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ARRESTED DENIAL – „Offbeat heißt nicht gleich Ska Punk“

Eines schon mal vorweg: Ich mag ARRESTED DENIAL! Und zwar nicht nur ihre Musik, sondern auch die Menschen, die dahinter stecken. Wir laufen uns immer mal wieder auf Konzerten oder Partys über den Weg, und mit Gitarrist Sascha war ich auch schon ein paar Mal als Zuschauer in den Gefilden des Hamburger Amateurfußballs unterwegs. Vielleicht ist es gerade dieser persönlichen Nähe zur Band geschuldet, dass ich unglaublich gespannt auf ihr neues Album war, welches im Dezember (nach stolzen acht Jahren Anlaufzeit!) endlich das Licht der Welt erblickt hat. Doch das Warten hat sich definitiv gelohnt, und „Nirgendwo angekommen“ zählt für mich zu einem der besten deutschsprachigen Streetpunk-Alben des abgelaufenen Jahres. Da mir beim Hören dennoch ein paar Fragen in den Sinn kamen, drängte sich ein kleines Interview fürs Blueprint geradezu auf. Weil sowohl bei mir als auch bei der Band die zeitlichen Kapazitäten derzeit etwas knapp bemessen sind, fand das Interview per Mail statt und wurde von Drummer Daniel und Frontmann Valentin beantwortet. Los geht´s!

Zunächst erstmal herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album! Wenn ich richtig informiert bin, war ursprünglich geplant, „Nirgendwo angekommen“ bereits vor einem Jahr zu veröffentlichen. Was waren die Gründe für die Verzögerung?
Daniel: Puuuuh, da kam einiges zusammen. Private Dinge vor allem, aber auch organisatorisch mussten wir teilweise in letzter Sekunde noch mal umplanen. Immer wenn wir dachten, wir sind jetzt auf Kurs, kam wieder irgendeine neue Katastrophe um die Ecke. Das war teilweise echt heftig stressig, und ich hatte manchmal wirklich Bedenken, ob wir das Album überhaupt an den Start kriegen. Umso glücklicher sind wir, dass es
jetzt doch noch geklappt hat und vor allem auch so gut ankommt bei den Leuten.

Eure vorherigen Veröffentlichungen sind ja alle bei Mad Butcher Records erschienen, in dessen Labelportfolio ihr mit eurem antifaschistischem Streetpunk meiner Meinung nach auch perfekt reingepasst habt. Das neue Werk erscheint hingegen beim musikalisch etwas breiter aufgestellten Label Bakraufarfita Records. Was gab den Ausschlag zu diesem Wechsel?
Daniel: Mad Butcher hat wirklich super gepasst die ganzen letzten Jahre. Wir haben auch ein richtig enges Verhältnis zu Mike und sind ihm sehr dankbar für seinen Support. Er steht auch jetzt immer noch voll hinter uns, obwohl wir woanders veröffentlichen. Aber sein Label ist halt schon recht spezialisiert auf eine gewisse Szene. Wir wollten da ein bisschen raus und schauen, wie unsere Musik funktioniert, wenn wir etwas breiter aufgestellt sind. Dafür passt Bakraufarfita perfekt. Die sind auch total im Punkrock verwurzelt, aber haben eben auch so Bands wie DIE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM oder 100 KILO HERZ und decken damit ja schon eine größere Bandbreite ab. Bönx von Bakraufarfita wollte eigentlich auch schon früher was mit uns machen, hat aber leider grob fünf Jahre gebraucht, um unsere erste Anfragemail zu beantworten. Damals war er also bisschen spät dran, diesmal hat alles perfekt gepasst. Da ließ dann eher unser Timing bei der Veröffentlichung zu wünschen übrig…

