Omas Teich Festival 2008 – Hot hot heat

Omas Teich Festival, das. Musik-Ereignis in Großefehn, Ostfriesland, entstanden aus einer Party an dem Teich von Marios Oma. 2003 persönlich zum ersten Mal besucht, und seit 2005 sind wir von blueprint auch mit dabei. „Hä, was gibt’s hier denn eigentlich?“ oder „Kann man hier auch was kaufen?“, sind so Fragen, die einem an unserem Stand gelegentlich begegnen. Tja, was sind wir eigentlich, und was wollen wir? Wir sind, wie ihr vielleicht wisst, ein kleines, unabhängiges und unkommerzielles Fanzine und versuchen auf dem Omas Teich-Festival die Brücken zwischen den Bands und Fans zu verkleinern, indem man sich nicht nur sein Autogramm von seiner Lieblingsband abholt, sondern „die Stars“ auch im alltäglichen Leben kennenlernt. Soweit man bei einem Festival überhaupt von „alltäglichem Leben“ sprechen kann.
Was viele noch nicht verstanden haben: unser Stand ist kein privilegierter Bereich, hier darf jeder rein, der nett ist. 2008 wurde „Omas gute Stube“ erstmals in „Omas kleiner Garten“ verwandelt. Hier wurden Spiele gespielt, Platten rezensiert, gekocht und natürlich auch gegessen. Und wir lernten viele nette Bands und Festival-Besucher kennen. Uns hat es allen super gefallen, wir hoffen Euch auch. Hier gibt es einen kleinen Nachbericht von den anwesenden Mitarbeitern. Los geht’s mit Sönkes „allgemeinem“ Festivalreport, gefolgt von Henrikes Blick über die Schulter der prominenten Köche, Jens’ Begegnung mit seinem Jugendidol, Rilanas Angst vorm Sturm und Steffens Rückreise. Der 1000-Ohren-Test ist jetzt übrigens auch online. Viel Spaß beim Lesen!

Oma, Ohren und Orkane

(st) Höhere Mächte sorgen dafür, dass wir den ostfriesischen Kontinent einen Tag später erreichen als geplant. Der Blueprint-Stand ist bereits aufgebaut, diverse Kaltgetränke vernichtet, eigentlich könnte es losgehen… Noch eigentlicher könnten wir aber auch erst unser Zelt aufbauen, mit Fender, Hardy, Mina, Hülse und Judy ein paar Ankunftsbiere kippen und die ersten Bands darüber leider verpassen. DRIFTER und ASHES OF POMPEII müssen also ohne unsere Präsenz auskommen. Zu BRATZE schaffen wir es endlich auf’s Gelände und kriegen originellen Elektro-Indie mit hellen Momenten auf die Ohren.
Clever wie ihr seid, habt ihr es vermutlich schon mitgeschnitten – ich zeichne hier für den undankbaren Job verantwortlich, einen Blitz-Abriss über das musikalische Geschehen des Festivals zu geben. Nun denn, so sei es:

THE HORROR THE HORROR – Na? Haben wir im kleinen Schrammel-Rock-Lexikon für Anfänger geblättert, ja? Niedlich…

TURBOSTAAT – HUSUUUUUUM! VERDAAAAAMMT!
Liebe Typen, großer Sound, geile Show… immer wieder gerne.

KAIZERS ORCHESTRA – Yeah, verdammt! Radkappen und Ölfässer als Trommeln, gottgeschneiderte Maßanzüge, Posing und Overacting bis die Gasmaske rutscht, Gypsysoulrock’n’bluespunk, Digger!

GOOSE – Judy hat’s gefallen. Mir hat mein Bier besser gefallen.

Schnell das Frühstücksbier wegkonsumiert, auf allen Vieren das Gelände eingenommen – was ist heute? Samstag? Na, dann…

ENNO BUNGER – Dazu kann man super verliebt im Gras liegen und sich putzig die Sonne aufs Näschen scheinen lassen. Schöne Songs, schöne Stimme, dass man aus dieser Besetzung mehr holen kann, wissen wir seit BEN FOLDS… so what – ich mochte den Enno.

