AMERICAN HERITAGE – Sedentary

Von AMERICAN HERITAGEs neuem Album gibt es offenbar zwei Versionen mit verschiedenen Covers: Eines zeigt eine Waldlandschaft im Dämmerlicht, passend zum Albumtitel „Sedentary“ (= sesshaft, ortsgebunden) sieht man vor allem Felsen und Baumwurzeln. Doch was zunächst nach einer Feier von Bodenständigkeit aussieht, ist, wie man in Interviews mit der Band nachlesen kann, eigentlich als deren Gegenteil gemeint: Der Verlust von Freiheit und Menschlichkeit, den das Dasein in sesshaften Gesellschaften mit sich bringen kann, ist hier ein der Thema der Liedtexte. Zivilisationskritik also mal wieder; entsprechend stürmisch geht man musikalisch zu Werke: AMERICAN HERITAGE klingen roh und erdig und bewegen sich in der häufig „Sludge“ genannten schmutzig-schlammigen Grauzone zwischen Punk, Hardcore und Metal, sind allerdings erheblich schneller und rhythmisch anspruchsvoller als viele andere Bands, die sonst mit dieser Genrebezeichnung bedacht werden. Ohnehin wird der knappe Raum, den einem dieses Genre bietet, optimal genutzt: Zwischen sehr schnellen punkigen Nummern wie „Fetal attraction“ oder „Kiddie pool“ und etwas schleppenderen, metallischen Quasi-Epen wie „Vessals/Vassals“ oder dem fast nachdenklichen, aber dennoch gebieterischen „Abduction cruiser“ wird hier das Terrain erneut umgepflügt, an dem sich in den letzten zwanzig, ach, sogar fast dreißig Jahren so unterschiedliche Bands wie BLACK FLAG, KILLDOZER, JESUS LIZARD, die MELVINS, KARP und neuerdings HIGH ON FIRE, BIG BUSINESS, TRAGEDY und PISSED JEANS abgearbeitet haben. All das bekommen AMERICAN HERITAGE durchaus stimmig unter einen Hut und schaffen es auch noch, bei aller Breitbeinigkeit trotzdem irgendwie melancholisch rüberzukommen (immer dann z.B., wenn der manchmal mehrstimmige, immer sehr gefühlvolle Männergesang von sich überschlagendem Gebrüll in fast trauriges Gegröle umschlägt). Gänzlich Neues findet sich auf „Sedentary“ nicht, aber das permanente Zerren an der Zwangsjacke des eigenen Genres (ist ja auch eine Art von Bodenständigkeit, gegen die sich rebellieren lässt) überzeugt durchgehend und sei somit all jenen ans Herz gelegt, die der Ansicht sind, MASTODON seien nach „Leviathan“ zu verschnörkelt geworden.

Bewertung: 8,5/10

Veröffentlichungsdatum: 27.11.2012