XIU XIU – Über Düsternis und Eigenbrötlerei

Um Jamie Stewart und seine Band XIU XIU ranken sich viele Fragezeichen, düstere Sounds und musikgewordene Strukturlosigkeit. 2012 feiert die Band ihr zehnjähriges Jubiläum, und Jamie Stewart ist so kreativ und im musikalischen Arbeitsrausch wie eh und je.
Mit "Always" haben XIU XIU zum ersten Mal ein Album veröffentlicht, das sich beinahe auf Pop-Pfaden bewegt und politische Themen anspricht – dennoch sind abgründige Inhalte und Tabuthemen zur Genüge vorhanden und erhalten das bewährte XIU-XIU-Bild menschlicher Disharmonie. Warum sich Jamie Stewart ausschließlich mit so düsterem Material beschäftigt, woher die Faszination dafür kommt und was Jamie Stewart eigentlich für ein Mensch ist, das fragte ich ihn am Abend des Konzertes auf Kampnagel.

[F] Du bist gerade auf Welttournee! Wie fühlt sich das an?
[A] Ich bin unglaublich müde. In Europa haben wir noch sieben weitere Konzerte, danach schließt gleich die USA-Tour an und dann spiele ich noch mit einer anderen Band names XXL [XIU XIU LARSEN – eine Kollaboration zwischen Jamie Stewart und Larsen; Anm. d. Red.] in Europa. Das ist im Juli, also noch lange hin.

[F] Wird man da nicht ganz verwirrt, bei der ganzen Musik?
[A] Du meinst, dass man auf der Bühne spielt und sich nicht mehr erinnert, mit wem man gerade unterwegs ist? Zum Glück nicht. Zumindest noch nicht. Aber es klingt plausibel, dass das mal passieren könnte. Vielleicht in fünf bis zehn Jahren, aber vielleicht schon heute Abend!

[F] Wie sehr wird sich diese Tour von der letzten unterscheiden?
[A] Wir haben auf jeden Fall ein anderes Line-Up. Die Arrangements waren beim letzten Mal sehr viel komplizierter und interessanter und sehr elektronisch. Dieses Mal haben wir es etwas geradliniger probiert, mit sehr simplen Live-Drums, die wir schon lange nicht mehr benutzt haben. Wir haben diesmal vier Leute auf der Bühne, aber ich denke, wir werden wieder zu drei zurückgehen. Wir probieren gerade mal was anderes aus.

[F] Wo wir gerade bei Musik sind: Wie funktioniert es, dass du diese schweren, lyrischen Lieder jeden Abend singen kannst?
[A] Das geht leichter als du glaubst.

[F] Aber genießt du es?
[A] Das ist schwierig zu sagen. Ich würde nicht sagen, dass ich es genieße. Ich empfinde es als dankbare Aufgabe und fühle mich sehr glücklich, dass ich das tun kann. Aber mit Sicherheit macht das keinen Spaß. Die anderen Bands, in denen ich spiele, machen da weitaus mehr Spaß, aber in denen singe ich ja nicht. XIU XIU sind definitiv nicht spaßig. Aber da es etwas ist, um das ich mir Gedanken mache, ist es das wert.

[F] Wieso tust du etwas, das dir keinen Spaß macht?
[A] Es gibt auch andere Gründe, warum ich es tue. Es gibt auch andere Gründe zu leben außer Spaß! Zum einen ist es eine ehrenhafte Aufgabe, denn es ist eine Möglichkeit, kreativ zu sein. Zum anderen ist es auch eine Möglichkeit, die Welt zu sehen und mich mit Themen zu beschäftigen, bei denen ich vermutlich wahnsinnig werden würde, wenn ich sie nicht auf diese Art und Weise erforschen würde. Es ist ein Weg, destruktive Emotionen in etwas hoffentlich Konstruktives zu verwandeln. Ich denke, es geht hier mehr um Selbsterhaltung.