KLEINSTADTHELDEN – Um es mit KETTCAR zu sagen: Laaaaangweilig! Aber kochen konnten die. Außerdem sehr nette Jungs. Auch, wenn der Drummer (natürlich vergeblich) versucht hat, Henrike wegzuschnacken. Netter Versuch, alles in allem.

THE AUDIENCE – Sauce auf Cola-Basis… da muss man erstmal drauf kommen. Wie war das noch? Morgens taucht dieser dicke Mann bei uns am Stand auf und fragt, ob er Promos dalassen könne. Gerne doch. Reingehört: Geil.
Konzert: Lichtjahre besser. Energie, Hingabe, ehrliche Show, präzises Timing… dieser Sänger! Dieser Bass-Sound! Fantastisch!

TRIP FONTAINE – Hier hat aber jemand bei AT THE DRIVE-IN und THE VAN PELT gaaaaanz tief ein- und eine blutdrucksteigernde Version dieses Sounds wieder ausgeatmet! WAS für eine Performance! Und Vinyl gab’s auch. Liebe buchstabiert man so: T.R.I.P.
Kein Wunder, dass denen der Merch-Stand eingerannt wurde…

ESCAPADO – Die Sympathen von Nebenan. Screamo Hardcore mit deutschen Texten. Die sprichwörtliche Faust in der Fresse. Und, jahaaaa… ICH mag Gebrüll. Manchmal.

JUPITER JONES – Das war netter Indie-Punk oder so. Gut gespielt, schön dynamisch… die Masse fand‘s super. Meinetwegen.

SPERMBIRDS – Die alten Säcke des Hardcore-Punk. Immer noch eine Eins und in ihrer Dringlichleit schwer einzuholen. Lee Hollis: „Regel Nummer eins – nie Shorts auf der Bühne tragen! Ist uncool. Regel Nummer zwei: Fuck Regel Nummer eins!“ Warum bei meinen Jugendhelden nur 60 Leute vor der Bühne waren, erschließt sich mir indes nicht so ganz… Schieben wir’s auf die Hitze.

KEITH CAPUTO – Da waren wir in den Feldern bei den Kühen spazieren und haben die Sonne genossen. Es hätte so schön sein können… wäre nicht das wehleidige Gejammer von diesem caputen Typen zu uns herübergeweht. So ein überflüssiger Scheiß, meine Fresse. Da ist man nett im Grünen und muss sich über Fahrstuhlmucke ärgern…

JOHNOSSI – Vom Campingplatz aus, mit Bier in der Hand klang das ganz knuffig.

BLACKMAIL – Brett, Wand, Wall Of Death… alles richtig gemacht. Wie immer. Heimlicher Headliner – das Volk hat getobt. Aydo Abay macht seinen Zwist mit Tomtes Thees zum Hauptprogramm: „Morgen bei Tomte, zwischen Lied vier und fünf – da ruft ihr alle ‚AYDO, AYDO!‘, das wird den Thees freuen.“

SUE – Ach? Da kam noch was?
Mir doch egal.

Sonntag, quasi als unversteckter Hidden-Track oder Bonus-EP, oder was auch immer das Fest van Cleef:

COMPUTER spielen arschcoolen Indierock und verköstigen uns am Blueprint-Stand mit Chili Kartoffeln. Geiles Konzert, leider habe ich arbeitend aus der Entfernung nicht so viel mitbekommen. Nur, dass sich danach bei uns die Fans türmten… ist ja auch eine Aussage.

HOME OF THE LAME mögen ja auf Platte ein wenig beliebig klingen – Live ist der Singer/Songwriter-Kram plötzlich melodiöser Rock. Klasse! Vorher mit Markus und Christian aus der Band Brettspiele gezockt, Revanche fiel dem Alkohol zum Opfer…

NIELS FREVERT unsympathisch. Leider. Weil er doch so tolle Songs schreibt und super spielt. Und dann diese Hitze. Henrikes Kreislauf bricht zusammen, das Wetter bricht zusammen, Zelte brechen zusammen, Wolken brechen zusammen, ein fliegender Pavillon katapultiert mich in einen Graben… die liebenswerte Security (Shirt-Aufdruck: „Ich Crew – Wer Du?“) hatte recht: ORKAN. Das Gelände wird über eine Stunde gesperrt, die Welt geht unter.

