ein Album wie ein auf Vinyl gebannter sonnendurchfluteter Nachmittag.
https://angelsoflibra.bandcamp.com

BUNCH OF ACE – Tanz im Wasser (Label: Bunch of Ace, VÖ: 23.01.2026)
(so) Ich weiß nicht so recht … sind BUNCH OF ACE mir zu süßlich? Zu poppig? Zu engelsgleich? Die Texte zu einfach? Zu bedeutungslos? Irgendwie alles davon? Ja. „Am Strand von Palma glitzert das Meer / das nicht zu mögen, wäre nicht fair“. Hmtja. Und solche Textzeilen tanzen hier nicht im Wasser, sondern auf poppig-niedlichen Melodien, die schon fast etwas Schlagereskes haben, in jedem Fall aber mein musikalisches Ohr komplett verfehlen. Diese EP ist etwas für Freund:innen von The Voice und ähnlichen Formaten, würde ich einfach mal behaupten wollen. Denen wünsche ich damit viel Spaß.
https://bunchoface.bandcamp.com

CHE ARTHUR – Describe this present moment (Label: Past / Future Records, VÖ: 09.01.2026)
(so) CHE ARTHUR auf Solopfaden, das aber auch schon zum fünften Mal. Präsentiert wird auf „Describe this present moment“ so etwas wie Post-Hardcore, da bin ich nun wirklich nicht so tief drin, dass ich mir zutraue, eine genaue Einordnung vorzunehmen. Aber es ist ein Album, das mich mal an LIMP BIZKIT, dann wieder an JIMMY EAT WORLD erinnert. Ein Album, das rockt und auch die Balladen nicht zu kurz kommen lässt. Aber eben auch nicht viel mehr als ein weiteres Album, das rockt. Was CHE ARTHUR aber gelingt, ist, dass die Songs recht abwechslungsreich klingen. Dennoch eher etwas für nebenher.
https://chearthur.bandcamp.com/album/describe-this-present-moment

DANIEL ZIMMERMANN – Snapshots (Label: Label Bleu, VÖ: 23.01.2026)
(jg) DANIEL ZIMMERMANN denkt Jazz nicht als Bühne für Solisten, sondern als Spielfeld für feine Verschiebungen – und genau darin liegt der Reiz von „Snapshots“. Der französische Posaunist und Komponist lässt sein Quartett mit eleganten Grooves und einem Augenzwinkern zwischen Neobop, Swing und souligen Einsprengseln mäandern. Die Posaune fungiert dabei weniger als Leitinstrument denn als schillernde Klangfarbe im Ensemble, das immer wieder kleine Haken schlägt und Erwartungen unterläuft. Es sind diese Momente subtiler Ironie und Leichtigkeit, die dem Album seine eigene Handschrift geben – irgendwo zwischen kammermusikalischer Präzision und lässigem Clubgefühl. Anklänge an das BRAD MEHLDAU QUARTETT blitzen auf, ohne sich festzusetzen, während vereinzelte Vocals und Gäste für zusätzliche Abwechslung sorgen. Ein Album wie eine lose Serie musikalischer Momentaufnahmen: flüchtig, verspielt und gerade deshalb bemerkenswert kohärent.
https://danielzimmermann.bandcamp.com/

EN ROUTE,  BOYS – s/t (Label: Groupe Fovea, VÖ: 20.02.2026)
(so) Ich möchte das, was auf „En route, boys“ ertönt, gerne mal als Plätschermusik umschreiben. Denn dieses Album plätschert ganz angenehm nebenher, begleitet dich vielleicht bei der Küchenarbeit oder anderen Dingen, die im Haushalt so anfallen. Vielleicht aber auch, wenn du den Unterricht am Laptop vorbereitest oder es einfach nicht so still sein soll im Haus. Für all das taugt das selbstbetitelte Album der Kanadier:innen. Beim Hören dachte ich öfter: So, aber der nächste Song wird spannend. Entscheidet selbst, ob ich recht hatte.
https://www.instagram.com/enrouteboys/

