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POISON THE WELL – Zwischen Florida und Schweden zu Hause

Es liegt schon gut zwei Monate zurück, dass wir POISON THE WELL als Support für THE DILLINGER ESCAPE PLAN im Logo sahen und Gitarrist Ryan Primack vor der Show in ihrem kleinen Tourbus interviewten. Den Soundcheck gerade absolviert, wirkte Ryan zwar ein wenig erschöpft, nicht aber ungesprächig, was die Statements zu ihrem aktuellen Album „Versions“ angeht, das sie im letzten Jahr auf Ferret Records veröffentlichten. Und wenn man ihn so sah, hatte man eher den Eindruck, sich mit einem Surfertypen zu unterhalten, als mit dem Gitarristen einer lauten, düsteren New School Hardcore-Noise-Band. Kein Wunder, die Jungs kommen schließlich aus Florida, und da sei mir die etwas klischeehafte Frage gleich zu Beginn des Interviews hoffentlich verziehen.

[F] Das letzte Mal wart ihr hierzulande 2005 auf Tour, auch mit THE DILLINGER ESCAPE PLAN, auch im Logo.
[A] Ja, das war der erste Tag unserer Tour, und alle waren wegen des Flugs ein wenig erschöpft. Diese Tour haben wir vor anderthalb Wochen begonnen, vorher waren wir einen Monat lang in den Staaten unterwegs.

[F] Ganz schön kalt hier, oder?
[A] Nein, es ist schön. Ziemlich mild für Ende Winter. In Florida sind jedoch schon warme 18°C. Zu Hause könnte ich an den Strand gehen.

[F] Müsstet ihr demnach nicht Skate-Punk machen?
[A] Ja, eigentlich schon. Naja, meine erste Band klang in der Tat wie eine schlechte Version der 7 SECONDS.

[F] Und von den Mosh-Parts habt ihr euch nach und nach auch verabschiedet.
[A] Ja, im Laufe der Zeit hat das einfach jeder gemacht. Sogar Poppunk-Bands haben jetzt Mosh-Parts. Aber wir spielen live noch Songs von allen Alben, so dass jeder tanzen kann.

[F] Wolltet ihr auch das Publikum etwas mäßigen und habt deshalb angefangen, komplexere Songs zu schreiben? Ganz im Stile von AT THE DRIVE-IN?
[A] Nein. Es ist einfach passiert. Viele Gedanken über unseren Stil machen wir uns eigentlich nicht.

[F] Aber das neue Songwriting erfordert sicherlich schon mehr Zeit.
[A] Ja. Wir hatten damals etwas andere Vorstellungen als unser Label, das lieber ein paar MY CHEMICAL ROMANCE-Songs von uns gesehen hätte. Nichts gegen diese Band, aber auf so was hatten wir einfach keinen Bock. Sie wollten einen massenkompatibleren Sound, und das hat uns letztlich eher in die gegenteilige Richtung geführt.

[F] Und deshalb seid ihr jetzt auch nicht mehr auf Atlantic?
[A] Genau. Wir wollten uns unsere Musik nicht vorschreiben lassen.

[F] Aber Ferret war mit dem Sound einverstanden?
[A] Ja. Übrigens finde ich Deine Kapuzenjacke von ENGINE DOWN cool. Eine unglaubliche Band. Schade, dass es sie nicht mehr gibt.

[F] Apropos ENGINE DOWN: ihr wart, trotz aller Härte, gegenüber poppigen Melodien ebenfalls nie abgeneigt. Sehe ich das richtig?
[A] Ja, absolut. Ich wollte nie in einer Band spielen, die nur eine Sache kann.

[F] Was letztlich auch zur jetzigen Entwicklung führte. Die neue Platte klingt ja doch recht düster.
[A] Ja, ein absoluter Downer. Haha![/A]

[F] Ein wenig wie NEUROSIS…
[A] Oh, danke für das Kompliment! Eine meiner Lieblingsbands.

[F] … und BREACH.
[A] Auf jeden Fall. Die waren eine ganze Weile mein Einfluss. Pelle und Eskil (die Produzenten, Anm. d. Verf.) haben mir damals die „Collapse“ vorgespielt, und da hätte ich mir vor lauter Freude fast in die Hosen gemacht. Das war die härteste Musik, die ich je gehört habe. Nicht nur von der Lautstärke, sondern auch, weil die Sachen so kraftvoll und dynamisch arrangiert wurden.

[F] Euer Vorgänger „You come before you“ bedeutete hier ja den Durchbruch. Drüben ebenfalls?
[A] Nein, immer wenn dort neue Alben von uns erscheinen, heißt es am Anfang, dass sie scheiße sind, und erst nach einem halben Jahr ändern die Leute aus unerklärlichen Gründen ihre Meinung und mögen sie plötzlich.

[F] Sind euch eigentlich viele Fans weggelaufen, als ihr zum Major gewechselt sein?
[A] Da habe ich nicht drauf geachtet. Ich lese keine Presse über uns und weiß nichts von den Verkäufen, weil es mich einfach nicht interessiert. Ebenso wenig kümmere ich mich um die Tour und eine neue Platte. Eigentlich sogar um nichts.

[F] Aber kamen umgekehrt denn Fans auf euch zu, die euch dazu gratulierten, wieder auf einem kleineren Label zu sein?
[A] Das schon. Ein paar Fans sprachen mich an und sagten, sie hätten gemerkt, dass wir die Sachen nicht umsetzen konnten, die wir wollten. Das war cool und hat mir geschmeichelt.

[F] Und fühlt ihr euch jetzt besser und freier?
[A] Ja, es ist tatsächlich viel angenehmer.