I AM KLOOT fallen dem Wetter zum Opfer, lediglich Sänger JOHN BRAMWELL darf sich noch die Zeit nehmen uns frustbetrunken vier emotionale Akustik-Songs zu geben. Die Welt geht wieder auf! Gänsehaut und Tränen den Glücks allerorten. Das muss Liebe sein… hätte gerne länger sein dürfen.

THE ROBOCOP KRAUS – viel erwartet, nix passiert. Mir gefällt dieses New Wave Gepose einfach nicht. Der Mob hat’s geliebt, aber das ist ja nicht mein Problem.

TOMTE – Thees Uhlmann nimmt die Schuld für den Wolkenbruch auf sich, weil er so ein schlechter Mensch sei. Eine Karma-Sache, irgendwie. Ein schlechter Sänger ist er außerdem, und die alte Bandbesetzung war einfach BESSER. Die neue hinterlässt mich unbefriedigt. Immer wieder Rufe: „Ayo – Aydo…Blackmail – Blackmail!“
Thees darauf: „Wer liebt Thees Uhlmann?“
Masse weiterhin dumpf: „Aydo, Aydo… (Noch witziger: I DO… kapiert?)“
Punkt für Thees.

KETTCAR wissen was sie haben, was sie können und wer sie sind. Eine wirklich famose Rockband, nämlich. Erik flippt an der Gitarre aus, Reimer spricht 15 Minuten über einen Songpart, den er sich sooooo super ausgedacht hat, die Band schmunzelt derweil sitzend vor sich hin, 1000 Kehlen singen Texte mit und nehmen selbstironische Publikumsanimationen vorweg, Friede, Liebe, Eiergrog. Funktioniert einfach immer. Tolle Band, sagt was ihr wollt!

Tolles Festival außerdem.
Liebevolle Atmosphäre, entspannte Ordner, vertretbare Bierpreise, familiäres Campen, super Sound (!)… fast wäre ich versucht, Großefehn einen Rock’n’Roll-Schrein mit selbstgebackenem Kuchen und Kerzen zu errichten.
Am Sonntag noch eine Begegnung mit der allerersten Art: Oma, auf deren Grundstück Omas Teich ursprünglich stattfand, fährt an uns vorbei. Und jeder, wirklich JEDER, vom Künstler bis zum Dixie-Personal zieht den Hut, winkt und ruft freundlich: „Hallo Oma!“
Und Oma?
Freut sich.
Wir auch.

Zwischen Pilzrisotto, Cola-Sauce und Improvisation
– die abenteuerliche Festival-Kochshow mit Bands

