Zwei Dinge fielen beim Konzert von TORTOISE auf Kampnagel sofort ins Auge: erstens auffallend viel Hamburger Musikprominenz im Publikum, zweitens ein ungewöhnliches Setting im k6, dem größten Saal der ehemaligen Kranfabrik in Winterhude. Direkt vor der großen Sitztribüne hing ein geschlossener Vorhang. Was hatte es damit auf sich? War der Stehplatzbereich gesperrt, die Bühne nach vorne verlegt? Keine ganz unwichtige Frage, wenn man gleich fotografieren soll.
„Die Band spielt gleich ebenerdig. Pass am besten auf, dass du den Zuschauern nicht im Weg stehst.“ Leichter gesagt als getan.
Der schwarze Vorhang war noch immer geschlossen, als bereits die ersten Töne von „Night gang“, dem letzten Song ihres neuen Albums „Touch“, erklangen. Ob ich das neue Album schon kenne, fragte mich meine Begleitung. Ich verneinte. „Hat so ein bisschen Spaghetti-Western-Vibes.“ Aha. TORTOISE goes ENNIO MORRICONE? Schwer vorstellbar – und doch nicht ganz abwegig, zumindest was den halligen Gitarrensound betrifft.
Schon bei „Monica“ vom 2001 erschienenen „Standards“ wurde munter durchgewechselt. Das Bühnen-Setup – zwei Drumsets, Vibraphon, Bass, Gitarre und diverses elektronisches Gerät – lud geradezu dazu ein. Spätestens mit „In Sarah, Mencken, Christ and Beethoven there were women and men“ vom Überalbum „TNT“ entfaltete sich dann auch jene hypnotische Wirkung, die TORTOISE seit jeher auszeichnet – und die sich mühelos auf das konzentriert lauschende Publikum übertrug. „I feel like we should do an experimental theatre here, but maybe we are“, bemerkte Drummer John Herndon trocken.
Überhaupt: Der Sound an diesem Abend war herausragend, die Band spielte auf allerhöchstem Niveau. Problemlos hätte man hier eine offizielle Live-Platte mitschneiden können – selbst in den Momenten, in denen Herndon und Jon McEntire gleichzeitig an den beiden Drumsets agierten. Wie es kürzlich ein Swing-Musiker auf DLF Kultur formulierte: „Das Wichtigste ist, dass der Drummer tight ist. Da können auch die Bläser schief sein. Umgekehrt gilt das aber nicht.“
Und ja: An diesem Abend war so ziemlich alles tight. Das Konzert fühlte sich streckenweise an, als dürfte man der Band im Proberaum zusehen. Ein warmes, beinahe intimes Gefühl, das durch das ebenerdige Setting noch verstärkt wurde und sich nahtlos auf das Publikum übertrug. Für einen Moment hätte man am liebsten selbst die Bühne betreten, um in diesen meditativen Flow einzutauchen und mitzuspielen.
Auch wenn etwa die Hälfte der Setlist aus neuem, mir bis dahin unbekanntem Material bestand und sich der Rest durch eine bald 35-jährige Bandgeschichte zog, wirkte alles wie aus einem Guss. Die Musik von TORTOISE ist zeitlos – und sofort erkennbar. Vielleicht liegt das daran, dass sich die Band früh durch unterschiedlichste Stile gearbeitet und daraus eine eigene Sprache geformt hat: Post-Rock, Kraut, Elektro, Jazz, Experimental, Dub, Minimal Music – vieles davon klingt an, nichts wirkt beliebig.
Nach gut einer Stunde endete das reguläre Set, ans Aufhören dachte jedoch niemand. Stattdessen stimmte das Publikum kurzerhand ein Geburtstagsständchen für John McEntire an – just in dem Moment, als der nächste Song bereits angezählt wurde. Die Band klärte anschließend auf: Der zweite John hatte schon am Vortag Geburtstag.
Ein schöner, beinahe intimer Abend auf Kampnagel – und das bislang beste Konzert, das ich von TORTOISE gesehen habe.