Da Kollege Otti sich diesmal ausgiebig durch allerlei anstrengende Platten kämpfen musste, erhörte ich seine Bitte, zur Abwechslung die Einleitung mit meinem ganz persönlichen Klagelied zu bestreiten. Es geht diesmal allerdings nicht um die berüchtigte Männergrippe, sondern um ihren sommerlichen Ableger – nennen wir ihn einfach die Männersommergrippe oder, etwas wissenschaftlicher, eine ausgewachsene Schniefitis.
Bislang war ich nämlich der festen Überzeugung, dass ein grippaler Infekt im Sommer doch deutlich angenehmer sein müsste als im Winter. Schließlich friert man nicht, dachte ich. Weit gefehlt. Denn an erster Stelle stehen ohnehin Abgeschlagenheit, ein brummender Kopf, eine tropfende Nase und regelmäßige Nasenkanonaden, mit denen man seine Bazillen großzügig unter die Menschheit bringt.
Der entscheidende Unterschied zur winterlichen Schnupfocalypse ist jedoch ein anderer: Während man sich im Dezember einfach unter eine warme Decke verkriecht oder die Heizung aufdreht, lässt sich ein Thermometer, das ohnehin schon an der 40-Grad-Marke kratzt, nur äußerst widerwillig nach unten regulieren. Das sorgt dafür, dass der Schädel gleich doppelt dröhnt und das unvermeidliche Taschentuch-Abo mindestens genauso auf die Nerven geht wie der Nasenwasserfall selbst.
Immerhin gibt es derzeit genügend Ablenkung – ob mit der WM oder unseren Kurzreviews –, solange einen das Kuschelvirus nicht doch wieder Richtung Bett schickt und der Niesaster wenigstens nachts eine kleine Pause einlegt.
In diesem Sinne: Bleibt gesund! Und allen, die gerade ebenfalls mit Schniefitis, Rotz-Deluxe oder einer gepflegten Sommergrippe kämpfen, wünschen wir gute Besserung.

13SUNS – Särge, Erde, Damen und Herren (Label: Krakenduft Records, VÖ: 02.05.2026)
(so) In den starken Momenten dieses Albums erinnern 13SUNS recht deutlich an PLACEBO, sowohl musikalisch als auch stimmlich. Bestes Beispiel hierfür dürfte wohl „Vatican girl“ sein. In den weniger starken Momenten merkt man dann aber, dass diese Latte doch um einiges zu hoch gelegt ist – sowohl musikalisch als auch stimmlich. Richtig gut sind 13SUNS, wenn sie sich so ein bisschen im Spielfeld von FLIEHENDE STÜRME bewegen und eine Art dunklen Punk spielen („Die stummen Gesänge der Höhlenzikaden“). Deutlich weniger überzeugen können sie mit der harten Rocknummer, für die ihnen die Tiefe zu fehlen scheint. Ein durchwachsenes Album mit Höhen und Tiefen. Und die wird wahrscheinlich jede:r anders bewerten.
https://13suns.bandcamp.com/album/s-rge-erde-damen-herren

ANTONIO FARAÒ & STÉPHANE BELMONDO QUARTET – Do it! (Label: Notesaround, VÖ: 22.05.2026)
(jg) In einer anderen Rezension habe ich kürzlich bereits das ELBJAZZ in Hamburg erwähnt. Auch das ANTONIO FARAÒ & STÉPHANE BELMONDO QUARTET würde sehr gut in das vielseitige Jazzfestival am Hamburger Hafen passen – allerdings mit einer deutlich anderen Ausrichtung als etwa MASSA DEMBÉLÉ. Eher sehe ich diese Musik in der bestuhlten Schiffbauhalle als auf einer Open-Air-Bühne.
Hier treffen zwei europäische Jazz-Schwergewichte aufeinander: Der virtuose Piano-Jazz von ANTONIO FARAÒ verbindet sich mit dem lyrischen Trompetenspiel von STÉPHANE BELMONDO zu einem modernen, melodischen Jazzalbum. Technisch brillant, aber nicht wirklich verkopft – eher in der Tradition von HERBIE HANCOCK, ENRICO PIERANUNZI oder TOM HARRELL als im avantgardistischen Spektrum.
https://www.antoniofarao.net/