(hr) Die wichtigste Zutat für eine erfolgreiche, seriöse und professionelle Kochveranstaltung: die alkoholischen Getränke. Am besten trinkt man in exklusiver Abendgarderobe in einem perfekt klimatisierten Studio mit gut ausgestatteter Großküche einen gekühlten Weißwein, während man in der Zwischenzeit schon mal etwas vorbereitet hat, was man dann nach einer halben Stunde, in welcher die Weinprobe zu einem anständigen Bacchanal ausgeartet ist, mit einer galanten Bewegung aus dem Ofen hervorzaubern kann, um es dem inzwischen halbverhungerten Publikum zu präsentieren.
Unsere Gäste erschienen in meist verschwitzter Kleidung, da sie gerade einen Bühnenauftritt hinter sich gebracht hatten, und die meisten mit einem fast gekühlten Bier in der Hand, um dann in praller Sonne mit mehr oder weniger ausgefallenen Zutaten und viel Improvisationsvermögen auf einem popeligen Gaskocher mit nur einer Pfanne und einem Topf etwas Essbares zu erzeugen. Dabei erwiesen die vier Gruppen erstaunlich viel Kreativität und kulinarische Hingabe!
Zunächst jedoch die Vorgeschichte. Unser Auftrag am Samstagmorgen lautete: Großeinkauf diverser Grundnahrungsmittel nach dem Motto „Ist lecker“, „Ist im Angebot“ oder „Kann man kochen“. Ergebnis: Eine große rote Plastikkiste voller Nudeln, Kartoffeln, Reis, Paprika, Möhren, Pilze, Tomaten, Zwiebeln, Blumenkohl und Gewürze. Eine bescheidene Kühlbox mit Sahne, Creme fraiche, Milch und Käse. Mittags kommen dann die ersten Jungköche: die KLEINSTADTHELDEN verbarrikadieren sich in unserem „Garten“-Kochstudio und locken einige Zaungäste an. Innerhalb einer knappen halben Stunde zaubern die Jungs aus Osterholz-Scharmbeck mit sichtlicher Liebe zum Detail ein leckeres Pilzrisotto, welches uns und besagten Zaungästen galant nach Fingerfood-Manier in einer Paprikahälfte zum direkten Verzehr gereicht wird.
Wenig später dürfen wir THE AUDIENCE begrüßen. „Habt ihr Cola?“, ist die erste Frage. Und siehe da: von Haus aus begeisterter Hobbykoch beschwört Bernd Pflaum ein wahres Crescendo der Kochkunst: Eine dunkle Cola-Barbecue-Sauce, eine helle Sahnesauce und eine Pilzpfanne in einem mittlerem Beige-Ton werden sternförmig auf dem Teller dekoriert. Und darauf – eigentlich Reis mit hübschen Paprikastreifen. Der landete jedoch auf Rasen und Stuhl, da der heiße Topf schneller war als der Koch, der sich allerdings sofort in sein Schicksal fügte und mit beeindruckendem Gleichmut in einem zweiten Anlauf weniger widerspenstigen Paprikareis zubereitete.
Als dritte Gäste erscheinen Gunnar und Christoph von ESCAPADO und kochen mit Fans – und unter erschwerten Bedingungen, da sich gerade eine Horde Betrunkener in den Kopf gesetzt hat, unser Gemüse-Balkonkasten-Beet zu plündern. Nach langer Beratung der Koch-Crew findet sich dann auch ein passendes Gericht: Endlich gibt es klassisch Nudeln und dazu eine scharfe Gemüsepfanne mit Chili-Tomatensauce, die gierige Abnehmer findet.
Am Sonntagvormittag erwarten wir das Trio von .COMPUTER.., das trotz Sonnenschirm in extremer Hitze und Sonneneinstrahlung darben muss. Sie benutzen als Einzige das gute deutsche Erdprodukt: die Kartoffel und wirkten beim Kochen sehr organisiert und routiniert. Als Beilage mussten wiederum Möhren und Paprika in Basilikum-Tomatensauce herhalten – nun, unsere Gemüseauswahl war da ja durchaus eingeschränkt. Die geplante Kochsession mit THE ROBOCOP KRAUS fiel leider dem Unwetter zum Opfer.
Fazit: Trotz der ähnlichen bis identischen Zutaten wiederholte sich geschmacklich kein Gericht, und alle waren schmackhaft, kreativ, ausgewogen und nahrhaft und bestanden somit den 5-Münder-Geschmackstest des kritischen Blueprint-Teams. Zudem hat das Kochen mit allen Bands sehr viel Spaß gemacht. Wir bedanken uns an dieser Stelle noch einmal bei den fleißigen Köchen, Helfern und Essern und freuen uns auf das nächste Jahr!