GEORGE DORN QUINTET – Everybody’s darling (Label: Eigenregie, VÖ: 29.12.2025)
(jg) Das GEORGE DORN QUINTET bleibt auch auf „Everybody’s darling“ seinem unaufgeregten Ansatz treu – und trifft gerade damit ins Schwarze. Zwischen jangligen Gitarren, Sixties-Reminiszenzen und einem ausgeprägten Gespür für Melodien entfaltet sich ein Indie-/Power-Pop, der lieber entspannt flaniert als nach vorne drängt. Die Songs wirken leichtfüßig, mit einem feinen Gespür für Hooks, ohne je ins Überzuckerte zu kippen. Einflüsse von TEENAGE FANCLUB, THE KINKS oder BIG STAR blitzen immer wieder durch, ergänzt um eine Spur Psychedelic und Beat. Gleichzeitig schimmert in manchen Momenten eine rauere, lakonische Kante durch, die nicht nur an die RAMONES oder IGGY POP erinnert, sondern auch an frühe THE STROKES. Ein Album wie eine liebevoll kuratierte Plattensammlung – nostalgisch, aber keineswegs rückwärtsgewandt.
https://georgedornquintet.bandcamp.com/

HENRI TEXIER – Healing songs (Label: Label Bleu, VÖ: 23.01.2026)
(jg) HENRI TEXIER bleibt auch im Spätwerk ein Erzähler – einer, der seine Geschichten nicht in großen Gesten ausbreitet, sondern im warmen Puls des Kontrabasses verankert. „Healing songs“ versammelt neu gedachte Kompositionen aus einem langen Musikerleben und führt sie mit einem neuen, aber eingespielten Quintett zurück in eine Form, die zugleich geerdet und offen klingt. Zwischen Post-Bop, bluesigem Groove und einer fast nachdenklichen ECM-Ästhetik entsteht ein Sound, der weniger auf Virtuosität zielt als auf Atmosphäre und Melodie. Texier spielt dabei nicht vor, sondern vor allem mit – lässt Raum, wo andere füllen würden, und findet gerade darin seine Stärke. Das erinnert stellenweise an die späten Arbeiten von DAVE HOLLAND oder JAN GARBAREK, ohne je in bloße Referenz zu kippen. Ein leises, aber eindringliches Album, das seine Kraft aus Reife und Reduktion zieht.
https://www.facebook.com/HenriTexierJazz/

HIDAS – A sense of impending doom (Label: Tonzonen Records, VÖ: 23.01.2026)
(jg) HIDAS setzen auf ihrem Debüt nicht auf Dramatik, sondern auf Druck – und lassen ihre Riffs so lange kreisen, bis sie sich ins Bewusstsein fräsen. „A sense of impending doom“ ist ein zähes, weitgehend instrumentales Doom-Album, das weniger an klassischen Songstrukturen interessiert ist als an Verdichtung und Wiederholung. Dabei schichtet das Münchner Trio Gitarre, Bass und Schlagzeug zu einer klaustrophobischen Wand, die sich nur gelegentlich in sludgeartige Ausbrüche auflöst. Bei HIDAS dominiert eine meditative Schwere, die an die hypnotischen Minimalismen von EARTH oder OM erinnert. Gerade in der Reduktion entfaltet die Musik ihre eigentliche Wucht – langsam, unerbittlich und vereinnahmend. Ich sehe die langen Haare im Betty schon kreisen.
https://hidas.bandcamp.com/album/a-sense-of-impending-doom

MARIANA RAMOS – Sinfonico (Label: Casa Verde, VÖ: 06.02.2026)
(jg) MARIANA RAMOS hebt die Morna aus den Bars der Kapverdischen Inseln hinein in den Konzertsaal – und verleiht ihr dabei eine neue, fast filmische Eindrücklichkeit. „Sinfonico“ kleidet die kapverdischen Traditionen in opulente Orchesterarrangements, die zwischen Musical, Filmmusik und klassischer Gala pendeln. Ihre Stimme bleibt dabei das emotionale Zentrum, getragen von Streichern, Bläsern und dramatischen Zuspitzungen. Das erinnert stellenweise an CESÁRIA ÉVORA in großem symphonischem Rahmen oder an orchestrale Projekte im Fahrwasser des BUENA VISTA SOCIAL CLUB. Nicht jeder Moment entgeht dem Pathos, doch genau darin liegt auch der Reiz dieses Albums. Große Gefühle, große Bühne – und der Versuch, Tradition neu zu inszenieren.
https://marianaramos.bandcamp.com

