Der Februar gilt gemeinhin als eine Art Lost Month. Faschingsfreunde mögen das anders sehen, doch im Grunde besteht seine Hauptaufgabe darin, die Lücke zwischen Januar (Winter) und März (Frühling) zu füllen – und möglichst schnell vorbeizugehen, was mit 28 Tagen meist auch gut gelingt. In diesem Jahr sollte jedoch zumindest in Nürnberg alles anders sein: Das 1. Nürnberg Punk Fest (NPF) trat an, dem Februar einen Sinn zu geben. Und das ganz bewusst im DIY-Geist. Keine große Eventmaschinerie, sondern zwei engagierte Kollektive – Wasted Open Air und KNRD-Fest – die mit viel Herzblut, Eigeninitiative und Szeneverbundenheit ein neues Festival auf die Beine stellten. Entsprechend groß war der Einsatz im Vorfeld: In der ganzen Stadt wurde plakatiert, Fahnen wurden aufgehängt. Die Folge: Bereits eine Woche vor dem Start war das Festival ausverkauft!
Am Freitag, 20. Februar, ging es pünktlich um 19 Uhr los, das Zentralcafé war da bereits gut gefüllt. Die Vorfreude auf die kommenden 30 Stunden war förmlich zu spüren. Somit hatte GÜNTHER BLINKT – trotz sicher vorhandener Aufregung – einen dankbaren Job als Opener. Die Meute hatte Bock. Nach etwa 15 Minuten zog es mich allerdings weiter zu MALM. Das Noise-Quartett ist definitiv näher an meinem musikalischen Beuteschema als klassischer Deutschpunk von GÜNTHER BLINKT. Und wenn der Sänger dann noch ein NOMEANSNO-Shirt trägt, bin ich ohnehin interessiert. Die Würzburger lieferten dann auch ein ordentliches Brett ab.

Anschließend ging es erstmals in den Festsaal, mit rund 450 Plätzen der größte Raum des Festivals (Zentralcafé und Kulturkellerei fassen jeweils etwa 200 Personen). MARCH aus den Niederlanden begrüßten das Publikum mit klassischem Punkrock. Frontfrau Fleur van Zuilen gab die energetische Anführerin, die der Menge ordentlich einheizte. Mir persönlich fehlten allerdings ein paar Ecken und Kanten. Die bekam ich danach bei CAVA, einem Berliner Garage-Duo, bestehend aus Peppi und Mela an Gitarre und Bass. Sie erinnerten mich stellenweise an GURR, klangen aber deutlich härter. Bereits im Vorfeld war „Copy and Paste“ mein meistgehörter Song auf der NPF-Playlist – und auch live überzeugte mich die Band. Das lag an den sympathischen Ansagen, am Instrumentenwechsel mitten im Set und natürlich an der Musik selbst.
Im Anschluss ging es direkt weiter zu LÜT aus Norwegen – wodurch ich leider KEM TRAIL verpasste. Wie sich später in Gesprächen herausstellte, offenbar ein Fehler: Vom „verrückten Nintendo-Punk“-Auftritt wurde noch lange geschwärmt. Wirklich traurig war ich im Nachhinein aber nicht, denn LÜT machten richtig Spaß. Frontmann Markus Danjord trug seinen Sprechgesang komplett auf Norwegisch vor – vielleicht auch ein Grund, warum mich die Musik an 90er-Crossover-Bands erinnerte. Dazu gab es ein gemeinsames Lied mit BELA B., der allerdings nicht eigens dafür angereist war. Schade für ihn – er hat nicht nur einen starken LÜT-Auftritt, sondern insgesamt ein sehr gutes Festival verpasst (kleiner Fazit-Spoiler). Der Legende nach haben LÜT ihren Namen übrigens gewählt, weil er norwegisch rückwärts ausgesprochen wie TOOL klingt.
Danach wollte ich zu BIKINI BEACH – jedoch vergeblich. Einlassstopp, lange Schlange. Das war ärgerlich, aber verkraftbar, da ich die Band dieses Jahr noch beim Maifeld Derby sehen werde. Kurzzeitig machte sich dennoch leichte Panik breit: Wie viele Minuten muss man künftig vor einem Gig da sein, um sicher reinzukommen? Reichen 15 Minuten? Anscheinend ja – denn mit dieser selbst auferlegten Regel hatte ich das restliche Wochenende keine Probleme mehr.