Keith Caputo begegnen

(jg) Keith, oh Keith, was haben wir dich früher verehrt! Im Nachhinein betrachtet grenzte das fast an Fan-Kult à la Teeniejugend, als wir jedes umliegende Festival mit und Konzert von LIFE OF AGONY besuchten. Aus unerklärlichen Gründen spielten die New Yorker damals gleich zweimal in einem Jahr in Bremen, was für konzerthungrige Ostfriesen wie uns fast so etwas wie einen Sechser im Lotto bedeutete. Und wie das Glück es so will, war ein Freund von mir schon 18 und besaß einen immerhin fahrtüchtigen Golf. Also auf nach Bremen, abgerockt und stagegedived, und am nächsten Tag wieder zur Schule. Was mir erst im Nachhinein auffällt: Keith Caputo und uns trennen vom Alter her nur drei Jahre, aber nichtsdestotrotz verehrten wir ihn wie einen Gott. Im übrigen waren LIFE OF AGONY dank „River runs red“ auch der Urheber der ersten coolen Gitarrenriffs, die ich spielen konnte.
Mittlerweile sind gut zwölf Jahre ins Land gestrichen, Abi und Studium liegen hinter mir, und ich wohne seit drei Jahren in Hamburg, wo man nach anfänglicher Begeisterung ob der vielen guten Konzerte mit der Zeit nur noch zu den Bands geht, die einen wirklich interessieren. LIFE OF AGONY veröffentlichten noch zwei weitere Alben, die bei uns ebenfalls Beachtung fanden, wenngleich nicht mehr so viel Euphorie auslösen konnten wie das Debüt. Danach löste sich die Band auf, das hätten sie auch besser sofort nach Keith’ Abgang getan und nicht erst Whitfield Crane als Ersatz-Frontmann aufgenommen.
Die Solo-Projekte des Herrn Caputo verfolgten wir nicht wirklich, genaugenommen habe ich erst beim Verfassen dieses Textes bemerkt, dass er es auf ganze fünf Solo-Alben gebracht hat. Ich muss sogar gestehen, dass ich bei der Bestätigung seines Namens beim Omas Teich auch nicht sofort in Jubelstürme ausbrach, aber im Rahmen der Vorbereitung unserer Kochaktionen und des 1000-Ohren-Testes schrieben wir natürlich auch seine Kontaktpersonen an, und siehe da: Keith Caputo ist beim 1000-Ohren-Test dabei! Plötzlich kamen die alten Erinnerungen wieder auf, und spätestens die „Tourbegleitung“, die zwischen Keith und uns kleinen Schreiberlingen vermittelte, sorgte schließlich dafür, dass wir ihn auch als „VIP“ wahrnahmen. Wann denn das Interview geplant sei. „Interview? Wir dachten 1000-Ohren-Test!“ „Ja, Moment mal, wieso habt Ihr das denn nicht vorher mit uns abgesprochen?“ „Haben wir doch!“ „Öh, das kam aber nicht bei mir an. Da muss ich Keith noch mal fragen…“ Es folgten noch ein paar Gespräche, wie viele CDs er denn besprechen müsse, die Fans sollten wir möglichst doch etwas zurück halten. Und am Ende fiel „Omas kleiner Garten“ bei der fachmännischen Inspektion durch, weil es dort „zu heiß“ war. Nicht weiter ärgern, wir durften den 1000-Ohren-Test immerhin backstage verrichten, und da kam der kleine Mann auf uns zu, mit tätowierter Brust und Hemd bis zum Bachnabel aufgeknöpft. Er sei kein „Judge“ ließ er uns gleich wissen, und dass er „Plattenrezensionen“ normalerweise kategorisch ablehne, auch für’s Kerrang, weil er ein ungutes Gefühl dabei habe. Am Ende bestand er darauf, dass wir die Kritiken nur mit seiner persönlichen Fußnote abdrucken dürften. Na logen!
Selbstverständlich schmuggelte ich auch meine eigene Band unter die CDs, die er rezensierte. Leider erhielten wir 0 Punkte. Genau genommen sogar eine „Double zero“ mit dem Kommentar „Ear poison“. Schade. Aber die BACKYARD BABIES und SPORT kamen zum Trost auch nicht besser weg. Das beruhigt. Und immerhin erklärte er ausdrücklich, dass sein Urteil nur seine subjektive Wahrnehmung ausdrücke und er es sich mit keiner Band verscherzen wolle. Macht nichts, Keith. Kopf hoch, Jens!
Ich klärte die Sache natürlich nicht auf, als Trost konnte man bei den CDs von AMANDA ROGERS und CASPAIN wahre Begeisterung in seinen Augen erkennen. Zwei mal neun Punkte, die volle Aufmersamkeit, und die Namen der Interpreten notierte er sich auch. Rilana war nach dieser Viertelstunde neben mir wie verzückt von Keith, ich glaube sogar, sie hat sich verliebt. Seine anschließende Live-Performance konnte leider keinen von uns beiden überzeugen. Altherrenrock? Irgendwie schon. Oder man muss ein Faible für balladeske Songs haben. Und das schreibe ich nun nicht als Retour-Kutsche für die doppelte Null. Manchmal sollte man Erinnerungen eben doch ruhen lassen.

