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SVEN REGENER – Glitterschnitter

 

Man mag doch eigentlich wirklich denken, dass wir alle mittlerweile so gut wie jede Ecke des Lebens von Herrn Lehmann kennen, oder? Weit gefehlt. Im nun schon sechsten Band über diesen Mensch, an dessen Erfahrungen und Erlebnissen uns SVEN REGENER immer wieder teilhaben lässt, zieht es uns alle erneut ins Berlin der 1980er Jahre. Und ja, es ist durchaus von Vorteil, wenn man den einen oder anderen Band dieser Sammlung bereits in seinem Lesetagebuch stehen hat, denn viele der Protagonisten, die in „Glitterschnitter“ auftauchen, sind zwar schon bekannt – aber eben nur denen, die sich im Lehmann-Universum auskennen. Regener verzichtet auf erneute Beschreibungen, setzt also voraus, dass die Leser:innen die handelnden Personen kennen.

Durch die zeitlich klare Begrenzung auf wenige Tage, an denen die Handlung spielt, entstehen im Kopf schnell theatralische Szenen und ich beschäftige mich innerlich bereits mit dem Bühnenbild und wie es umzusetzen wäre, wenn ich denn mal wieder Regie führen dürfte. Die Handlung selbst ist ein bizarres Sammelsurium aus menschlichen Gefühlen und Befindlichkeiten, das sich großteils mal wieder im Einfall abspielt.

Die titelgebende Band (bestehend aus Ferdi, Karl und Raimund – na, ihr wisst Bescheid, oder?) strebt den ganz großen Gig an, während sich Frank Lehmann mit dem Gedanken trägt, ein hippes Kaffeehaus anstelle einer Bar zu eröffnen, da denkt man dann doch, dass dieses Buch durchaus auch im Berlin von heute spielen könnte.
Dass allerdings Rauchen während der Schwangerschaft noch ein Ding ist, das kann man nun wirklich heutzutage nicht mehr behaupten – in „Glitterschnitter“ führt dies aber bei Helga und den Gästinnen ihres Treffs zu handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Glücklicherweise arbeitet Regener wieder mit einem hohen Maß an Humor und Wortwitz (auch wenn man teilweise das Gefühl bekommt, er wolle sich mit Heinrich von Kleist messen, was die Länge seiner Sätze angeht), das macht „Glitterschnitter“ zu einem ordentlichen Lesevergnügen. Trotz großer Themen steht die Handlung aber tatsächlich nicht im Vordergrund, sondern eher die Personen und die Zeit, in der sie agieren. Aus dieser zieht Regener viele seiner absurden und kruden Ideen, die immer wieder dazu verführen, sich auf die Geschichte einzulassen. Auch wenn wir uns manchmal sorgen müssen, ob Kacki und P. Immel wirklich noch Freunde sind.

„Glitterschnitter“ ist ein Buch für Fans der 1980er Jahre. Ein Buch für Fans von SVEN REGENER, Frank Lehmann, guter Unterhaltung und herausragendem Sprachwitz. Allerdings – das sei wirklich noch einmal betont – solltest du es nicht als erstes Buch dieser Sammlung lesen.

Simon-Dominik Otte

Mensch. Musiker (#Nullmorphem). Schauspieler (#BUSC). Rezensent (#blueprintfanzine). Come on, @effzeh! AFP-Fan. (#Amandapalmer). Lehrer. Und überhaupt. Und so.