BBCC – King Michael II and the trial of the axe (Label: October Tone, VÖ: 12.06.2026)
(so) Die Band aus Straßburg hat sich in riesigen Lettern das Wort „KUNST“ auf ihre musikalischen Fahnen geschrieben. Grotesk und surreal kommt „King Michael II and the trial of the axe“ daher, suhlt sich in den eigenen Ideen, die sich seit ihrem Beginn als Indieband deutlich verändert haben und sich eben mehr und mehr dem Verworrenen, Kunstvollen widmen. Auf eine ganz seltsame Art ist das fesselnd und interessant, dann doch wieder enervierend. Insbesondere dann, wenn die Songs sich in die Länge ziehen, verlieren BBCC ihren Charme, den sie in kürzeren, prägnanteren Nummern durchaus zu entwickeln verstehen. Ein zweischneidiges Album.
https://bbcc.bandcamp.com/album/michael

BOY WITCH – s/t (Label: Papillon Jaune, VÖ: 20.02.2026)
(ed) Obwohl BOY WITCH ein reines DIY-Solo-Projekt des Berliners Felix Rörig sind, hört sich das Album astrein nach einer ganzen Band an. Das Ganze würde ich als psychedelischen Rock mit leichten elektronischen Einflüssen bezeichnen. Am meisten hängen bleibt mir aber vor allem der Gesang, denn hier erinnert mich viel an Layne Staley, ehemaliger und leider schon längst verstorbener Sänger von ALICE IN CHAINS. Vor allem bei „Echolalia“ ist das der Fall, was auch gleichzeitig der beste Song des Albums ist. Felix selbst nennt als Referenzen auch Bands wie QUEENS OF THE STONE AGE und BOARDS OF CANADA. Nun habt ihr einen kleinen Einblick, was auf euch zu kommt, wenn ihr euch dieses selbstbetitelte Album anhört. Es gibt auf jeden Fall einiges zu entdecken, auch wenn manchmal die Songs zu wenig auf den Punkt kommen, sondern das Experimentelle im Vordergrund steht.
https://boywitch.bandcamp.com/album/boy-witch

BRUNO ANGELINI – Alone together! (Label: Illusions, VÖ: 15.05.2026)
(so) Ohjemine, der nächste Endgegner. Jazz-Piano. Ich bin ja großer Fan des Grand Pianos, sonst wäre ich wohl nicht so ein großer Freund der Musik von AMANDA PALMER. Und ich finde es auch absolut beneidenswert, das Piano so spielen zu können, wie es BRUNO ANGELINI zu tun vermag. Dennoch ist mir das immer zu verkünstelt, zu intellektuell und ich weiß häufig nicht genug damit anzufangen. So ist es hier eben leider auch. Ich gratuliere Herrn ANGELINI dazu, dass er solch ein Virtuose ist und entschuldige mich zugleich bei ihm, dass ich dem nichts abgewinnen kann. Für mich wird „Alone together!“, zusammen mit einigen anderen Album dieser Rubrik, unter „anstrengend“ abgelegt.
https://brunoangelini.bandcamp.com

CRIMSON ROOTS – Open roads (Label: Tonzonen Records, VÖ: 22.05.2026)
(jg) Blues beeinflusster Prog & Psychedelic Rock, weiträumig und eindringlich – so beschreibt die Band selbst ihr Album, das die Geschichte eines Reisenden erzählt, der sich durch Entfernung, Veränderung und Entdeckung bewegt.
In der Praxis wirkt diese Reise allerdings eher wie eine vorab minutiös durchgeplante Luxusliner-Tour entlang der Route 66, inklusive „Grand-Canyon-Nationalpark-Tour mit Mittagessen“. Alles ist da, alles ist korrekt – nur Überraschungen haben sich offenbar frühzeitig krankgemeldet. So aufregend wie ein vor drei Tagen geöffneter Sekt, der schon beim ersten Schluck jede Hoffnung auf Spannung verloren hat. Abenteuer klingt jedenfalls anders. Wer allerdings auf den klassischen Sound von THE ALLMAN BROTHERS BAND, SHERYL CROW oder TOM PETTY steht, kann hier durchaus mal reinhören.
https://crimsonrootsband.bandcamp.com/album/open-roads