Eine weitere Veränderung ist, dass ihr mit Pip jetzt einen festen Trompeter in euren Reihen habt. Welchen Einfluss hat diese Erweiterung auf euer Songwriting? Auch unter dem Aspekt, dass ihr euer Merch-Sortiment um ein „Offbeat Antifa“-Shirt erweitert habt, drängt sich ja geradezu der Verdacht auf, dass ihr heimlich zur Ska-Punk Band mutiert…
Daniel: Moooooment. Offbeat heißt nicht gleich Ska-Punk. Valentin ist sehr stark von den ganz alten Sachen aus dem Reggae-Bereich beeinflusst, die 60er sind da so sein Jahrzehnt. Und das fließt auch in sein Songwriting ein, indem es neben den Punksongs immer mal wieder relativ klassische Offbeat-Nummern gibt, wie eben “Offbeat Antifa” oder auch den Titeltrack des Albums. Da ist dann meistens gar nicht mehr soooo viel Punk drin. Aber klar
schauen wir jetzt, dass etwas mehr Songs mit Trompete aufs Album kommen als früher. Das erweitert ja einfach auch die Möglichkeiten beim Songwriting, bei dem Valentin eh sehr stark mit Layern und mehrstimmigen Arrangements arbeitet. Da muss dann aber kein Ska-Punk bei rauskommen. Live sind inzwischen fast die Hälfte der Stücke mit Trompete, das ist schon ein großer Unterschied zu früher. Macht uns und den Leuten aber halt auch tierisch Spaß mit Pip. Die andere Hälfte der Konzerte sitzt er dann immer biertrinkend an der Theke und
schaut seiner eigenen Band zu oder tanzt irgendwo im Publikum rum.

Mit Steff von ALARMSIGNAL und Tex von SLIME haben es auch zwei prominente Gäste auf das Album geschafft. Wie kam die Zusammenarbeit mit den beiden zustande?
Daniel: Steff und Valentin kannten sich schon eine ganze Weile. Valentin wusste aber nie, dass Steff bei ALARMSIGNAL ist. Die hatten sich hauptsächlich über Fernreisen ausgetauscht und beim ersten gemeinsamen Konzert war Valentin ziemlich baff, als Steff da mit ALARMSIGNAL aufschlug. Steff wiederum ist schon lange heimlicher Fan von uns. Von daher war das eine relativ einfache Entscheidung und hat super funktioniert. Steff ist wirklich ein super netter Kerl und war auch beim Videodreh voll dabei. Auf Tex sind wir hauptsächlich wegen seiner Solosachen gekommen. Wir waren mal fast alle zusammen auf einem Konzert von ihm im Monkeys. Das hat uns echt umgehauen. Was für ein Charisma und was für eine krasse Stimme! Wir haben ihn dann einfach auf doof angeschrieben und hatten Glück, dass die Anfrage nicht untergegangen ist. Tex ist nicht so der Fan von Social-Media-Kontakten. Aber er fand den Song super und hat dann sogar noch seine eigene Strophe dazu geschrieben, die einen ganz anderen Flow hat als das Original von Valentin. Diese etwas andere Herangehensweise und vor allem die großartige Stimme von Tex geben dem Song noch mal eine andere Tiefe. Wir sind sehr glücklich mit dem Ergebnis.

In den Stück „Hamburg“ beschreibt ihr eine Art Hassliebe zu eurer Heimatstadt. Ich als gebürtiger Hamburger würde mich zwar auch nicht gerade als Lokalpatrioten bezeichnen, allerdings weiß ich die Stadt und ihre vergleichsweise eher liberal bis progressiv geprägte politische Grundstimmung mittlerweile durchaus zu schätzen. Was genau läuft eurer Ansicht nach hier an der Elbe dennoch verkehrt?
Valentin: Diese progressive Grundstimmung kriegt aber doch immer wieder ziemlich Risse und muss permanent verteidigt und neu erkämpft werden. Und sie wird auch weniger durch die tatsächlichen Entscheidungsträger im Senat geprägt, sondern in erster Linie durch alternativ ausgerichtete Menschen, die das in Eigenregie in den verschiedensten Bereichen am Leben erhalten. Hamburger finden ihre Stadt ja in den meisten Fällen unglaublich toll und feiern nach außen hin dieses „Tor zur Welt“-Ding und ähnliches. Das machen sie aber eben meist auch nur bis zu der Buchsbaum-Hecke, die die Grenze ihres hart ererbten Vorgartens sichert. Da ist dann nämlich Schluss mit lustig. Man schaue sich dazu nur einmal diese unsäglichen Diskussionen und Bürgerinitiativen zu Geflüchteten-Unterkünften in so einigen nobleren Vororten an. Ich will hier jetzt aber auch nicht lauter Fallbeispiele aufzählen, was in Hamburg so falsch läuft. Natürlich sind hier bestimmte Meinungsbilder weniger etabliert als in einigen anderen Bundesländern, und dafür bin ich sehr dankbar. Es ist aber ein Trugschluss, dass die gesamtdeutsche politische Entwicklung vor den Toren der Stadt Halt macht. Dass das alles auf wackeligen Beinen steht, hat ja auch die Schill-Ära deutlich gezeigt.