So zum Beispiel bei BSK, die mit ihrem Auftritt einen echten Homerun hinlegten. Das textsichere Publikum konnte nahezu jeden Song mitgrölen, vor der Bühne wurde getanzt, was das Zeug hielt. BSK bewegen sich irgendwo im Funpunk, ohne dabei ins Banale abzurutschen – anders als etwa WIZO (die Punkpolizei möge Nachsicht walten lassen). Das machte richtig Spaß. Dennoch verließ ich das Konzert etwas früher, um pünktlich zu POGENDROBLEM zu kommen – 15-Minuten-Regel verpflichtet.

POGENDROBLEM legten im Headliner-Slot am Freitagabend los wie die Feuerwehr. Der Sänger stand schon nach wenigen Minuten mitten im Publikum und setzte tanzend den Ton für die nächsten 45 Minuten. Der Slot war keineswegs zu groß für die Band. Souverän, aber nie routiniert wirkend, spielten sie sich durch ihr Set. Songs des neuen Albums „Great Resignation“ mischten sich stimmig unter ältere Stücke wie „Wie betäubst du dich“. Auch wenn BSK und POGENDROBLEM schwer vergleichbar sind, hatte ich bei BSK einen Hauch mehr Spaß – beide Shows waren dennoch stark.
Damit war der Freitag fast komplett: Bei nahezu allen zwölf Bands habe ich zumindest kurz vorbeigeschaut. NOT ON TOUR möchte ich noch erwähnen – sie wurden frenetisch gefeiert, konnten mich persönlich jedoch weniger abholen. Zu sehr erinnerten sie mich an BAD RELIGION, mit denen ich nie wirklich warm geworden bin. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging es jedenfalls nach Hause (die Aftershow-Party ließ ich aus), im Wissen, dass am nächsten Tag weitere 18 Bands das Künstlerhaus bespielen würden.
Apropos Künstlerhaus: Die Location war hervorragend gewählt. Überall finden sich Überreste des Originalbaus von 1910. Besonders der Eingangsbereich mit seiner doppelflügeligen Treppe ist ein Hingucker, ebenso der riesige Kronleuchter im Nebenraum des Festsaals. Genau hier befand sich mit dem KOMM einst eines der ersten selbstverwalteten soziokulturellen Zentren Deutschlands. Schon damals traf sich hier die alternative Szene, es wurde politisch gedacht und gehandelt, Bands spielten regelmäßig. Umso schöner, dass beim NPF nicht nur Konzerte stattfanden, sondern auch Infostände politischer Gruppen und DIY-Kollektive, ein Demoaufruf, eine Yoga-Pause, Punkfilme im Kommkino und vieles mehr geboten wurden. Besonders beeindruckend war das Engagement einer Frau, die dazu aufrief, Postkarten an Inhaftierte zu schreiben – Postkarten und Namen lagen bereit. Am Samstag hing neben dem eigens gebastelten Briefkasten eine Übersicht: rund 90 Karten waren am ersten Tag eingeworfen worden. Eine starke Quote.
Tag zwei begann direkt mit Zeitstress. MIDWICH CUCKOOS aus London wollte ich unbedingt sehen – nicht zuletzt, weil Schreiberkollege Bernd sie in seinem Bericht über das Manchester Punk Festival in höchsten Tönen gelobt hatte. Doch es reichte nur für den letzten Song, der allerdings bereits einen sehr guten Eindruck hinterließ. Für ein abschließendes Urteil natürlich zu wenig, aber die Reaktionen im Publikum ließen vermuten, dass ich ein starkes Konzert verpasst habe. Mist!
Viel Zeit zum Ärgern blieb nicht, denn DÄÄCHT aus Regensburg überraschten mich positiv. Ihre Musik wird als Mischung aus frühem Hardcore und Punk mit psychedelischem Grunge und Power-Pop beschrieben – mich erinnerte das stellenweise an IDLES. Sänger Clement Hoffer war Energizer und Mittelpunkt der Band zugleich.