[F] Lass uns über dein neues Album reden, was vor ein paar Wochen erschienen ist. Erzähl mir davon! Was denkst du darüber? Bist du damit glücklich?
[A] Wir haben das Beste draus gemacht in der wenigen Zeit, die wir hatten. Es ist schwierig, "glücklich" zu charakterisieren. Es fühlt sich gut an, es ist ja mittlerweile das achte Album und zum Glück fühlt es sich eher wie ein Neustart als das Ende von etwas an. Das macht mich schon glücklich und ich denke, dass ich damit zufrieden bin.

[F] Was genau gibt dir das Gefühl?
[A] Ich bin mir nicht sicher. Wir haben auf dem Album viel ausprobiert, was wir vorher nie gemacht haben. Wir sind nun auf einem neuen Label und haben ein etwas größeres Budget, also auch mehr Möglichkeiten, mit neuen Leuten zu arbeiten, die neues Blut haben einfließen lassen und neue Ideen reingesteckt haben. Und für mich macht es total Sinn, nachdem ich schon seit zehn Jahren in dieser Band bin, mich einen Moment hinzusetzen und mir zu betrachten, wie ich mich fühle und wie ich dies gern in der Musik reflektiert hätte. Glücklicherweise fühle ich mich nach dieser Betrachtung der Musik noch mehr verpflichtet, und das ist wirklich gut.

[F] Du hast bereits erwähnt, dass ihr auf "Always" verschiedene Songwriter habt. Was war dabei der Hintergedanke?
[A] Die haben das einfach gemacht. Die Leute haben einfach Lieder geschrieben. Es war nichts, worüber wir vorher geredet haben.

[F] Und dann haben dich die Leute angerufen und gesagt: "Hey, ich hab ein Lied für dich!"
[A] So in etwa, genau.

[F] Kanntest du die Musiker denn schon vorher?
[A] Ja, Angela zum Beispiel ist schon seit ein paar Jahren in der Band. Ansonsten haben noch ein paar andere Leute was geschrieben, die früher in der Band waren, aber unglücklicherweise rausgeschmissen wurden.

[F] Die Lyrics sind jetzt etwas politischer geworden.
[A] Früher waren die Alben autobiografischer, das stimmt. Aber viele hatten auch schon politische Elemente. Politik war für uns schon immer ein großes Thema, wofür wir uns interessiert haben.

[F] Ist es denn eine Richtung, die für dich interessant wäre? Mehr Songwriter einzusetzen und nicht mehr ausschließlich selbst Songs zu schreiben?
[A] Dafür war ich schon immer ziemlich offen. Nur waren früher weniger Leute involviert. Aber zum Beispiel der Song von Angela ist großartig – ich hoffe, dass sie noch mehr schreibt. Wir haben bereits mit dem Schreiben von Songs für das nächste Album angefangen und ich denke, dass es etwas anders werden wird. Auf "Always" sind wir sehr von Popmusik und Krautrock beeinflusst worden und von wirklich komplizierten Arrangements. Deshalb werden wir versuchen, so sparsam, so düster, so gewalttätig und laut wie möglich zu sein, aber mit einem sehr leeren Sound. Das wird sehr anders als "Always".

[F] Das heißt, ihr bleibt im Prinzip da, wo ihr vor "Always" schon wart?
[A] Ich denke, das Album wird von der Tonalität düsterer und dunkler und weniger durch Popmusik beeinflusst als das jetzige. Es wird auch nicht notwendigerweise mehr Avantgarde sein, aber eben weniger poporientiert.

[F] Wie machst du das mit deinen anderen Musikprojekten, XXL zum Beispiel oder FORMER GHOSTS, während du auf Tour bist?
[A] XXL machen im Juni eine Tour, und wir haben im Dezember ein Album aufgenommen, also folgt alles nacheinander. Bei FORMER GHOSTS habe ich ja nie wirklich Songs geschrieben, das macht Freddie [Ruppert]. Ich steuere nur meinen Teil dazu bei und warte sozusagen nur auf den Anruf.

