KALLE – Ey!

 
Ein weit ausgestreckter Mittelfinger gebührt dem Paketboten, der vor einigen Wochen diese Platte ausgeliefert hat. Wie kommt man bitteschön auf die absurde Idee, ein Päckchen, auf dem sich zudem auch noch ein großer „Vorsicht zerbrechlich!“-Aufkleber befindet, mit aller Gewalt in einen handelsüblichen Briefkasten zu quetschen?!? Erstaunlicherweise ist ihm dieses Kunststück sogar tatsächlich gelungen, auch wenn ich es aus rein physikalischer Sicht bislang eigentlich für unmöglich gehalten hätte (Tetris-Fans könnten hier auch beschönigend von millimetergenauer Maßarbeit sprechen). Das Resultat der Hauruck-Aktion: Ein völlig zerstörter Karton, zerfledderte Promo-Begleitschreiben, ein ramponiertes LP-Cover und eine Schallplatte, die in etwa so rumeiert wie zuletzt die Landesregierungen bei der Durchsetzung konsequenter Corona-Schutzmaßnahmen.
Aber wenden wir uns lieber positiven Dingen zu, und zu diesen zählt definitiv auch die Musik von KALLE aus Berlin. Deren erste Langspielplatte trägt den markanten Titel „Ey!“ und klingt in etwa so, als hätten Mitglieder von CHEFDENKER und den WOHLSTANDSKINDERN auf dem Rückweg von einem BLIND GUARDIAN-Konzert im Brausebrand beschlossen, ein neues Band-Projekt auf die Beine zu stellen. Die gewagte Kombination aus deutschsprachigem Punkrock und Powermetal-Gitarren erscheint zunächst vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, ergibt aber im Endeffekt ein überraschend stimmiges Gesamtbild. Wenn man sich dann noch ein wenig mit den Texten von Liedern wie „Blümchen auf dem Ruhrpott Rodeo“, „Alter weißer Mann“ oder „Privat ist er eigentlich ganz nett“ auseinandersetzt, entdeckt man hier mitunter ein friedlich vor sich hin schlummerndes Hit-Potential, welches es durch den Konsum des ein oder anderen alkoholhaltigen Erfrischungsgetränks behutsam wach zu küssen gilt. Vorausgesetzt, der grobschlächtige Paketbote macht einem vorher keinen Strich durch die Rechnung.
 

Bewertung: 8/10

Veröffentlichungsdatum: 04.06.2021

Über Bernd Cramer 1503 Artikel
Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.