iLiKETRAiNS – Intensiv!

LONG DISTANCE CALLING aus Münster haben im halbvollen Knust einen undankbaren Job.
Zunächst einmal spielen sie progressiven Drone-Rock weit über ihren Möglichkeiten und leiden an mangelnder Präzision, die sich in schleichendem Gestampfe ohne echten Groove äußert. Zudem supporten sie heute Abend eine der intensivsten Bands, die Großbritannien derzeit zu bieten hat: iLiKETRAiNS (alle i’s bitte klein!).
Zwar fangen sich die fünf Knaben ab der Mitte ihres Sets etwas, doch ihr instrumentaler Lärm-Entwurf hinterlässt in seiner Einfallslosigkeit keinen bleibenden Eindruck.
Die junge Band aus Leeds lässt nach kurzer Umbaupause keinen Zweifel daran, dass sie mit ihrer Vision von erzählter Dramatik derzeit allein auf weiter Flur steht. Sänger Dave Martin schließt seine Augen nie, hält durchdringenden Blickkontakt zum Publikum und lässt es auf den schlammigen Boden der traurigen und makaberen Geschichten sinken, die seine tiefe, sonore Stimme so eindringlich erzählen. Wahre Geschichten, die von Bildern und einleitenden Überschriften auf der großflächigen Leinwand finster illustriert werden. iLiKETRAiNS haben sich inhaltlich einer sehr eigenen Perspektive verschrieben: Ihre Songs beruhen auf tatsächlichen historischen Begebenheiten. So ist es kein Wunder, dass Ashley Dean zwar nebenbei die Trompete bedient, sich aber vorrangig der Visualisierung dieses musikalischen Gesamtwerkes verschrieben hat und über seinen Laptop Befehle an den Beamer sendet. Der Mann ist vollwertiges Bandmitglied und als solches unschwer an seiner “Uniform” erkennbar: Das Hemd ist weiß, Hose, Krawatte und Trauerflor am linken Arm schwarz wie der Tod. Natürlich spielt letzterer keine ganz unwesentliche Rolle in der Musik der Briten.
Songs wie “Death of an idealist”, “I am murdered” oder “Death ist the end” greifen tief in das dunkelste Herz und kratzen dort mit schorfigen Fingernägeln. Zwischen elegischem Treiben im tiefen Wasser und brennenden Eruptionen streicht das musikalische und inhaltliche Spannungsfeld der Band wie eine Rasierklinge über die Kehlen im Knust. Man müsste das Echo der eigenen Seele hören können, so tief geht es in den Schlund der Finsternis.
Ein Auftritt, der an Intensität und Gefühl kaum noch zu überbieten ist und den Besucher seine Definition der Schublade “Emo” einmal ernsthaft überdenken lässt. Kaum jemand, der das Knust an diesem Abend nicht mit dem aktuellen Album “Elegies to lessons learnt” oder einem T-Shirt mit der Aufschrift “I proved them all wrong” verlässt.
Aber ganz unter uns: beweisen müssen iLiKETRAiNS niemandem etwas. Sie öffnen einfach die Zugtüren und fahren mit uns durch den nächstbesten Tunnel. Außergewöhnlich.