[F] Warum seid ihr nun eigentlich nur noch ein Trio?
[A] Wir spielen live zu fünft. Der hauptsächliche Grund war, dass unser Gitarrist geheiratet hat. So entschieden wir uns, zu dritt weiterzumachen. Ich habe bei diesem Album alles, bis auf die Drums, eingespielt. Aber das mache ich nie wieder. Erstens war’s zu viel Arbeit, und zweitens verliert man den Überblick, wie viele Schichten man übereinander legen soll. Bei mindestens acht Instrumenten pro Song ist das sehr unübersichtlich. Live gibt es nun die reduzierten Versionen zu hören, was aber auch gut klingt.

[F] Ohne Samples?
[A] Ja, Samples mag ich nicht. Jeder scheint zur Zeit einen Sampler zu haben.

(Allgemeines Geschmunzel, weil einer der Interviewer in seiner Band auch für Synthies und Samples zuständig ist.)

[A] Oh nein, ich habe nichts gegen Samples generell gesagt. Ich meine nur, dass sie nicht zu uns passen würden. Mir ist es lieber, wenn alles „live“ klingt und die Band nicht eins zu eins ihre Platte wiedergibt.

[F] Hat sich auch das Proben verändert, wo ihr nur noch zu dritt seid?
[A] Ja, es ist netter und ruhiger geworden. Wir nehmen nun zwischendurch mehr auf und ergänzen nach und nach. Es ist zwar einfacher, wenn weniger verschiedene Meinungen aufeinander prallen, andererseits können verschiedene Ansichten natürlich auch konstruktiv sein. Eine One-Man-Show finde ich hingegen langweilig.

[F] „Versions“ habt ihr ja wieder in Schweden bei Pelle Henricsson und Eskil Lovstro aufgenommen. Sind die beiden schon Freunde von euch geworden?
[A] Absolut. Sie sind meine großen Brüder. Wir streiten und lieben uns.

[F] Nehmt ihr auch deshalb immer dort auf?
[A] Ja, außerdem mag ich nicht in Amerika arbeiten, damit keiner vom Label vorbeikommt. Und man hat genügend Abstand zu seinem Zuhause und kann sich auf das konzentrieren, womit man sich gerade beschäftigt. Wenn ich könnte, würde ich dort auch noch das Internet abschalten. Es gibt bessere Dinge, als ständig seine Myspace-Seite zu kontrollieren.
Und ich mag gerne mit Pelle und Eskil arbeiten, weil sie wirklich für alle Ideen offen sind, egal wie verrückt sie auch sind. Die Arbeit mit ihnen ist immer sehr produktiv und engagiert.

[F] Was ist denn mit „Versions“ gemeint?
[A] Das Album wurde in zwei verschiedenen Sessions aufgenommen. Einige Songs aus der zweiten Session unterschieden sich dabei total von denen aus der ersten, so dass wir uns für den Namen entschieden. Am Ende hatten wir fast 27 Songs aufgenommen, von denen aber nur zwölf auf dem Album gelandet sind.

[F] Und der Rest?
[A] Halten wir verschlossen. Vielleicht stellen wir nach der Tour ein, zwei Songs zum freien Download online, aber offiziell werden sie nie veröffentlicht werden. Ich weiß, wir sind etwas eigensinnig. Einige Songs sind zwar richtig gut, aber passten einfach nicht zur Stimmung des Albums.

[F] War die Auswahl denn schwer?
[A] Ja, das war eine Woche Streiterei.

[F] Spielt ihr sie denn trotzdem live?
[A] Erstmal nicht. Vielleicht irgendwann.

[F] Und was genau ist auf dem Cover der „Versions“ zu erkennen?
[A] Es hat viel damit zu tun, dass wir die ganze Zeit in Schweden waren, wo es sehr kalt war. Brian, ein guter Freund, hat das Artwork gemacht. Er hat auch das Cover zur letzten DILLINGER-Platte „Miss machine“ entworfen. Wir wollten etwas, dass bereits Kunst ist, bevor es zum Layout kommt. Deshalb hat er ein Ölgemälde angefertigt und anschließend abfotografiert. Das Artwork ist wirklich schön geworden, aber heutzutage laden sich ja alle ihre Songs runter, anstatt Alben zu kaufen.

[F] Und wie steht’s mit den T-Shirt-Verkäufen?
[A] Die sichern unser Überleben. Aber im Grunde habe ich auch nichts gegen Downloads. Die Wirtschaft hat sich halt so entwickelt, dass heute alle arm sind, bis auf wenige richtig reiche Leute.

[F] Kaufst Du denn selbst noch CDs?
[A] Eher Vinyl. CDs kaufe ich mir nur, wenn mir Bands richtig gut gefallen. Kürzlich habe ich mir eine alte BEATLES geholt, auch wenn sie das Geld sicherlich nicht mehr brauchen. Ich handhabe das nämlich so, dass ich mir keine Alben von Bands kaufe, die reich genug sind und eh nicht mehr live spielen. Zum Beispiel von LED ZEPPELIN. Die verkaufen ein Re-Release nach dem nächsten, und die Leute kaufen das auch noch.

[F] Was hörst Du denn sonst so?
[A] Viel Surfmusik, Western-Songs aus den Sechzigern und Siebzigern, verrückte südamerikanische Psychedelic-Bands, AMON DÜÜL, DEERHOOF (vor allem die neue), aber auch Dischord und THE LOCUST, mit denen wir zusammen auf Tour waren. Auf dieser Tour läuft die ganze Zeit die „Wolverine blues“ von ENTOMBED.

http://www.myspace.com/poisonthewell