Sorry für den Pathos.

Das große Unwetter

(rk) So schönes Wetter wie dieses Jahr gab es selten an Omas Teich. Schon „damals“, Ende des 20. Jahrhunderts, als das Festival noch „Party“ genannt wurde, zeichnete sich das Wetter auf dem Fehn durch eine ausgesprochene Regenfreundlichkeit aus. Doch wir alle lernten damit zu leben. Flog uns die erste „gute Stube“ noch um die Ohren, konnten wir uns im letzten Jahr schon über einen sturmsicheren und wasserdichten Stand freuen. Der knöcheltiefe Ostfriesenmatsch war höchstens in den Schlafsäcken unangenehm, den Spaß am Festival hat er uns nicht verdorben. Fußball, Pogen und nicht ganz bei sich zu sein funktionieren schließlich unter fast allen Bedingungen. Unsere Festival-Garderobe wurde auch immer praktischer: Style tauschten wir gegen Pragmatismus, die neuen Schuhe blieben zu Hause, eingepackt wurden Gummistiefel, Regenjacke und dreckresistente Klamotten.
Weil sich vor allem die Bekleidungsmaßnahmen damit so gut bewährt hatten, wollte ich auch dieses Jahr nicht auf meine Stiefel verzichten – trotz der guten Wetterprognosen. Und das Unwetter kam tatsächlich! Unser „Omas Garten“ flimmerte in der Hitze, träge schleppten sich mutige Fans von Schatten zu Schatten und wurden doch immer röter, da erschien – gleich einer Fata Morgana – einer der Securities an unserem Zaun und warnte mich vor einem soeben gemeldeten, spontanen Unwetter, das in kürzester Zeit über unsere Zelte fegen würde. Am knallblauen Himmel war keine Wolke zu erkennen, ein Schweißtropfen brannte mir in den Augen. Irritiert sah ich ihn an. „Windstärke Acht“, sagte er noch und empfahl mir die anderen Blueprinter zu warnen und die Gartenutensilien in Sicherheit zu bringen. Ich wurde trotz aller hitzebedingten Stumpfheit etwas aufgeregt. Vor meinem inneren Auge spielte sich ein wahres Sturminferno ab: Stühle und Zelte flogen durch die Luft, und Regen peitschte in panisch verzerrte Gesichter schreiender Festivalgäste. Windstärke Acht! Im Eingangsbereich und an der Bühne demontierte das Teich-Team bereits sturmempfindliche Planen. Noch bevor sich nennenswerte Vorsichtsmaßnahmen an unserem Stand entwickelt hatten, erschien auch Teich-Chef Holger, der uns auftrug, unsere Wertsachen griffbereit zu halten und aus Sicherheitsgründen „Omas Stube“ zu verlassen, sobald der Sturm losbrechen würde. Immer noch gab es angesichts der sommerlichen Witterung ungläubige Blicke, doch bald zog tatsächlich eine Brise auf, die rasend schnell zum starken Wind wurde. Der Himmel war jetzt dunkelgrau, die ersten Tropfen fielen auf die Erde. Über Lautsprecher wurden die Zuschauer instruiert, das Festivalgelände zu verlassen und sich von sturzgefährdeten, hohen Gegenständen fernzuhalten. Innerhalb von acht Minuten war das Gelände wie leer gefegt, nur wir waren damit beschäftigt, die letzte Lichterkette abzufriemeln und ins sichere Auto zu tragen, wo wir wie alle anderen, die ein Auto zur Verfügung hatten, beschlossen, den Regen abzuwarten. Ich war kurz froh, dass ich schon gegessen hatte, denn wer wusste schon, wie lange wir hier sitzen würden. Am Ende war es dann doch nur eine gute Viertelstunde.
Weil es nun doch noch geregnet hatte, zog ich schnell meine Gummistiefel und ein unglaublich regenfestes Regencape von meinem Bergsteiger-Opa an. Gegen den schwachen Nieselregen, der noch für kurze Zeit auf unsere Köpfe tropfte, half diese Super-Ausrüstung ohne Zweifel – in der bald wieder hervorlukenden Sonne wirkte sie aber ziemlich schweißtreibend.
Obwohl das vorhergesagte Unwetter nicht annähernd so schlimm war wie es hätte werden sollen (Windstärke Acht!), möchte ich an dieser Stelle trotzdem dem Teich-Team danken, das so schnell und geistesgegenwärtig gehandelt hat, dass ich sicher bin, Gäste und Standbetreiber wären in guten Händen gewesen, wenn es wirklich gefährlich geworden wäre. Und dann gab es auch noch ein astreines Unterhaltungsprogramm vom I AM KLOOT-Sänger John Bramwell, der sich nach dem Sturm auf die noch unvollständige Bühne wagte und solo ein paar seiner selbst so bezeichneten und wirklich brillianten Songs für uns spielte. War er so mutig, weil die Bands, wie er erzählte, sich die Zeit mit Biertrinken vertreiben mussten? Egal, seine Witze waren gut, und trotz der Kürze seiner Showeinlage war er für mich der unterhaltsamste Act des ganzen Festivals.
Mein Teich-Fazit für 2008 ist nun das Folgende: Omas Teich ist ein Festival der Extreme – es kann extrem windig, extrem nass, extrem matschig oder extrem heiß und sonnig sein, dieses Mal war es sogar extrem abwechslungsreich. In jedem Fall aber ist es immer wieder ein extrem großartiges Erlebnis.