MARION RAMPAL – Song for Abbey (Label: Les Rivieres Souterraines, VÖ: 23.01.2026)
(jg) MARION RAMPAL nähert sich dem Erbe von ABBEY LINCOLN nicht ehrfürchtig, sondern suchend – als würde sie die Songs erst im Moment des Singens entdecken. „Song for Abbey“ ist weniger Tribute als Transformation, ein freier, oft kammermusikalischer Vocal Jazz, der Folk- und Blues-Elemente in fragile Arrangements einbettet. Ihre Stimme bleibt dabei warm und nahbar, die Musik leicht, aber nie gefällig; MARION RAMPAL tastet sich durch die Stücke, dekonstruiert, verschiebt, lässt Leerstellen zu. Zwischen intimer Reduktion und subtiler Expressivität entstehen Momente, die eher an JEANNE LEE oder CÉCILE MCLORIN SALVANT erinnern als an klassisches Songbook-Repertoire. Gerade diese Offenheit macht das Album so besonders. Ein leises, aber tiefgehendes Werk über Aneignung und Erinnerung.
https://marionrampal.bandcamp.com/

MONOLITHE NOIR – La foi gelée (Label: Humpty Dumpty Records, VÖ: 27.02.2026)
(so) Mal fast schon Noise, dann wieder ganz zarte Klänge – insgesamt könnte man dieses vierte Album von MONOLITHE NOIR unter „seltsam“ einordnen. Mainstream und Charts sind extrem weit entfernt von dem, was Antoine Messager Pasqualini hier veranstaltet. Aber für die nächste Vernissage mit moderner Kunst eignet sich das durchaus, obwohl dafür fast ein bisschen viel gesungen bzw. gesprochen wird. Ein Album, das fraglos „Kunst“ ruft und sich dabei fast die Seele aus dem Leibe schreit.
https://monolithenoir.bandcamp.com/album/la-foi-gel-e

PAUL LAY – Waves of light (Label: Dragon Fly, VÖ: 20.03.2026)
(jg) Auf Blueprint sind wir mittlerweile ja einiges gewohnt, aber choräle Gesänge tauchen hier insgesamt doch eher selten auf. PAUL LAY verbindet auf „Waves of light“ aber genau das miteinander: pianogetriebenen Jazz mit einer fast cineastischen Weite, offene Strukturen, die sich zwischen Klassik, Contemporary Jazz und kammermusikalischen Einflüssen bewegen. Wenn dann noch der Kammerchor hinzutritt, erweitert das die Stücke in unerwartete, fast sakrale Räume. Sicherlich eines der ungewöhnlichsten Alben im Programm von Blueprint.
https://paullay.bandcamp.com

SOUND OF SMOKE – Mirage (Label: Tonzonen Records, VÖ: 27.03.2026)
(jg) SOUND OF SMOKE graben sich tief in den 70er-Sound ein, ohne dabei im Retro-Sumpf stecken zu bleiben. „Mirage“ kombiniert schweren Blues-Rock, psychedelische Ausuferungen und satte Orgeln zu einem druckvollen, erstaunlich organischen Gesamtbild. Das Besondere liegt im weiblichen Gesang, der dem Genre eine frische, eigenständige Note verleiht und die klassischen Riffstrukturen elegant konterkariert. Zwischen DEEP PURPLE, BLACK SABBATH und einer Prise Stoner-Rock entsteht ein Sound, der vertraut, aber dadurch nicht abgestanden wirkt. Ein Album, das den Staub der Vergangenheit mit hörbarer Freude aufwirbelt.
https://soundofsmoke.bandcamp.com