GREGORY PRIVAT – Darling (Label: Buddham Jazz, VÖ: 22.05.2026)
(jg) GREGORY PRIVAT neigt beim Cover-Artwork gerne zur großen Geste. Auf „Phoenix“ posierte er oberkörperfrei bei sanfter Beleuchtung neben einem Klavier, auf seinem neuen Album hält er – ebenfalls oberkörperfrei – eine Rose im Mund, während der Titel „Darling“ in einer Schrift daherkommt, die unweigerlich an „Dirty Dancing“ erinnert.
Ein Stück weit spiegelt sich diese Theatralik auch in seiner Musik wider. Neben Contemporary Jazz, karibischen Einflüssen und klassischen Elementen durchzieht vor allem eine gehörige Portion Soul das Album. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht instrumentale Selbstdarstellung oder technische Brillanz, sondern Melodie, Atmosphäre und emotionale Tiefe. Wer etwas mit SOFIANE PAMART, HANIA RANI oder LUDOVICO EINAUDI anfangen kann, dürfte auch an „Darling“ Gefallen finden.
https://www.gregoryprivat.com/en/home/

MANIAC MAISON – s/t (Label: Humpty Dumpty Records, VÖ: 22.05.2026)
(so) Hier treffen Wolfgang Amadeus Mozart und japanische Videospielmusik aufeinander, zumindest lässt dies die Presseinfo vermuten. Hinzu kommt noch eine gute Portion Free-Jazz, vermischt mit Einflüssen der japanischen Orchestermusik und etwas, das ich einmal mit Pornomusik aus den 70ern vergleichen möchte. Bunte Mischung, anstrengendes Album (von denen haben mich in den letzten Monaten deutlich zu viele erreicht), ich bin dafür einfach nicht gemacht. Tut mir immer leid für die Band, aber man kann nicht immer Glück mit den Rezensent:innen haben … wenn ihr auf experimentelles Musizieren steht, hört ruhig mal rein. Ich hätte hier ein Album zu verschenken.
https://maniacmaison.bandcamp.com/album/maniac-maison

NAISSAM JALAL – Landscapes of eternity (Label: Les Couleurs Du Son, VÖ: 24.04.2026)
(jg) Schon der Opener „Tears in Delhi’s fog“ macht deutlich: NAISSAM JALAL ist nicht nur eine herausragende Flötistin, sondern verfügt auch über eine beeindruckende Gesangsstimme – oft wechselt sie mühelos zwischen beidem. Als nach rund sechs Minuten das bis dahin zurückhaltend agierende Schlagzeug kraftvoll einsetzt und das Stück seinen hypnotischen Einstieg hinter sich lässt, um sich zu einem groovenden Jazzstück zu entfalten, ist der Bann endgültig gezogen.
Mit „Landscapes of eternity“ präsentiert NAISSAM JALAL ein spirituell geprägtes Album zwischen Jazz, indischer Klassik und Weltmusik, das Grenzen im besten Sinne überschreitet. Flöte, Gesang, Sarod, Tabla und ausgedehnte Improvisationen schaffen eine meditative, beinahe tranceartige Atmosphäre, die weniger auf klassische Jazz-Dramaturgie als vielmehr auf Versenkung und innere Bewegung setzt.
https://naissamjalal.bandcamp.com/

