THE UNWINDING HOURS – s/t

Vor knapp drei Jahren fiel auf einem Festival im tiefsten Ostfriesland kurz vor Mitternacht der Strom aus. Die Musik der Band, die kurz zuvor die alkoholisierten Festivalgänger melancholisch werden ließ, verstummte abrupt, und die Scheinwerfer auf der Bühne erloschen. Nach einer kurzen Unruhe wurden die meisten Zuschauer ungeduldig und verlegten den Ausklang des ersten Festivalabends auf den Zeltplatz. Als es schließlich weiterging, hatte sich die Menge vor der Bühne zu einem kleinen Kreis zusammengeschrumpft, und was folgte, war sicherlich einer der intensivsten Momente in der Bandgeschichte von AEREOGRAMME. Nicht nur, dass sie zum ersten Mal der Headliner auf einem Festival waren, es war gleichzeitig auch ihr letzter Auftritt in Deutschland, bevor sie sich einen Monat später auflösten. Und so sorgte der Stromausfall zwar für weniger Zuschauer, aber der Moment wurde für alle Anwesenden umso intimer.
Als ich kürzlich wieder AEREOGRAMME auflegte, konnte ich die damalige Begeisterung nicht mehr ganz nachempfinden. Zu pathetisch, zu pompös und zu vorhersehbar zwischen laut und leise wechselnd erschien mir die Musik der Schotten. Trotzdem interessierte mich aus Ollis Stapel an neuen Promos die CD mit dem schönen weißen Artwork am meisten. Die AEREOGRAMME-Nachfolgeband also. Verwundert war ich nicht, dass Olli beim kurzen Reinhören die Augen verdrehte und ungläubig guckte, als ich das Album mitnahm. Aber auch beim fünften Hören bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Schöne Melodien gibt es hier zur Genüge, massive Streicherpassagen, Craigs warmen Gesang, und im Prinzip dürfte hier jeder AEREOGRAMME-Fan vor Freude jauchzen. Im Vergleich zu den Vorgängern gehen THE UNWINDING HOURS wesentlich poppiger vor, aber tragen dabei nicht weniger dick auf. Wenn man diese Musik bei einem ersten Date auflegt, ist das vergleichbar mit einem Strauß roter Rosen und einer Flasche Champagner für die Geliebte. Die einen finden’s romantisch, den anderen ist das ein wenig zu viel des Guten. Ich enthalte mich.

Bewertung: 7/10

Veröffentlichungsdatum: 12.02.2010