THE LAWRENCE ARMS – Most interviewed band

Mittlerweile ist dies das dritte Interview mit den Jungs aus Chicago. Und immer wieder gab es etwas, über das man sprechen konnte. So wie auch dieses Mal, denn THE LAWRENCE ARMS haben mit "Oh! Calcutta" gerade eine der Punkplatten des Jahres vorgelegt. Chris nahm sich einige Minuten Zeit, um die Fragen vorab zur Tour per Mail zu beantworten.

[F]Google sagt mir, dass "Oh! Calcutta!" ein erotisches Musical war, hauptsächlich mit nackten Männern, IMDB.com bezeichnet es sogar als "the world’s longest running erotic stage musical". Warum habt ihr ausgerechnet diesen Titel gewählt?
[A]Wie könnten wir dem widerstehen? Es ist komisch und schräg und total nackt und erotisch. Aber eigentlich haben wir es wegen des Klangs des Titels ausgewählt. Es hätte irgendwas Spezielles, in seinem Klang und dem Aussehen und auch die Bilder, die es in uns hervorrief waren ein Hammer. Es war irgendwie, als ob wir alle Städte der Welt ansprechen würden.

[F]Der vergleichsweise komische Titel passt aber nicht so wirklich zum Album, das sehr erwachsen und gefestigt klingt und nicht mehr so, wie ein Punkrock-Zirkus. Gibt es hier auch wieder ein Konzept, dass vielleicht einen Zusammenhang herstellt?
[A]Nein, nicht wirklich. Brendan und ich haben unendlich lange darüber gesprochen, wie das Album klingen sollte und welche Stimmung es vermitteln sollte und genau das sollte auch in den Songs rüberkommen. Aber es gibt kein durchgängiges Konzept wie "The greatest story ever told" es noch hatte. Es ist eher eine thematische Platte. Wir waren uns von vornherein klar darüber, dass es um Freundschaft gehen sollte und das Eingestehen seiner eigenen Fehler. Die Vergangenheit zurücklassen und das Leben im Jetzt leben. Der Titel kann vielleicht fehlleiten, wenn man den Ursprung schon kennt. Er kam uns erst sehr spät in den Sinn, als das Album schon ziemlich fertig war. Aber er erschien uns passend in der Art und Weise, wie das Album rüberkommen soll.

[F]Verglichen mit den letzten Veröffentlichungen ist "Oh! Calcutta!" sehr geradlinig, dafür mit vielen kleinen Passagen, die für Abwechslung sorgen. Außerdem klingt es für mich, als hättet ihr als Band technisch sehr große Fortschritte gemacht, gerade im rhythmischen Bereich. War es ein sehr langer Prozess, die Songs so zu strukturieren, wie sie jetzt sind und sie dann auch umzusetzen?
[A]Wir sind letztes Jahr im Frühling angefangen, nachdem wir die Tour zu unserer quasi B-Seiten-Sammlung "Cocktails and dreams" abgeschlossen hatten. Danach begannen wir zu proben und haben im August alles zusammengefügt. Wir hatten 18 fertige Stücke und haben diese auch alle aufgenommen. Dann haben wir zwölf von ihnen ausgewählt, die unserer Meinung nach die besten waren. Insgesamt waren es also so etwa sechs Monate, unterbrochen von ein paar kleinen Touren hier und da, um die Stücke auch mal live zu versuchen. Aber das, was auf dem Album ist, passte einfach sehr gut zueinander. Es gab auch nicht viele Umstrukturierungen oder Neuanfänge dafür, die Songs kamen einfach so wie sie jetzt sind, sehr natürlich. Es war zwar eine lange Zeit sehr anstrengend, aber auch sehr viel Spaß, und es hat sich für uns sehr richtig angefühlt.

[F]Wieviel Anteil haben der Produzent und die Sound-Techniker an der Platte?
[A]Wir als Band und Matt kennen uns schon sehr lange. Es war eine gemeinschaftliche Arbeit, wir haben die Platte gemeinsam gemacht. Matt Allison gebührt verdammt viel Anerkennung für dieses Album, denn er hat sehr hart gearbeitet, damit diese Platte gut klingt. Aber jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, dass es klingt, wie es klingt. Ich würde dafür keinem mehr Anerkennung zeigen als einem anderen. Wir sind gemeinsam angetreten und haben die Risiken auf uns genommen und die beste Platte gemacht, die wir mit dem vorhandenen Material machen konnten.