[F] Viele Fans sind sehr fasziniert von der morbiden, dunklen Seite deiner Musik. Was glaubst du, woher diese Faszination kommt?
[A] Für gewöhnlich ist das die intensivste Seite aus dem Leben eines Menschen. Es macht Sinn, dass man sich zu den stärksten Sachen hingezogen fühlt. Es klingt vermutlich ziemlich abgedroschen, aber wenn dir jemand einen Kuss auf die Wange gibt, dann fühlst du das zehn Sekunden lang, aber wenn dir jemand eine Ohrfeige verpasst, dann kannst du das noch eine Stunde danach spüren. Wenn etwas so viel Gewicht hat, dann ist es für viele überwältigend.

[F] Meinst du, dass Menschen sich zu dieser dunklen Seite hingezogen fühlen?
[A] Nicht wirklich. Ich denke, die dunkle und schlechte Seite ist einfach nur sehr präsent im Leben. Und es gibt keinen Grund, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Es ist einfach nur eine dunkle Imitation von Dingen, die nunmal passiert sind.

[F] Erzählt mir von deiner Homepage, www.xiuxiu.org.
[A] Es ist vermutlich eher ein Kunstprojekt als ein Bandblog. Fünf Prozent davon haben mit der Band zu tun, die anderen 95 Prozent sind Dinge, die interessant erscheinen. Wir versuchen, nicht zuviel Energie dafür aufzuwenden. Die Seite übt auf seine Weise sicherlich eine Art von Bedrohung oder Ästhetik aus, sie ist jedoch eher ein informelles Durcheinander als eine Sache, über die man sich Gedanken machen sollte. Aber mir bedeutet die Seite schon viel. Die Motivation ist nicht, jemanden damit zu schocken. Es ist vielmehr wie ein Tagebuch.

[F] Was war die magischste Erfahrung, die du mit Musik hattest?
[A] Ich kann mich an keine bestimmte Sache erinnern, aber diese regelmäßigen magischen Umstände machen Musik für mich so anziehend. Wenn man beispielsweise ein Konzert gibt und für einen kurz Moment diese unglaubliche Musikalität spürt, mehr noch als in irgendeinem anderen Moment. Oder wenn man Musik schreibt und plötzlich das Gefühl hat, die Musikgöttin hat dir eine super Idee geschickt, und man ist dadurch ganz aufgeregt. Das ist eine Sache, die ich an der Musik besonders liebe. Wenn man sich zu sehr drauf konzentriert, kommt oft viel Mist heraus, aber wenn man sich gehen lässt und den Dingen freien Lauf lässt, dann kann man so viel damit erreichen. Dieser Außer-Kontrolle-Aspekt bringt meistens erst die Qualität.

[F] Machst du noch etwas außerhalb der Musik?
[A] Ich bin auf eine Schule für Soziale Arbeit gegangen und habe eine Weile als Sozialarbeiter gearbeitet. Und ich habe auch schon als Lehrer, im Plattenladen und als Tellerwäscher gearbeitet.

[F] Wie klassisch. Einige Musiker mussten ja zuerst die Schule schmeißen und sich im Keller einsperren, um kreativ zu werden…
[A] Haha, die Schule wollte ich damals auch schmeißen! Ich habe sie dann doch abgeschlossen und hatte durchweg Jobs, bevor das mit der Musik ernst wurde. Nun verdiene ich mir damit schon seit einer ganzen Weile Geld. Genau genommen schon seit acht Jahren, zwei Jahre nachdem XIU XIU gegründet wurden.

[F] Welchen musikalischen Stil bevorzugst du? Denselben, den du mit XIU XIU machst?
[A] Ich mag nur gute Musik! Ich bin nicht an einzelnen Genres interessiert, denn da gibt es ja in jedem Mist und Geniales. Ich bin einfach offen für alles.

[F] Zum Schluss noch eine psychologische Frage: wie würden dich Freunde beschreiben?
[A] Das ist schwierig, denn ich hab nicht viele Freunde. Das sagt, glaube ich, alles (lacht). Ich bin zwar nicht antisozial, ich bin nur unsozial. Ich hasse Menschen nicht, aber ich bin einfach keine besonders soziale Person. Ich kann sehr ungeduldig sein, was ich an mir selbst nicht mag. Und ich kann sicher auch ein Arschloch sein. Auch das mag ich nicht an mir. Allerdings habe ich auch Freunde, denen ich schon seit 25 Jahren sehr nahe stehe.