TERRORGRUPPE – 20.07.2022, Markthalle (Hamburg)

 
An einem hochsommerlichen Mittwochabend hieß es gleich zweimal Abschied zu nehmen: Einerseits von der TERRORGRUPPE, die an jenem Abend das vorletzte Konzert ihrer exzessiven Bandgeschichte absolvierte. Und zum anderen von ihrem langjährigen Bassisten Zip Schlitzer, der zwei Wochen zuvor völlig unerwartet verstorben ist. Insofern ging es mit gemischten Gefühlen zur Hamburger Markthalle: Irgendwie melancholisch, zugleich jedoch voller Vorfreude auf einen letzten gemeinsamen Abend mit einer der Bands, die mich wie kaum eine andere durch meinen persönlichen Punkrock-Werdegang begleitet hat und die ich an eben jener Stelle Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal live gesehen habe – wenngleich nicht im großen Saal, sondern damals noch im deutlich kleineren Marx.
Als THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM um kurz nach neun schließlich den Abend eröffneten, war der anfängliche Schwermut jedoch schlagartig verflogen. Zwar kann ich mit der Band auf Tonträger nicht allzu viel anfangen, doch live wirkt ihr treibender Elektroclash in Verbindung mit der ausgefeilten Bühnenperformance regelrecht ansteckend, und mit Songs wie „Herz“, „Bewerte mich“ oder „Ich und mein Pony“ hatten sie das Publikum fest im Griff.
Dennoch fieberten die meisten Anwesenden natürlich den Hauptakteuren des Abends entgegen. Ich persönlich war im Vorwege sehr gespannt, ob der Fokus der Setlist eher bei den Liedern des letzten Albums „Jenseits von Gut und Böse“, oder ihren alten Klassikern liegen würde, doch eigentlich wurde diese Frage bereits mit dem Opener beantwortet: „Nazis im Haus“, ursprünglich 1994 auf der Split-EP mit STROMSPERRE erschienen, schlug direkt ein wie eine Bombe und eröffnete einen Pogo-Reigen, der für die kommenden knapp anderthalb Stunden nicht wieder abebben sollte. Es folgten mit „Gestorben auf dem Weg zur Arbeit“, „Keine Airbags für die CSU“, „Tresenlied“, „Sabine“, „Die Gesellschaft ist schuld, dass ich so bin“ oder „Sozialer Misserfolg“ zahlreiche Hits der ersten beiden Alben, aufgelockert von späteren Songs wie „Kathedralen“, „Neulich Nacht“ oder „Allein gegen alle“. All das mit einem Rotz und einer Geschwindigkeit, die das Herz der TERRORGRUPPE-Fans höher schlagen ließ. Vor allem Rampensau Archie Alert und Gitarrist Johnny Bottrop waren gut drauf und spielten sich in altbewährter Manier gegenseitig die Bälle zu, bauten aber auch immer wieder ihren verstorbenen Mitstreiter Zip Schlitzer in ihre schwarzhumorigen Ansagen mit ein und machten ihn somit quasi ebenfalls zu einem Teil der Show. Doch spätestens als im Zugabenblock ein großes Backdrop mit Zips Gesicht entrollt wurde und die Bandmitglieder nach dem Rausschmeißer „Wir müssen raus“ ein Banner mit der Aufschrift „Tschüssikowski“ hoch hielten, wurde den meisten Anwesenden noch einmal bewusst, dass das an diesem Abend erlebte einen unwiderruflichen Abschied bedeutete. Ruhe in Frieden, Zip. Adieu, Terrorgruppe.

Über Bernd Cramer 1586 Artikel
Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.