Für ein paar Irritationen sorgten bei mir die beiden inhaltlich komplett unterschiedlichen Stücke „Nirgendwo angekommen“ sowie „Nirgendwo. Angekommen.“, deren Titel sich lediglich durch das Setzen der beiden Punkte unterscheiden. Erzählt doch mal, welche Idee dahinter steckt.
Valentin: Die Punkte haben ja eine nicht ganz unerhebliche Auswirkung auf die inhaltliche Bedeutung der beiden Songtitel. In dem Titelsong des Albums „Nirgendwo angekommen“ geht es um Selbstreflexion und eine Bestandsaufnahme, wo ich im Leben eigentlich gerade stehe, ob ich irgendeinen Plan habe und ob das bis hier und bis heute alles wirklich richtig war. Und in dem letzten Song auf dem Album „Nirgendwo. Angekommen.“ geht es darum, dass ich mich immer dann „angekommen“ fühle, wenn ich irgendwo sehr weit weg und
gefühlt am Ende der Welt bin. Ich wollte schon lange mal einen Song schreiben, der diese Stimmung etwas einfängt, weil mich solche Erfahrungen schon immer stark und nachhaltig geprägt haben. Da beide Texte meiner Gedankenwelt entspringen und damit zwangsweise auch inhaltlich zusammenhängen, könnte ich hier jetzt natürlich noch ziemlich viel dazu erzählen. Ich bin aber kein großer Fan davon, Songinhalte in größerem Maße zu sezieren. Ein Song soll immer eine gewisse Stimmung erzeugen. Und ein ganzes Album soll das auch. Daher ist auch die Positionierung beider Songs auf dem Album kein Zufall. Wenn man sich auf die beiden Texte einlässt, dann sprechen sie, finde ich, eine klare Sprache. Es sind ja keine völlig verklausulierten TOCOTRONIC-Texte.

Gebt uns doch bitte zum Abschluss noch einen kurzen Ausblick auf das neue Jahr. Was steht als nächstes im Hause ARRESTED DENIAL an, und welche Highlights erwarten euch und uns 2026?
Daniel: Wir wollen 2026 wieder richtig viel live spielen und freuen uns wahnsinnig darauf. Konzerte sind das, was uns allen am meisten gibt. Unsere ausverkaufte Releaseparty im Goldenen Salon vom Hafenklang mit KITTY COASTER und FLICK KNIVES war schon mal ein unglaubliches Fest für uns. Die FLICK KNIVES sehen wir auch bei ihrer eigenen Releaseparty am 6.2. in Köln wieder. Ein paar Festivals sind schon bestätigt, unter anderem das Beer Now Open in Bernau zum 30. Geburtstag von OXO 86. Eine Support-Tour ist auch schon relativ fix. Da dürfen wir aber noch nichts verraten. Unser Ziel ist es, dieses und nächstes Jahr jeweils auf 30-50 Konzerte zu kommen. Für 2026 sind wir schon auf einem guten Kurs. Ach, eine Sache noch: Wir suchen gerade wieder einen neuen Menschen am Bass, sehr gerne FLINTA*. Gerade eine weibliche Stimme wäre für unsere Songs noch mal eine richtig coole Erweiterung. Unser aktueller Bassist Janosch schafft das Konzertpensum leider aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Also meldet euch!

Bernd Cramer

Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.