[F]Wird es für die Live-Umsetzung des Albums Veränderungen im Line-Up geben? Vielleicht eine zusätzliche Gitarre, technische Spielereien?
[A]Keine Veränderungen. Wir sind zu dritt, kein unsinniges Zeugs. Brendan und ich werden uns die Seele aus dem Leib schreien, und Neil wird wie ein Wilder auf seine Drums knüppeln. Wir haben keinen Grund, unser Rezept zu ändern.

[F]Auf der neuen CD singt Brendan den Großteil der Lead-Vocals oder aber ihr beide zusammen. Das war auf den älteren Platten nicht so. Gibt das vielleicht auch den Ausschlag für deine Solo-CD?
[A]Tatsächliche singe ich auf dieser Platte mehr als auf jeder anderen LAWRENCE ARMS-Platte zuvor. Es gab schon viel Gerede darüber, warum meine Stimme weniger präsent ist, aber viele Leute werden überrascht sein, dass ich Teile singe, die sie eigentlich Brendan zuschreiben würden. Diese Entscheidung ist schon vor den Aufnahmen gefallen. Das einzige Konzept heißt Gemeinsamkeit, und wir beide zusammen konnten mit unseren Stimmen das beste aus der Platte heraus holen. Unsere beiden Stimmen näher zusammen zu führen, das wollten wir erreichen. Was die Solo-CD angeht, muss ich sagen, das steckt alles noch in den Kinderschuhen. Der Hauptgrund, warum ich das machen möchte, ist, dass ich einfach Songs habe, die ich gerne den Leuten zeigen möchte. Und es wird einfach lustig und auch anders. Es hat aber rein gar nichts mit der Platte zu tun oder damit, dass ich angeblich zu wenig singe.

[F]Was ist die Geschichte hinter dem Hidden-Track "warped summer extravaganza"?
[A]Es geht darum, wie die Warped Tour den Undergroud-Punkrock der USA ruiniert hat. Wir wurden vor Jahren ja mal von der Warped Tour geschmissen, darum geht es hier aber nicht. Es geht einfach nur darum, wie die Tour alles zerstört, was cool war im Punkrock. Früher gingen alle diese großen Bands im Sommer auf Tour und nahmen kleinere Bands mit, die den Support für sie machten, so wie wir damals. Und die Kids konnten zu 30 verschiedenen Shows gehen, und immer gab es irgendeine Tour in ihrer Stadt. Die Warped Tour hat all das vernichtet. Ein großes Festival, alle Bands, die das unterstützen, profitieren von der Tour, vernichten aber diese kleinen Shows, und die kleinen Bands leiden darunter. Die Warped Tour ist ein großer Geld- und Marketing-Zirkus. Boo! Hiss!

[F]Es gibt da ein Lied, das ist iTunes-only, "the rabbit and the rooster". Warum ist das nur im online-Shop und nicht auf der tatsächlichen CD/LP, die die Leute kaufen?
[A]FatWreck wollte gerne einen exklusiven Song für iTunes, und wir hatten ja noch einige Lieder übrig. So einfach ist das, es ist ein Bonus, die CD halt dort zu kaufen.

[F]Magst du persönlich iTunes oder sonstige legale Download-Portale?
[A]Klar! Ich selbst sauge mir zwar nicht wirklich viele Platten dort, aber es gibt nichts Schlimmes dabei. Ich habe aber auch kein Problem mit freier Musik. Unsere CD gab es knapp 1,5 Monate vor der Veröffentlichung im Netz und eine Menge der Kids besorgte sie sich umsonst. Das kümmert mich nicht wirklich. Wenn sie uns und das Album wirklich mögen, besteht auch die Chance, dass sie es irgendwann kaufen.

[F]Es gibt eine limitierte Auflage der Platte auf Vinyl. Magst du diese traditionelle Art des Musikhörens? Glaubst du, dass sich das Hörverhalten mit der Einführung der CD geändert hat?
[A]Ich mag den Klang von Vinyl, aber ich lege da kein elitäres Verhalten an den Tag. Wir haben dieses Album analog aufgenommen und mögen einfach den Klang, egal ob auf CD oder Vinyl. Natürlich hat sich das Hörverhalten geändert, gerade in den letzten Jahren. Vinyl ist vor allem wegen des Artworks sehr cool, so groß. Als ich 18 war, habe ich GRIMPLE "Up your ass" als 12" gekauft und gedacht, es wäre die coolste Platte, die ich je besitzen würde. Es sieht so gut aus, und ich höre sie auch heute noch, eine verdammt gute Platte.