SERGUEI SPOUTNIK – Transcend (Label: Independent Practice, VÖ: 29.05.2026)
(so) Hatte ich in dieser Ausgabe von k&s eigentlich schon von anstrengender Musik gesprochen? Nein? Tatsächlich nicht? Na, dann ist’s ja gut. Denn SERGUEI SPOUTNIK gehört jedenfalls in diese Abteilung meiner Musiksammlung. Verhallte Synthies, verhallter Gesang, hier und da hingelegte Melodien, die sich mit anderen um den Vordergrund battlen, irgendwie sphärisch-spacig, das Ganze. Was fehlt, ist das Prägnante, das Packende, das, was dann auch einfach mal aus dem mit „Kunst“ beschrifteten Rahmen herausfällt, sich einfach mal Zeit für den Song nimmt, ohne darauf zu achten, dass es bitte möglichst anspruchsvoll bleibt. Ein Album, das klingt, als hätte sich SERGUEI SPOUTNIK vorgenommen, die Musik der Außerirdischen aus 70er-Jahre-Filmen auf ein Album aus dem Jahr 2026 zu pressen.
https://sergueispoutnik.bandcamp.com/album/transcend

SIMONE KOPMAJER & VIKTOR GERNOT – You wonderful you (Label: Lucky Mojo Records, VÖ: 05.06.2026)
(so) Ja, nun, … Dieses Album vereinigt alles, was ich an Jazz so anstrengend finde. Diese ständige Baratmosphäre, zwei Stimmen (Frau und Mann), die sich gegenseitig anschmachten, Klavierspiel, das ich nur bei HELGE SCHNEIDER halbwegs erträglich finde und dazu dann diese wahnsinnig machenden Drumloops. Was dann noch fehlt, wären Gitarrensoli … ach, Moment, da sind sie ja schon! Also, wirklich alles, was mich davon abhält, ein Jazzfan zu werden, ist auf „You wonderful you“ vertreten. Aber, und das möchte ich ganz klar sagen, das heißt nicht, dass es sich hier nicht um ein gutes Jazz-Album handeln kann. Dafür fehlt mir schlicht die Expertise.
https://www.simonekopmajer.com

SRDJAN IVANOVIC – Cosmogonie (Label: Rue Des Balkans, VÖ: 08.05.2026)
(jg) Der in Paris lebende Schlagzeuger verbindet auf „Cosmogonie“ modernen Jazz mit Balkan-Einflüssen, World Music und elektronischen Elementen. Trotz aller Virtuosität bleibt das Album stets melodisch und zugänglich. Das Stück „Gaia“ erinnert mich sogar an eines der entspanntesten Jazzstücke überhaupt: „The Pink Panther Theme“ von HENRY MANCINI.
Mit seinem BLAZIN‘ QUARTET beherrscht SRDJAN IVANOVIC jedoch beide Seiten gleichermaßen: Komplexe Rhythmen treffen auf eingängige Themen, hypnotische Gitarrensoli und eine mitreißende Energie. Musikalisch bewegt sich „Cosmogonie“ dabei irgendwo zwischen AVISHAI COHEN, NILS PETTER MOLVAER und der typischen ECM-Ästhetik auf der einen sowie den orientalisch geprägten Klangwelten eines DHAFER YOUSSEF oder BOJAN Z auf der anderen Seite.
https://srdjanivanovic.bandcamp.com/album/cosmogonie

TELLKUJIRA – La lucha es un poema colectivo (Label: SuperPang Records, VÖ: 29.05.2026)
(so) Ich verspreche euch, für diese Runde ist es das letzte anstrengende Album. TELLKUJIRA improvisieren ihre Songs, die auf Freejazz und Art Rock basieren, und damit fordern sie die Hörenden heraus, sich diesem Projekt intensiv zu widmen. Denn mal so nebenbei kann man „La lucha …“ definitiv nicht hören, eignet sich auch nicht als Hintergrundmusik für nette Gespräche. Allein die Länge so mancher „Songs“ auf diesem Album lässt schon erzittern, spielt sie sich doch teilweise im Bereich von 17 Minuten ab. Und das ist definitiv zu lang. Ja, man kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass TELLKUJIRA hier ein künstlerisch wertvolles Album gelungen ist, das sich der Welt und ihrer Musik hingibt, aber wirklich eingängig ist es nicht. Jedenfalls eindeutig nicht für mich.
https://tellkujira.bandcamp.com/album/la-lucha-es-un-poema-colectivo