CALEXICO – Über die Verbindung zu Mexiko und Deutschland und das gemeinsame Musizieren

© Piper Ferguson

 
Das letzte Jahr verlief sicherlich anders, als so manche Band und mancher Künstler sich das gewünscht hätte – geplante Touren wurden zunächst verschoben, dann noch mal verschoben, am Ende komplett abgesagt. Entsprechend wurde auch die eine oder andere Veröffentlichung verlegt, denn es ist ja kein Geheimnis, dass die meisten Bands auf den zugehörigen Touren den größten Teil ihrer Einnahmen generieren. Aber es gibt auch Bands wie CALEXICO, die sich davon nicht nur abhalten lassen, sondern am Ende sogar ein Album auf die Beine stellen, wo man sich fragt, wie man die ganzen beteiligten Gäste im Jahr des Corona-Virus unter ein Dach bringen konnte. Und nicht nur das: mit „Seasonal shift“ veröffentlichten sie zudem ein Album, das zuversichtlich auf die Zukunft blickt und uns passend zur Weihnachtszeit ein wenig Heimeligkeit ins Home-Office transportierte. Genügend Gründe also, um mit Joey Burns, Sänger/Gitarrist und Kopf der Band, per Mail ein paar Fragen auszutauschen.

Hallo Joey! Ihr habt mit Deiner Band CALEXICO soeben ein etwas ausgefallenes neues Album, ein (Nicht-)Weihnachtsalbum veröffentlicht. Es heißt „Seasonal shift“ und thematisiert im weiteren Sinne „Veränderungen“. Worum geht es dabei genau?
Joey: Der Albumtitel kann sowohl eine persönliche Veränderung meinen als auch in unserer Welt und unserem Universum. Er ist bewusst offengelassen, und der Hörer kann hier seine eigene Verbindung finden.

Auf „Seasonal shift“ findet man ein breites musikalisches Spektrum vor, manchmal geht es melancholisch zu, an anderen Stellen ziemlich fröhlich. Wie kam es zu dieser Vielfalt und wollt Ihr diesen Weg auch zukünftig fortsetzen?
Joey:
Die Vielseitigkeit an Sounds und Stimmungen, aber auch an Gästen drückt aus, wie wir ticken. Wir agieren ja schon seit vielen Jahren so. Insofern denke ich schon, dass wir diesen Weg fortführen werden und hier und da noch so manche musikalische Veränderung einbauen werden.

Auch die Instrumentierung ist auf dem Album sehr unterschiedlich. Es gibt sehr reduzierte Songs wie „Peace of mind“, aber auch sehr opulente Stücke wie den Opener „Hear the bells“.
Joey: Stimmt, wir mögen auch gerne die Instrumente austauschen. Schön, dass Dir das aufgefallen ist. Der Kontrast ist der Schlüssel, um Stimmungen und Emotionen zu erzeugen. Dabei ergeben sich Rhythmus und Tempo automatisch. Wir überlegen und diskutieren auch gar nicht so viel darüber, sondern fühlen dies als Gruppe. Sowohl auf Platte, als auch auf der Bühne.

Es gibt unzählige Weihnachtssongs. Warum ist die Wahl gerade auf TOM PETTY und JOHN LENNON/YOKO ONO gefallen? Oder waren noch weitere Songs in der engeren Auswahl?
Joey: Ich mag diese Songs. Graue Texte und Melodien. Ich war ein Fan von Lennons und Onos “Happy Xmas (War is Over)” seit meiner Kindheit. Mir gefällt die Message, die heute noch immer zutrifft. Sergio Mendoza hat das Cover von TOM PETTY vorgeschlagen – den Song kannte ich zuvor noch gar nicht. Ich mag das Stück, und ich mag es auch gerne covern. Genauso wie „Mi Burrito Sabanero“ alles initiierte. Mit diesem Song trauten wir uns an die Sache heran, Lieder zu schreiben, die den Winter thematisieren, aber auch andere Stücke, die weder mit Weihnachten noch mit Urlaub zu tun haben. Songs wie „Nature’s domain”, „Tanta Tristeza” und „Heart of downtown” sind keine Urlaubssongs und hätten genauso gut auf ein neues CALEXICO-Album gepasst. Deshalb habe ich diese Geschenke zusätzlich zu den Urlaubssongs für den Hörer ausgewählt.

