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HOT MULLIGAN (und viele Handys)

HOT MULLIGAN – 03.03.2026, Fabrik (Hamburg)

Nachdem ich das letzte Album von HOT MULLIGAN bereits über den Klee gelobt hatte, war klar: Wenn die Band aus Michigan in Hamburg Halt macht, führt kein Weg an ihnen vorbei. Die Frage war nur – mit wem hingehen? Meine Freundin kapituliert regelmäßig vor Screamo-Gesang, ein Freund winkte nur mit einem knappen „nicht meine Baustelle“ ab, und meine Bandkollegen bewegen sich eher im schrammeligen Indie-Punk-Kosmos, in dem Hochglanz-Produktionen skeptisch beäugt werden.
Doch dann fiel mir dieser eine Bandkollege ein, der einst mit BRAID, THRICE und HEY MERCEDES aufgewachsen ist – grundsätzlich interessiert, nur leider just zum Konzerttermin auf Teneriffa. Also Plan B: ein alter Freund und ehemaliger Schlagzeuger, sozialisiert mit BLINK-182 und Konsorten, der seine damalige Freundin auf einem BOWLING FOR SOUP-Konzert kennengelernt hatte. Er sagte sofort zu, reiste aus Lübeck an, lud mich noch auf ein schnelles Abendessen beim Inder schräg gegenüber ein – und so standen wir eine halbe Stunde vor offiziellem Konzertbeginn in der Fabrik.

CATAPULTS

Dort spielten allerdings bereits CATAPULTS. Ausgerechnet die „regionale Vorband“, auf die mein Begleiter sich insgeheim am meisten gefreut hatte, war schon mitten im Set. Mir persönlich geriet das stellenweise eine Spur zu poppig, aber man muss neidlos anerkennen: Die Oldenburger Poppunker haben ein gutes Gespür für Melodien, einen starken Sänger und genug Charisma, um selbst vor der eigentlichen Startzeit für Bewegung zu sorgen. An diesem Abend dürften sie einige neue Fans gewonnen haben.

DELTA SLEEP

Mit DELTA SLEEP betrat anschließend mein geheimer Favorit die Bühne. Ihre zuletzt sehr offensiv vertretene Pro-Palästina-Haltung hatte mich zwar irritiert – wobei man fairerweise sagen muss, dass Briten mitunter einen anderen Blick auf geopolitische Fragen haben als wir mit unserer historischen Verantwortung. Musikalisch jedoch treffen sie mit ihrem melodischen Math-Rock seit jeher einen Nerv bei mir. Und selbst mein Begleiter, der zuvor nur flüchtig reingehört hatte, musste zugeben: Live entfaltet das eine ganz eigene Dynamik. Wer sich von einem Song wie „Lake sprinkle sprankle“ nicht beeindrucken lässt, hört entweder ausschließlich 4/4-Takte oder kann technischer Virtuosität wenig abgewinnen. Das Erstaunliche: Die vier Briten verpacken ihre Taktwechsel so elegant, dass die Komplexität fast beiläufig wirkt. „Der Drummer kann ja gar nicht den Takt halten!“, witzelte mein Kumpel anschließend – im vollen Bewusstsein, wie absurd schwer diese rhythmischen Volten tatsächlich sind. Nach einer halben Stunde war Schluss, das überwiegend für HOT MULLIGAN erschienene Publikum reagierte jedoch bemerkenswert wohlwollend.

HOT MULLIGAN & Devin Yüceil (DELTA SLEEP)

Unsere Sorge, ein Dreier-Line-Up mit offiziellem Beginn um 20 Uhr könne sich bis tief in die Nacht ziehen, erwies sich als unbegründet. Drei bereits aufgebaute Drumsets sorgten für reibungslose Wechsel; DELTA SLEEP starteten nur zehn Minuten nach CATAPULTS, und auch HOT MULLIGAN ließen nicht lange auf sich warten. Kurz nach neun eröffneten sie ihr Set.
Den Bekanntheitsgrad der Band aus Lansing hatte ich offenbar unterschätzt – ebenso wie das Durchschnittsalter im Raum. Mitte zwanzig vielleicht, viele Gesichter deutlich jünger. Man hört, die Band sei vor allem auf TikTok viral gegangen. Während mein Begleiter noch darüber sinnierte, wie eine Mischung aus College Rock und Emo zwanzig Jahre nach ihrer vermeintlichen Hochphase wieder derart zünden kann, zeigte sich auf der Bühne, warum. HOT MULLIGAN erwiesen sich zwischen den Songs als ähnlich schlagfertig wie WE ARE SCIENTISTS, spielten präzise, druckvoll – und zugleich angenehm unprätentiös. Sänger Nathan „Tades“ Sanville lachte viel, suchte die Nähe zum Publikum, forderte es augenzwinkernd auf, lauter zu sein, weil ihn Stille verunsichere. Selbst das traditionell etwas zurückhaltende Hamburger Publikum taute zusehends auf. Besonders sympathisch: Sein offenes Bekenntnis, mit DELTA SLEEP eine neue Lieblingsband entdeckt zu haben, die er jeden Abend ehrfürchtig von der Seite aus verfolge.
Rund neunzig Minuten dauerte das Set. Und während sich die Band musikalisch irgendwo zwischen TAKING BACK SUNDAY, BRAID und HOT WATER MUSIC bewegt, fühlte sich der Abend für uns tatsächlich ein wenig wie eine Zeitreise an – zurück in die eigene Jugend, nur mit der Generation nach uns im Mittelpunkt. Wenn HOT MULLIGAN oft als Aushängeschild der neuen Emo-Renaissance gesehen werden, fühlen wir uns gut dabei, wenn sich die Generation nach uns mit ihnen identifizieren kann.