Wie bräge kann man eigentlich sein?

(sr) Ich habe kürzlich mal ein kleines Ranking der dümmsten Dinge, die ich je in meinem Leben gemacht habe, aufgestellt. Oben mit dabei sind so Sachen wie: bei 9Live anrufen, Gabel in den Toaster stecken, Helge Schneider auf der Straße mit einem Autogrammwunsch belästigen, an einer roten Fußgängerampel Schülerlotse spielen, während auf der anderen Straßenseite die Bereitschaftspolizei wartet, um danach auch noch einen kläglichen Fluchtversuch zu starten. An diesem Wochenende kam ein heißer Anwärter auf die Top 5 hinzu, der mir den frühen Montagmorgen nach einem großartigen Omas Teich-Festival gründlich vermieste.
Mein Gedächtnis weist noch folgende Erinnerungsfetzen des späten Sonntages auf: Kollegin Rohloff gackert wie von Sinnen ob ihres bevorstehenden Kreislaufkollapses – die sterblichen Überreste von Omas Garten landen im Rahmen der Omas Teich Games-Disziplin Möbel-Hochwurf im Müllcontainer (ich lege mit dem wasserbefüllten Schirmständer vermeintlich uneinholbar vor, aber anschließend räumt Kollege Hulk Tongers mit zwei Sesseln in Folge alles ab) – Thees Uhlmann trägt seine Lieder wieder auf oasianisch vor und findet sich wie üblich selber ganz, ganz toll – lange nichts – ich sitze gequetscht mit angewinkelten Beinen auf der Rückbank des ungewollt tiefergelegten, weißen 45PS-Sportflitzers von Kollege Collin McTongers Richtung Heimat und singe „verdammt coole Leute laufen, verdammt coole Leute stehen“ – anschließend sitze ich auf der Straße vor meiner Wohnung, gucke sparsam und mache die ein oder andere dicke Backe. Denn, den Haustürschlüssel hatte mein leicht-betrunkenes Ich sicherheitshalber an Festivaltag 1 im Auto von Kollege Gerdes hinterlegt, der nun auch noch weitere drei Tage in der ostfriesischen Heimat verblieb, um mit seinem Vater über Stück- und Gattungsschuld zu diskutieren. Das Handy hatte mein mittelschwer-betrunkenes Ich just im Auto von Kollege Tongers vergessen, der bereits um die Ecke gebogen war und dessen Wohnort mir bis heute vollkommen unbekannt ist.
Halb drei Uhr morgens, so nah am Bett und doch so fern, voll bepackt, keine Freunde in der Nähe wohnend, keine Bahn mehr fahrend, kein Handy am Start. In einer Umfrage im Abijahrbuch gewann ich damals die Rubrik „Wer wird wohl am ehesten Penner werden?“. Diese Nacht verbrachte ich auf einer Parkbank. Scheiße!

http://www.omasteich.de/