THE BESNARD LAKES – Agenten des Klangs

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, aber zu unterschiedliche Interessen sind auch wieder schlecht. Die Eheleute Olga Goreas und Jace Lasek alias THE BESNARD LAKES machen es sich nicht unnötig schwer und spielen einfach zusammen in der gleichen Band. Und in ihrem gemeinsamen Projekt können sich beide in den Texten auslassen, worüber sie wollen: Olga über prägende Erlebnisse, Jace über möglicherweise vorhandene Parallelwelten voller Spione. So absurd diese Kombination klingen mag – was für die beiden funktioniert, passt in der Musik erst recht. In den komplexen Klanggebäuden melancholisch rockiger Alben fügen sich die Erzählstränge wie von selbst zusammen. Am 12. März erscheint mit "The besnard lakes are the roaring night" das dritte Album der Kanadier, aufgenommen im eigenen Studio, den "Breakglass Studios", in Montreal. Wir sprachen über ihre Arbeit als Musikkonstrukteure, die Musik der 60er und 70er und über die unzureichende Technikgeschichte einer "Vintage 1968 Neve germanium" – Konsole.

[F]Auf den Konzerten und Alben sind THE BESNARD LAKES eine große Gruppe von Musikern, aber die Pressetermine steht nur ihr zwei durch. Wer sind THE BESNARD LAKES?
[A]Jace: Das sind wir beide, Olga und Jace. Wir schreiben die Songs und überlegen uns, wie sie ungefähr werden können, dann kommen die anderen Musiker dazu, mit denen wir die Stücke zusammen einspielen.

[F]Also ist eure Arbeit fast die von Komponisten?
[A]Jace: Vielleicht eher wie die von Konstrukteuren. Wenn wir ein Stück machen, sieht es ungefähr so aus: wir nehmen eine sehr kleine Musikpassage auf und bauen sie auf, bis sie komplett ist. Und dann legen wir sie erstmal wieder weg und kümmern uns später darum. Dann überlegen wir uns, wie die anderen Teile des Stückes sein können. So bestehen unsere Stücke aus verschiedenen Passagen, die unterschiedlich klingen oder unterschiedliche Gefühle transportieren, einfach weil wir die Stücke in Teilen aufbauen und sie danach zusammensetzen.
Ich glaube, das macht die interessante Textur unseres Albums aus, wenn eine bestimmte Strophe völlig anders klingt als im Refrain. Aber ich fand immer, das ist wirklich cool. In den 60ern wurde das oft so gemacht. Sie nahmen eine bestimmte Passage auf, machten ein Tape, ersetzten Passagen, ersetzten das Tape durch andere Tapes, die gut waren usw. Ich finde, das ist eine wirklich coole Art zu arbeiten. Und sie funktioniert auch für uns sehr gut. Außerdem macht es Spaß, wenn die Stücke Form bekommen. Es ist wie ein Rätsel, bei dem man nicht genau weiß, was dabei herauskommt – und plötzlich ist es fertig. Da gibt es kein langes Überlegen, wie das Stück werden soll. Die Dinge kommen wie sie kommen. Ein großer Teil unserer Arbeit ist also die Überraschung – wie bei jeder Art des kreativen Schaffens.

[F]Du hast gerade die 60er Jahre erwähnt – das erinnert mich an die LED ZEPPELIN-Konsole in eurem Studio. Ist das wirklich dieselbe Konsole, mit der LED ZEPPELIN "Physical graffiti" aufgenommen haben?
[A]Jace: Wir versuchen zu recherchieren, was an der Geschichte dran ist. Die Konsole wurde für Teile von "Physical graffiti" eingesetzt, vor allem für "Kashmir" – für Teile davon. Es ist irgendwie komisch, wir versuchen die ganze Geschichte dieser Konsole zu recherchieren. Aber die Zeit zwischen 1980 und 1968, als es in Großbritannien gebaut wurde, ist ein einziges Geheimnis. Wir versuchen herauszufinden, wo es zu der Zeit war und suchen nach Fotos von LED ZEPPELIN. Vielleicht gibt es Bilder von ihnen und der Konsole. Es ist schwer Spuren zu finden, denn die Geschichte von einzelnen Maschinen, die für bestimmte Aufnahmen benutzt wurden, wird nicht wirklich dokumentiert – es sein denn, die BEATLES hätten sie verwendet. Aber eine Konsole, mit der ein Teil von "Kashmir" aufgenommen wurde… LED ZEPPELIN hatten wahrscheinlich sechs oder sieben Konsolen, sie waren bekannt dafür, dass sie viel herumgereist sind und ihre Alben an verschiedenen Orten aufgenommen haben.
Olga: Wir haben das Album mit der Konsole aufgenommen und ich hatte das Gefühl, als sei ich Teil einer Stimmung, egal wer damit vorher schon gearbeitet hat. Es wäre schön zu wissen, aber für mich ist der psychologische Effekt viel wichtiger: man fühlt sich, als ob da etwas Größeres wäre, wenn man daran denkt, wann das erste Mal damit gearbeitet wurde. Man braucht es nur anzusehen – dieses riesige alte Etwas, es ist wie ein…
Jace:…wie ein Ungeheuer!
Olga: Ja, wie ein Ungeheuer! Um den Ton zu beschreiben, muss man Wörter wie "bullig" oder "fett" benutzen – das ist irgendwie cool.