Wie Du schon gerade erwähntest, habt Ihr auf dem neuen Album wieder zahlreiche Gäste eingeladen (BOMBINO, GABY MORENO, GISELA JOÃO, NICK URATA…). Aber auch in der Vergangenheit gab es mit Bands und Künstlern wie IRON & WINE, THE NOTWIST und dem ORF RADIO-SYMPHONIEORCHESTER WIEN vielseitige Kollaborationen mit den verschiedensten Genres. Diese Zusammenarbeit scheint Euch am Herzen zu liegen.
Joey: Ich persönlich liebe Kollaborationen. Das ist es, was ich am Musizieren und Aufnehmen besonders mag. Es bringt Menschen unabhängig von ihrem Background oder der Sprache zusammen. Das ist ein schöner Aufhänger und eine tolle Verbindung.

In Euren Texten thematisiert Ihr oft Mexiko und das Leben auf der anderen Seite der Grenze. Habt Ihr private Beziehungen nach Mexiko, und warum hat dieses Land eine so große Bedeutung für Euch?
Joey: Mexiko ist das Herz der amerikanischen Western-Hemisphäre. Muss ich mehr sagen? Wo wäre Europa ohne die mediterranen Farben und Einflüsse? Ich mag die musikalischen Verbindungen, die die ganze Welt vernetzen, insbesondere in Kuba, Afrika, Mexiko und Europa. Das ist es, was ich in meinen musikalischen Koffer packe, wenn ich ins Studio gehe.

Es scheint fast so, als ob „Crystal frontier“ nicht nur die Grenze zwischen Mexiko und den USA thematisiert, insbesondere rückblickend könnte man dort auch die Drogenproblematik mit dem Sinaloa-Kartell hineininterpretieren, das sich zuletzt von Kokain auf Crystal Meth fokussiert hat. Wie konntet Ihr das bereits im Jahre 2000 vorhersagen?
Joey: Ich wollte gar nicht diesen abseitigen Pfad betreten, den Du hier herausgelesen hast. Mir ging es um die langzeitliche Verknüpfung unterschiedlicher Lebensgeschichten von Menschen aus dieser Region. Vielleicht ist es aber ein gutes Zeichen, wenn ein Song zu so vielfältigen Interpretationen anregen kann. Hauptsächlich bezieht sich der Songtitel aber auf ein gleichnamiges Buch von Carlos Fuentes, das mir ein Freund 1998 gab.

Der Drogenhandel belastet das Zusammenleben in Mexiko schwer, COVID-19 machte das Leben in vielen dortigen Regionen noch schwerer. Denkst Du, dass Joe Biden die Beziehung zwischen Mexiko und den USA zumindest ein wenig verbessern wird?
Joey: Ja.

Abgesehen von Mexiko scheint Ihr auch einen engen Bezug zu Deutschland zu haben. Mit SPOKE, der Vorgängerband von CALEXICO, habt Ihr auf Hausmusik veröffentlicht, Ihr habt mit THE NOTWIST aus Weilheim zusammengearbeitet und außerdem spielt Ihr regelmäßig in Plattenläden wie z.B. Michelle Records in meiner Heimatstadt Hamburg. Wie kamen diese Verbindungen zustande?
Joey: Ich liebe es zu reisen und vermisse es derzeit sehr. Deutsch habe ich in der Schule gelernt und kann (oder konnte) immerhin ein paar Wörter. In Deutschland zu touren ist immer ein Wahnsinnsspaß, wir haben dort schon viel Zeit verbracht und auch Leute aus unserer Band und Crew dort. Insofern kriege ich immer mal wieder eine einzigartige kulturelle Perspektive auf das Land. „Viel Spaß!“

Eure Musik wird oft mit Filmmusik verglichen, und Ihr habt selbst schon an verschiedenen Soundtracks mitgewirkt. „The guard“ war der letzte Film, den Ihr musikalisch begleitet habt (2011). Gibt es noch weitere Filme, die Ihr gerne vertonen wollt, und werden noch weitere Filme folgen?
Joey: Ich liebe es, Musik für Filme zu schreiben. Letzte Nacht war die Premiere der TV-Serie „Coyote“, für die wir das Hauptthema geschrieben haben. Es ist nicht einfach, ein 30-sekündiges Musikstück zu schreiben, aber es macht auf jeden Fall viel Spaß, mit Musik-Supervisoren und Musikdirektoren zusammenzuarbeiten. In diesem Jahr haben wir einen weiteren Dokumentarfilm und neue Musik mit CALEXICO auf unserer Liste.

Letzte Frage: was ist aus Deinen anderen Bands wie GIANT SAND und FRIENDS OF DEAN MARTINEZ geworen? Gibt es sie noch oder gibt es Pläne, irgendetwas zu starten?
Joey: Die Bands gibt es noch, aber es ist keine weitere Zusammenarbeit geplant.

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