CHRISTIANE RÖSINGER – Songs of I. and hate

Eine persönliche Notiz zu Anfang: Wir haben mal auf Tour eine ganze Nacht damit verbracht, Worte mit „-iert“ am Ende zu finden. Ja, das kostet schon einige Stunden. Ich könnte mir vorstellen, dass der Song „Verloren“ auf „Songs of l. and hate“ ähnlich entstanden ist. So viel dazu.
Ein bisschen klingt CHRISTIANE RÖSINGER schon nach einer Grande Dame der Akustikmusik. Kein Wunder bei einer Vergangenheit aus LASSIE SINGERS und BRITTA.
Viel Lebenserfahrung, viel Leid, viel Liebe, einfach viel Leben. „Die Midlife-Crisis, die hatt’ ich doch schon, ich wart auf die Altersdepression“ („Es ist so arg“).
Alles mit dabei. JA, PANIKs Andreas Spechtl untermalt RÖSINGERs Gesang mit viel Klavier und dezenten Zugaben, kann aber etwa bei „Desillusion“ auch in volle Bandbesetzung wechseln. „Berlin“ hat eine 20er-Jahre-Verspieltheit und –Komik, die an TRUDE HERR denken lässt. Da grüßt das Chanson. Da ist der Albumtitel „Songs of l. and hate“, angelehnt natürlich an LEONARD COHENs „Songs of love and hate“, sehr stimmig gewählt.
Ich hab mir meinen Reim und mein Bild gemacht, wie es in „Desillusion“ heißt. Und dieses Bild ist eines, das man sich gerne an die Wand hängen mag.
Und CHRISTIANE RÖSINGER spielt mit Worten, nutzt dabei die gesamte Bandbreite der deutschen Sprache, es ist eine Freude. Sie singt mit verrauchter Stimme und einer angenehmen Portion Sarkasmus über die Gemeinheiten des Lebens, dass man auch über die eigenen Probleme lächeln kann. „Und bist du mal verzagt und findest keine Ruh’ – dann kommt bestimmt ein Unglück noch mit dazu“ („Sinnlos“) sei hier nur als Beispiel genannt. Sicherlich ist das für einige zu intellektuell oder enthält zu viele Zitate (wer war noch mal Mausi Lugner?), aus meiner Sicht ist das seit RIO REISER endlich mal wieder „Liedermachen“ mit Anspruch. Das zeigt nicht zuletzt die perfekt ins Deutsche umgesetzte Version von „These days“, da kann sich jemand ohne Probleme mit NICO messen.
Und bei „Es ist so arg“ fühle ich mich dann endlich auch an THE DRESDEN DOLLS erinnert. Na bitte.
Berlin, du hast auch Gutes zu bieten. Danke dafür.

Bewertung: 8/10

Veröffentlichungsdatum: 22.10.2010

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