[F]Wie wichtig ist die Musik der 60er für euch?
[A]Jace: Wir sammeln Platten, besonders Musik aus den 60ern und 70ern, und gehen oft in Second Hand Läden, um unsere Sammlung zu vervollständigen. Diese Zeit scheint mir die dynamischste, aufregendste und experimentierfreudigste zu sein, was Musik betrifft. Es ist meine Lieblingsphase. Man entdeckte immer neue Möglichkeiten der Aufnahmetechnik, weshalb es viele verschieden klingende Platten aus dieser Zeit gibt. Ich bin ganz klar beeinflusst von den 60ern und 70ern. Absolut. Wo sonst findet man diese Harmonien – wie zum Beispiel bei den frühen BEE GEES?

[F]BEE GEES? (Lachen)
[A]Jace: Vor der Disco-Phase! Die BEE GEES haben ein paar großartige Alben in den frühen 60ern gemacht. Wie "Odessa". Das ist schon Psychedelic. Es ist fantastisch. Oder PINK FLOYD.
Olga: Auf jeden Fall.

[F]Ich dachte auch zuerst an PINK FLOYD, als ich "The besnard lakes are the roaring night" gehört habe.
[A]Jace: Ja. Es ist die Atmosphäre, wenn die Songs sehr langsam aufgebaut werden und eine Stimmung wie eine Landschaft formen. Darum brauchen unsere Stücke so lange, um sich zu entwickeln.

[F]In eurem Studio in Montreal nehmt ihr international bekannte Bands wie STARS oder WINTERSLEEP auf. Inspirieren sie euch auch?
[A]Jace: Ich denke schon. Die Bands, die in unser Studio kommen, mögen es zu experimentieren. Sie kommen rein und haben Ideen, an die ich nie gedacht hätte. Das merke ich mir. Wenn wir unsere Alben aufnehmen, versuche ich dann vielleicht etwas Neues, das ich bei einer Band sechs Monate vorher gesehen habe. Das ist toll, es hält mich wach und am arbeiten. Ich glaube, das hilft unseren Alben bei der Entstehung.
Olga: Außerdem spielen ja auch einige Musiker von anderen Bands bei uns mit und bringen sich mit ein.

[F]Ihr habt auch LHASA aufgenommen, die kürzlich an Brustkrebs gestorben ist.
[A]Olga: Ja, sie hat ihr Album in unserem Studio aufgenommen, aber wir waren nicht persönlich dabei.
Es ist wirklich traurig, dass sie so früh gestorben ist.

[F]Wie ist es für euch, als Ehepaar zusammen zu arbeiten, zu leben und auch noch zusammen Musik zu machen?
[A]Jace: Ich finde es großartig. Wenn man verheiratet ist, ist meistens nur einer von beiden in einer Band und der andere nicht. Also ist einer immer unterwegs, sieht die Welt, ist für Monate weg. In einer Band zu sein, bedeutet viel zu reisen, was nicht gerade der leichteste Lebensstil ist. Es ist wie die Arbeit des Handlungsreisenden, man ist viel weg von zu Hause. Und der andere verpasst all die Erfahrungen, die man macht. Ich glaube, es ist wirklich schwer, in so einer Beziehung zu leben. Olga und ich verbringen gerne Zeit miteinander. Wir sind selten getrennt und lieben es, zusammen Erfahrungen zu sammeln. Es ist so viel leichter für uns. Wir kommen nach Hause und sprechen über unsere Erlebnisse.