Nahtlos ging es weiter mit BUDS. aus Southampton (UK), die eine überzeugende Mischung aus Punk und Grunge spielten. Der NPF-Auftritt war erst ihr zweiter in Deutschland überhaupt (am Vorabend in Hannover), dürfte aber sicher nicht der letzte gewesen sein. Ihre sympathische Art spielte ihnen ebenso in die Karten wie der durchweg gute Sound – an dieser Stelle ein ausdrückliches Lob an die Technik-Crew.

Ein weiteres Highlight folgte mit MARIA ISKARIOT aus Belgien. Wütend im Ausdruck, aber nicht durchgehend brachial, sondern geprägt von starken Laut-Leise-Dynamiken. Sängerin Helena Cazaerck lebte und litt die Musik auf der Bühne – intensiv und mitreißend. Für mich verging das Set viel zu schnell.
Nach kurzer Essenspause – der Burgerstand im Haus war zu stark frequentiert, also kurzer Abstecher zum Dönerladen um die Ecke – ging es zurück zu GHETTO JUSTICE. Laut eigener Aussage „die einzige Hardcore-Band des Festivals“, lieferten sie ein druckvolles Set inklusive Gepose, Konfetti-Kanonen und ordentlich Druck. „Bewegung Nürnberg, Bewegung!“ rief der Sänger im Sekundentakt – eigentlich unnötig, denn das Publikum war ohnehin voll dabei. Nach drei Songs war mir das Dauerfeuer persönlich jedoch genug.

Also weiter zu SYFF aus Koblenz – einer Stadt, aus der seit BLACKMAIL gefühlt keine Band mehr größere Bekanntheit erlangt hat. Das könnte sich ändern. SYFF boten eine energiegeladene Show und starke Songs, was auch ihre Support-Slots für PASCOW, DONOTS oder CLOWNS erklärt. Mit LE TIGREs „I’m so excited“ als Intro und verteilten Capri-Sonnen im Publikum bewiesen sie zudem Humor und Showverständnis. Und wenn ich mich nicht irre, war hier auf der Bühne auch der einzige klassische Irokesenschnitt des Wochenendes zu sehen.
Weniger überzeugend fand ich im Anschluss SVETLANAS. Trotz ihrer politischen Haltung – seit 2014 in Russland verboten – sprang für mich kein Funke über. Die Performance wirkte stellenweise überzogen, auch die Musik blieb für mich wenig prägnant. Und offenbar war ich nicht allein mit diesem Eindruck: Während des Sets verließen einige das Zentralcafé – ein seltenes Bild an diesem Wochenende.
Den Abschluss bildeten DÿSE – alte Hasen im Geschäft. Das Duo aus Gitarre und Schlagzeug bot eine eigenwillige Mischung aus vertracktem Math Rock und Mitgröhl-Punk, anspruchsvoll und gleichzeitig direkt auf die Zwölf. Das Publikum zeigte sich begeistert – ein runder, würdiger Schlusspunkt.
Was bleibt noch zu erwähnen? Von den nicht gesehenen Bands scheinen insbesondere RANDOM HAND sehr gut angekommen zu sein – zumindest sprachen die langen Schlangen am Merch-Stand nach ihrem Auftritt dafür. Apropos Merch: Auch das NPF selbst bot schicke Shirts und liebevoll gestaltete Deko im gesamten Künstlerhaus.
Die Atmosphäre blieb über das gesamte Wochenende entspannt, die Security freundlich, und viele Bands mischten sich vor und nach ihren Auftritten unters Publikum – immer ein gutes Zeichen.
Unterm Strich bleibt ein beeindruckendes Debüt. Das Festivalteam hat beim ersten Anlauf vieles richtig gemacht. Vielleicht ist der Februar künftig also kein bloßer Überbrückungsmonat mehr, sondern – dank NPF – ein festes Highlight im Kalender.