[F]Klingt gut.
[A]Olga/Jace: Yeah!

[F]Mir kommt es so vor, als gäbe es immer mehr Ehepaare in der Musikszene.
[A]Jace: Manche Leute denken vielleicht, dass es irgendwie trendy wird. Aber ich denke, es ist wirklich "weise", in einer Band mit seinem Ehepartner zu spielen. Es macht es leichter, zusammen zu bleiben. Es macht es auch schwieriger sich zu trennen! (Lachen) Aber wenn man sich wohl miteinander fühlt, und man kennt diesen Menschen und weiß, dass man mit ihm zusammenbleiben will, erleichtert das die Sache sehr.
Olga: Definitiv, ja.

[F]Es gibt da ein paar seltsame Geschichten, die ich gehört habe. Beschäftigt ihr euch in euren Texten wirklich mit Spionen und Doppelagenten? Oder war das eine Art Ente in den Medien?
[A]Jace: (lacht) Nein! Gewöhnlich ist es so: wenn ich singe, habe ich die Texte geschrieben, und wenn Olga singt, hat sie die Texte geschrieben. Ich schreibe immer über Spione. Dieses Thema verfolge ich schon seit dem ersten Album. Alle drei Alben beschäftigen sich mit einer bestimmten Hauptfigur, die ein Spion ist, und einer Frau. Beide sind Spione, während des Krieges – irgendeines Krieges, der Erste Weltkrieg oder der Zweite, oder ein erfundener Krieg.
Olgas Texte entstehen aus den eigenen Erfahrungen. Wenn sie singt, ist es fast, als ob man durch die Augen dieser Person sehen würde – man sieht die reale Welt. Mein Held sieht eine Fantasiewelt voller Spione. Man fängt an sich zu fragen, ob diese Figur wirklich ein Spion ist. Sieht er die Realität, oder spielt seine Wahrnehmung mit ihm? Ist er in einem Raum eingeschlossen und stellt sich die Welt nur vor, oder geht er tatsächlich als Spion durch die Welt und empfängt Nachrichten von anderen Spionen und Doppelagenten durch Kurzwellenfrequenzen?

[F]Was interessiert dich so sehr an dem Thema?
[A]Jace: Wir lieben es, in unserer Musik die Ahnung von etwas Geheimnisvollem zu schaffen. Spione haben etwas Geheimnisvolles für mich. Sie können nicht darüber reden, was sie tun. Sie empfangen Nachrichten durch das Radio. Sie schleichen herum. Sie haben seltsame Apparate. (Lachen) Ich glaube, das alles hört man auch in der Musik. Ich mag es, dass man ein Geheimnis erahnt, aber nicht genau sagen kann, was es ist. Darum schreibe ich darüber.
Ich interessiere mich auch für die "Zahlensender", diese Übertragungen auf Kurzwellenradio, durch die die Spione ihre Aufträge erhalten. Sie brauchen dazu nur ein Radio zu nehmen, einen Sender einzustellen und irgendwo liest jemand Zahlen vor, aus denen sie einen Code entziffern können. Diese Zahlencodes existieren wirklich, man kann die Sender im Internet empfangen. Es ist wirklich unheimlich. Manchmal hört man eine Frau mit einer sehr monotonen Stimme die Zahlen vorlesen, manchmal ein Kind, manchmal auf Deutsch, Englisch, Spanisch – von überall auf der Welt. So hat sich die Idee meines Themas entwickelt. Das "conet project" zeigt auf vier CDs Radioaufnahmen der Zahlensender. Das ist wirklich krasses Zeug.
Olga: Jace schreibt über Spione und Zahlencodes, und ich schreibe über eigene Erfahrungen.
Jace: Sie schreibt immer irgendwelche Sachen auf.
Olga: Ja. Das könnte sehr langweilig sein, aber die Sachen wie "Ich war heute einkaufen, das war toll" habe ich ausgelassen. Ich schreibe über prägende Erlebnisse, sie inspirieren mich. Was ich schreibe, gibt den Geschichten in unserer Musik eine Basis. Es geht gut zusammen mit der extravaganten Welt, die Jace entwirft. Der kreative Prozess, zusammen zu schreiben, ist ein perfektes Set.
Jace: Ja, es funktioniert wirklich gut. Wenn es immer nur Geschichten über Spione geben würde, würden die Leute irgendwann denken: Okay, jetzt ist es genug!
Olgas Texte bringen die Songs zurück in die Realität.

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